{"id":20470,"date":"2015-02-01T21:20:21","date_gmt":"2015-02-01T20:20:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=20470"},"modified":"2015-02-07T22:30:10","modified_gmt":"2015-02-07T21:30:10","slug":"die-20-uhr-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/20470\/die-20-uhr-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Die 20-Uhr-Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><b>Die &#8222;Tagesschau&#8220; inszeniert t\u00e4glich ihre eigene politische Realit\u00e4t. Zweifel daran sind unerw\u00fcnscht.<\/b><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/asow.jpeg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Da ist sie wieder, die Wolfsangel auf der schwarzen Sonne, das markante Symbol der rechtsextremen ukrainischen Asow-Miliz. Man sieht sie kurz als Abzeichen auf den Uniformen der M\u00e4nner, von denen sich Udo Lielischkies gerade hat erkl\u00e4ren lassen, was sie von der Ank\u00fcndigung der Separatisten halten, eine Gro\u00dfoffensive auf Mariupol zu starten. &#8222;Wir haben keinen Anlass, den Terroristen nicht zu glauben, die ihre Pl\u00e4ne so offen aussprechen&#8220;, sagt einer der K\u00e4mpfer ins ARD-Mikrofon. &#8222;Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden die K\u00e4mpfe anfangen, denn: Frieden kann es nur nach einem Sieg geben.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist Sonntag der vergangenen Woche, der Tag, nachdem Raketenangriffe von Separatisten auf ein Wohngebiet in Mariupol mindestens 30 Menschen get\u00f6tet und viele verletzt haben. <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/multimedia\/video\/video-57337.html\">ARD-Korrespondent Lielischkies ist vor Ort.<\/a><\/p>\n<p>Er zeigt noch einmal die Zerst\u00f6rungen, spricht von einer &#8222;Welle der Solidarit\u00e4t&#8220;, die durch das ganze Land gehe, und sagt, man d\u00fcrfe wohl vermuten, &#8222;dass dieser Raketenangriff und seine f\u00fcrchterlichen Folgen die westlichen Staaten zwingen wird, vielleicht ihren Druck auf Moskau weiter zu erh\u00f6hen&#8220;. Dann folgt das kurze Gespr\u00e4ch mit dem Mann in Uniform, mit dem markigen Satz vom Frieden nur nach dem Sieg, der eine interessante, aber unbemerkte Parallele bildet zu der Meldung kurz zuvor, dass Au\u00dfenminister Steinmeier den prorussischen Rebellen vorwerfe, den Konflikt milit\u00e4risch l\u00f6sen zu wollen.<\/p>\n<p>Vorgestellt wird der Gespr\u00e4chspartner nur als einer der &#8222;Kiew-treuen Verteidiger&#8220;. Um wen es sich bei dem Soldaten handelt, erf\u00e4hrt der &#8222;Tagesschau&#8220;-Zuschauer nicht. Auch nicht, dass er einem Freiwilligen-Bataillon angeh\u00f6rt, das von Rechtsextremen gegr\u00fcndet wurde und von europ\u00e4ischen Neonazis unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n<p>Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Kritiker, die ARD und ZDF eine einseitig anti-russische Berichterstattung vorwerfen, haben das mehrmals in den vergangenen Monaten daran festgemacht, dass das Wolfsangel-Symbol unkommentiert im Bild zu sehen war oder die Mitglieder des Asow-Bataillons, die es tragen, nicht entsprechend eingeordnet wurden.<\/p>\n<p>Ein Leipziger Verein hat wegen der angeblich &#8222;bewussten Verharmlosung der Tr\u00e4ger verbotener faschistischer Symbole und Kennzeichen&#8220; mehrere Programmbeschwerden eingereicht, mit denen sich die Hierarchien in den Sendern auseinandersetzen mussten. An einer fehlenden Sensibilisierung kann es eigentlich nicht liegen.