{"id":16963,"date":"2011-05-08T01:45:26","date_gmt":"2011-05-07T23:45:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=16963"},"modified":"2013-12-29T01:50:41","modified_gmt":"2013-12-29T00:50:41","slug":"keine-grosse-leuchte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/16963\/keine-grosse-leuchte\/","title":{"rendered":"Keine gro\u00dfe Leuchte"},"content":{"rendered":"<p><b>Wie die LED das Fernsehen ver\u00e4ndert hat und es aufregender und einfallsloser machte.<\/b><\/p>\n<p>Manchmal ist Gr\u00f6\u00dfe doch alles. Wenn in D\u00fcsseldorf in der kommenden Woche ein pausb\u00e4ckiger Finne mit seiner Gitarre auf einer B\u00fchne steht und sein Lied von dem kleinen Paul singt, der hinausging, die Welt zu retten, funkelt hinter ihm ein gewaltiger Sternhimmel. Und dann: geht die Erde auf.<\/p>\n<p>Das ist die mit Abstand naheliegendste Idee, einen solchen Schlager zu illustrieren, doch so hat man das noch nie gesehen. Die Dimensionen dieses blauen Planeten, der sich da langsam von unten ins Bild schiebt, sind ungeheuerlich. Die Leinwand, auf der er erscheint, ist zehnmal so hoch wie der Mann, der vor ihr steht, und breit wie ein Fu\u00dfballfeld. Fast provozierend detailgetreu drehen sich Wolken, Meere und Kontinente. Es wirkt so erhaben und monumental, als h\u00e4tte jemand einen Weltraumspaziergang bei perfekten Bedingungen in hochaufl\u00f6sender Qualit\u00e4t gedreht.<\/p>\n<p>Eine Unzahl kleiner Leuchtdioden, die aneinandergesteckt in einem Ger\u00fcst von der Decke des Studios h\u00e4ngen, das eigentlich ein Fu\u00dfballstadion ist, bilden diesen \u00fcber tausend Quadratmeter gro\u00dfen tempor\u00e4ren Bildschirm. Wenn in der kommenden Woche der Eurovision Song Contest ausgetragen wird, werden darauf mit den Moldauern bunte irre Zeichentrickm\u00e4nnchen tanzen, zum griechischen Beitrag surreal gro\u00dfe Vorh\u00e4nge ionische S\u00e4ulen umwehen und hinter den S\u00e4ngern aus Mazedonien scheinbar ganze R\u00e4ume rotieren.<\/p>\n<p>Florian Wieder ist ungef\u00e4hr der Einzige, der sich nicht \u00fcberw\u00e4ltigt zeigt von den Dimensionen dieser Spielfl\u00e4che. &#8222;Die Arena ist gro\u00df, deshalb musste die LED-Wand auch so gro\u00df werden&#8220;, sagt er achselzuckend. Er hat es leicht, sich unbeeindruckt zu geben, denn er ist als Designer nicht nur f\u00fcr die B\u00fchne beim Grand Prix verantwortlich, sondern hat schon ungez\u00e4hlte Materialschlachten geschlagen, um Fernsehshows imposant aussehen zu lassen. Dass er heute mit seiner Firma weltweit gefragt ist, h\u00e4ngt nicht zuletzt mit dieser Technik zusammen, die in den vergangenen zehn Jahren das Fernsehen erobert und ver\u00e4ndert hat: der LED.<\/p>\n<p>Ihren Siegeszug begann die Light Emitting Diode unauff\u00e4llig: als Beleuchtung von Kanten und B\u00fchnenr\u00e4ndern. Wer fr\u00fcher eine Lichtleiste setzen wollte, musste Gl\u00fchlampen nehmen, die gro\u00df waren, hei\u00df wurden und nur jeweils eine Farbe haben konnten. Leuchtdioden waren viel handlicher und flexibler. Die Revolution begann damit, die Lichtpunkte zu ganzen Bildern zusammenzusetzen. \u00dcber Computer, sogenannte Mediaserver, erfahren die Dioden, wann sie wie zu leuchten haben. Jede LED wird zu einem Pixel, und im richtigen Abstand wird aus den Pixeln ein Bild. Am Anfang, als er die Technik im B\u00fchnenbild der RTL-2-Show einsetzte, erz\u00e4hlt Rainer Otto von der Firma OM Design, sei dieses Bild so grobk\u00f6rnig gewesen, dass es nur ganz hinten oben im Publikum gut aussah. Inzwischen ist die Aufl\u00f6sung so hoch, dass die Bilder erstaunlich realistisch wirken. Wenn da schwarze Riesendiamanten durch den Raum fliegen, fliegen da schwarze Riesendiamanten durch den Raum.