{"id":22346,"date":"2015-07-19T22:26:56","date_gmt":"2015-07-19T20:26:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=22346"},"modified":"2016-01-04T22:28:42","modified_gmt":"2016-01-04T21:28:42","slug":"ein-anwalt-fuer-die-leser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/22346\/ein-anwalt-fuer-die-leser\/","title":{"rendered":"Ein Anwalt f\u00fcr die Leser"},"content":{"rendered":"<p><b>Ombudsleute vermitteln weltweit zwischen Redaktion und Leser. In Deutschland aber selten.<\/b><\/p>\n<p>Der &#8222;Spiegel&#8220; Titel der vergangenen Woche war etwas kontrovers. &#8222;Unsere Griechen&#8220;, stand da, &#8222;Ann\u00e4herung an ein seltsames Volk&#8220;. Ein Angeh\u00f6riger dieser merkw\u00fcrdigen Gattung war darunter gezeichnet, schnurrb\u00e4rtig, dickb\u00e4uchig, Zigarette im Mund, Ouzo in der Hand, Sirtaki tanzend, im Arm einen rotgesichtigen, widerwilligen Deutschen im Fu\u00dfballtrikot, der krampfhaft sein Geld festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Als auf Twitter und Facebook Kritik an dem Cover laut wurde, reagierte Chefredakteur Klaus Brinkb\u00e4umer mit einem Eintrag im &#8222;Spiegel-Blog&#8220;. Er fragte die Leserinnen und Leser: &#8222;Darf man in Krisenzeiten dennoch Humor haben? Karikaturen drucken? Auf einem Titelbild?&#8220; Rhetorische Fragen, aber sicherheitshalber schrieb er die richtige Antwort dazu: &#8222;Ja, nat\u00fcrlich.&#8220;<\/p>\n<p>Er forderte die Kritiker dazu auf, genauer hinzusehen, und erkl\u00e4rte, dass es sich eben um eine Karikatur handele. Auf inhaltliche Kritik, auch an den Titelzeilen, ging er nicht ein.<\/p>\n<p>Nicht alles, was wie ein Dialog aussieht, ist eine gelungene Kommunikation. Eine Debatte mit dem Publikum oder den Kritikern kam nicht zustande. Es h\u00e4tte geholfen, wenn Brinkb\u00e4umer anders reagiert h\u00e4tte. Es h\u00e4tte aber vielleicht auch geholfen, wenn jemand anderes reagiert h\u00e4tte. Wenn der &#8222;Spiegel&#8220; eine Instanz h\u00e4tte, die in solchen &#8211; und ungleich brisanteren &#8211; F\u00e4llen vermitteln k\u00f6nnte zwischen Lesern und Journalisten. Wenn es jemanden geben w\u00fcrde, der sich die Entscheidungen von der Redaktion erkl\u00e4ren l\u00e4sst, und die Kritik der Leser zusammenfasst.<\/p>\n<p>Er m\u00fcsste am Ende nicht einmal unbedingt, wie ein Schiedsrichter, ein Urteil f\u00e4llen. Es w\u00fcrde reichen, wenn er ein konstruktives, kontroverses Gespr\u00e4ch erm\u00f6glichen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste eine solche Instanz nicht einmal neu erfinden. Sie ist vor Jahrzehnten schon erfunden worden. Es gibt sie in vielen Redaktionen auf der Welt. Es ist die eines Ombudsmanns oder einer Ombudsfrau. In Deutschland ist sie allerdings weitgehend unbekannt, und es gibt kaum Anzeichen daf\u00fcr, dass sich das \u00e4ndern wird. Dabei k\u00f6nnte gerade sie in Zeiten, in denen Glaubw\u00fcrdigkeit f\u00fcr Medien eine so kritische Gr\u00f6\u00dfe ist, ein gutes Mittel sein, um Vertrauen zu schaffen. Wenn man, wie der T\u00fcbinger Medienwissenschaftler Bernhard P\u00f6rksen, eine akute Beziehungskrise zwischen Publikum und Medien diagnostiziert, scheint es naheliegend, bei der Therapie auf Vermittler zu setzen.