{"id":437,"date":"2007-06-05T17:14:36","date_gmt":"2007-06-05T15:14:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/chronologie-einer-falschmeldung\/"},"modified":"2007-06-05T17:14:36","modified_gmt":"2007-06-05T15:14:36","slug":"chronologie-einer-falschmeldung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/437\/chronologie-einer-falschmeldung\/","title":{"rendered":"Chronologie einer Falschmeldung"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Debakel.<\/p>\n<p>Am Samstag um 18.41 Uhr bringt die Nachrichtenagentur dpa einen Bericht ihres Korrespondenten Helmut Reuter aus Rostock, in dem es hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Um 17.30 Uhr werden die ersten Autos angez\u00fcndet, w\u00e4hrend unweit vom Tatort auf der Kundgebungsb\u00fchne ein Redner die militante Szene noch mit klaren Worten aufstachelt: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist eine Falschmeldung. Das Zitat ist weder w\u00f6rtlich noch sinngem\u00e4\u00df gefallen. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walden_Bello\">Walden Bello<\/a> hatte auf der Kundgebung um 17.17 Uhr im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg gesagt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Two years ago they said: Do not bring the war into the discussions. Just focus on poverty reduction. Well, we say: We have to bring the war right into this meeting. Because without peace there can be no justice.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und der \u00dcbersetzter auf der B\u00fchne hatte es unmittelbar darauf so \u00fcbersetzt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Vor zwei Jahren hat es gehei\u00dfen: Wir sollen den Krieg nicht in die Diskussion mit reinbringen. Wir sollen uns nur auf Armutsbek\u00e4mpfung konzentrieren. Aber ich sage: Wir m\u00fcssen den Krieg hier mit reinbringen. Denn ohne Frieden kann es auch keine Armutsbek\u00e4mpfung geben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Bellos S\u00e4tze sind im Original bereits eine halbe Stunde, nachdem er sie gesagt hat, bei <a href=\"http:\/\/www.myvideo.de\/watch\/1597901\">MyVideo<\/a> zu sehen.<\/p>\n<p>Drei Tage wird dpa brauchen, den Fehler zu korrigieren. Drei Tage sind eine lange Zeit.<\/p>\n<p><strong>Samstag.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bild.t-online.de\/BTO\/news\/2007\/06\/02\/g8-demonstration\/proteste.html?o=RSS\">Bild.de<\/a> \u00fcbernimmt Teile des dpa-Berichtes:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Auf der Kundgebungs-B\u00fchne stachelt ein Redner die militante Szene noch auf: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration rein tragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Spiegel Online&#8220; \u00fcbernimmt das falsche Zitat in seinem Live-Ticker und macht daraus die \u00dcberschrift des Artikels:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demo tragen&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/150\/spon-strickt-an-der-rostock-legende\">&#8222;Spiegelfechter&#8220;-Blog<\/a> beweist anhand des MyVideo-Ausschnittes, dass Bello dies nicht gesagt hat.<\/p>\n<p>Um 21.39 Uhr berichtet dpa-Korrespondent Marc Herwig:<\/p>\n<blockquote><p>Stundenlang lieferten sich gewaltt\u00e4tige Autonome Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei &#8211; angestachelt von den Anfeuerungsrufen tausender Demonstranten, die zun\u00e4chst friedlich gegen den G8-Gipfel kommende Woche in Heiligendamm protestiert hatten. Einer der Redner forderte \u00fcber die Lautsprecheranlage sogar zum &#8222;Krieg&#8220; gegen die Polizei auf. <\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Sonntag.<\/strong><\/p>\n<p>Die Berliner Boulevardzeitung &#8222;B.Z.&#8220; schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Kurz darauf stachelt ein Redner der militanten Szene die Chaoten weiter auf. Von der B\u00fchne der offiziellen Kundgebung ruft er ins Mikrofon: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 11.40 Uhr gibt Udo Past\u00f6rs, der Chef der NPD-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, eine Presseerkl\u00e4rung heraus, in der er die &#8222;etablierten Parteien&#8220; f\u00fcr den &#8222;entfesselten linken Mob&#8220; verantwortlich macht:<\/p>\n<blockquote><p>Es sei (&#8230;) nicht hinnehmbar, da\u00df sich unter den Augen der Versammlungsleitung in Rostock, Gewaltt\u00e4ter und Chaoten versammeln k\u00f6nnen, ja sogar die Kundgebungsb\u00fchne f\u00fcr Aufrufe wie: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;, genutzt werden darf.