{"id":382,"date":"2007-05-06T19:24:02","date_gmt":"2007-05-06T17:24:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/uebers-bloggen\/"},"modified":"2007-05-06T19:24:02","modified_gmt":"2007-05-06T17:24:02","slug":"uebers-bloggen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/382\/uebers-bloggen\/","title":{"rendered":"&#220;bers Bloggen"},"content":{"rendered":"<p><b>Wer bin ich?<\/b> Warum das Schreiben eines Blogs so befriedigend ist.<\/p>\n<p style=\"text-align:center;\">&#183;  &#183;  &#183;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.<\/p>\n<p>Das trifft nat\u00fcrlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungef\u00e4hr nichts auf alle Blogger zutrifft. Au\u00dferdem geh\u00f6rt zum Selbstverst\u00e4ndnis vieler Blogger das Postulat, nicht f\u00fcr die Leser zu schreiben, sondern f\u00fcr sich selbst. Wer scheinbar auf m\u00f6glichst gro\u00dfe Quote bloggt, gilt als zutiefst verd\u00e4chtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Gen\u00fcge: alles der Pflicht unterordnen, m\u00f6glichst viele Menschen zu erreichen.<\/p>\n<p>Aber gerade wenn einer nicht f\u00fcr ein Publikum schreibt, sondern f\u00fcr sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso begl\u00fcckender, wenn pl\u00f6tzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gef\u00e4llt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen. Vielleicht sogar ein eigenes Blog hat und einen Link setzt.<\/p>\n<p>Links sind eine W\u00e4hrung in der Welt der Blogs, aber der eigentliche Lohn ist Aufmerksamkeit. Die l\u00e4sst sich messen, anhand von Leserzahlen, Seitenabrufen und Verlinkungen. Aber so fixiert viele auf diese Hitparaden sind (ich auch) &#8211; das zutiefst befriedigende am Bloggen ist nicht eine wachsende Zahl, sondern die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine S\u00e4tze durch eine Pointe kr\u00f6nt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.<\/p>\n<p>Mein Blog kann ein st\u00e4ndiger Abgleich meiner Realit\u00e4tswahrnehmung mit der anderer sein: Wer bin ich? Wie sehen die anderen mich? Wor\u00fcber lachen sie? Was l\u00e4sst sie kalt, was verstehen sie falsch? Die Konversationen, die entstehen, sind immer wieder Experimente in sozialer Interaktion: Welcher Kommentar l\u00e4sst eine Debatte entgleiten? Wo formieren sich viele Blogs mit gemeinsamem Ziel? Wann macht die Gr\u00f6\u00dfe einer solchen Welle aus der Masse einen Mob? Und wann eine schlaue, m\u00e4chtige Bewegung?<\/p>\n<p>Anders als f\u00fcr die meisten Blogger ist f\u00fcr Journalisten die M\u00f6glichkeit, zu vielen Leuten zu sprechen, nicht neu. Aber auch sie kannten selten etwas wie diese Unmittelbarkeit der Reaktion, diesen direkten Austausch mit dem Publikum, diese Chance zur virtuellen, aber echten Konversation.<\/p>\n<p>Ich hatte bislang nur eine sehr vage Vorstellung davon, wer meine Texte liest und wie sie gelesen werden. Nun werden Leser und ihre Reaktionen sichtbar f\u00fcr mich (und jeden, den es interessiert). Das ist ein unsch\u00e4tzbarer Gewinn. Und eine Gefahr: Es ist leicht, die engagierten Kommentatoren und die mich zitierenden Internetseiten f\u00fcr das Ganze zu halten, und zu vergessen, dass sie nur einen kleinen Teil des Publikums darstellen, und wom\u00f6glich nicht einmal einen repr\u00e4sentativen.<\/p>\n<p>Und dann kann die Internetwelt, die theoretisch so viel gr\u00f6\u00dfer, reicher und vielf\u00e4ltiger ist als die konkrete nicht-virtuelle Lebenswelt vor unserer Haust\u00fcr, pl\u00f6tzlich wieder ganz klein und eng werden. Wir lieben die fortgeschrittenen Formen der Kommunikation, die wir pflegen k\u00f6nnen, weil die anderen, die wir lesen und die uns lesen, die Anspielungen, Running-Gags und Seitenhiebe verstehen. Wie gehen auf in einem Netzwerk, das uns gl\u00fccklich macht, weil wir uns verstehen oder wenigstens wissen, warum wir uns nicht verstehen; in der sich alles um Kommunikation dreht, um Sprache; um einen Austausch, der ebenso albern sein kann wie tiefgr\u00fcndig &#8212; und befriedigender als das nicht-virtuelle, aber fl\u00fcchtige Gespr\u00e4ch zuhause, in der Kneipe, im Caf\u00e9.<\/p>\n<p>Ich merke, dass mir das Gespr\u00e4ch mit Leuten, die in dieser digitalen Welt nicht zuhause sind, manchmal schwerer f\u00e4llt. Und ich ahne, warum die Welt der Blogs, die eigentlich so offen und grenzenlos ist, pl\u00f6tzlich hermetisch wirken kann, weil es scheint, als w\u00fcrden alle nur noch f\u00fcr sich selbst schreiben oder f\u00fcr einander.<\/p>\n<p>Aber das t\u00e4uscht.<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/p>\n<p><em>[Dieser Artikel erschien als Erg\u00e4nzung zu <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7\/Doc~EB86D394356EA414D9E66635E93787C2D~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">diesem Text von Harald Staun<\/a>.]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bin ich? Warum das Schreiben eines Blogs so befriedigend ist. &#183; &#183; &#183; F\u00fcr mich ist es eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation. 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