{"id":17138,"date":"2014-01-28T21:32:54","date_gmt":"2014-01-28T20:32:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=17138"},"modified":"2015-06-10T14:17:08","modified_gmt":"2015-06-10T12:17:08","slug":"wie-ich-karl-den-grossen-1175-jahre-nach-seinem-tod-nochmal-ganz-klein-herausbrachte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/17138\/wie-ich-karl-den-grossen-1175-jahre-nach-seinem-tod-nochmal-ganz-klein-herausbrachte\/","title":{"rendered":"Wie ich Karl den Gro\u00dfen 1175 Jahre nach seinem Tod nochmal ganz klein herausbrachte"},"content":{"rendered":"<p>Ach, heute war ja Karlstag. Heute vor 1200 Jahren ist Karl der Gro\u00dfe gestorben. Und heute vor 25 Jahren ist Karl der Gro\u00dfe vor 1175 Jahren gestorben.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border:none;\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/70883d6401194ad6a8659e6dfb2b3b48\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Damals war ich Sch\u00fcler am <a href=\"http:\/\/www.carolinumosnabrueck.de\/\">Gymnasium Carolinum Osnabr\u00fcck<\/a>, einer Schule, die glaubt, von Karl dem Gro\u00dfen gegr\u00fcndet worden zu sein, und sich viel darauf einbildet. (Bei der Urkunde vom 19. Dezember 804, die das bezeugt, handelt es sich allerdings bl\u00f6derweise <a href=\"http:\/\/www.noz.de\/lokales\/osnabrueck\/artikel\/370189\/keine-auml-ltere-diplomata-in-teutschland\">um eine F\u00e4lschung<\/a>.)<\/p>\n<p>Es war ein furchtbar traditionsreicher Ort, der sich eng und unfrei anf\u00fchlte, verstockt, elit\u00e4r und muffig; ein Ort, der nicht Eigenst\u00e4ndigkeit f\u00f6rderte, sondern Anpassung. Es war, andererseits, ein guter Ort, um zu lernen, wie man sich dagegen auflehnt. (Es gab auch ein paar Lehrer, die halfen.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"right\" style=\"margin-right:0px;margin-left:10px;\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/karl.gif\" alt=\"\" \/>Zum Karlstag 1989 hatte unsere Theater-Gruppe eine Aktion gemacht. Im &#8222;Hexengang&#8220;, einer schmalen Gasse, durch die der Weg vom Dom zur\u00fcck ins Gymnasium f\u00fchrt, hatten sich Sch\u00fcler Masken aufgesetzt und an die W\u00e4nde gekettet. Von oben, aus dem Schulgeb\u00e4ude, winkten Olaf und ich, verkleidet als Kaiser und Bischof. <\/p>\n<p>Durch diese Gasse mussten die Honoratioren nach der feierlichen Messe zu Ehren Karls des Gro\u00dfen ziehen. Das kam nicht gut an.<\/p>\n<p>Es half nat\u00fcrlich nicht, dass andere Leute denselben Feiertag zum Anlass genommen hatten, die Karls-Statue im Schulhof mit Farbe zu beschmieren, womit wir nichts zu tun hatten, was uns die Schulleitung aber unterstellte. <\/p>\n<p>Der Schulleiter zitierte zwei andere Mitwirkende und mich am n\u00e4chsten Tag zu sich ins B\u00fcro &#8212; sicherheitshalber einzeln, um jedem von uns eine vorformulierte Anklage vorzulesen, die in dem Vorwurf gipfelte, unsere Aktion sei irgendwie &#8222;faschistoid&#8220;. Es war sehr aufregend und lehrreich. <\/p>\n<p>Die Geschichte ist vor ein paar Jahren wohl schon einmal aufbereitet worden, f\u00fcr den Geschichtswettbewerb des Bundespr\u00e4sidenten 2010\/2011, der das Thema hatte: &#8222;\u00c4rgernis, Aufsehen, Emp\u00f6rung: Skandale in der Geschichte&#8220;. Hannah Gro\u00dfe H\u00f6\u00f6tmann und Rukmane Kadrija befassten sich unter dem Titel &#8222;Karl der Gro\u00dfe &#8212; Schulgr\u00fcnder und Reiz\ufb01gur?