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 15.20 Uhr bringt dpa eine &#8222;Chronologie&#8220; \u00fcber die &#8222;Eskalation der Gewalt&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>17.30 &#8211; Die Stimmung schl\u00e4gt um. Autos werden angez\u00fcndet. Auf der B\u00fchne stachelt ein Redner die militante Szene auf: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 15.59 Uhr verschlimmbessert dpa:<\/p>\n<blockquote><p>Der Aufruf zum &#8222;Krieg&#8220;, mit dem ein Redner w\u00e4hrend der Krawalle am Samstag in Rostock die militante Szene angestachelt hatte, war nach Darstellung der Protest-Organisatoren ein \u00dcbersetzungsfehler. Der zitierte Redner Walden Bello habe in seiner englischsprachigen Rede dazu aufrufen wollen, gegen den Krieg im Irak zu protestieren, teilte die globalisierungskritische Organisation Attac am Sonntag mit. In der deutschen \u00dcbersetzung wurde daraus: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220; Die \u00c4u\u00dferung sei in diesem Zusammenhang missverst\u00e4ndlich gewesen. Sie habe aber nicht auf Krawalle bei der Anti-G8-Demonstration abgezielt, betonte Attac.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 16.04 baut dpa-Korrespondent Helmut Reuter die neue, falsche Version in einen weiteren Korrespondentenbericht ein:<\/p>\n<blockquote><p>Auf der nahen Kundgebungsb\u00fchne spricht ein Redner &#8211; auf Englisch. Die \u00dcbersetzung stachelt die militante Szene weiter an: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220; Am Sonntag spricht Attac von einem \u00dcbersetzungsfehler. <\/p><\/blockquote>\n<p>Um 16.17 \u00fcbermittelt dpa noch einmal die &#8222;Chronologie&#8220; mit der neuen, anders falschen Version:<\/p>\n<blockquote><p>17.30 &#8211; Die Stimmung schl\u00e4gt um. Autos werden angez\u00fcndet. Auf der B\u00fchne wird ein englischer Redner missverst\u00e4ndlich \u00fcbersetzt: \u00abWir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.\u00bb Die militante Szene f\u00fchlt sich angestachelt. Gemeint war, der Irak-Krieg m\u00fcsse auch bei der Demonstration thematisiert werden. <\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Montag.<\/strong><\/p>\n<p>Korrespondent Fritz Dinkelmann berichtet aus Rostock in verschiedenen <a href=\"http:\/\/www.tagblatt.ch\/index.php?artikelxml=1349548&#038;ressort=tagblattheute\/hintergrund&#038;jahr=2007&#038;ressortcode=&#038;ms=\">Schweizer Zeitungen<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Doch auch offizielle Demo-Redner wie etwa Walden Bello von der interventionistischen Linken hatten vorher eine Stimmung gesch\u00fcrt, die Grenzen verwischte zwischen friedlichen Demonstranten und jenen, die pr\u00fcgeln wollten: &#8222;Wir haben hier den Geist von Genua&#8220;, rief der Soziologieprofessor aus Manila in das Mikrophon (&#8230;).<\/p><\/blockquote>\n<p>In anderen <a href=\"http:\/\/www.zol.ch\/zo\/detail.cfm?id=404805\">Schweizer Zeitungen<\/a> fantasiert Berlin-Korrespondent Helmut Uwer:<\/p>\n<blockquote><p>Einer der laut Polizeiangaben 3000 Militanten kletterte auf eine B\u00fchne und gab die Parole aus: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>In den <a href=\"http:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/stn\/page\/detail.php\/1439049\">Stuttgarter Nachrichten<\/a> wird die falsche Meldung mit neuen Details angereichert:<\/p>\n<blockquote><p>W\u00e4hrend ein Attac-Vertreter aufrief, Ruhe zu bewahren, heizte ein Redner der Autonomen die Stimmung noch an: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220; Viele pfiffen und buhten daraufhin.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch Annika Fischer, die Autorin der <a href=\"http:\/\/www.waz.de\/waz\/waz.onlinesuche.ergebnis.volltext.php?zulieferer=waz&#038;redaktion=redaktion&#038;dateiname=dateiname&#038;kennung=onh1wazHGRWelNational39234&#038;catchline=catchline&#038;kategorie=kategorie&#038;rubrik=Welt&#038;region=National&#038;bildid=1002606&#038;searchstring=wut&#038;dbserver=1&#038;dbosserver=1&#038;other=\">&#8222;Westdeutschen Allgemeinen Zeitung&#8220;<\/a>, hat die dpa-Ente ausgeschm\u00fcckt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demo tragen!