{"id":19953,"date":"2014-12-09T22:53:56","date_gmt":"2014-12-09T21:53:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=19953"},"modified":"2014-12-10T12:13:41","modified_gmt":"2014-12-10T11:13:41","slug":"raus-aus-der-komfortzone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/19953\/raus-aus-der-komfortzone\/","title":{"rendered":"Raus aus der Komfortzone?"},"content":{"rendered":"<p><em>Rede in der Frankfurter Paulskirche am 1. Dezember 2014 auf <a href=\"http:\/\/www.frankfurt-aidshilfe.de\/content\/veranstaltung-der-paulskirche-das-ende-der-toleranz\">Einladung der Aids-Hilfe.<\/a><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/toleranz.jpeg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<small>Foto: ARD<\/small><\/p>\n<p>Im vergangenen Monat veranstaltete die ARD eine &#8222;Themenwoche&#8220; zum Thema &#8222;Toleranz&#8220;. Der Sender warb daf\u00fcr mit mehreren Motiven. Eines zeigte einen Mann im Rollstuhl mit der Frage: &#8222;Au\u00dfenseiter oder Freund?&#8220; \u00dcber einem schwarzen Mann stand die Frage: &#8222;Belastung oder Bereicherung?&#8220; Und \u00fcber einem sich z\u00e4rtlich zugewandten M\u00e4nnerpaar die Frage: &#8222;Normal oder nicht normal?&#8220; <\/p>\n<p>Als das eine Welle von Widerspruch und Emp\u00f6rung ausl\u00f6ste, musste sich ARD-Koordinator Hans-Martin Schmidt rechtfertigen. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/kritik-an-plakataktion-einfach-sportlich-sein-1.2217446\">Er sagte:<\/a> <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Dass die Kampagne provoziert, war gewollt, wobei der Grad der Provokation sicherlich im Auge des Betrachters variiert. Wichtig ist bei dem Thema ja, dass wir unsere Komfortzone verlassen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Aha, habe ich gedacht. Und mich dann gefragt: Wer ist &#8222;wir&#8220;? Wessen Komfortzone ist das? Wer sind diese Leute, die beim Thema Toleranz ihre Komfortzone verlassen m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Die Leute, die Homosexualit\u00e4t immer noch als etwas Widernat\u00fcrliches empfinden, wollte die ARD mit ihren Plakatmotiven jedenfalls nicht zu sehr in ihrer &#8222;Komfortzone&#8220; behelligen. Die beiden M\u00e4nner, die Homosexualit\u00e4t symbolisieren sollen, k\u00fcssen sich auf dem Plakatmotiv nicht einmal auf den Mund &#8211; was doch sonst eine eher klassische Form ist, zu zeigen, dass ein Paar sich nicht nur platonisch liebt. Der eine Mann k\u00fcsst den anderen blo\u00df auf die Stirn.<\/p>\n<p>Wenn man schon Homosexualtit\u00e4t darstellen und fragen wollte, ob sowas &#8222;normal&#8220; ist &#8211; w\u00e4re es wirklich eine zu gro\u00dfe Provokation gewesen, wenigstens zwei M\u00e4nner zu zeigen, die sich leidenschaftlich k\u00fcssen? W\u00e4re das schon zu ungem\u00fctlich gewesen f\u00fcr die Leute in ihrer &#8222;Komfortzone&#8220;, denen beim Gedanken an Homosexualit\u00e4t nicht ganz wohl ist, und bei ihrem Anblick erst recht nicht?<\/p>\n<p>Der ARD-Mann sagt, die Plakate sollten provozieren, aber f\u00fcr Leute, die beim Anblick eines schwulen Paares fragen, ob das normal ist, f\u00fcr solche Leute sind diese Plakate keine Provokation. Sie bebildern einfach ihre Vorbehalte.