{"id":220,"date":"2007-01-14T15:02:36","date_gmt":"2007-01-14T14:02:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/come-on-reader-make-my-day\/"},"modified":"2007-01-14T15:02:36","modified_gmt":"2007-01-14T14:02:36","slug":"come-on-reader-make-my-day","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/220\/come-on-reader-make-my-day\/","title":{"rendered":"&#8222;Come on reader, make my day&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es war der Vormittag des 28. Dezember 2006, und Toby Harnden, USA-Chef der britischen Zeitung &#8222;Daily Telegraph&#8220;, sa\u00df in seinem B\u00fcro in Washington und hatte ein Problem. Die Hinrichtung Saddam Husseins schien unmittelbar bevorzustehen, aber was auch unmittelbar bevorstand, war der Redaktionsschluss der Zeitung. Das Interesse der Menschen, etwas \u00fcber das Geschehen in Bagdad zu erfahren, w\u00fcrde am n\u00e4chsten Morgen vermutlich riesengro\u00df sein, und der &#8222;Daily Telegraph&#8220; fand, dass dieses Geschehen deshalb in der Zeitung nicht fehlen durfte. Aber da es zuvor bereits Dutzende Hinrichtungen gegeben hatte und Iraker und Amerikaner die Journalisten \u00fcber den Ablauf informiert hatten, dachte Harnden, er k\u00f6nnte vorab ein fundiertes St\u00fcck schreiben, was wohl geschehen werde. Bzw., aus Sicht der Leser, was wohl geschehen ist.<\/p>\n<p>Es war keine gute Entscheidung.<\/p>\n<p>Harndens St\u00fcck erschien am 29. Dezember und beschrieb h\u00f6chst detailliert die Hinrichtung, die es h\u00e4tte werden sollen. Der Artikel <em><a href=\"http:\/\/blogs.guardian.co.uk\/organgrinder\/2007\/01\/telegraph_executes_saddam_blog.html#more\">[zu lesen hier in den Kommentaren]<\/a><\/em> machte an verschiedenen Stellen deutlich, dass er vor dem tats\u00e4chlichen Geschehen geschrieben wurde. Doch das minderte seine Peinlichkeit nur minimal, als sich herausstellte, wie sehr die tats\u00e4chliche Prozedur von der theoretischen abwich. Die Zeitung hatte f\u00fcr den Artikel zudem ausgerechnet die \u00dcberschrift &#8222;Humiliated and hooded&#8230;&#8220; gew\u00e4hlt, so dass einer der vielen Fehler auch noch herausstach (Saddam trug keine Maske) .<\/p>\n<p>Nun l\u00e4sst der &#8222;Daily Telegraph&#8220; in seinem Internetangebot <a href=\"http:\/\/blogs.telegraph.co.uk\/\">eine Reihe von Kolumnisten und Korrespondenten bloggen<\/a>, und Harnden nutzte <a href=\"http:\/\/blogs.telegraph.co.uk\/foreign\/tobyharnden\/\">sein Blog<\/a>, um die Geschichte hinter dieser Geschichte zu erz\u00e4hlen. Er antwortete dort einem Kritiker, der ihm eine heftige Beschwerde-E-Mail geschrieben hatte:<\/p>\n<blockquote><p>You&#8217;re right that writing about Saddam&#8217;s hanging before it happened was not my finest hour. It was one of those tricky journalistic challenges when no matter how much you hedge and speculate, the reality will always mischievously diverge from the finely-turned piece one filed.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er begr\u00fcndete die Idee, die Hinrichtung zu beschreiben, bevor sie \u00fcberhaupt stattgefunden hatte, mit dem Leser-Interesse gerade an den makaberen Details der Prozedur. Er beschrieb die \u00dcberlegungen in der Redaktion und erkl\u00e4rte das Geschehen mit der Schwierigkeit der &#8222;alten Medien&#8220; mit ihren feststehenden Deadlines und den Komplikationen, \u00fcber verschiedene Zeitzonen zu schreiben.