<\/p>\n<p>Die LED-Technik, aber auch moderne Projektionen mit Beamern, sind die Erf\u00fcllung des Traums, ohne gro\u00dfe Umbauarbeiten beliebige Kulissen herbeizaubern zu k\u00f6nnen &#8211; ein Traum, der in psychedelisch bunten Farben schon in den fr\u00fchen siebziger Jahren getr\u00e4umt wurde. Damals war die Technik der Blue-Box neu, bei der die Akteure vor einem einfarbigen Hintergrund stehen, der herausgestanzt und durch andere Aufnahmen ersetzt wird. Die Begeisterung dar\u00fcber war so gro\u00df, dass einige Jahre lang alles getan wurde, was m\u00f6glich war, egal, ob es sinnvoll war.<\/p>\n<p>Manchmal scheint es, als befinde sich das Fernsehen gerade in Bezug auf LED-W\u00e4nde in einer \u00e4hnlichen Phase. Einerseits sind die kreativen M\u00f6glichkeiten, die sie bieten, schier grenzenlos. Andererseits verf\u00fchren sie dazu, schon das Aufstellen einer technisch eindrucksvollen Wand mit einer kreativen Idee zu verwechseln. Ber\u00fcchtigt sind Standard-Animationen von Wolken, die sich g\u00fcnstig einkaufen lassen und immer passen, also nie. &#8222;Es gibt schon einen Hang dazu, viel Geld f\u00fcr die Technik auszugeben und dann am Grafiker zu sparen, der gute, ma\u00dfgeschneiderte Inhalte erstellt&#8220;, kritisiert Rainer Otto.<\/p>\n<p>Die RTL-Castingsoap &#8222;Deutschland sucht den Superstar&#8220; zeigt gut Chancen und Fluch des LED-Einsatzes. Das Studio ist voll von LED-W\u00e4nden, -Tonnen, <\/p>\n<p>-B\u00e4ndern, -Stegen und -B\u00fchnen. Florian Wieder, der es gestaltet hat, machte sich damit international einen Namen &#8211; unter anderem mit der Idee, LEDs auch im Boden auszulegen und es aussehen zu lassen, als tr\u00e4ten die Kandidaten auf ihren eigenen, animierten Konterfeis auf. Nichts an dieser Pr\u00e4sentation ist Understatement, &#8222;alles ist 150 Prozent, fast schon eine Parodie auf die Inszenierung von Weltstars&#8220;, r\u00e4umt Wieder ein. Es ist eine faszinierende Flimmerwelt, die in Sekundenschnelle auf eine andere Stimmung umschalten kann, in der ununterbrochen Namen durchs Bild flackern und meterhohe Zeitlupenaufnahmen der Auftritte zu sehen sind; ein gewollter Overkill, eine Reiz\u00fcberflutung f\u00fcr ein Publikum, dem man sicherheitshalber keine Sekunde zumuten m\u00f6chte, nur einem vermeintlichen Nachwuchss\u00e4nger zusehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich nutze dieses Zeug jetzt seit zehn Jahren&#8220;, sagt Florian Wieder, &#8222;und je l\u00e4nger ich das mache, umso weniger tue ich es eigentlich. LEDs sind ja nur ein Mittel zum Zweck. Die Idee besteht eher darin, \u00fcber Video Inszenierungen zu kreieren. Wenn man das clever einsetzt, kann es sehr cool sein.