{"id":21990,"date":"2002-09-01T21:13:47","date_gmt":"2002-09-01T19:13:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=21990"},"modified":"2015-09-11T21:20:28","modified_gmt":"2015-09-11T19:20:28","slug":"die-einzigen-zeugen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/21990\/die-einzigen-zeugen\/","title":{"rendered":"Die einzigen Zeugen"},"content":{"rendered":"<p><b>&#8222;9\/11&#8220;: Jules und G\u00e9d\u00e9on Naudet filmten die Feuerwehrleute beim Einsturz des World Trade Center.<\/b><\/p>\n<p>Der K\u00f6rper eines Menschen, der aus dem 90. Stockwerk eines Hochhauses springt, macht beim Aufprall kein dumpfes &#8222;Fump&#8220;. Es ist ein lautes, krachendes Scheppern, als w\u00fcrde ein Auto aus gro\u00dfer H\u00f6he auf dem Asphalt zerschellen. Es ist ein Ger\u00e4usch, das einen mit entsetzlicher Klarheit begreifen l\u00e4\u00dft, warum ein Feuerwehrmann, der am 11. September von einem Menschen getroffen wurde, der aus dem World Trade Center sprang, sofort tot war.<\/p>\n<p>Alle drei\u00dfig bis vierzig Sekunden h\u00f6rt Jules Naudet dieses Ger\u00e4usch, eine Stunde lang, w\u00e4hrend er in der fensterscheibenlosen Lobby des brennenden Nordturmes steht. Er filmt keinen der Aufschl\u00e4ge. Er filmt nur die Gesichter der Feuerwehrleute, wie sie jedesmal innehalten und ruckartig f\u00fcr eine Sekunde aufschauen &#8211; aber: Das &#8222;nur&#8220; in diesem Satz ist falsch.<\/p>\n<p>Er hat auch die brennende Frau nicht gefilmt, an der er vorbeigegangen ist. Das war keine bewu\u00dfte Entscheidung. Es war das Gef\u00fchl, da\u00df schon, was er aus dem Augenwinkel gesehen hatte, mehr war, als ein Mensch sehen sollte. &#8222;Das Bild war so furchtbar, da\u00df ich bereute, es mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben. Ich wu\u00dfte, da\u00df es nichts Gutes bringen k\u00f6nnte, so ein Bild zu sehen.&#8220; Die Kamera darauf zu richten war keine Option.<\/p>\n<p>Aber Jules Naudet filmt. Er filmt, w\u00e4hrend die Leiter der Brigaden in der Lobby ihre Befehlszentrale aufbauen und immer neue ankommende Trupps in die Treppenh\u00e4user schicken. Er filmt, als eine Welle von Staub und L\u00e4rm und Dunkelheit alles \u00fcberrollt genau in dem Moment &#8211; wie er sp\u00e4ter erfahren wird -, in dem der andere Turm zusammenbricht. Er filmt, wie Chief Joseph Pfeiffer alle Kollegen per Funkger\u00e4t auffordert, den Nordturm sofort zu evakuieren, w\u00e4hrend er durch eine graue Wand eine stillstehende Rolltreppe hoch rennt.<\/p>\n<p>Er leuchtet mit der Lampe seiner Kamera in das Chaos, bis die Feuerwehrleute ihren Geistlichen gefunden und geborgen haben, den sie sp\u00e4ter auf einen Altar legen und mit der Opfernummer 00001 registrieren werden. Er h\u00e4lt die Kamera in der Hand, als der zweite Turm einst\u00fcrzt und er wieder um sein Leben rennt und wieder denkt, da\u00df er jetzt stirbt.