<\/p>\n<p>Harndens Erkl\u00e4rungen waren nicht immer \u00fcberzeugend und warfen kein gutes Licht auf die faulen Kompromisse, die die Print-Journalisten bereit waren einzugehen, um den Nachteil des fr\u00fchen Redaktionsschlusses zu verschleiern. Aber sie waren beeindruckend offen und transparent &#8211; einem Blog angemessen.<\/p>\n<p>Diese Offenheit zahlte sich nicht aus. In Dutzenden Kommentaren wurde Harnden teils heftig beschimpft. Am Donnerstag wurde es dem &#8222;Daily Telegraph&#8220; wohl zuviel mit der Transparenz &#8211; er entfernte den Eintrag mitsamt den Kommentaren ohne Erkl\u00e4rung von der Seite. Ein Sprecher der Zeitung sagte sp\u00e4ter, dies sei aus <a href=\"http:\/\/media.guardian.co.uk\/presspublishing\/story\/0,,1989518,00.html\">&#8222;rechtlichen Gr\u00fcnden&#8220;<\/a> geschehen.<\/p>\n<p>Und der &#8222;Telegraph&#8220; belie\u00df es nicht dabei. Seine Blogger sollen <a href=\"http:\/\/media.guardian.co.uk\/presspublishing\/story\/0,,1989277,00.html\">nach einem Bericht des &#8222;Guardian&#8220;<\/a> nun nicht mehr \u00fcber die Zeitung selbst oder Kunstgriffe und Praktiken der Branche schreiben und ihre Eintr\u00e4ge vor der Ver\u00f6ffentlichung von einem Redakteur gegenchecken lassen.<\/p>\n<p>Der &#8222;Telegraph&#8220;-Online-Nachrichtenchef Shane Richmond teilte seinen bloggenden Kollegen mit, dass  Beschimpfungen des Bloggers oder von Lesern nicht mehr geduldet w\u00fcrden, und riet ihnen, auf solche ausf\u00e4lligen Leser auch nicht in den Kommentaren einzugehen. Vor allem aber warnte er sie:<\/p>\n<blockquote><p>Please avoid blogging about your relationship with your employer, whether the Telegraph Media Group as an entity, &#8218;the desk&#8216; or &#8218;my boss&#8216;, even in jest. Such comments are frequently misconstrued and can easily backfire.<\/p>\n<p>Think carefully before blogging about journalistic &#8218;tricks of the trade&#8216;. We don&#8217;t want to discourage this because it is one of the things people enjoy reading on the blogs but please be aware of anything that could be misunderstood or turned against you.<\/p><\/blockquote>\n<p>In seinem urspr\u00fcnglichen Eintrag <a href=\"http:\/\/dreams-and-daemons.blogspot.com\/2007\/01\/telegraph-pulls-toby-harnden-blog.html\"><em>[zu finden hier unter den Kommentaren]<\/em><\/a> hatte Harnden noch unter der \u00dcberschrift <a href=\"http:\/\/bp3.blogger.com\/_4Axma_NRYXk\/RaakWSJKwBI\/AAAAAAAAAOY\/6e0sieUE6OQ\/s1600-h\/tobyblog.jpg\">&#8222;Come on reader, make my day&#8220;<\/a> geschrieben, er k\u00f6nne mit dem heftigen, direkten Feedback der Leser in der heutigen Zeit umgehen. Seine Zeitung kann es offenkundig nicht. Und sie l\u00e4sst ihn nicht einmal mehr das Dilemma selbst thematisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war der Vormittag des 28. Dezember 2006, und Toby Harnden, USA-Chef der britischen Zeitung &#8222;Daily Telegraph&#8220;, sa\u00df in seinem B\u00fcro in Washington und hatte ein Problem. Die Hinrichtung Saddam Husseins schien unmittelbar bevorzustehen, aber was auch unmittelbar bevorstand, war der Redaktionsschluss der Zeitung. 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