&#8220; Er ger\u00e4t ins Schw\u00e4rmen, vom aufregenden Spiel mit der Perspektive oder dem Auftritt von Taylor Swift bei den Video Music Awards von MTV im vergangenen Jahr, die sehr klein und sehr gro\u00df in einem riesigen schwarzen Raum stand, in dem W\u00f6rter auftauchten und wieder zerbr\u00f6selten. Die Fl\u00e4chen sind faszinierende Leinw\u00e4nde f\u00fcr Videok\u00fcnstler wie Falk Rosenthal, der f\u00fcr den Inhalt der LED-Wand beim Eurovision Song Contest verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Aber die Gefahr ist, dass die Technik mit all der Opulenz, die sie erm\u00f6glicht, nicht mehr der Inszenierung des K\u00fcnstlers dient, sondern der K\u00fcnstler nur noch Bestandteil einer B\u00fchnen-Inszenierung ist. (Angesichts einiger Kandidaten beim Grand-Prix ist das nat\u00fcrlich nicht immer das Schlimmste, das passieren kann.)<\/p>\n<p>Angesichts der Allgegenwart der mit &#8222;Content&#8220; bespielten Fl\u00e4chen f\u00e4llt es schwer, sich zu vergegenw\u00e4rtigen, wie jung diese Technik ist. Beim Eurovision Song Contest 1983 in M\u00fcnchen steckte der k\u00fcnstlerische Ehrgeiz in Blumengestecken, die die Nationalflaggen nachbildeten; das B\u00fchnenbild war ein Geflecht aus einer Art Heizdraht, das im Rhythmus der Musik aufglimmte. Erst seit 2000 erobert die LED-Wand den Bildschirm, dann aber mit Macht. Die Serben bauten aus Leuchtdioden die M\u00fcndung der Save in die Donau als B\u00fchnenbild nach, die Russen verbauten vor zwei Jahren den gr\u00f6\u00dften Teil aller damals \u00fcberhaupt verf\u00fcgbaren LED-Fl\u00e4chen und lie\u00dfen sie teilweise \u00fcber der B\u00fchne rotieren.<\/p>\n<p>Mehr geht kaum, besser vermutlich schon. Auf der D\u00fcsseldorfer Eurovisions-B\u00fchne kontrastieren Florian Wieder und der Licht-Designer Jerry Appelt die Videos auf der LED-Wand auffallend oft mit w\u00e4rmer und greifbarer wirkenden Scheinwerferstrahlen, die durch feinen Dauernebel in der Halle sichtbar gemacht werden. Wenn es nach den Veranstaltern gegangen w\u00e4re, h\u00e4tten auch mehr L\u00e4nder mit realen Gegenst\u00e4nden auf der B\u00fchne gestanden, um einen Kontrast zur Virtualit\u00e4t hinter ihnen zu bilden. Aber die meisten Delegationen wollten das nicht. Einige m\u00fcssen ohnehin mit der Entt\u00e4uschung fertig werden, dass die Riesenleinwand, von der sie so viel geh\u00f6rt hatten, bei ihnen gar nicht genutzt wird &#8211; um eine Abwechslung in der Dramaturgie zu erzeugen.<\/p>\n<p>Florian Wieder steht oben in den R\u00e4ngen, schaut hinunter in die Arena, die vollgepackt ist mit Tausenden beweglichen Scheinwerfern aller Art, in der sich bespielbare LED-Fl\u00e4chen unter der Decke ausbreiten und am Boden von der B\u00fchne bis weit in den Zuschauerraum, und erz\u00e4hlt, dass man eigentlich noch sehr viel mehr &#8222;Spielzeuge&#8220; h\u00e4tte gebrauchen k\u00f6nnen, um die 43 Titel abwechslungsreich in Szene zu setzen.<\/p>\n<p>Und dann gab es noch die Idee, die Zuschauer in der Halle alle mit einem LED-Element auszustatten, jeder Mensch ein Pixel, und daraus lebende Bilder zu malen. Das war aber zu aufwendig. F\u00fcr dieses Mal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die LED das Fernsehen ver\u00e4ndert hat und es aufregender und einfallsloser machte. Manchmal ist Gr\u00f6\u00dfe doch alles. 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