{"id":18500,"date":"2014-07-30T12:13:02","date_gmt":"2014-07-30T10:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=18500"},"modified":"2014-07-30T23:42:59","modified_gmt":"2014-07-30T21:42:59","slug":"wie-der-spiegel-mit-dem-vorwurf-der-kriegshetze-umgeht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/18500\/wie-der-spiegel-mit-dem-vorwurf-der-kriegshetze-umgeht\/","title":{"rendered":"Wie der &#8222;Spiegel&#8220; mit dem Vorwurf der &#8222;Kriegshetze&#8220; umgeht"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/spiegelstoppt.gif\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Immerhin: Totstellen war diesmal f\u00fcr den &#8222;Spiegel&#8220; offenbar keine L\u00f6sung mehr. Zu gro\u00df waren die Proteste gegen seine aktuelle, der <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2014\/07\/21\/titelblaetter-vom-21-07-2014\/01-bild-95\/\">&#8222;Bild&#8220;-Zeitung<\/a> zum Verwechseln \u00e4hnlich sehende Titelgeschichte. Doch die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/spiegel-titel-zu-putin-in-eigener-sache-a-983484.html\">Reaktion im SPIEGELblog<\/a> ist nur ein weiteres eindrucksvolles Dokument der Unf\u00e4higkeit des Nachrichtenmagazins, mit seinen Lesern in einen Dialog einzutreten und auf Kritik einzugehen. <\/p>\n<p>Auf dem Cover benutzt der &#8222;Spiegel&#8220; die Toten des \u00fcber der Ukraine abgest\u00fcrzten Air-Malaysia-Flugzeuges, deren Fotos er sich irgendwo zusammengeklaubt hat, um die Forderung zu schreien: &#8222;STOPPT PUTIN JETZT!&#8220; Die Kritik daran ist vielstimmig und wird <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2014\/07\/28\/spiegel-ressortleiter-die-drohende-revolte-gegen-chefredakteur-buechner\/\">offenbar auch von &#8222;Spiegel&#8220;-Redakteuren vorgebracht<\/a>. Der &#8222;Spiegel&#8220; aber entscheidet sich, die Kritiker als erstes zu diskreditieren.<\/p>\n<blockquote><p>Das Titelbild des aktuellen SPIEGEL mit der Zeile &#8222;Stoppt Putin jetzt!&#8220; hat einige heftige Reaktionen ausgel\u00f6st &#8212; insbesondere in sozialen Netzwerken. Darunter waren auch organisiert auftretende, anonyme User, die schon seit Monaten jegliche Kritik an Russland mit einer Flut an Wortmeldungen in den Foren vieler Online-Medien kontern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich will gar nicht ausschlie\u00dfen, dass auch ein organisierter pro-russischer Mob online Sturm lief gegen das Cover. Aber wenn das die Masse der Kritik ausmachen w\u00fcrde, h\u00e4tte der &#8222;Spiegel&#8220; nicht mit einem eigenen Blog-Eintrag &#8222;in eigener Sache&#8220; reagieren m\u00fcssen, denn die wird er eh nicht \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die er aber \u00fcberzeugen wollen m\u00fcsste, die Leser und Kritiker, die nicht namenlos und nicht organisiert sind, die steckt der &#8222;Spiegel&#8220; gleich im zweiten Satz in eine Schublade mit Putins angeblichen Online-Trollen. Bevor er sich mit ihrer Kritik auseinandersetzt, diskreditiert er die Kritiker. Schlau ist das nicht.<\/p>\n<p>Weiter im Text:<\/p>\n<blockquote><p>W\u00e4hrend manche Nutzer die russische Politik in der Ukraine verteidigten, warfen einige besonders erregte Nutzer dem SPIEGEL vor, das Titelbild sei &#8222;kriegstreiberisch&#8220;. Das ist eine absurde Behauptung, die weder durch das Titelbild gedeckt wird noch durch die Artikel im Heft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oho, manche Nutzer sind &#8222;besonders erregt&#8220;. Sind sie sicher, aber k\u00f6nnen wir kurz einmal festhalten, wer auch besonders erregt ist? Dieses &#8222;Spiegel&#8220;-Cover. <\/p>\n<blockquote><p>Der SPIEGEL spricht sich in seiner Titelgeschichte daf\u00fcr aus, Putin und den prorussischen Separatisten in der Ukraine Einhalt zu gebieten &#8212; und zwar ausschlie\u00dflich mit harten wirtschaftlichen Sanktionen und ausdr\u00fccklich nur mit nichtmilit\u00e4rischen Mitteln.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Ausdr\u00fccklich&#8220;? Ich habe die Stelle nicht gefunden, an der die &#8222;Spiegel&#8220;-Titelgeschichte milit\u00e4rische Mittel ausdr\u00fccklich ausschlie\u00dft, will aber nicht ausschlie\u00dfen, dass ich da einen Halbsatz \u00fcbersehen habe.