{"id":4520,"date":"2009-03-17T17:02:35","date_gmt":"2009-03-17T16:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=4520"},"modified":"2009-03-18T01:39:51","modified_gmt":"2009-03-18T00:39:51","slug":"der-kulturkampf-gegen-das-web-20","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/4520\/der-kulturkampf-gegen-das-web-20\/","title":{"rendered":"Der Kulturkampf gegen das Web 2.0"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Amoklauf in Erfurt mussten sich die Medien noch fragen lassen, was denn ihre Verantwortung f\u00fcr solche Ereignisse sein k\u00f6nnte. Die Fernsehsender sollten sich sogar auf Wunsch von Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der um einen Runden Tisch zum Thema Gewalt in den Medien setzen.<\/p>\n<p>Diese Zeiten sind vorbei. Denn es gibt ja jetzt das Internet, in dem jedermann selbst publizieren kann. Seit die professionellen Medien das Monopol auf die Ver\u00f6ffentlichung zweifelhafter, pers\u00f6nlichkeitsrechtsverletzender oder gef\u00e4hrlicher Inhalte verloren haben, k\u00f6nnen sie sich hemmungslos \u00fcber die Ver\u00f6ffentlichung derselben zweifelhaften, pers\u00f6nlichkeitsverletzenden oder gef\u00e4hrlichen Inhalte durch andere emp\u00f6ren. Wenn Laien das tun, ist das offenbar viel schlimmer.<\/p>\n<p>Die Medien schaffen es, das sogenannte Mitmachnetz daf\u00fcr verantwortlich zu machen, dass auf YouTube ein Video von den letzten Minuten des Amokl\u00e4ufers zu sehen ist, und dabei auszublenden, dass dieses Video von RTL exklusiv gekauft und verbreitet wurde. Sie schaffen es, sich dar\u00fcber aufzuregen, dass auf Twitter das Haus der Familie des Amokl\u00e4ufers gezeigt wird, und dabei auszublenden, dass ihr eigenes Medium dieses Haus gro\u00df als Aufmacherbild zeigt.<\/p>\n<p>Ich hatte das zun\u00e4chst f\u00fcr die Deformation <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/poebeljournalismus\/\">einzelner<\/a> <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/ihre-ganz-eigene-virtuelle-wirklichkeit\/\">Kollegen<\/a> gehalten. Inzwischen bin ich \u00fcberzeugt: Das hat System. Journalisten nutzen das Internet, um die berechtigte Kritik an ihrem eigenen Vorgehen systematisch auf die Amateur-Publizisten zu projizieren. Wom\u00f6glich hat das nicht nur eine strategische, sondern auch eine psychologische Komponente und hilft irgendwie, den unterschwelligen Selbsthass zu kompensieren.<\/p>\n<p>Den vorl\u00e4ufigen Tiefpunkt bildet <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article3386565\/Tim-K-ist-jetzt-in-der-Hall-of-Fame-des-Verbrechens.html\">ein Artikel, den &#8222;Welt am Sonntag&#8220;-Chefredakteur Thomas Schmid am vergangenen Wochenende als Kulturaufmacher \u00fcber den Amoklauf ver\u00f6ffentlicht hat<\/a>. Er benutzt das Thema nicht nur, um, wie immer, gegen &#8222;linke [beliebiges Substantiv]&#8220; zu wettern. Er benutzt es auch, um dem Web 2.0 eine Mitschuld zu geben. <\/p>\n<p>Der Vorspann seines Artikels geht so:<\/p>\n<blockquote><p>Die Unsterblichkeit des Amok-T\u00e4ters: Tim K. wusste wohl, dass er schon Stunden nach seiner Tat auf immer in die Hall of Fame des Verbrechens eingehen w\u00fcrde. Mit seiner Tat hat er die gro\u00dfe Erz\u00e4hlung vom Amok weitergesponnen. Dass er das konnte, ist auch eine Folge von medialer Demokratisierung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schmid beschreibt geradezu verf\u00fchrerisch, wie attraktiv so ein Amoklauf in Zeiten der Massenmedien ist:<\/p>\n<blockquote><p>Mit ein paar Sch\u00fcssen wird einer, der bisher ein g\u00e4nzlich Unbekannter oder gar ein Geh\u00e4nselter und Verlachter war, zu einem, der schon