&#8220; mit unserer Aktion. Der Jahresbericht der Schule <a href=\"http:\/\/www.carolinumosnabrueck.de\/jahresberichte\/schola2010_2011.pdf\">referierte danach<\/a>: <\/p>\n<blockquote><p>Der Protest vom Karlstag 1989 l\u00f6ste viele Debatten und Auseinandersetzungen um die Frage nach der &#8222;Schulidentit\u00e4t&#8220; sowie dem Umgang mit Traditionen und Werten an der Schule aus und blieb dabei nicht nur schulintern. Die Reaktionen auf den Sch\u00fclerprotest fielen sehr unterschiedlich aus und sorgten sowohl zwischen damaliger Schulleitung und Sch\u00fclerschaft, vor allem des 13. Jahrgangs, als auch innerhalb des Kollegiums f\u00fcr heftige Debatten und Diskussionen. Die Sch\u00fclerinnen bewerteten die Ergebnisse ihrer Forschungen wie folgt: &#8222;Obwohl der Sch\u00fclerprotest des Karlstages 1989 eine schulweite Besch\u00e4ftigung mit der Schulidentit\u00e4t nach sich zog, l\u00e4sst sich nicht sagen, ob er letztlich wirklich zu einer Ver- \u00e4nderung der Mentalit\u00e4t der Schule f\u00fchren konnte. Die Identifikation mit Karl als Schul- und Stadtgr\u00fcnder hat zweifellos nachgelassen, au\u00dferdem wird eine differenzierte Sicht auf das Leben und Wirken Karls im Unterricht vermittelt. (&#8230;) Es ist [festzustellen], dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sich in heutiger Zeit nicht mehr mit diesem Thema aus- einandersetzen, auch, weil die Politisierung der heutigen Sch\u00fclerschaft unter den heutigen Bedingungen nicht mehr mit der damals zumindest bei einigen Sch\u00fclern gegebenen vergleichbar ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Heute war also wieder Karlstag. Zoff gab es diesmal keinen; ich wei\u00df auch nicht, wieviel das Carolinum von heute noch mit dem Carolinum von vor 25 Jahren gemein hat. Aber es gibt anl\u00e4sslich des 1200. Todestages eine <a href=\"http:\/\/www.bistum-osnabrueck.de\/kultur\/dioezesanmuseum\/sonderausstellung-karl-der-grosse.html\">kleine Sonderausstellung im Di\u00f6zesanmuseum<\/a> neben dem Dom. Und darin findet sich erstaunlicherweise auch unsere kleine Aktion wieder, mit ein paar Fotos und dem Pamphlet, das wir damals verteilt haben, verfasst wohl vor allem von Matthias Pees.<\/p>\n<p>Ich habe das heute nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder gelesen und war, zugegeben, ein bisschen stolz, daran beteiligt gewesen zu sein. Und wenn das schon Geschichte ist, die im Museum ausgestellt wird, finde ich, soll sie auch hier ausgestellt sein:<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/karlstag_gross.gif\"><img decoding=\"async\" align=\"right\" style=\"margin-right:0px;margin-left:10px;\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/karlstag_klein.gif\" alt=\"\" \/><\/a><b>Einige Gedanken zum Karlstag<\/b><\/p>\n<p>Am heutigen Karlstag gedenkt das Gymnasium Carolinum dem 1175. Todestag seines Gr\u00fcnders, Karls des Gro\u00dfen. Die Geschichtsschreibung kennt ihn als Missionar mit dem Schwert, der die Menschen entweder bekehrte oder sie umbrachte.<\/p>\n<p>Traditionell wird dieser Karlstag jedes Jahr gefeiert. \u00dcberhaupt wird an unserer Schule die Pflege von Traditionen gro\u00dfgeschrieben. Obwohl das Carolinum seit Jahrzehnten eine staatliche Schule ist, besteht noch immer eine bewu\u00dft enge Bindung an die katholische Kirche; wohl ein Grund mit f\u00fcr den ausgepr\u00e4gt konservativen Ruf des Carolinums in der \u00d6ffentlichkeit, auf den so mancher auch noch stolz ist.