<\/p>\n<p>&#8222;Ombudsleute k\u00f6nnen sehr viel erreichen: Verst\u00e4ndnis wecken, Br\u00fccken bauen, Glaubw\u00fcrdigkeit st\u00e4rken&#8220;, sagt Stephan Ru\u00df-Mohl von der Universit\u00e4t Lugano. Der Publizistik-Professor wirbt schon lange daf\u00fcr und ger\u00e4t fast in Rage, wenn man mit ihm dar\u00fcber redet. Chefredakteure und Verlage n\u00e4mlich seien &#8222;erstaunlich unsensibel&#8220;, was das Thema der Media Accountability, der Rechenschaftspflicht von Medien, angehe. Insofern &#8222;geschieht es ihnen recht&#8220;, wenn sie feststellen, dass es mit dem Vertrauen des Publikums nicht weit her sei. Und Vertrauen sei Voraussetzung f\u00fcr Zahlungswillen. &#8222;Deshalb wundere ich mich umso mehr, dass es nicht gelingt, die simple Wahrheit an den Mann zu bringen.&#8220; Schon rein \u00f6konomisch spreche viel f\u00fcr Ombudsleute: &#8222;Sie kosten nicht viel und k\u00f6nnen viel bewirken.&#8220; Anton Sahlender bezeugt das gerne. Er ist &#8222;Leseranwalt&#8220; der W\u00fcrzburger &#8222;Main-Post&#8220;. Als Redakteur der Zeitung und langj\u00e4hriger Stellvertreter des Chefredakteurs ist er seit kurzem im Ruhestand, aber als Ombudsmann macht er noch weiter: &#8222;Da bin ich \u00dcberzeugungst\u00e4ter.&#8220; Die Zeitung erkl\u00e4rt die Funktion, die er seit elf Jahren innehat, kurz so: &#8222;Als Leseranwalt vertritt er die Interessen der Leser in der Redaktion.&#8220;<\/p>\n<p>Sahlender erkl\u00e4rt in seinen Kolumnen, warum die Redaktion Polizisten auf einem Foto unkenntlich gemacht hat (und warum das eigentlich rechtlich gar nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re). Er diskutiert die heikle Berichterstattung \u00fcber den 16-j\u00e4hrigen Sohn von Michael Schumacher als Rennfahrer. Er kritisiert Fehler in der Zeitung, w\u00e4gt Argumente von Beschwerdef\u00fchrern ab, erl\u00e4utert die Entscheidungsprozesse und Motive der Redaktion. Und zwischendurch schreibt er noch eine Ode an die Leserbriefschreiber an sich.<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;Zur Neutralit\u00e4t des Leseranwaltes zwischen zwei St\u00fchlen, von denen einer dem Br\u00f6tchengeber geh\u00f6rt&#8220; erkl\u00e4rt er ausf\u00fchrlich, wie er seine Rolle versteht. Seine Antwort auf die Frage: &#8222;K\u00f6nnte mir bitte jemand erkl\u00e4ren, warum Leser einen Anwalt brauchen?&#8220; beendet er damit, dass er sich mit dem Wunsch eines Lesers identifiziert, der schrieb: &#8222;Mir reicht es, wenn die Redaktion zus\u00e4tzlich zum Pressekodex das Gewissen als eigene Instanz einschaltet.&#8220; Sahlender f\u00fcgt hinzu: &#8222;Dabei will ich helfen.&#8220;<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit findet nicht in der \u00d6ffentlichkeit statt, sondern in Gespr\u00e4chen mit Kollegen. &#8222;Es gibt einen Effekt nach innen&#8220;, sagt er. &#8222;Die ganze Redaktion ver\u00e4ndert ihr Handeln; das Nachdenken \u00fcber die Arbeit nimmt zu.