{"id":3963,"date":"2000-11-30T18:08:12","date_gmt":"2000-11-30T17:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=3963"},"modified":"2009-02-06T18:11:47","modified_gmt":"2009-02-06T17:11:47","slug":"ingo-appelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/3963\/ingo-appelt\/","title":{"rendered":"Ingo Appelt"},"content":{"rendered":"<p><b>Abgrundtief.<\/b> Ingo Appelt muss gehen, aber die Politik schaut zu, wie das Privatfernsehen insgesamt am hellichten Tag Schmutz verbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align:center;\">&#183;  &#183;  &#183;<\/p>\n<p>Vielleicht muss man ein bisschen Mitleid haben mit Ingo Appelt, der doch nur ein Komiker ist, wie es sie zu allen Zeiten gegeben hat. Einer, der nicht durch Talent oder Handwerk auff\u00e4llt, sondern dadurch, dass er auff\u00e4llt. Einer, der Tabus bricht, den die Kinder lieben, weil die Eltern ihn hassen. Einer, dessen Witze nicht gut sein m\u00fcssen, weil das Publikum statt &#8222;hahaha&#8220; immer noch &#8222;hohoho&#8220; lachen und &#8222;Was der sich traut!&#8220; denken kann. So einer hat es nicht leicht heute. Wie soll man provozieren, wenn jede besonders krasse \u00dcbertreibung t\u00e4glich im Fernsehen von Jenny und Alex und Ramona und J\u00fcrgen getoppt wird? <\/p>\n<p>Das Mitleid mit Appelt hat Grenzen. Aber bedauernswert der Zuschauer, dessen Fernsehprogramm so weit gekommen ist, dass es einer wie Appelt kaum schafft, abgesetzt zu werden. Es ist ja nicht so, dass er sich nicht lange schon bem\u00fcht h\u00e4tte. Hat wieder und wieder &#8222;Ficken&#8220; gerufen. Hat dumme Witze \u00fcber den Bundespr\u00e4sidenten gemacht, als der sich von einer Operation erholte. Hat ein Kind epileptische Anf\u00e4lle vort\u00e4uschen lassen, um schneller einen Parkplatz zu bekommen. Aber er musste erst so tun, als schie\u00dfe er Kinder auf eine Torwand, um von Pro Sieben endlich abgesetzt zu werden. <\/p>\n<p>&#8222;Wir sind verwundert&#8220;, sagt J\u00f6rg Grabosch, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Firma Brainpool, die die Ingo Appelt Show produzierte. Was habe der Sender denn erwartet, fragt er, als er einen Komiker unter Vertrag nahm, der in seinem B\u00fchnenprogramm einen Graf Dracula spielt, der das Blut nicht aus dem Hals seiner Opfer saugt, sondern aus ihren Tampons. Ja, was wohl? Quote! Die von Appelt war schlecht, aber auch nicht so mies, dass man nicht noch die restlichen Folgen h\u00e4tte ausstrahlen k\u00f6nnen. F\u00fcr die vorzeitige Absetzung spricht nur eins: Dass sich Pro Sieben zum Saubersender stilisieren kann. &#8222;Die Ingo Appelt Show gen\u00fcgt dem Qualit\u00e4tsanspruch der Marke Pro Sieben nicht&#8220;, s\u00e4uselt Programmchef Nicolas Paalzow in einer Pressemitteilung und &#8222;bekennt&#8220; sich zu &#8222;qualitativen Ma\u00dfst\u00e4ben&#8220;. Kling, Gl\u00f6ckchen! <\/p>\n<p>&#8222;Es gibt Dinge&#8220;, sagt Paalzow, &#8222;die gehen auf einer B\u00fchne, vor einem geschlossenen Benutzerkreis, aber im Fernsehen kann man sie nicht machen. &#8220; Mit