{"id":3575,"date":"2009-01-11T22:01:48","date_gmt":"2009-01-11T21:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=3575"},"modified":"2009-01-11T22:20:46","modified_gmt":"2009-01-11T21:20:46","slug":"alternativen-zur-alternativlosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/3575\/alternativen-zur-alternativlosigkeit\/","title":{"rendered":"Alternativen zur Alternativlosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Betriebsr\u00e4te der Gruner+Jahr-Zeitschriften &#8222;Capital&#8220;, &#8222;B\u00f6rse Online&#8220; und &#8222;Impulse&#8220;, deren Redaktion gerade in einem einmaligen Hauruck-Verfahren verkleinert und mit der &#8222;Financial Times&#8220; zusammen gelegt werden, haben an Hartmut Ostrowski, den Aufsichtsratschef von Gruner+Jahr und Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann, <a href=\"http:\/\/kress.de\/cont\/story.php?id=125942\">einen besorgten Brief geschrieben<\/a>, in dem sie darlegen, wie verheerend der Verlag vorgehe, und um wenigstens einen Aufschub der Pl\u00e4ne bitten. Ostrowski hat darauf <a href=\"http:\/\/kress.de\/cont\/story.php?id=126018\">freundlich geantwortet<\/a>, dass er ihnen nicht helfen wolle. Zu der beschlossenen &#8222;Ma\u00dfnahme&#8220; gebe es weiterhin &#8222;keine Alternative&#8220;. <\/p>\n<p>Keine Alternative? Der Verlag Gruner+Jahr ist gezwungen, komplette Belegschaften in K\u00f6ln und M\u00fcnchen mit \u00fcber 100 Mitarbeitern zu entlassen, die sich dann f\u00fcr 50 neue Stellen zu schlechteren Konditionen in einer Zentralredaktion in Hamburg bewerben d\u00fcrfen? Zu diesem unw\u00fcrdigen Verfahren gibt es &#8222;keine Alternative&#8220;? <\/p>\n<p>Das war also nicht nur ein Plan des zuk\u00fcnftigen Gruner+Jahr-Chefs Bernd Buchholz, der kurz zuvor seine Aufgabe noch mit der eines Kapit\u00e4ns <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/koepfe\/aufs-sonnendeck;2120550\">verglichen hatte<\/a>, der &#8222;den Leuten auf dem Sonnendeck&#8220; sagen m\u00fcsse, &#8222;dass sie ihre Liegest\u00fchle und Drinks beiseite stellen m\u00fcssen&#8220;, sondern das war der <em>einzig m\u00f6gliche<\/em> Plan? <\/p>\n<p>Vielleicht stellt man sich das als Laie ja falsch vor. Es ist also gar nicht so, dass die Manager daf\u00fcr bezahlt werden, dass sie aus mehren M\u00f6glichkeiten die ihrer Meinung nach beste ausw\u00e4hlen. In Wahrheit besteht ihr Job nur darin, das Steuer festzuhalten, w\u00e4hrend man den einzigen Weg f\u00e4hrt, der zum Ziel f\u00fchrt, was vermutlich ein Dreij\u00e4hriger schaffen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und eh jetzt jemand kommt und sagt: Das d\u00fcrfe man nicht so w\u00f6rtlich nehmen, der Ostrowski habe eigentlich nur gemeint, dass die beschlossene &#8222;Ma\u00dfnahme&#8220; der beste Weg sei, die Zukunft der Wirtschaftspresse von G+J sicher zu stellen &#8212; nein, ich bin mir sicher, das hat er nicht gemeint. Denn das w\u00fcrde bedeuten, dass man dar\u00fcber streiten k\u00f6nnte, welche anderen Wege es noch gibt, dieses Ziel zu erreichen, und ob vielleicht sogar einer darunter ist, bei dem man vorher nicht quasi der ganzen Belegschaft k\u00fcndigen muss oder hinterher keine eigenst\u00e4ndigen Zeitschriften mehr hat. Eine solche Diskussion ist aber nat\u00fcrlich das letzte, was Ostrowski und Buchholz und die anderen Gruner+Jahr-Abwickler wollen, weshalb Ostrowski sicherheitshalber sogar die theoretische M\u00f6glichkeit einer solchen Diskussion ausschlie\u00dft: Es gibt &#8222;keine Alternative&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich habe das Gef\u00fchl, es gibt gerade eine Inflation dieser Form von Argumentationsverweigerung. Krisensituationen machen es leicht zu behaupten, zu bestimmten Entscheidungen gebe es keine Alternativen. So werden nicht nur die Verantwortlichen entlastet, sondern auch die Opfer ihrer &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; zum Erdulden ihres Schicksals gezwungen. Zur Teilverstaatlichung der Commerzbank gab es angeblich ebenso keine Alternative wie zum Angriff Israels auf den Gaza-Streifen. &#8222;Tina-Prinzip&#8220; hei\u00dft dieses Muster (&#8222;There Is No Alternative&#8220;), und das praktische an ihm ist, dass es nicht nur jede Kritik von vornherein als weltfremd und daher zu vernachl\u00e4ssigend abtut, sondern die Folgen der Entscheidungen gleich mit legitimiert. Man darf Israel nicht f\u00fcr den Tod von Hunderten Kinder und Zivilisten verantwortlich machen, denn die Israelis hatten ja keine Wahl.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckgriff auf das &#8222;Tina-Prinzip&#8220; in Diskussionen sollte den Sprecher \u00e4hnlich disqualifizieren wie ein <a href=\"http:\/\/www.coffeeandtv.de\/2008\/02\/02\/nazi-selber\/\">Hitler-Vergleich<\/a>. Aber ich f\u00fcrchte, wenn man Herrn Ostrowski fragte, warum er sich auf diese Weise jeder Argumentation verweigerte, w\u00fcrde er nur antworten, dass es dazu keine Alternative gegeben habe. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Betriebsr\u00e4te der Gruner+Jahr-Zeitschriften &#8222;Capital&#8220;, &#8222;B\u00f6rse Online&#8220; und &#8222;Impulse&#8220;, deren Redaktion gerade in einem einmaligen Hauruck-Verfahren verkleinert und mit der &#8222;Financial Times&#8220; zusammen gelegt werden, haben an Hartmut Ostrowski, den Aufsichtsratschef von Gruner+Jahr und Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann, einen besorgten Brief geschrieben, in dem sie darlegen, wie verheerend der Verlag vorgehe, und um wenigstens einen Aufschub<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[759,758,152,757,756],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3575"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3575"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3575\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}