&#8220; Dar\u00fcber hinaus gehe es um etwas, das im Journalismus erstaunlicherweise manchmal weniger selbstverst\u00e4ndlich erscheint als in anderen Branchen: &#8222;Beschwerdemanagement&#8220;. Leser bek\u00e4- men schneller Antwort; oft entsch\u00e4rfe er einen Streit, auch die Anrufung des Presserates er\u00fcbrige sich manchmal. &#8222;Ich pflege auch auf Idioten zu antworten&#8220;, sagt Sahlender, denn wenn man Beschimpfungen und Unterstellungen abziehe, bleibe oft genug ein sachlicher Anlass f\u00fcr den \u00c4rger. Was genau er erreicht hat f\u00fcr die Wahrnehmung der &#8222;Main-Post&#8220;, kann er nicht sagen. &#8222;Aber wenn es sinnlos w\u00e4re, h\u00e4tte ich l\u00e4ngst hingeschmissen.&#8220;<\/p>\n<p>Sahlender war der erste Ombudsmann in Deutschland. Inzwischen leitet er eine &#8222;Vereinigung der Medien-Ombudsleute&#8220;, die gerade einmal elf solche Institutionen umfasst, darunter auch den &#8222;Leserbotschafter&#8220; des &#8222;Hamburger Abendblattes&#8220;, obwohl der sich vor allem um Beschwerden der Leser \u00fcber Beh\u00f6rden und Unternehmen k\u00fcmmert. Gruppen wie die &#8222;Initiative Qualit\u00e4t im Journalismus&#8220; fordern schon lange mehr Ombudsleute in den Medien &#8211; aber es tut sich fast nichts, nicht einmal jetzt, wo viele ein zerr\u00fcttetes Verh\u00e4ltnis zwischen Teilen des Publikums und der Medien beklagen. &#8222;Ombudsleute w\u00e4ren mehr denn je notwendig, obwohl das Konzept so altmodisch klingt&#8220;, sagt Sahlender. &#8222;Aber viele Chefredakteure f\u00fcrchten, die Deutungshoheit zu verlieren.&#8220;<\/p>\n<p>Allerdings geschieht das heute ohnehin schon, in Form von Kritik, die Leser im Internet, in Kommentaren und Blogs, auf Facebook und Twitter \u00fcben. Ombudsleute und andere Formen der Selbstreflexion w\u00e4ren eine Chance, den Lesern eine eigene Stimme hinzuzuf\u00fcgen, &#8222;nicht den Trolls und Hasspredigern das Feld zu \u00fcberlassen&#8220;, wie Ru\u00df-Mohl es formuliert.<\/p>\n<p>Um der Idee von Ombudsleuten in Deutschland zum Durchbruch zu verhelfen, m\u00fcsste ein gro\u00dfes Leitmedium sie aufnehmen, meint Ru\u00df-Mohl, aber damit ist vorerst nicht zu rechnen. Der stellvertretende Chefredakteur des &#8222;Spiegels&#8220;, Alfred Weinzierl, sagt zwar, dass man mehr &#8222;in den Dialog&#8220; mit den Lesern geht als fr\u00fcher &#8211; aber von der Einrichtung eines Ombudsmannes bei Medien hat er noch nie etwas geh\u00f6rt. Bei der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; gibt es einen Mann, der sich im Lokalen um Anliegen von Abonnenten k\u00fcmmert, und &#8222;Leserdialogteams&#8220; &#8211; das erkl\u00e4rte Ziel sei es, dass inhaltliche Bedenken und Fragen angenommen w\u00fcrden und dass jeder Leser eine Antwort bekomme. Berthold Kohler, einer der Herausgeber dieser Zeitung, sagt, die Einsetzung eines Ombudsmanns sei bisher kein Thema in der F.A.Z. gewesen. &#8222;Daraus schlie\u00dfe ich, dass ich nicht der Einzige in unseren Reihen bin, der auch in Streitf\u00e4llen den direkten Kontakt mit den Lesern bevorzugt.