<\/p>\n<p>Der &#8222;Spiegel&#8220; schreibt in seinem Leitartikel: <\/p>\n<blockquote><p>Eine Garantie, dass Sanktionen schnell zum gew\u00fcnschten Ergebnis f\u00fchren, gibt es dennoch nicht. In einer ersten Reaktion k\u00f6nnte Putin um sich schlagen, einen \u00fcberraschenden Gegenzug versuchen &#8212; aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gro\u00df, dass er mittelfristig nachgeben m\u00fcsste.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit anderen Worten: Der &#8222;Spiegel&#8220; selbst r\u00e4umt ein, dass Sanktionen vermutlich kein schneller Weg sind, Putin zu stoppen. Auf der Titelseite aber steht in der gr\u00f6\u00dften Lautst\u00e4rke, die man sich f\u00fcr das Blatt \u00fcberhaupt vorstellen kann, die Forderung, Putin &#8222;JETZT!&#8220; zu stoppen. &#8222;JETZT!&#8220; mit Sanktionen, die wahrscheinlich mittelfristig wirken k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Das Cover illustriert nicht die Forderung nach Wirtschaftssanktionen. Das Cover suggeriert, dass jetzt etwas getan werden, das Putin unmittelbar zum \u00c4ndern seiner Politik zwingt. Tja, was k\u00f6nnte das sein? Krieg nicht, sagt der &#8222;Spiegel&#8220;, denn das da hinein zu lesen, w\u00e4re &#8222;absurd&#8220;. <\/p>\n<p>Der &#8222;Spiegel&#8220; verteidigt das Cover weiterhin so:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Forderung [des &#8222;Spiegels&#8220; nach Sanktionen] \u00e4hnelt der ver\u00e4nderten Haltung der Bundesregierung, die solche Sanktionen an diesem Dienstag im Rahmen der EU mitbeschlossen hat &#8212; und auch der von 52 Prozent der Deutschen, die laut einer repr\u00e4sentativen SPIEGEL-Umfrage Sanktionen auch dann unterst\u00fctzen w\u00fcrden, wenn sie Arbeitspl\u00e4tze kosten sollten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ah, das Cover, in dem der &#8222;Spiegel&#8220; in lautesten T\u00f6nen danach ruft, Putin jetzt zu stoppen, illustriert also nur die Haltung der Bundesregierung. Der &#8222;Spiegel&#8220; hat die Haltung der Bundesregierung und einer angeblichen knappen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung einfach mal in ein Cover gegossen. Es ist kein schriller Appell, wie  man als unbefangener Leser denken k\u00f6nnte, sondern die Titelbildwerdung der Position der Bundesregierung, die die Position des &#8222;Spiegels&#8220; ist. <\/p>\n<p>Es ist ein v\u00f6lliger argumentativer Bankrott. <\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck h\u00f6rt der &#8222;Spiegel&#8220; nun aber auch schon wieder damit auf, scheinbar auf die Kritik an sich einzugehen, und ver\u00f6ffentlicht stattdessen online einfach den &#8222;Leitartikel&#8220; aus dem gedruckten Heft.<\/p>\n<p>Dieser Leitartikel beginnt so: <\/p>\n<blockquote><p>Die Absturzstelle von Flug MH17 ist ein Albtraum, der Europa heimsucht. Noch immer liegen Leichenteile zwischen Sonnenblumen. 298 Unschuldige sind hier ermordet worden, die Welt wurde Zeuge, als marodierende Banditen in Uniform die Toten bestahlen, ihnen die W\u00fcrde nahmen.<\/p>\n<p>Hier, in der ostukrainischen Ein\u00f6de, hat sich Putins wahres Gesicht gezeigt. Der russische Pr\u00e4sident steht enttarnt da, nicht mehr als Staatsmann, sondern als Paria der Weltgemeinschaft. Die Toten von Flug MH17 sind auch seine Toten, er ist f\u00fcr den Abschuss mitverantwortlich, und es ist nun der Moment gekommen, ihn zum Einlenken zu zwingen &#8211; und zwar mit harten wirtschaftlichen Sanktionen.<\/p>\n<p>Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass das Flugzeug mit einem Buk-Luftabwehrsystem abgeschossen wurde, das die Separatisten h\u00f6chstwahrscheinlich aus Russland erhalten haben. Einer ihrer Anf\u00fchrer hat selbst zugegeben, dass sie \u00fcber ein solches System verf\u00fcgten, und die Indizienkette ist eindeutig.