<\/p>\n<p>Jules Naudet hat am 11. September die einzigen Aufnahmen aus dem Inneren des World Trade Centers gemacht und vorher die einzigen vom ersten Flugzeug, wie es in den Turm rast. Aber das wei\u00df er in diesem Moment nicht. Was er wei\u00df, ist, da\u00df er wahnsinnig w\u00fcrde, wenn er die Kamera jetzt nicht laufen lie\u00dfe. Wenn er nicht durch den Sucher oder das kleine LCD-Display blicken k\u00f6nnte, mit dem Rahmen, der Distanz, die sie dem Unvorstellbaren geben, das um ihn geschieht. &#8222;Ohne etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, brichst du zusammen.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist eine Kette unglaublicher Zuf\u00e4lle, die dazu f\u00fchrt, da\u00df Jules Naudet, 28, hier mit seiner Kamera steht und sein Bruder G\u00e9d\u00e9on, 31, einen Block weiter das Inferno auf der Stra\u00dfe filmt. Aber Jules spricht nicht von Zufall. Er sagt: &#8222;Geschichte sucht sich einen Zeugen, der alles aufzeichnet, und das waren wir.&#8220; Er sagt das ohne Pathos. Es klingt zwangsl\u00e4ufig. Anders lie\u00dfe sich ihre Geschichte auch kaum erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Sie waren Ende der achtziger Jahre aus ihrer Heimat Paris nach New York gekommen, wo man an der Universit\u00e4t Filmemachen dadurch lernt, da\u00df man einfach eine Kamera in die Hand bekommt und filmt. Sie haben mehrere, sp\u00e4ter preisgekr\u00f6nte Dokumentarfilme gedreht, immer \u00fcber Menschen, in deren Welten sie sich \u00fcber Monate eingearbeitet, eingelebt haben. Weil ein Freund von ihnen, der Schauspieler James Hanlon, seit acht Jahren bei der New Yorker Feuerwehr arbeitet und ihnen immer wieder davon vorschw\u00e4rmt, nehmen sie sich dieses Thema vor.<\/p>\n<p>Ein Jahr dauern die Vorbereitungen. Feuerwehrleute sind verschlossene, skeptische Menschen, zum letzten Mal lie\u00dfen sie sich in New York von der BBC bei der Arbeit zugucken. Das war vor 27 Jahren. Es soll ein Film \u00fcber &#8222;Helden&#8220; werden, \u00fcber &#8222;gew\u00f6hnliche Menschen, die Au\u00dfergew\u00f6hnliches tun&#8220;, wie sie sagen.<\/p>\n<p>Ohne die Hollywood-Klischees vom Feuerwehrmann, der stolz als letzter aus dem brennenden Haus kommt, das Baby im Arm. Sie wollen einen jungen Auszubildenden w\u00e4hrend der neun Monate Probezeit begleiten, sehen, wann und wie ein Junge zum Mann wird &#8211; diese kitschige amerikanische Formulierung.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, da\u00df die Welt auf so einen Film gewartet h\u00e4tte. Alle Fernsehsender sagen dankend ab, die Naudets nehmen Kredite auf, um die Ausr\u00fcstung zu kaufen, und hoffen, da\u00df sie mehr Gl\u00fcck haben, wenn sie erst einmal Bilder zeigen k\u00f6nnen, wie der Neuling seinen ersten Einsatz hat; James Hanlon soll mit einer speziellen Kamera hinter ihm ins Feuer gehen, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Sie finden den perfekten Protagonisten: Tony, 21 Jahre alt, klug, v\u00f6llig unerfahren. Einer mit der schlichten Mission: &#8222;Ich will Menschen helfen. Ich wollte etwas tun, womit ich leben kann. Hiermit kann ich leben.