{"id":16146,"date":"2013-08-28T12:07:44","date_gmt":"2013-08-28T10:07:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=16146"},"modified":"2013-08-29T00:55:44","modified_gmt":"2013-08-28T22:55:44","slug":"die-unglaubliche-titelstory-mit-einem-verrueckten-flugzeug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/16146\/die-unglaubliche-titelstory-mit-einem-verrueckten-flugzeug\/","title":{"rendered":"Die unglaubliche Titelstory mit einem verr\u00fcckten Flugzeug"},"content":{"rendered":"<p><em><b>&#8212; ein Gastbeitrag von <a href=\"http:\/\/www.aspapress.com\/\">Andreas Spaeth<\/a> &#8212;<\/b><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"right\" style=\"margin-right:0px;margin-left:10px;\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/stern_eingecheckt_1.jpg\" alt=\"\" \/>Letzte Woche kam ich an einem Kiosk vorbei und war irritiert, als ich das Titelbild des aktuellen &#8222;Stern&#8220;-Magazins sah: Eine namenlose, aber anhand der 1974 eingef\u00fchrten Bemalung eindeutig als TWA identifizierbare Boeing 747-100 mit nur drei Fenstern pro Seite im Oberdeck schwebt \u00fcber Photoshop-generiertem Abendhimmel. &#8222;Eingecheckt und abgezockt&#8220; lautet dazu die Titelzeile. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das als f\u00fcnfter Teil der Serie &#8222;Jetzt mal ehrlich!&#8220;, einem &#8222;Branchencheck&#8220;, der schon mit einer unglaublich d\u00e4mlichen Geschichte \u00fcber Optiker anfing.<\/p>\n<p>Aber was haben &#8222;die Tricksereien der Airlines&#8220;, die der Titel zu enth\u00fcllen verspricht, mit rund 40 Jahre alten Flugzeug-Veteranen zu tun? Noch dazu mit einem Typ, der durch den Absturz von TWA 800 im Juli 1996 vor New York zu notorischer Ber\u00fchmtheit gelangte? Ich habe bei den Unfalluntersuchern auf Long Island in den rekonstruierten Tr\u00fcmmern gestanden sp\u00e4ter, das war gespenstisch.<\/p>\n<p>Der &#8222;Stern&#8220;-Chefredakteur ist von seiner einfallsreichen Titelgrafik sogar so begeistert, dass er uns auf der Innenseite f\u00fcnf weitere Entw\u00fcrfe f\u00fcr diesen Aufmacher pr\u00e4sentiert &#8212; die alles noch schlimmer machen und die Ahnungslosigkeit der Redaktion gleichwohl treffend orchestrieren. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/stern_eingecheckt_2.jpeg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Gleich zweimal ist die dort die MD-11 als Blickfang zu sehen, die heute fast nur noch als Frachter fliegt &#8212; also mit Einchecken und Abzocken von Passagieren nur wenig zu tun haben kann. &#8222;Das Flugzeug sieht ziemlich bedrohlich aus&#8220;, beschreiben die Grafiker den Frontalblick auf den Dreistrahler vor d\u00fcsterem Himmel. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/stern_eingecheckt_3.jpeg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Geradezu absurd ist ein anderer Entwurf, der nur Nase und Leitwerk einer historischen JAL-MD-11 zeigt, die T\u00fcr vorn links steht offen, rechts sieht man eine Gangway. Und zu dieser offensichtlich am Boden stehenden MD-11 lautet die Titelzeile: &#8222;Abgehoben!&#8220; Seit wann aber hat ein Flugzeug mit offener T\u00fcr und herangefahrener Gangway abgehoben? Dabei gibt es doch spektakul\u00e4re Bilder von rotierenden MD-11, wenn es die schon sein soll.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/stern_eingecheckt_5.jpeg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Eigentlich h\u00fcbsch dann der Einfall einer Spuckt\u00fcte mit der Aufschrift &#8222;Zum Kotzen: Wie uns Airlines abzocken.&#8220; Dazu bescheinigen sich die &#8222;Stern&#8220;-Grafiker g\u00f6nnerhaft selbst: &#8222;Originelle Idee, aber ekelig, wenn man sich die Details ausmalt.&#8220; Ich w\u00fcrde die Details eher bizarr nennen: Auf der T\u00fcte schwebt n\u00e4mlich eine knallgelbe Boeing 727 (!), deren Livery verd\u00e4chtig an die fr\u00fchere Hapag Lloyd Express (HLX) erinnert. Irgendwo beim &#8222;Stern&#8220; muss ein Fan alter Flugzeuge sitzen, nur leider hat ein Veteran wie die 727 mit dem Titelthema auch wenig zu tun. <\/p>\n<p>Die eigentliche Story &#8222;\u00c4rger im Anflug&#8220; ist dann ziemlich d\u00fcnn zusammengestrickt aus immer wieder gern gelesenen Chaos-Erlebnissen anderer Reisender, die jeder so oder anders kennt aus dem Bekanntenkreis oder Internetforen, und gaanz viel Nutzwert. Da werden dann tolle &#8222;Tricks&#8220; verraten wie &#8222;\u00dcberpr\u00fcfen Sie die Flugdaten!