dieser Ansicht steht er offenkundig allein in der Fernsehlandschaft. Und er erkl\u00e4rt nicht, warum dem Sender diese Erkenntnis nicht vorher kam, nach der Aufzeichnung zum Beispiel. Sei&#8217;s drum. &#8222;Der Zuschauer honoriert Geschmacklosigkeiten nicht&#8220;, sagt Paalzow. Ob Appelt weitersenden d\u00fcrfte, wenn die Zuschauer dessen Geschmacklosigkeiten honoriert h\u00e4tten, bleibt offen. <\/p>\n<p>Am Nachmittag sitzen in der Talkshow Andreas T\u00fcrck bei Pro Sieben Menschen, die drastische Ansichten \u00fcber den K\u00f6rpergeruch eines Freundes, das Sexualverhalten eines Partners oder die Rolle der Frau an sich haben, aber gro\u00dfe Probleme, diese verst\u00e4ndlich zu artikulieren, wor\u00fcber sich der Moderator zur Unterhaltung des Publikums lustig macht. Das ist nicht geschmacklos und l\u00e4sst sich mit dem Qualit\u00e4tsanspruch von Pro Sieben vereinbaren. &#8222;T\u00fcrck ist ein Idol f\u00fcr viele Teenager und sehr popul\u00e4r&#8220;, sagt Paalzow. Brainpool-Chef Grabosch findet es merkw\u00fcrdig, was Fragen des Geschmacks mit der Absetzung von Sendungen zu tun haben sollen. Das ist nicht zynisch, sondern realistisch: In der vergangenen Woche holte Ramona Drews vor laufender Kamera eine Brust aus der Bluse und bewies durch gezielte Massage, dass daraus f\u00fcnf Jahre nach der Geburt ihres Kindes noch Milch spritzt, weil ihr Mann J\u00fcrgen sie regelm\u00e4\u00dfig heraussaugt. RTL zeigt diese Szene ungef\u00e4hr ein Dutzend Mal, auch mittags in Punkt 12. In Explosiv begl\u00fcckt der K\u00f6lner Sender um 19. 30 Uhr die versammelten Kinder und Erwachsenen mit Gro\u00dfaufnahmen einer anderen Frau, die ihre Muttermilch in einen Beh\u00e4lter melkt, um sie M\u00e4nnern auf der Stra\u00dfe zum Trinken anzubieten. In Exclusiv Weekend fragt der gleiche Sender, zu welchen TV-Exzessen es noch kommen wird, und zeigt bei dieser Gelegenheit au\u00dfer Frau Drews zwei Komiker, die sich vorn in ihre Hosen Bockw\u00fcrste gesteckt haben, die sie w\u00e4hrend der Aufnahmen massieren, sowie den Komiker Niels Ruf, dessen Beitrag zur Diskussion die Andeutung von Analverkehr mit einer Gummipuppe und ein Auftritt mit der Unterw\u00e4sche von Anke Engelke sind. Die Berliner Verkehrsbetriebe stoppen am Wochenende die Aufnahmen zu Christoph Schlingensiefs neuer MTV-Show U 3000, weil dabei ein Mann, in dessen Hintern Mohrr\u00fcben stecken, auf einem Bahnsteig nackt auf ein Go-Kart gefesselt wird. In einer anderen Folge interviewt Schlingensief Maria und Margot Hellwig mit nacktem Unterk\u00f6rper und frei schwingendem Glied, Aufnahmen, die andere Privatsender vorher zeigen, am fr\u00fchen Abend. <\/p>\n<p>In der RTL-Comedy Freitagnacht News wird ein Darsteller von einer Gruppe Skinheads gejagt, bis einer der Angreifer ihm mit einem Baseballschl\u00e4ger den Kopf abschl\u00e4gt. Explosiv berichtet \u00fcber eine extrem \u00fcbergewichtige Frau, die mitsamt ihrem Bett mit einem Kran von der Feuerwehr aus dem Haus gehieft werden muss, und vermutet dabei, dass sie mit der Scham der