&#8220;<\/p>\n<p>Im Nachhinein pa\u00dft alles zusammen, in fast be\u00e4ngstigendem Ma\u00dfe: Da\u00df Tony in der Feuerwache Ladder 1 in der Douane Street arbeitet, nur ein paar Blocks vom World Trade Center entfernt, wo die beiden T\u00fcrme den nat\u00fcrlichen Hintergrund bei den Aufnahmen vor dem 11. September bilden. Da\u00df Tony monatelang auf sein erstes richtiges Feuer warten mu\u00df. Da\u00df der Anschlag sein erster Einsatz \u00fcberhaupt wird, er aber zun\u00e4chst allein die Wache h\u00fcten mu\u00df, zur\u00fcckgelassen, voller Unruhe, Wut, Frust und vor allem dem Drang, dahin zu gehen, wo die anderen sind.<\/p>\n<p>Da\u00df alle Mitglieder von Ladder 1 \u00fcberleben und heil zur\u00fcckkehren, nur Tony nicht. Da\u00df er erst Stunden nach dem letzten Kollegen eintrudelt &#8211; er hat brav bis zum traditionellen Schichtwechsel ausgehalten. Im Hintergrund die Trag\u00f6die, davor das lang herausgez\u00f6gerte Happy-End &#8211; &#8222;Wenn Hollywood sich das ausgedacht h\u00e4tte, w\u00fcrde man ihnen vorwerfen, die Geschichte w\u00e4re v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig&#8220;, sagt G\u00e9d\u00e9on Naudet. Kein Zweifel.<\/p>\n<p>Die Dramaturgie ist perfekt, nur die Helden sind anders als die aus Hollywood. Diese hier gehen niedergeschlagen nach Hause, am Tag nach dem Desaster, als sie nur einen Menschen lebend aus den Tr\u00fcmmern bergen konnten, und k\u00f6nnen nicht glauben, da\u00df halb New York an den Stra\u00dfen steht und ihnen zujubelt.<\/p>\n<p>G\u00e9d\u00e9on und Jules Naudet h\u00e4tten reich werden k\u00f6nnen mit ihren Aufnahmen. Sie haben nur einen Sekunden-Schnipsel von dem ersten Flugzeugangriff verkauft, um sich von dem Geld neue Videokassetten zu kaufen. Sie haben die besten Angebote abgelehnt, weil sie das Gef\u00fchl hatten, da\u00df es den meisten nur auf das Sensationelle ankam, nicht auf &#8222;Respekt&#8220;. Sie wollten die Geschichten der Feuerwehrleute erz\u00e4hlen und nicht nur die Schl\u00fcsselszenen zeigen, in Zeitlupe, mit kitschiger Musik, immer und immer wieder.<\/p>\n<p>Vorher stand die Aufgabe, alle Feuerwehrleute, die Jules in der Lobby gefilmt hat, die vielleicht nur f\u00fcr eine Sekunde halb verdeckt zu sehen sind, zu identifizieren und die Aufnahmen den Angeh\u00f6rigen zu zeigen. 74 der 343 Feuerwehrm\u00e4nner, die an diesem Tag starben, waren auf seinem Film.<\/p>\n<p>&#8222;9\/11&#8220;, wie der Film im Original hei\u00dft, wird am 11. September noch einmal auf CBS gezeigt &#8211; und auf 142 Sendern der Welt, darunter Al-Dschazira. Der Gro\u00dfteil der Einnahmen geht an eine Stiftung, die den Kindern von get\u00f6teten Feuerwehrleuten eine Zukunft erm\u00f6glichen will.<\/p>\n<p>In Deutschland zeigt das Erste den Film. Der NDR hat den Br\u00fcdern angeboten, ihre n\u00e4chsten beiden Projekte mitzufinanzieren &#8211; nicht nur das n\u00e4chste, weil das nach der besonderen Aufmerksamkeit von &#8222;9\/11&#8220; schwierigem Druck ausgesetzt sei, sagt NDR-Kulturchef Thomas Schreiber.<\/p>\n<p>&#8222;Alle werden vom n\u00e4chsten Film entt\u00e4uscht sein&#8220;, sagt G\u00e9d\u00e9on Naudet. &#8222;Wir k\u00f6nnen es nicht erwarten, damit anzufangen. Und dann geraten wir langsam wieder in Vergessenheit.