<\/p>\n<p>Der Abschuss von MH17 mag ein tragisches Versehen gewesen sein. Wer die Rakete abfeuerte, wollte vermutlich kein Verkehrsflugzeug treffen. Doch der Abschuss ist die direkte Folge davon, dass Russland die Separatisten in den vergangenen Wochen milit\u00e4risch aufger\u00fcstet hat. Er ist ein Symbol f\u00fcr die Ruchlosigkeit Putins &#8211; und f\u00fcr das Versagen der bisherigen westlichen Politik. Die Tr\u00fcmmer von MH17 sind auch die Tr\u00fcmmer der Diplomatie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das nicht eine erstaunliche Kombination von absoluter Sicherheit, wer der Verantwortliche f\u00fcr die Toten ist (Putin), mit W\u00f6rtern wie &#8222;h\u00f6chstwahrscheinlich&#8220; und &#8222;Indizien&#8220; und &#8222;mag gewesen sein&#8220; und &#8222;vermutlich&#8220;? <\/p>\n<p>Es gibt so viele Stellen in diesem Text, an die sich Zweifel kn\u00fcpfen. Zum Beispiel die Sache mit den &#8222;marodierende Banditen in Uniform&#8220;, die &#8222;die Toten bestahlen, ihnen die W\u00fcrde nahmen&#8220;. Richtig ist, dass die Welt scheinbar Zeuge wurde, wie zum Beispiel einer der Separatisten stolz das Stofftier eines der Opfer in die H\u00f6he hielt. Sp\u00e4ter stellte sich allerdings heraus, dass das einzelne Foto <a href=\"http:\/\/augengeradeaus.net\/2014\/07\/infowar-ukraine-der-separatist-das-stofftier-und-der-blinde-fleck\/\">wom\u00f6glich nicht die ganze Geschichte erz\u00e4hlt.<\/a><\/p>\n<p>Und dann gibt es zum Beispiel <a href=\"http:\/\/www.reuters.com\/article\/2014\/07\/21\/us-ukraine-crisis-recovery-idUSKBN0FQ14Q20140721\">diese Reuters-Meldung<\/a>, wonach der Chef einer niederl\u00e4ndischen Mannschaft, die die Toten identifizieren sollte, die Arbeit der \u00f6rtlichen Rettungsmannschaften sehr lobte.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie es war. Ich wei\u00df nicht, ob da nur ein paar Geschichten \u00fcber das Verhalten der Separatisten <a href=\"http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/kultur\/diverses\/Krieg-der-Bilder--und-der-Blick-dahinter\/story\/24923539\">falsch oder \u00fcbertrieben waren<\/a>, aber die grunds\u00e4tzliche Bewertung als pl\u00fcndernde, skrupellose &#8222;Banditen in Uniform&#8220; richtig ist. Ich wei\u00df es nicht. Ich br\u00e4uchte Medien, denen ich vertrauen k\u00f6nnte. Bei denen ich das Gef\u00fchl h\u00e4tte, dass sie mir auch Dinge erz\u00e4hlen, die den dominierenden Gut-B\u00f6se-Vorstellungen \u00fcber diesen Konflikt vielleicht widersprechen. Medien, die die Welt nicht \u00fcbersichtlicher machen als sie ist. Und die auf Kritik an ihrer Berichterstattung nicht mit durchsichtigen Ablenkungsman\u00f6vern reagieren. <\/p>\n<p>Also nicht diesen &#8222;Spiegel&#8220;. <\/p>\n<p>Vielleicht lie\u00dfe sich einiges davon in einem Diskurs kl\u00e4ren. Vielleicht k\u00f6nnte der &#8222;Spiegel&#8220; erkl\u00e4ren, welche Szenen von marodierenden Banden er genau meint, welche &#8222;Indizien&#8220; f\u00fcr den Abschuss er f\u00fcr \u00fcberzeugend h\u00e4lt und welche f\u00fcr Propaganda. Wom\u00f6glich w\u00fcrde das Menschen, die ihn kritisieren, \u00fcberzeugen. Nicht alle, aber ein paar. <\/p>\n<p>Und vielleicht w\u00e4ren selbst die, die am Ende nicht \u00fcberzeugt w\u00e4ren, beeindruckt, dass der &#8222;Spiegel&#8220; f\u00fcr seine \u00dcberzeugung k\u00e4mpft, indem er argumentiert und mit denen, die ernst zu nehmende Kritik an seiner Haltung \u00fcben, in einen Dialog eintritt. <\/p>\n<p>Aber der &#8222;Spiegel&#8220; diskutiert und argumentiert nicht. Er l\u00e4dt nicht zum Gespr\u00e4ch oder zum Streit ein. Er sagt: Lest unseren Leitartikel und haltet die Klappe. <\/p>\n<p><small>[Offenlegung: Ich habe das &#8222;Spiegelblog&#8220; vor zwei Jahren <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/14082\/beipackzettel-zum-spiegelblog\/\">f\u00fcr den &#8222;Spiegel&#8220; entwickelt<\/a>. Im Fr\u00fchjahr 2013 habe ich meinen Vertrag beim &#8222;Spiegel&#8220; gek\u00fcndigt.]<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immerhin: Totstellen war diesmal f\u00fcr den &#8222;Spiegel&#8220; offenbar keine L\u00f6sung mehr. Zu gro\u00df waren die Proteste gegen seine aktuelle, der &#8222;Bild&#8220;-Zeitung zum Verwechseln \u00e4hnlich sehende Titelgeschichte. Doch die Reaktion im SPIEGELblog ist nur ein weiteres eindrucksvolles Dokument der Unf\u00e4higkeit des Nachrichtenmagazins, mit seinen Lesern in einen Dialog einzutreten und auf Kritik einzugehen. 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