<\/p>\n<p>Kai Gniffke, der Chefredakteur von &#8222;ARD-aktuell&#8220;, sagt, die politische Einordnung der Kompanie Asow sei &#8222;dann von besonderer Relevanz, wenn Mitglieder in einem politischen Kontext interviewt werden, etwa bei einer Demonstration vor der Rada in Kiew. Dann muss in jedem Fall deutlich gemacht werden, vor welchem Hintergrund Forderungen von Asow-Mitgliedern zu sehen sind. Im angesprochenen Fall befragte Udo Lielischkies, seit Tagen unter schwierigen Bedingungen im Kriegsgebiet, seinen Gespr\u00e4chspartner zu rein milit\u00e4rischen Aspekten. Da diese Asow-Kompanie das R\u00fcckgrat der Mariupol-Verteidigung bildet und regul\u00e4re Armee-Einheiten nicht f\u00fcr eine Befragung zur Verf\u00fcgung standen, gab es vor Ort zu dieser Zeit keinen alternativen, vergleichbaren Gespr\u00e4chspartner.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4re nicht gerade das, wenn es so war, eine interessante, wichtige Information gewesen? Und \u00e4ndert diese Tatsache etwas an der Notwendigkeit, die Zuschauer dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, mit wem man da redet?<\/p>\n<p>Gniffke sagt: &#8222;Bei der gebotenen Verdichtung von Informationen f\u00fcr einen kurzen Nachrichtenbeitrag k\u00f6nnen nicht in allen Beitr\u00e4gen alle Hintergundinformationen geliefert werden.&#8220; Das steht au\u00dfer Frage. Aber was sagt es aus \u00fcber eine Nachrichtensendung, wenn sie die Informationen so &#8222;verdichten&#8220; muss, dass sie ihren Zuschauern nicht einmal in einem Halbsatz eine Einordnung ihrer Gespr\u00e4chspartner geben kann? Welchen Informationswert hat dann das Gesagte, wenn der Zuschauer nicht wei\u00df, wer es eigentlich sagt?<\/p>\n<p>Einige Kritiker unterstellen ARD und ZDF (und den Medien allgemein), dass sie Informationen etwa \u00fcber die zwielichtigen ukrainischen Freiwilligen-Bataillone bewusst verschweigen &#8211; was die Beschuldigten vehement zur\u00fcckweisen. Aber es geht nicht nur um angebliche Voreingenommenheit oder Parteilichkeit in der Berichterstattung. Die Auseinandersetzung wirft auch die Frage auf, welche Anspr\u00fcche man an Nachrichtensendungen im Fernsehen stellen darf &#8211; insbesondere an das f\u00fcnfzehnmin\u00fctige Format, das immer noch rund neun Millionen Menschen um 20 Uhr einschalten.<\/p>\n<p>Die ARD schickt Korrespondenten wie Udo Lielischkies in den gef\u00e4hrlichen Einsatz in Kriegs- und Krisengebiete &#8211; und dann m\u00fcssen die &#8222;Tagesschau&#8220;-Berichte, die sie von dort schicken, in ein Korsett passen, das so eng ist, dass nicht einmal elementare Fragen beantwortet werden k\u00f6nnen? Und auf Beschwerden, wegen irgendwelcher Unzul\u00e4nglichkeiten, Ungenauigkeiten oder Fehler, hei\u00dft es dann, dass halt die Zeit nicht ausreiche, man aber selbstverst\u00e4ndlich in anderen Sendungen im Programm ausf\u00fchrlich berichtet habe?<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit der &#8222;Tagesschau&#8220;, aus Nachrichten ein Ritual zu machen, ist legend\u00e4r. Die Verpackung hat sich in den vergangenen Jahren ge\u00e4ndert, die Kamerafahrt durchs Studio am Anfang t\u00e4uscht Bewegung vor, die Sprecherinnen und Sprecher d\u00fcrfen die Zuschauer inzwischen freundlich begr\u00fc\u00dfen und verabschieden, und der Ton mag nicht mehr ganz so verlautbarungshaft sein. Aber der Kern der Sendung scheint \u00fcber all die Jahre derselbe geblieben zu sein: vorfahrende Autos, sich hinsetzende Politiker, Bilder vom Krieg. Eine &#8222;Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/georg-diez-schuldenschnitt-fuer-griechenland-und-mediale-rhetorik-a-1015864.html\">wie Georg Diez es auf &#8222;Spiegel Online&#8220; genannt hat<\/a>.