{"id":17356,"date":"2012-04-14T01:21:26","date_gmt":"2012-04-13T23:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=17356"},"modified":"2014-02-22T01:25:18","modified_gmt":"2014-02-22T00:25:18","slug":"bild-macht-politik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/17356\/bild-macht-politik\/","title":{"rendered":"Bild. Macht. Politik."},"content":{"rendered":"<p>Der sch\u00f6nste und zugleich furchterregendste Satz f\u00e4llt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: &#8222;Die &#8218;Bild&#8216;-Zeitung ist schon ein St\u00fcck, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie.&#8220; <\/p>\n<p>Das w\u00fcrde der &#8222;Bild&#8220; gefallen, das umrei\u00dft auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie f\u00fcr das Volk spricht und in dieser Rolle direkten und massiven Einfluss auf die Politik aus\u00fcben darf. Stoibers Satz erkl\u00e4rt auch gut, warum die &#8222;Bild&#8220; tats\u00e4chlich eine so gro\u00dfe Macht hat: Nicht weil sie tats\u00e4chlich f\u00fcr das Volk spr\u00e4che. Nicht einmal weil sie das Volk mit ihren Schlagzeilen und ihrer Parteilichkeit beeinfl\u00fcsse. Sondern weil Politiker dem Blatt diese Macht zusprechen.<\/p>\n<p>Im Juni wird die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung sechzig Jahre alt. Zum Geburtstag hat die ARD ihr eine Dokumentation geschenkt. Sie l\u00e4uft am kommenden Montag um 22.45 Uhr im Ersten und hei\u00dft etwas verquast: &#8222;Bild. Macht. Politik&#8220;.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte das Schlimmste erwarten: Das Verh\u00e4ltnis zwischen &#8222;Bild&#8220; und der ARD ist zerr\u00fcttet. Im vergangenen Jahr arbeitete &#8222;Bild&#8220; an einer gro\u00dfen Kampagne gegen die ARD, im Gegenzug r\u00fcstete sich die ARD, mit \u00e4hnlichen propagandistischen Mitteln zur\u00fcckzuschie\u00dfen. <\/p>\n<p>Doch die Dokumentation von Christiane Meier und Sascha Adamek ist im besten Sinne unaufregt. Sie kommt ohne emp\u00f6rten Off-Kommentar aus, ordnet ihre Fundst\u00fccke nicht einer zentralen These unter, wahrt Distanz zu allen Beteiligten und setzt aus kleinen Steinen das Mosaik einer zutiefst widerspr\u00fcchlichen Zeitung zusammen, die zugleich seri\u00f6ses Leitmedium und skrupelloses Krawallblatt sein will und deren Wirken einem mindestens unheimlich sein sollte.<\/p>\n<p>Die Dokumentation konzentriert sich fast ausschlie\u00dflich auf die Rolle von &#8222;Bild&#8220; im Politikbetrieb. Sie zeigt, wie sehr Politiker das Blatt f\u00fcrchten \u2013 was f\u00fcr sich genommen nat\u00fcrlich f\u00fcr &#8222;Bild&#8220; sprechen k\u00f6nnte: Eine Zeitung, die den M\u00e4chtigen unbequem ist, scheint ihrer journalistischen Aufgabe besonders gerecht zu werden. <\/p>\n<p>Doch die Geschichten, die Politiker wie Claudia Roth und Gregor Gysi erz\u00e4hlen, sind keine Geschichten von kritischen Recherchen, sondern von Diffamierungen und L\u00fcgen. Man muss den stolzen Blick der Gr\u00fcnen-Chefin gesehen haben, wie sie die riesige Gegendarstellung zeigt, die sie 2005 durchgesetzt hat und von der die &#8222;Bild&#8220; trotzdem versucht hat, mit einem Artikel \u00fcber &#8222;Ekel-Kunst&#8220; dar\u00fcber abzulenken. &#8222;Das war der Sieg \u00fcber die Unwahrheit&#8220;, sagt Roth und l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass der schon psychologisch wichtig war.<\/p>\n<p>&#8222;Bild&#8220; h\u00e4tte ihr, um diese Gegendarstellung zu verhindern, angeboten eine nette Homestory \u00fcber sie zu bringen. Oder ein Exklusiv-Interview mit ihr. Auch andere berichten im Film von solchen &#8222;dreckigen Deals&#8220;, wie Claudia Roth das Angebot nennt. Der Bildhauer und &#8222;Bild&#8220;-Kritiker Peter Lenk sagt, er h\u00e4tte ein \u00e4hnliches Angebot als Wiedergutmachung f\u00fcr eine Falschmeldung schon deshalb abgelehnt, weil ihm eine positive &#8222;Bild&#8220;-Geschichte &#8222;wie Schei\u00dfe am Bein&#8220; h\u00e4ngen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Solche Angebote zeigen, dass die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung bereit ist, ihre Berichterstattung ganz anderen als journalistischen Erw\u00e4gungen unterzuordnen. Und es gibt viele Indizien daf\u00fcr. Der Film z\u00e4hlt die Interessenskonflikte n\u00fcchtern auf: Der Verzicht auf gro\u00dfe kritische Schlagzeilen \u00fcber den AWD-Gr\u00fcnder Carsten Maschmeyer und seine umstrittenen Methoden \u2013 Maschmeyer ist unter anderem ein gro\u00dfer F\u00f6rderer der &#8222;Bild&#8220;-Aktion &#8222;Ein Herz f\u00fcr Kinder&#8220;. Die wohlwollende Berichterstattung \u00fcber Michael Mronz, den Lebenspartner von Guido Westerwelle \u2013 Mronz ist Vorstandsmitglied der &#8222;Bild&#8220;-Hilfsorganisation.