<\/p>\n<p>Oder meinte der ARD-Mann mit dem &#8222;Wir&#8220; uns Betroffene, die Minderheiten, die Anderen. Diejenigen, die durch ihre Andersartigkeit anscheinend die Toleranz der &#8222;Normalen&#8220; herausfordern? M\u00fcssen wir uns aus unserer Komfortzone herausbewegen, in der wir uns in das Gef\u00fchl eingekuschelt haben, dass die meisten Menschen tolerant sind, dass es Fortschritte gibt bei der rechtlichen Gleichstellung und immer weniger Diskriminierung? <\/p>\n<p>M\u00fcssen wir aus unserer Komfortzone heraus und uns damit konfrontieren lassen, dass es immer noch eine betr\u00e4chtliche Zahl von Menschen gibt, die tats\u00e4chlich vom Anblick zweier schwuler M\u00e4nner abgesto\u00dfen sind? Ist das die Provokation, die die Werbemotive der ARD-Themenwoche &#8222;Toleranz&#8220; darstellen wollten? Die Konfrontation der Lesben, Schwulen, Behinderten, Einwanderer mit der harten Realit\u00e4t, dass es mit der behaupteten Toleranz und Akzeptanz im Alltag gar nicht so weit her ist? <\/p>\n<p>&#8212; Aber das wissen wir doch. Das erleben wir doch jeden Tag. Da gibt es immer noch viel zu wenige Komfortzonen, das ist doch das Problem.<\/p>\n<p>Der Begriff der Komfortzone steht noch gar nicht im Duden. Er ist so eine typische amerikanische Psycho-Metapher. Der Begriff passt ganz gut zum heiklen Begriff der &#8222;Toleranz&#8220;, die ja im Gegensatz zur &#8222;Akzeptanz&#8220; ein Gedulden und ein Ertragen von etwas beschreibt, das man eigentlich ablehnt oder einem zumindest unangenehm ist &#8211; etwas, das mindestens au\u00dferhalb der eigenen Komfortzone liegt. <\/p>\n<p>Als Floskel ist das &#8222;Verlassen der Komfortzone&#8220; positiv besetzt: Wir sollen unsere Komfortzonen verlassen, um uns neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen, die uns menschlich, beruflich, wie auch immer, voranbringen.<\/p>\n<p>Andererseits beschreibt der Begriff der Komfortzone, f\u00fcrchte ich, auch sehr gut den Bereich, in den sich viele Menschen in ihrem Verh\u00e4ltnis Minderheiten gegen\u00fcber zur\u00fcckgezogen haben. Sie sind bereit, das, was au\u00dferhalb passiert, zu ertragen, solange sie davon in ihrem Bereich nicht behelligt werden. <\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob das eine schweigende Mehrheit betrifft oder nur eine betr\u00e4chtliche Minderheit, aber mir scheint, als h\u00e4tten diese Leute auf eine Art Deal gehofft. Er lautet auf Homosexuelle bezogen ungef\u00e4hr so: Ihr habt doch in den vergangenen Jahren schon so viele eurer Forderungen erf\u00fcllt bekommen, jetzt gebt auch Ruhe, h\u00f6rt auf, uns mit weiteren Forderungen zu behelligen &#8211; und \u00fcberhaupt: mit eurer Andersartigkeit. <\/p>\n<p>Die Logik geht ungef\u00e4hr: Ihr musstet auffallen, um gegen eure Diskriminierung zu protestieren. Nun gibt es keine Diskriminierung mehr, jetzt k\u00f6nnte ihr auch aufh\u00f6ren, aufzufallen.<\/p>\n<p>Es ist der Wunsch, mit der weitgehenden Gleichstellung von Homosexuellen w\u00fcrden die Homosexuellen verschwinden. Das ist doppelt falsch. Es ist falsch, weil es so tut, als gebe es keine Diskriminierung mehr. Und es ist falsch, weil der Wille, sich nicht mehr verstecken und verstellen zu m\u00fcssen, so zentral ist f\u00fcr den Kampf von Lesben und Schwulen &#8211; die Sichtbarkeit ist nicht nur Zweck, sondern auch Ziel. <\/p>\n<p>Es gab im vergangenen Jahr viele Anl\u00e4sse, dar\u00fcber \u00f6ffentlich zu reden. Zum Beispiel das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger, als erstem prominenten deutschen Fu\u00dfballspieler, wenn auch nach dem Ende seiner aktiven Zeit, und das von Tim Cook, dem Apple-Chef, als erstem amerikanischen Top-Manager. Aber die \u00f6ffentliche Besch\u00e4ftigung damit l\u00f6ste auch einen erheblichen Widerwillen bei einem Teil des Publikums aus. Menschen beschwerten sich \u00fcber das Bohei, das um die Sache gemacht werde, die doch eine Privatsache sei, die man nicht in und mit der \u00d6ffentlichkeit verhandele. Sie haben nichts dagegen, dass Leute wie Hitzlsperger oder Cook schwul sind, wollen davon aber nichts wissen.  <\/p>\n<p>Sie missverstehen die Freude dar\u00fcber, dass Menschen sich nicht mehr verstecken und verstellen und zu sich selbst stehen, und die Aufmerksamkeit, die damit zusammenh\u00e4ngt, dass sie die ersten in ihrem Bereich sind, mit einer \u00dcberh\u00f6hung von Homosexualit\u00e4t zu etwas Erstrebenswertem. Sie f\u00fchlen sich bel\u00e4stigt.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Diskurs liegt ein Gef\u00fchl von: Jetzt nehmt Euch mal nicht so wichtig. Und: Irgendwann muss auch mal gut sein. <\/p>\n<p>Dahinter formuliert sich auch immer \u00f6fter, scheinbar aus der Mitte der Gesellschaft, eine erstaunlich selbstbewusst formulierte Ablehnung von Gleichstellung und Akzeptanz. Der fr\u00fchere &#8222;Spiegel&#8220;-Ressortleiter und heutige &#8222;Welt&#8220;-Autor Mathias Matussek nennt sich stolz und h\u00f6chstens viertelironisch &#8222;homophob&#8220;. Der Katzenkrimi-Autor Akif Pirincci w\u00fctet gegen die &#8222;Verschwulung&#8220; der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Es formiert sich ein Widerstand, besonders massiv in der Frage, wie sexuelle Vielfalt in der Schule behandelt werden soll. Versuche, Homosexualit\u00e4t nicht nur als Form von Sexualit\u00e4t zu behandeln, sondern als ein Thema, das ganz selbstverst\u00e4ndlich in allen F\u00e4chern eine Rolle spielt, werden als Versuche der &#8222;Sexualisierung&#8220; diffamiert und als Umerziehungsversuch bek\u00e4mpft. Medien &#8211; leider auch die &#8222;Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung&#8220;, f\u00fcr die ich schreibe &#8211; leisten durch <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=22783\">polemische<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.alexandervonbeyme.net\/2014\/10\/16\/unter-dem-deckmantel-des-journalismus\/\">verf\u00e4lschende<\/a> <a href=\"http:\/\/schlau-nrw.de\/upload\/Leserbrief%20zum%20FAS-Artikel%20vom%2012.10.2014.pdf\">Darstellungen<\/a> ihren Beitrag dazu, die Diskussion zu hysterisieren und zu entsachlichen. <\/p>\n<p>Der Protest kommt als Widerstand gegen vermeintliche \u00dcbertreibungen der Offenheit, Toleranz, Aufkl\u00e4rung daher. Aber er wirkt auch als Versuch, l\u00e4ngst erk\u00e4mpftes und sicher geglaubtes Terrain zur\u00fcckzuerobern. Er nimmt mindestens fahrl\u00e4ssig in Kauf, dass Homosexualit\u00e4t wieder als etwas Anr\u00fcchiges, Gef\u00e4hrliches diffamiert wird. Ein anschauliches Beispiel daf\u00fcr liefert <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/bild-plus\/regional\/hamburg\/sexualkunde\/erklaert-12-jaehrigen-gruppensex-38367582.bild.html\">die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung<\/a>, die sich &#8211; wie viele andere &#8211; an dem P\u00e4dagogik-Handbuch &#8222;Sexualp\u00e4dagogik der Vielfalt&#8220; abarbeitet, das sie &#8222;einfach widerlich und skandal\u00f6s&#8220; nennt. Sie zitiert dann die CDU-Politikerin Karin Prien: &#8222;Das ist hoch fragw\u00fcrdiges, verst\u00f6rendes, ideologisch verbr\u00e4mtes Lehrmaterial.&#8220; Und &#8222;Bild&#8220; f\u00fcgt hinzu:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Was Prien, die das Ganze mit einer Anfrage aufgedeckt hat, meint: Linke P\u00e4dagogen versuchen seit geraumer Zeit, das traditionelle Familien- und Sexualbild aufzubrechen. Vielfalt steht bei ihnen daf\u00fcr, dass Sexualit\u00e4t alle Spielarten umfasst, eben auch Homo- und Transsexualit\u00e4t.