{"id":19944,"date":"1999-12-08T00:00:44","date_gmt":"1999-12-07T23:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=19944"},"modified":"2014-12-07T00:02:34","modified_gmt":"2014-12-06T23:02:34","slug":"und-nun-das-wetter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/19944\/und-nun-das-wetter\/","title":{"rendered":"Und nun das Wetter"},"content":{"rendered":"<p><b>Es wird w\u00e4rmer und menschlicher zwischen Azorenhoch und Blumenkohlwolken: Wie die Vorhersage durch das Privatfernsehen erst verst\u00e4ndlich und dann Show wurde.<\/b><\/p>\n<p>Die Geschichte des Deutschen Fernsehens l\u00e4sst sich einteilen in Zeiten mit und ohne Frontensysteme. Deshalb k\u00f6nnen junge Menschen heute mit so vielen Begriffen nichts mehr anfangen. Subpolare Luftmassen. Ausl\u00e4ufer eines Azorenhochs, die in den n\u00e4chsten Tagen wetterbestimmend wirken. Nordflanken, auf denen der Zustrom milder Meeresluft nach Mitteleuropa anh\u00e4lt. Oder das Wort &#8222;\u00f6rtlich&#8220;, dessen Rolle in der deutschen Sprache sich weitgehend darauf beschr\u00e4nkte, die &#8222;Nebelfelder&#8220; zu begleiten, mit denen zu rechnen war. Bis in die 90-er Jahre hielt der Zustrom endloser S\u00e4tze mit Substantivmassen an und wirkte im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen wetterberichtsbestimmend. Dann kam das Privatfernsehen und machte aus Frontensystemen eine aussterbende Art.<\/p>\n<p>Dabei taugte schon die \u00f6ffentlich-rechtliche Wetter-Geschichte f\u00fcr Revolutionen. 1977 h\u00f6rte die ARD auf, das Wetter f\u00fcr Deutschland in den Grenzen von 1937 vorauszusagen. Bereits 1969 durfte Dr. Karla Wege im ZDF zun\u00e4chst vor Pappen auf einer Stafette und sp\u00e4ter drei drehbaren Tetraedern den Wetterbericht pr\u00e4sentieren &#8211; zwei Jahre vor der ersten Nachrichtensprecherin.<\/p>\n<p>Die Vorhersagen entsprachen den Prototypen \u00f6ffentlich-rechtlicher Informationsvermittlung: Als staatstragender, h\u00f6chst korrekter, \u00fcberaus unverst\u00e4ndlicher Bericht im Ersten. Oder als didaktischer Vortrag im Zweiten. Dr. Karla Wege und Dr. Uwe Wesp standen noch mit Zeige-St\u00f6cken vor den Karten. Dass sie Wolken und Luftdrucklinien nicht erst in der Sendung aufmalten wie ein Lehrer, lag nur daran, dass die Kreide zu sehr gequietscht h\u00e4tte, sagt Wesp.<\/p>\n<p>Auch bei den Privaten spiegelt sich im Wetterbericht ihr grunds\u00e4tzliches Prinzip: Entweder ganz schnell und knapp. Oder ausf\u00fchrlich, aber dann als Show. Bei Sat 1 turnte zeitweise ein glatzk\u00f6pfiger Komiker namens Manfred Erwe, der heute f\u00fcr Lockenwickler wirbt, auf einer dreidimensionalen Karte herum. Dass er schneller in Vergessenheit geriet als alle wetterbestimmend wirkenden Tiefausl\u00e4ufer in der ARD, lag nach Meinung von J\u00f6rg Kachelmann aber eher daran, dass die Prognose so selten stimmte.<\/p>\n<p>Uwe Wesp ist heute Sprecher des Deutschen Wetterdienstes, der auch Privatsender mit ma\u00dfgeschneiderten Vorhersagen beliefert. &#8222;Bei den \u00d6ffentlich-Rechtlichen wird der Wetterbericht immer noch meist als Nachricht verpackt&#8220;, sagt er, und daf\u00fcr gebe es gute Gr\u00fcnde. Mit einer Show komme man schnell in Schwierigkeiten: Wenn n\u00e4mlich die Wetterlage, \u00fcber die der Pr\u00e4sentator am Vortag Faxen gemacht hat, zu b\u00f6sen Sch\u00e4den f\u00fchrt, vielleicht Menschenleben kostet. Wetter ist eine ernste Sache.<\/p>\n<p>Dass der Wetterbericht heute verst\u00e4ndlicher ist, liegt nach Ansicht von Wesp vor allem an der Technik: Satellitenfilme, bunte Temperaturverl\u00e4ufe, computeranimierte Regenf\u00e4lle. Die private Konkurrenz, die das Wetter als attraktives Zugpferd entdeckte, habe die Sache nur beschleunigt. Auch wenn es den Wettermann schmerzt, der den Menschen gern etwas beibringen w\u00fcrde: &#8222;Ob Hoch oder Tief ist den Leuten v\u00f6llig schnurz, die wollen wissen, wie das Wetter wird.&#8220;<\/p>\n<p>Kollege Kachelmann, Martin Luther der Wetterkarte im Ersten, sieht seine Arbeit \u00fcberhaupt nicht durch die Privaten angesto\u00dfen. Aber ohne sie h\u00e4tte er es vor f\u00fcnf Jahren nicht &#8212; gegen den Widerstand des Jahrzehnte langen Wetterverwalters Hessischer Rundfunk &#8212; bis vor die &#8222;Tagesschau&#8220; geschafft mit seiner flapsigen Form. &#8222;Das war die Revolution, aber wir haben`s nicht gewusst&#8220;, sagt er. Kalkuliert war nichts. Er brachte einfach seine &#8222;gesunde Grundvulgarit\u00e4t&#8220; mit. Wobei revolution\u00e4r weniger die vielzitierten &#8222;Blumenkohlwolken&#8220; waren. Kachelmann sprach erstmals davon, dass es &#8222;k\u00e4lter&#8220; wird, und nicht von einem &#8222;Temperaturr\u00fcckgang&#8220;. Und er schaffte die Niederschl\u00e4ge ab. Niederschl\u00e4ge! &#8222;Geregnet&#8220; hat&#8217;s fr\u00fcher nie.<\/p>\n<p>Heute wird sogar geflogen im Ersten. Mal von Erfurt nach Stuttgart, mal von Rostock nach N\u00fcrnberg f\u00fchrt ein Trickfilm unter Wolken oder Hagel hindurch. &#8222;Grotesk&#8220; findet Kachelmann das, weil es nicht aussieht, wie ein Flug aussehen w\u00fcrde, und der Nutzen f\u00fcr den Zuschauer im Neblig-Tr\u00fcben bleibt.<\/p>\n<p>Aber es ist bunt und unterhaltsam und gelegentlich fliegt die Animation da vorbei, wo der Zuschauer zu Hause ist. Auch beim Wetter bedeutet &#8222;Quote&#8220; nicht mehr nur die Trefferwahrscheinlichkeit bei der Vorhersage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wird w\u00e4rmer und menschlicher zwischen Azorenhoch und Blumenkohlwolken: Wie die Vorhersage durch das Privatfernsehen erst verst\u00e4ndlich und dann Show wurde. Die Geschichte des Deutschen Fernsehens l\u00e4sst sich einteilen in Zeiten mit und ohne Frontensysteme. Deshalb k\u00f6nnen junge Menschen heute mit so vielen Begriffen nichts mehr anfangen. Subpolare Luftmassen. 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