&#8220;, ruft ein junger Mann ins Megafon, aber vorn an der B\u00fchne stehen immer noch die (farben-) frohen Linken, beschw\u00f6ren eine &#8222;andere Welt&#8220; und reden von einer &#8222;sch\u00f6nen Veranstaltung&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das viel gelesene islamfeindliche Hassblog <a href=\"http:\/\/www.politicallyincorrect.de\/2007\/06\/g8-mit-friedlichen-mitteln-erreichen-wir-nichts\/\">&#8222;Politically Incorrect&#8220;<\/a> macht sich &#8222;auf die Suche nach den letzten Spuren der Wahrheit&#8220; und meint, sie in der zu diesem Zeitpunkt immerhin halb dementierten ersten dpa-Version gefunden zu haben. Die ersten Korrekturen der Falschmeldung nennt &#8222;PI&#8220; eine &#8222;entschuldigende Massenverbl\u00f6dung&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.rundschau-online.de\/html\/artikel\/1179846647090.shtml\">&#8222;K\u00f6lnische Rundschau&#8220;<\/a> berichten drei Korrespondenten, von denen offenbar keiner wusste, dass Menschen, die Reden auf englisch halten, nicht unbedingt englische Redner sind (Walden Bello ist Philippiner):<\/p>\n<blockquote><p>Zu der neue Eskalation nach leichter Beruhigung trug offenbar ein \u00dcbersetzungsfehler bei: &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts&#8220;, sollte ein englischer Redner gesagt haben. Die militante Szene f\u00fchlte sich angestachelt. Gemeint war aber, der Irak-Krieg m\u00fcsse auch bei der Demonstration thematisiert werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 18.39 Uhr nimmt sich ZDF Online des Themas an und widerlegt in seinem <a href=\"http:\/\/www.zdf.de\/ZDFblog\/g8\/G8\/DasLebeneinerFalschmeldung\/\">Blog zum G8-Gipfel<\/a> mit einem Video auch die zweite dpa-Version, wonach das Zitat auf der B\u00fchne falsch \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Die Nachrichtenagentur dpa braucht danach noch weitere 18 Stunden, bis sie endlich ihren Fehler einr\u00e4umt und korrigiert.<\/p>\n<p><b>Dienstag. <\/b><\/p>\n<p>Um 12.59 Uhr meldet dpa endlich:<\/p>\n<blockquote><p>In einem Korrespondentenbericht zu den Ausschreitungen w\u00e4hrend der Demonstrationen gegen den G8-Gipfel in Rostock am 2. Juni (&#8230;) zitiert dpa einen Redner bei der Kundgebung mit den Worten &#8222;Wir m\u00fcssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.&#8220;. Diese Formulierung ist &#8211; wie aus einem TV-Mitschnitt von &#8222;Phoenix&#8220; ersichtlich ist &#8211; weder in der englischen Original-Rede noch in der deutschen \u00dcbersetzung des Beitrags so gefallen.<\/p>\n<p>(&#8230;) Die sinnentstellte Fassung des Zitats in den Meldungen der dpa ist auf einen \u00dcbermittlungsfehler zur\u00fcckzuf\u00fchren, f\u00fcr den dpa allein die Verantwortung tr\u00e4gt. Die dpa hat den Fehler in ihren Archiven entsprechend gekennzeichnet. Wir bitten &#8211; auch mit Blick auf den betroffenen Redner Walden Bello &#8211; um Entschuldigung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um 14.27 Uhr wiederholt dpa noch einmal:<\/p>\n<blockquote><p>Einen Aufruf eines Redners zum &#8222;Krieg&#8220; bei den Demonstrationen von Rostock am vergangenen Samstag hat es nicht gegeben. Eine \u00dcberpr\u00fcfung des Redetextes hat gezeigt, dass die Ansprache des Redners Walden Bello bei einer Kundgebung in Rostock auch nicht falsch \u00fcbersetzt worden war, wie die Deutsche Presse-Agentur dpa am Samstag berichtet hatte. dpa bedauert die fehlerhafte Berichterstattung und hat sich bei den Veranstaltern entschuldigt.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,486256,00.html\">&#8222;Spiegel Online&#8220;<\/a> hat den Artikel mit der Falschmeldung relativ fr\u00fch berichtigt und dokumentiert auch die Entstehungs- und Korrekturgeschichte. Aber das ist die Ausnahme. Die meisten Artikel, die die dpa-Ente \u00fcbernommen haben, scheinen unver\u00e4ndert online zu sein.<\/p>\n<p>Und jede Wette: Die meisten Tageszeitungen werden die Fehler, ihre eigenen und die der dpa, morgen weder berichtigen noch sich daf\u00fcr bei irgendwem entschuldigen, schon gar nicht bei ihren Lesern.<\/p>\n<p><b>Nachtrag.<\/b> Sehr lesenswert: Christiane Link, die bis vor kurzem bei dpa gearbeitet hat, <a href=\"http:\/\/www.behindertenparkplatz.de\/cl\/2007\/06\/06\/799\/\">plaudert aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen<\/a>.<\/p>\n<p><b>Fortsetzung: <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/chronologie-einer-falschmeldung-ii\/\">II<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/chronologie-einer-falschmeldung-iii\/\">III<\/a>.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Debakel. 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