&#8220; oder: &#8222;Schauen Sie lieber nach, wie Sie hei\u00dfen&#8220;. Wow, daf\u00fcr haben sich die 3,70 Euro f\u00fcr das Heft echt gelohnt.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr bekommt der Leser dann auch noch knallharte Analysen \u00fcber den aktuellen Zustand der Passagierluftfahrt geliefert: &#8222;Nach gut 100 Jahren ist [sie] &#8230; wieder dort, wo sie mal angefangen hat: Unp\u00fcnktlich und unzuverl\u00e4ssig &#8212; nur ohne den Glanz vergangener Tage, als auf den ersten Transatlantikfl\u00fcgen noch am festlichen Esstisch gespeist wurde.&#8220; Ach ja? Also Charles Lindbergh \u00fcberlebte 1927 bei der ersten Atlantik\u00fcberquerung mit ein paar Sandwiches, aber ohne Esstisch. Die gedeckte Tafel gab es \u00fcber den Gro\u00dfen Teich zun\u00e4chst nur kurz, zwischen dem ersten Transatlantik-Linienflug der Pan Am mit dem Boeing 314-Flugboot 1939 und dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Aber das wei\u00df der &#8222;Stern&#8220; nicht.<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgere mich auch gerade \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeiten und Zumutungen heutiger Airlines, etwa dar\u00fcber, wie Air Berlin Flugg\u00e4ste behandelt, deren Koffer w\u00e4hrend des Fluges besch\u00e4digt wurde. Aber dem kommt man nicht mit billigen Plattheiten bei, die das Magazin als &#8222;Ratgeber f\u00fcr Reisende&#8220; verkauft.<\/p>\n<p>&#8222;Warum muss Berichterstattung \u00fcber Luftfahrt immer so voller Fehler sein?&#8220;, fragte neulich zu Recht ein User <a href=\"http:\/\/airliners.de\/\">an dieser Stelle<\/a>. Das frage ich mich auch oft. Journalisten, das muss man leider sagen, sind heute fast immer Generalisten, die von allem ein bisschen, aber von kaum etwas richtig Ahnung haben. Verleger und Sender f\u00f6rdern das auch noch, indem sie immer geringere Honorare zahlen, Stellen und Sendepl\u00e4tze bzw. Seiten streichen und nur noch billigen &#8222;Content&#8220; suchen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch Ausnahmen. So lief am Montagabend dieser Woche im NDR-Fernsehen ein <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/45_min\/videos\/minuten1033.html\">Film \u00fcber Billigflieger<\/a>, der positiv \u00fcberraschte. Der Autor, der auch mich interviewte (wovon vielleicht zu Recht nicht viel \u00fcbrig blieb), hatte nach eigener Aussage wenig Ahnung vom Thema. Einiges \u00dcberfl\u00fcssige in dem Film ist dem Format geschuldet, aber wie er unaufgeregt und mit guten Zeugen dem Verdacht des Spritsparens bei Ryanair nachgeht, ohne Schaum vor dem Mund und ohne Schaumschl\u00e4gerei wie der &#8222;Stern&#8220;, hat mir gefallen. <\/p>\n<p><em>Andreas Spaeth ist Fachjournalist f\u00fcr Luftfahrt-Themen. Seine Kolumne <a href=\"http:\/\/airliners.de\/thema\/spaethfolge\">&#8222;Spaethfolge&#8220;<\/a> erscheint immer mittwochs auf <a href=\"http:\/\/airliners.de\/\">airliners.de<\/a>. Hier ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8212; ein Gastbeitrag von Andreas Spaeth &#8212; Letzte Woche kam ich an einem Kiosk vorbei und war irritiert, als ich das Titelbild des aktuellen &#8222;Stern&#8220;-Magazins sah: Eine namenlose, aber anhand der 1974 eingef\u00fchrten Bemalung eindeutig als TWA identifizierbare Boeing 747-100 mit nur drei Fenstern pro Seite im Oberdeck schwebt \u00fcber Photoshop-generiertem Abendhimmel. &#8222;Eingecheckt und abgezockt&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[1531,727,475],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16146"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16146"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16408,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16146\/revisions\/16408"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}