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Vielfalt bedeutet, dass Sexualit\u00e4t auch Homosexualit\u00e4t und Transsexualit\u00e4t umfasst &#8211; das ist anscheinend keine gemeinsame Grundlage der Debatte mehr. Sondern eine radikale ideologische Position linker P\u00e4dagogen.<\/p>\n<p>Hier geht es nicht mehr darum, weiteren &#8222;Fortschritt&#8220; zu stoppen. Hier geht es um R\u00fcckschritte. Pl\u00f6tzlich m\u00fcssen sich Projekte wie SchLAu <a href=\"http:\/\/schlau-nrw.de\/upload\/Fakten_zu_SchLAu_final.pdf\">f\u00fcr ihre Arbeit rechtfertigen<\/a>, die dem Kampf gegen Diskriminierung und Vorurteile dient &#8211; weil der Eindruck entsteht (und bewusst erweckt wird), sie machten etwas Unanst\u00e4ndiges in den Schulen und wollten die Kinder umerziehen.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr dieses Jahres eroberte Cochita Wurst die internationale B\u00fchne, die verwirrende Pers\u00f6nlichkeit eines Mannes, der als Frau mit Bart auftritt. Sie gewann den Eurovision Song Contest. Es war ein Sieg der Vielfalt, der von Kommentatoren &#8211; <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/eurovision-song-contest-warum-ausgerechnet-conchita-wurst.691.de.html?dram:article_id=285060\">bis hinein in den Deutschlandfunk<\/a> &#8211; fassungslos als letzter noch fehlender Beweis f\u00fcr die v\u00f6llige Degenerierung der Gesellschaft gedeutet wurde. Sie empfanden die Provokation der Figur nicht als Herausforderung von Gewohnheiten und Erwartungen, sondern als fundamentalen Angriff auf sich und auf ihre Vorstellungen von Normalit\u00e4t. L\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubte Bekenntnisse der Scheintoleranz wurden in der Folge wieder ge\u00e4u\u00dfert, wie von Bela Anda, dem fr\u00fcheren Regierungssprecher und heutigen &#8222;Bild&#8220;-Politikchef. Er behauptete <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/conchita-wurst\/muss-ich-conchita-wurst-gut-finden-35935258.bild.html\">in einem Kommentar auf Bild.de<\/a>: &#8222;Einige meiner besten Freunde sind homosexuell&#8220; (und der einzige Satz, der noch trauriger ist, ist nat\u00fcrlich der, den seine homosexuellen Freunde sagen m\u00fcssen: \u201eEiner meiner besten Freunde ist B\u00e9la Anda.&#8220;) Und er f\u00fcgte hinzu: &#8222;Ein Bart im Gesicht einer Frau, noch dazu ein Vollbart, st\u00f6rt mich, st\u00f6rt mein \u00e4sthetisches Empfinden, st\u00f6rt auch mein Rollenverst\u00e4ndnis von Mann und Frau.&#8220;<\/p>\n<p>Die harmlose, ganz unaggressive Figur Conchita Wurst machte deutlich, wie sehr Andersartigkeit immer noch als Bedrohung empfunden wird. Der Preis, den Lesben und Schwule nach Ansicht eines Teils der Gesellschaft daf\u00fcr zahlen sollen, dass sie anerkannt werden, ist der, dass sie m\u00f6glichst normal und unauff\u00e4llig sein sollen. Von Trans-Menschen ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Rational l\u00e4sst sich das am Beispiel Conchita Wurst kaum fassen: Wenn ein Mann als Frau auftritt, soll er sich wenigstens den Bart abrasieren? Aber die Botschaft dahinter ist klar: Es ist eine der Pflicht zur Anpassung. Und ein &#8211; gef\u00fchlt &#8211; wachsender Unwille, sich selbst und sein Verhalten in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Schon Ans\u00e4tze, die zur Reflexion auffordern, werden als Zumutung abgetan, wie j\u00fcngst zum Beispiel <a href=\"http:\/\/www.neuemedienmacher.