Zurschaustellung kaum leben kann. Bei Sonja auf Sat 1 drohen sich zur Mittagszeit G\u00e4ste gegenseitig Gewalt an, w\u00e4hrend ihnen Zuschauer unter dem Beifall des Publikums vorwerfen, auszusehen &#8222;wie ein schwules St\u00fcck Kacke&#8220;. Explosiv l\u00e4sst ein nacktes Paar so bemalen, dass ihre Br\u00fcste zwei M\u00f6pse darstellen und sein Glied den R\u00fcssel eines Elefanten, filmt sie beim Bummel durch Wien und zeigt das um 19 Uhr. Alles wird \u00fcberall wiederholt, sp\u00e4testens in der Endlosschleife des Dauerl\u00e4chlers Stefan Raab, der auch ein in einer Talkshow weinendes M\u00e4dchen zigmal vorf\u00fchrt, weil ja nicht er darunter leidet, sondern das M\u00e4dchen, das dann auch noch in Raabs Sendung eingeladen wird und vor Angst kaum einen geraden Satz herausbringt. Was bleibt ihr \u00fcbrig? <\/p>\n<p>So simpel ist Privatfernsehen: sind Tr\u00e4nen oder Titten zu sehen, steigt die Quote. Deshalb gibt es im deutschen Privatfernsehen keine Zeit mehr, zu der nicht Riesenbr\u00fcste, operierte Br\u00fcste, bemalte Br\u00fcste, Schwabbelbr\u00fcste oder (bei RTL) die Frau mit den vier Brustwarzen zu sehen sind. Was, wenn Eltern ihre fernsehenden Kinder nicht rund um die Uhr bewachen k\u00f6nnen? <\/p>\n<p>Man l\u00e4uft Gefahr, sich anzuh\u00f6ren wie ein Wanderprediger, aber die Degeneration des Fernsehens hat zweifellos neue Ausma\u00dfe erreicht, und das, nachdem Politiker die Talkshow- und Real-Life-Show-Sau je einmal durchs Dorf getrieben haben, fast ohne \u00f6ffentliche Diskussion. Was in der Zeitschriften-Landschaft mit Coup\u00e9 oder dem National Enquirer Randerscheinungen sind, ist im Privatfernsehen Alltag. <\/p>\n<p>Pro-Sieben-Programmchef Paalzow sagt, dass er in letzter Zeit massenhaft Formate angeboten bekomme, die sch\u00e4rfer sind als Appelt war. Kein Wunder, dass der zum \u00c4u\u00dfersten gehen musste, um \u00fcberhaupt bemerkt zu werden. Das Aus f\u00fcr seine Show ist kein Beleg daf\u00fcr, dass es Selbstreinigungseffekte im Privatfernsehen gibt. Es ist ein Beleg daf\u00fcr, wie verkommen das Privatfernsehen ist. <\/p>\n<p>Es ist auch Beleg daf\u00fcr, dass Politik und Fernsehw\u00e4chter der Entwicklung tatenlos zusehen. Ihnen bringt eine z\u00fcnftige Einmal-Erregung \u00fcber Big Brother mehr Beifall als die Besch\u00e4ftigung mit dem inzwischen normalen Schmutz, der aus den Kan\u00e4len, die diese Politiker f\u00f6rdern, zur besten Sendezeit vor Menschen ausgesch\u00fcttet wird. Vor Menschen, die sich dagegen nicht immer wehren k\u00f6nnen. Vor Kindern zum Beispiel. Frohes Fest. <\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) S\u00fcddeutsche Zeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abgrundtief. Ingo Appelt muss gehen, aber die Politik schaut zu, wie das Privatfernsehen insgesamt am hellichten Tag Schmutz verbreitet. &#183; &#183; &#183; Vielleicht muss man ein bisschen Mitleid haben mit Ingo Appelt, der doch nur ein Komiker ist, wie es sie zu allen Zeiten gegeben hat. 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