<\/p>\n<p>Die Menschen, die in Autos vor irgendwelchen Regierungs- oder Konferenzgeb\u00e4ude vorfahren, scheinen diejenigen zu sein, die die Nachrichten nicht nur machen, sondern von ihnen auch am meisten betroffen sind. Die Menschen, die vorfahren, \u00e4ndern sich und die Orte. In diesen Tagen sind es vor allem Br\u00fcssel und Athen.<\/p>\n<p>Wenn ein neuer Protagonist Teil dieses Rituals wird, w\u00fcrdigt die &#8222;Tagesschau&#8220; auch, wie er sich dabei schl\u00e4gt: &#8222;Der neue griechische Au\u00dfenminister scheint es fast zu genie\u00dfen, im Mittelpunkt zu stehen&#8220;, textet die Reporterin, w\u00e4hrend wir sehen, wie er vor den Kameras aus einem Wagen steigt.<\/p>\n<p>R\u00e4tselhafte S\u00e4tze stehen hier unerkl\u00e4rt vor sich hin. &#8222;Der neue Mann an der Spitze des griechischen Finanzministeriums habe bereits mit mehreren EU-Kollegen gesprochen und sei auf ein Klima der Vernunft getroffen&#8220;, hei\u00dft es einmal, und man wei\u00df nicht einmal, wer da in indirekter Rede spricht, geschweige denn, was ein &#8222;Klima der Vernunft&#8220; konkret sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wenn alle Autos vor- und wieder abgefahren sind, kommt der Korrespondent ins Bild und sagt, was das zu bedeuten hat. Im Hintergrund sieht man immer die Akropolis, damit der Zuschauer wei\u00df, dass er in Athen ist.<\/p>\n<p>&#8222;Mit geschwellter Brust und geschwollenem Kamm geht diese Regierung an den Start&#8220;, sagt ARD-Mann Peter Dalheimer am Montag. <\/p>\n<p>&#8222;Alexis Tsipras scheint alles andere als konfliktscheu zu sein&#8220;, stellt er am Dienstag an selber Stelle fest.<\/p>\n<p>&#8222;Athen l\u00e4sst die S\u00e4bel rasseln &#8211; stumpfe S\u00e4bel allerdings&#8220;, erg\u00e4nzt seine Kollegin Mira Barthelmann am Mittwoch ebenda. <\/p>\n<p>&#8222;Die L\u00f6wen in Athen und Br\u00fcssel hatten in den vergangenen Tagen gut gebr\u00fcllt&#8220;, erz\u00e4hlt ihre Kollegin Ellen Trapp am Donnerstag vor derselben Kulisse. &#8222;Wie gut, wenn man miteinander spricht.&#8220; Ihre Analyse gipfelt in der Mahnung: &#8222;Er ist der neue griechische Ministerpr\u00e4sident. Das m\u00fcssen in Br\u00fcssel nicht alle gut finden, aber auf jeden Fall sollten sie ihn tolerieren.&#8220;<\/p>\n<p>Sie stehen dort nicht, um uns Dinge zu sagen, die wir noch nicht wissen. Sie stehen dort, um uns Dinge zu sagen, die wir schon wissen; die sie uns am Tag vorher schon gesagt haben und am n\u00e4chsten Tag wieder sagen werden; die unseren Blick auf eine komplexe Entwicklung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengen. Und Politik oft auf das reduzieren, was sie mit Politikern macht.<\/p>\n<p>Hintergr\u00fcnde, Zusammenh\u00e4nge, Widerspr\u00fcche darf man nicht erwarten von der 20-Uhr-&#8222;Tagesschau&#8220;, aber daf\u00fcr gibt es ja viele andere, weniger gesehene Sendungen, in denen das wom\u00f6glich gr\u00fcndlich behandelt wird, und tagesschau.de nat\u00fcrlich, worauf die Fernsehsendung seit Jahren auch schon wieder ritualhaft in jeder Sendung einmal hinweist.