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/NdM_Glossar_15_Nov_2014.pdf\">ein Papier<\/a> einer Gruppe, die sich die &#8222;Neuen Medienmacher&#8220; nennen. Es soll Journalisten dazu anregen, \u00fcber Sprache nachzudenken und dar\u00fcber, wen sie mit bestimmten Formulierungen ausgrenzen. Das ist ausdr\u00fccklich als &#8222;Debattenbeitrag&#8220; gekennzeichnet. Doch schon debattieren ist zuviel f\u00fcr Publizisten wie Henryk M. Broder, der daf\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/medien\/article134714969\/Vorsicht-beim-schoenen-deutschen-Wort-Dschihad.html\">nur H\u00e4me und Verachtung <\/a>hat und sich an Orwells &#8222;Neusprech&#8220; aus 1984 erinnert f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Die vielleicht gr\u00f6\u00dfte Zumutung zur Zeit ist eine Person namens Lann Hornscheidt, die sich nicht als Mann oder Frau definiert und entsprechend auch nicht als Professorin oder Professor angesprochen werden will, sondern als Professx. Auch \u00fcber solche Sprachvorschl\u00e4ge kann und muss man streiten. Man darf sie selbstverst\u00e4ndlich auch ablehnen. Aber was best\u00fcrzt, ist der Hass, der Lann Horscheidt entgegenschl\u00e4gt, der Unwille, sich damit \u00fcberhaupt auseinanderzusetzen, und der Reflex, auch in den Medien, zur Diffamierung. Es scheint da Leute zu geben, die die Herausforderung, dass es Menschen gibt, die anders sind als sie und als sie es f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tten, einfach nicht ertragen.<\/p>\n<p>Lann Horscheidt wirkt <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/profx-als-geschlechtergerechte-sprache-fuer-professoren-13268220.html\">im Vergleich zu ihren Gegenspielern<\/a> verbl\u00fcffend <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/frage-des-tages-neutrale-sprache-ist-das-x-die-loesung.2156.de.html?dram:article_id=303691\">wenig radikal<\/a>. Vor allem, wenn er oder sie formuliert, <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/rotebrezel\/ich-haenge-nicht-an-der-x-form\">dass es doch eine Bereicherung sei<\/a>, auf andere Sichtweisen, fremde Lebenswelten, unbekannte Blicke auf die Welt zu sto\u00dfen, sich darauf einzulassen und damit auseinanderzusetzen. <\/p>\n<p>Andersartigkeit zun\u00e4chst einmal als Bereicherung empfinden, nicht als Zumutung. Warum sollten unsere Komfortzonen so eng zugeschnitten sein, dass wir sie verlassen m\u00fcssen, um Vielfalt zu akzeptieren?<\/p>\n<p>&#8222;Wichtig ist, dass wir unsere Komfortzone verlassen&#8220;, hat der ARD-Toleranz-Beauftragte gesagt. Im Rahmen dieser Themenwoche fand dann im HR-Fernsehen auch eine Diskussion mit dem selbsterkl\u00e4rten &#8222;homophoben&#8220; Matthias Matussek statt. Und der Moderator und Redaktionsleiter Meinhard Schmidt-Degenhard <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/fernsehen\/sendungen\/index.jsp?rubrik=69746\">rechtfertigte sich hinterher noch mit dem Satz<\/a>: &#8222;Meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsl\u00e4ufig menschenverachtend.&#8220;<\/p>\n<p>Aus dieser Komfortzone werden wir gerade gr\u00fcndlich vertrieben: aus dem Glauben, dass wir hinter bestimmte Standards nicht mehr zur\u00fcckfallen w\u00fcrden. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/toleranzbrot.jpeg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<small>Symbolfoto: ARD<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rede in der Frankfurter Paulskirche am 1. Dezember 2014 auf Einladung der Aids-Hilfe. Foto: ARD Im vergangenen Monat veranstaltete die ARD eine &#8222;Themenwoche&#8220; zum Thema &#8222;Toleranz&#8220;. Der Sender warb daf\u00fcr mit mehreren Motiven. 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