<\/p>\n<p>Aber was hat uns diese Tradition \u00fcberhaupt noch zu sagen? Verst\u00e4ndlich w\u00e4re sie doch nur dann, wenn sie zu der Bew\u00e4ltigung aktueller Probleme noch irgendetwas beitragen w\u00fcrde. Dazu w\u00e4re jedoch eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Voraussetzung. Am Carolinum wirken die blind \u00fcbernommenen Traditionen aber bremsend, sie behindern Kreativit\u00e4t und neue Ideen.<\/p>\n<p>Beispielsweise nimmt sich das Carolinum als einzige staatliche Schule in Osnabr\u00fcck heraus, den Religionsunterricht in der Oberstufe zur Verpflichtung zu machen, da vergleichbare Kurse wie &#8222;Werte und Normen&#8220; gar nicht erst angeboten werden. In den Oberstufen-Informationsveranstaltungen wurde den Sch\u00fclern angedroht: Wer den Religionsunterricht abw\u00e4hlen will, mu\u00df die Schule wechseln. In der Mittelstufe wird mit Druck und hohen Auflagen immer noch die Bildung von &#8222;Werte-und-Normen&#8220;-Kursen verhindert. Am Carolinum gibt es noch konfessionsgetrennte Schulgottesdienste.<\/p>\n<p>Am heutigen Karlstag findet eine katholische Messe zum Gedenken an den Todestag des umstrittenen Schulgr\u00fcnders statt. Noch an keinem 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, noch an keinem 1. September anl\u00e4\u00dflich des Jahrestages des Ausbruchs des 2. Weltkrieges, und noch an keinem 9. November, an dem sich die Reichspogromnacht von 1938 j\u00e4hrt, hat das Gymnasium Carolinum je einen Gedenkgottesdienst gefeiert. <\/p>\n<p>Warum gibt es am Carolinum keine Sch\u00fcler, die den in der Bundesrepublik sowieso schon diskriminierten Ausl\u00e4ndergruppen (wie T\u00fcrken) angeh\u00f6ren? Warum keine K\u00f6rperbehinderten? Warum kaum Arbeiterkinder? Die Antwort ist klar. Zumeist mu\u00df sich die Schulleitung nicht einmal die M\u00fche machen, unerw\u00fcnschte Anmeldungen abzulehnen, da diese durch den elit\u00e4ren Ruf, den das Caro in der \u00d6ffentlichkeit genie\u00dft, bereits von vorne herein abgeschreckt werden.<\/p>\n<p>Das Carolinum ist unserer Meinung nach eine Schule, die mehr als alle anderen zum Konformismus, zur Anpassung an die Normen erzieht. Ein wichtiger Grund daf\u00fcr ist, da\u00df wir Traditoinen \u00fcbernehmen, anstatt eine kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart zu f\u00fchren. Der Erziehungsgrundsatz lautet zumeist, die Sch\u00fcler dazu zu bringen, althergebrachte Denk- und Verhaltensformen hinzuehmen, und nicht, eben diese Traditionen und verkorksten Strukturen, in die sich die heutige tr\u00e4ge und phantasielose Gesellschaft fl\u00fcchtet, einmal grunds\u00e4tzlich zu hinterfragen. Auseinandersetzung und Pers\u00f6nlichkeitsbildung soll nicht stattfinden.<\/p>\n<p>Wir feiern lieber den 1175. Todestag des Heidenschl\u00e4chters, Karls des Gro\u00dfen. Bis wir untergehen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach, heute war ja Karlstag. Heute vor 1200 Jahren ist Karl der Gro\u00dfe gestorben. Und heute vor 25 Jahren ist Karl der Gro\u00dfe vor 1175 Jahren gestorben. Damals war ich Sch\u00fcler am Gymnasium Carolinum Osnabr\u00fcck, einer Schule, die glaubt, von Karl dem Gro\u00dfen gegr\u00fcndet worden zu sein, und sich viel darauf einbildet. (Bei der Urkunde<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[1599,1598,1597],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17138"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17138"}],"version-history":[{"count":18,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21280,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17138\/revisions\/21280"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}