&#8220;<\/p>\n<p>Die &#8222;Welt&#8220; l\u00e4sst ausrichten, man finde die Idee von Ombudsleuten &#8222;generell gut&#8220; und besch\u00e4ftige sich auch damit. Aktuell setze man den Dialog mit den Lesern vor allem \u00fcber Social Media um. Der Chefredakteur der &#8222;Welt&#8220; habe dar- \u00fcber hinaus einen Referenten, zu dessen Aufgaben es geh\u00f6rt, m\u00f6gliche Konfliktf\u00e4lle im Dialog zwischen Chefredaktion, Redaktion und Leser zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Das ZDF verweist darauf, dass in Programmfragen der Fernsehrat &#8222;das ma\u00dfgebliche Kontrollorgan&#8220; sei und sich dessen Vorsitzender Ruprecht Polenz als &#8222;Anwalt des Zuschauers&#8220; verstehe. Daf\u00fcr gebe es auch die &#8222;Programmbeschwerde&#8220; \u00fcber den Fernsehrat &#8211; ein streng formales Verfahren, das das Gegenteil dessen ist, was ein guter Ombudsmann tun k\u00f6nnte: unb\u00fcrokratisch, schnell und formlos f\u00fcr einen Ausgleich der Interessen sorgen, Verb\u00fcndeter der \u00d6ffentlichkeit sein und sie als Verb\u00fcndeten nutzen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind Ombudsleute nicht die einzige M\u00f6glichkeit, sich der Kritik zu stellen, Rechenschaft abzulegen, Diskussionen \u00fcber Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr Qualit\u00e4t zu organisieren. Aber sie k\u00f6nnen eine besonders elegante, wirkungsvolle M\u00f6glichkeit sein. In den Vereinigten Staaten beweist das Margaret Sullivan, &#8222;Public Editor&#8220; der &#8222;New York Times&#8220;. Sie besch\u00e4ftigt sich kritisch-abw\u00e4gend mit Beschwerden \u00fcber die Berichterstattung der Zeitung und f\u00fchrt einen eigenen Kampf gegen den inflation\u00e4ren Gebrauch von anonymen Quellen.<\/p>\n<p>Hierzulande scheitert es oft auch daran, eine geeignete Person zu finden; jemand, dessen Wort sowohl in der Redaktion Gewicht hat, als auch von au\u00dfen anerkannt ist, jemand, der &#8222;nicht auf der Wassersuppe daherkommt&#8220;, wie Sahlender sagt. &#8222;Es m\u00fcsste jemand sein, der im Haus sitzt, aber nicht zum Haus geh\u00f6rt&#8220;, meint Lorenz Maroldt, einer der beiden Chefredakteure des Berliner &#8222;Tagesspiegels&#8220;. &#8222;Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, wenn es nicht nur ein Gr\u00fc\u00dfaugust sein soll.&#8220; Anders als vor Jahren, als schon die Einrichtung regelm\u00e4\u00dfiger Korrekturen von Lesern nicht als Ausweis von Qualit\u00e4t, sondern ihrem Gegenteil bewertet wurde, glaubt er, dass heute diese Form der Selbstkritik funktionieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>N\u00f6tig w\u00e4re es, insbesondere wenn hochwertige Medien ihre Leser angesichts der vielen kostenlosen Alternati- ven davon \u00fcberzeugen wollen und m\u00fcssen, dass es sich lohnt, Geld f\u00fcr sie auszugeben. &#8222;Wer hochwertige Produkte verkaufen will, muss spezielle Strategien entwickeln, um die Qualit\u00e4t der Angebote zu kommunizieren&#8220;, sagt Ru\u00df-Mohl. Dazu geh\u00f6re es auch, mit dem Publikum \u00fcber die Ma\u00dfst\u00e4be der eigenen Arbeit ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ombudsleute vermitteln weltweit zwischen Redaktion und Leser. In Deutschland aber selten. Der &#8222;Spiegel&#8220; Titel der vergangenen Woche war etwas kontrovers. &#8222;Unsere Griechen&#8220;, stand da, &#8222;Ann\u00e4herung an ein seltsames Volk&#8220;. 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