&#8220; Es ist ihm unangenehm, seit Wochen durch die Welt zu reisen und im Mittelpunkt zu stehen.<\/p>\n<p>Alles hat sich f\u00fcr sie am 11. September 2001 ge\u00e4ndert. &#8222;Man \u00fcberdenkt die Priorit\u00e4ten im Leben&#8220;, sagt Jules Naudet. &#8222;Es sind nicht Geld, Ruhm, Macht. Es sind Familie, Freunde und etwas im Leben zu tun, worauf man stolz ist.&#8220; Er hat kurz danach geheiratet, in der Feuerwache, seine Frau ist schwanger. Jules und G\u00e9d\u00e9on sind immer wieder bei Ladder 1. &#8222;Es f\u00fchlt sich wie ein sicherer Ort an&#8220;, sagt Jules. So wie die Anwesenheit und organisierte Routine der Feuerwehrleute ihm das Gef\u00fchl von Sicherheit gegeben haben, als er mit ihnen in der Lobby des Nordturms stand. Was eine Illusion war und doch die Wahrheit.<\/p>\n<p>Sie geben den beiden am Tag danach Feuerwehruniformen und nehmen sie heimlich mit zum &#8222;Ground Zero&#8220;. Drei Wochen lang graben sie mit den anderen, mit blo\u00dfen H\u00e4nden, Schaufeln und Plastikeimern, in Schutt, in dem das gr\u00f6\u00dfte zusammenh\u00e4ngende Einzelteil, das einer herausfischt, eine halbe Telefontastatur ist. Zwischendurch filmen sie, vor allem, weil die Feuerwehrm\u00e4nner darauf bestehen.<\/p>\n<p>Dann treibt sie das Adrenalin, ihre B\u00e4nder noch einmal durchzusehen und mit der Arbeit am Film zu beginnen. Sie durchleben noch einmal die Todesangst oder bekommen die Wut, weil es so unfa\u00dfbar ist, in dieser Situation, auf der Stra\u00dfe, im Staub, hinter einem Auto, einen Feuerwehrmann auf und einen verschwindenden Wolkenkratzer neben sich, eine Kamera weiterlaufen zu lassen.<\/p>\n<p>Es kostet alle Kraft, dann auch noch eine Version f\u00fcr DVD zu produzieren und die franz\u00f6sische Synchronisation zu beaufsichtigen. Aber auch Therapie ist das, die D\u00e4monen vertreiben, dadurch, da\u00df man das Geschehene wieder und wieder erlebt. Inzwischen sind sie soweit, da\u00df sie ihren Film nicht mehr sehen wollen und k\u00f6nnen. Aber &#8222;die Angst hat uns nie verlassen&#8220;, sagt G\u00e9d\u00e9on Naudet. Die schlaflosen N\u00e4chte, die Anspannung, die Schuldgef\u00fchle. Wann wurde ihnen klar, da\u00df sie nicht nur riesiges Pech hatten, in diesem Moment an diesem Ort gewesen zu sein, sondern auch eine Art Gl\u00fcck, das Elend, den Einsatz, den Mut f\u00fcr die Nachwelt festhalten zu k\u00f6nnen? &#8222;Gar nicht. Ich w\u00fcnschte bis heute, ich w\u00e4re nicht dabeigewesen.&#8220; Am 11. September 2002 werden G\u00e9d\u00e9on und Jules Naudet in New York im Feuerwehrhaus sitzen, mit allen Br\u00fcdern aus der Wache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;9\/11&#8220;: Jules und G\u00e9d\u00e9on Naudet filmten die Feuerwehrleute beim Einsturz des World Trade Center. Der K\u00f6rper eines Menschen, der aus dem 90. Stockwerk eines Hochhauses springt, macht beim Aufprall kein dumpfes &#8222;Fump&#8220;. Es ist ein lautes, krachendes Scheppern, als w\u00fcrde ein Auto aus gro\u00dfer H\u00f6he auf dem Asphalt zerschellen. 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