<\/p>\n<p>Und umgekehrt die Frage, ob &#8222;Bild&#8220; den damaligen Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff deshalb pl\u00f6tzlich so nachhaltig und unnachgiebig angriff, weil er &#8222;vielleicht ein &#8218;Bild&#8216;-Aussteiger&#8220; war. Gregor Gysi sagt \u00fcber Wulff: &#8222;Ich glaube, sein Fehler bestand darin, dass er die &#8218;Bild&#8216;-Zeitung nicht mehr wollte, nachdem er vorher mit ihr gut zusammengearbeitet hat. Weil er dachte, dass er wirklich Bundespr\u00e4sident ist &#8211; das hei\u00dft, dass er ganz oben steht und sich das leisten kann. Und die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung wollte ihm beweisen, dass er sich irrt. In diesen Kampf sind wir hineingeraten.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist ein roter Faden, dass &#8222;Bild&#8220; letztlich unter dem Mantel des Journalismus immer wieder in eigener Sache k\u00e4mpft: F\u00fcr einen Politiker wie Karl-Theodort zu Guttenberg zum Beispiel, der m\u00f6glicherweise gezielt zum neuen Kanzler aufgebaut werden sollte. Der fr\u00fchere &#8222;Bild&#8220;-Freund Hans-Olaf Henkel, der das erz\u00e4hlt und sich bitter \u00fcber &#8222;Bild&#8220;-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Machtmissbrauch beklagt, wurde von dem Blatt k\u00fcrzlich ohne ersichtlichen \u00e4u\u00dferen Anlass publizistisch vernichtet. <\/p>\n<p>Es geht in diesem Film \u00fcber die politische Macht von &#8222;Bild&#8220; fast gar nicht um politische Inhalte, und das ist sehr treffend. Viel wichtiger als der Kampf um eine politische Ideologie scheint &#8222;Bild&#8220; heute der Kampf um die Macht zu sein. F\u00fcr Karl-Theodor zu Guttenberg sprach aus &#8222;Bild&#8220;-Sicht weniger ein konkretes politisches Programm des Politikers, als seine Popularit\u00e4t und die N\u00e4he, die er ihr gew\u00e4hrte.<\/p>\n<p>Den Eindruck, dass es um Inhalte irgendeiner Art am allerwenigsten geht, verst\u00e4rken die \u00c4u\u00dferungen von Kai Diekmann. Er versucht vor allem den Eindruck von Harmlosigkeit zu erzeugen und wirkt dabei gelegentlich wie ein niedliches Haustier. Einer ernsten Auseinandersetzung entzieht er sich, etwa wenn er auf die Frage nach der &#8222;Macht&#8220; ausweicht: &#8222;Es geht auch nicht um Macht oder keine Macht, ich wei\u00df auf jeden Fall, dass ich nicht der beliebteste Chefredakteur Deutschlands bin.&#8220;<\/p>\n<p>Das treffende Fazit der ARD-Autoren lautet: &#8222;Ihre Millionenauflage macht &#8218;Bild&#8216; stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einr\u00e4umen.&#8220; <\/p>\n<p>Und damit k\u00f6nnte der Film eigentlich zuende sein, aber dann kommt noch ein Nachklapp. Es geht um die belgischen Kinder, die bei einem furchtbaren Busungl\u00fcck in der Schweiz ums Leben gekommen sind und deren Gesichter &#8222;Bild&#8220; auf der Titelseite gezeigt hat. Kai Diekmann erz\u00e4hlt mit seinem treuherzigen Gesicht von der &#8222;sehr w\u00fcrdevollen Darstellung&#8220; und dass man nat\u00fcrlich \u00fcber den B\u00fcrgermeister des Heimatortes die Genehmigung der Eltern gehabt h\u00e4tte. Der B\u00fcrgermeister dementiert das schriftlich, seine Sprecherin vor der Kamera.<\/p>\n<p>Es sind Szenen, die eigentlich vom Thema Politik wegf\u00fchren, und die doch eine gute Aufforderung an den Zuschauer darstellen, sich an dieser Stelle und \u00fcberhaupt zu fragen, ob er diesem Chefredakteur und seiner Zeitung trauen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der sch\u00f6nste und zugleich furchterregendste Satz f\u00e4llt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: &#8222;Die &#8218;Bild&#8216;-Zeitung ist schon ein St\u00fcck, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie.&#8220; Das w\u00fcrde der &#8222;Bild&#8220; gefallen, das umrei\u00dft auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie f\u00fcr das Volk spricht und<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[35,56,262],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17356"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17356"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17357,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17356\/revisions\/17357"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}