<\/p>\n<p>Walter van Rossum hat schon 2007 <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/walter-van-rossum\/die-tagesshow.html\">in seinem Buch &#8222;Tagesshow&#8220;<\/a> geschrieben: &#8222;Im Laufe der Jahrzehnte hat man sich Generationen von Zuschauern herangezogen, die behaupten, durch die &#8218;Tagesschau&#8216; gut informiert zu werden. Und umgekehrt glaubt die &#8218;Tagesschau&#8216; deshalb, gl\u00e4nzend zu informieren. (&#8230;) Die &#8218;Tagesschau&#8216; macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaung\u00e4sten einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen.&#8220; Genau darauf beruhe ihr Erfolg.<\/p>\n<p>Aber w\u00e4hrend die 20-Uhr-&#8222;Tagesschau&#8220; bleibt, was sie war, hat sich die mediale Welt um sie dramatisch ver\u00e4ndert. Pl\u00f6tzlich gibt es so viele Quellen, aus denen das Publikum sich selbst informieren kann, gute und \u00fcble, mit denen es die quasi-amtliche F\u00fcnfzehn-Minuten-Konfektionierung des Tages vergleichen und hinterfragen kann. Pl\u00f6tzlich kann man auch die Sendung selbst noch einmal anhalten und sezieren und die Widerspr\u00fcche entdecken (und Wolfsangel-Symbole), die sich fr\u00fcher einfach versendet h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich formulieren Menschen \u00f6ffentlich auf der Grundlage all dessen Anspr\u00fcche an die Sendung, und die Verantwortlichen scheinen sich konsterniert umzuschauen und zu fragen, wie sie die denn erf\u00fcllen k\u00f6nnen sollen.<\/p>\n<p>Die Diskussion um die Bilder vom &#8222;Republikanischen Marsch&#8220; in Paris vor drei Wochen war erhellend. Die meisten Nachrichtensendungen und Medien, auch die F.A.Z., zeigten die angereisten Spitzenpolitiker aus aller Welt so, als w\u00fcrden sie diese Demonstration tats\u00e4chlich anf\u00fchren. Eine Totale, ein &#8222;establishing shot&#8220;, h\u00e4tte gezeigt, dass sie aus Sicherheitsgr\u00fcnden mit gro\u00dfem Abstand zum Volk in einem abgesperrten Bereich liefen.<\/p>\n<p>&#8222;ARD-aktuell&#8220;-Chef Kai Gniffke hat auf Kritik daran <a href=\"http:\/\/blog.tagesschau.de\/2015\/01\/13\/die-verschwoerung-von-paris\/\">w\u00fctend reagiert<\/a> &#8211; und im Grunde die Anspr\u00fcche, die Kritiker an die &#8222;Tagesschau&#8220; formulierten, als unangemessen zur\u00fcckgewiesen. In der Live-\u00dcbertragung h\u00e4tte man ja die Politiker auch aus anderen Perspektiven sehen k\u00f6nnen. Im \u00dcbrigen sei das &#8222;immer eine Inszenierung&#8220;, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen. Und man solle doch nicht versuchen, &#8222;solche Gesten&#8220;, wie den Auftritt der Politiker, &#8222;gleich als Inszenierung zu diffamieren&#8220;.<\/p>\n<p>Die &#8222;Tagesschau&#8220;, soll das wohl hei\u00dfen, kann es nicht leisten, solche Inszenierungen kenntlich zu machen, und eigentlich will sie es auch nicht. Sie macht sich stattdessen zum Teil dieser Inszenierungen, der kleinen Auftritte wie der gro\u00dfen Narrative, und zu Komplizen: <em>self-embedded journalists<\/em>.<\/p>\n<p>Sie will die &#8222;gro\u00dfe Geste&#8220; der Politiker in Paris nicht dadurch st\u00f6ren, dass sie kurz zeigt, wie weit der Abstand zu den Massen war. Und vielleicht will sie auch die Erz\u00e4hlung vom Kampf tapferer, vereinter Ukrainer gegen skrupellos agierende Separatisten nicht dadurch st\u00f6ren und verkomplizieren, dass sie erw\u00e4hnt, wie zweifelhaft einige der Verteidiger sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;Tagesschau&#8220; inszeniert t\u00e4glich ihre eigene politische Realit\u00e4t. Zweifel daran sind unerw\u00fcnscht. Da ist sie wieder, die Wolfsangel auf der schwarzen Sonne, das markante Symbol der rechtsextremen ukrainischen Asow-Miliz. 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