zwei Stunden nach den ersten Sch\u00fcssen auf allen Fernseh- und Internetkan\u00e4len des Globus pr\u00e4sent ist. (&#8230;) Er betritt eine Hall of Fame, der er auf immer angeh\u00f6ren wird, aus der niemand ihn vertreiben kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun k\u00f6nnte man schon fragen, ob das angemessene Formulierungen angesichts der sehr realen Gefahr von Nachahmungtst\u00e4tern ist. Und vor allem m\u00fcsste man fragen, was die Medien dagegen tun k\u00f6nnten, auf diese Weise zu posthumen Werkzeugen der M\u00f6rder zu werden. Das m\u00fcssten die Medien nicht zuletzt sich selbst fragen (der &#8222;Spiegel&#8220; zum Beispiel, der dem M\u00f6rder gerade ein h\u00fcbsches Titelbild-Denkmal gesetzt hat) &#8212; das m\u00fcssen sie aber nicht mehr, denn es gibt ja den publizierenden P\u00f6bel im Internet. Und genau dorthin biegt Thomas Schmid zum Finale seines Artikels ebenso konsequent wie unvermittelt ab:<\/p>\n<blockquote><p>Letztlich aber sind es nicht einmal, wie die linke Kulturkritik meint, &#8222;die&#8220; Medien, die dem T\u00e4ter zum Ruhm verhelfen. Es sind Krethi und Plethi, die das (oft mit medialer Hilfestellung) besorgen. Und das ist, wenn man will, ein Demokratisierungserfolg. Konnten fr\u00fcher medial nur die Privilegierten, also die journalistischen Fachleute, mithalten, hat das weltweite Netz, das alle mit allen verbinden kann, im Prinzip jeden Einzelnen zum Wirklichkeitsdeuter und -bildner gemacht. Dass Tim K. heute eine popul\u00e4re, in der ganzen Welt bekannte Gestalt ist, ist auch eine Folge von user generated content.<\/p>\n<p>In vielen digitalen Galerien wird die Tat von Tim K. aufbewahrt, wird die Erinnerung an ihn gepflegt werden. Seine Motive m\u00f6gen die gleichen sein wie die eines Attent\u00e4ters von 1907. Neu ist, dass man heute mit Taten wie diesen binnen Stunden den Laufsteg der Unsterblichkeit betreten (und sich von der M\u00fchsal des Alltags verabschieden) kann. Vielleicht besitzt dieses Angebot, an dem Millionen von usern mitweben, eine metaphysische Anziehungskraft. Ist es vorstellbar, dieses wahrhaft massenmediale Angebot wieder zur\u00fcckzuziehen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Was f\u00fcr ein haneb\u00fcchener Unsinn: Nicht die Massenmedien verhelfen dem T\u00e4ter zum verf\u00fchrerischen Ruhm, wenn sie in Millionenauflage \u00fcber ihn berichten und einen nicht enden wollenden Strom von Bildern, Illustrationen, Videos, Fakten und Scheinfakten produzieren, sondern Krethi und Plethi (wie der &#8222;P\u00f6bel&#8220; offenbar mit Vornamen hei\u00dft), die dieses ganze Material dann verlinken, in ihr StudiVZ-Profil stellen und auf YouTube mit kitschiger Musik unterlegen? <\/p>\n<p>So unversch\u00e4mt ist das Heilsversprechen beim Kampf gegen die digitale Revolution selten formuliert worden: Wenn wir nur die Zahnpasta zur\u00fcck in die Tube br\u00e4chten und das Publizieren wieder den Profis \u00fcberlie\u00dfen, k\u00f6nnte die Welt eine bessere sein. (Und den Journalisten ginge es auch besser.)<\/p>\n<p>Um dieses Ablenkungsman\u00f6ver in all seiner dreisten Verlogenheit w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen, muss man allerdings sehen, wie der Artikel des &#8222;Welt am Sonntag&#8220;-Chefredakteurs in der Zeitung aufgemacht war. <\/p>\n<p>So: <\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/wams_amok1.jpg' alt='' \/><br \/>\n<small>(Verpixelung von mir.)<\/small><\/p>\n<p>Testfrage: Wen zeigt das gro\u00dfe Foto neben den Worten &#8222;Die Unsterblichkeit des Amok-T\u00e4ters&#8220;, das keinen weiteren Bildtext hat?<\/p>\n<p>Nein, es zeigt nicht den &#8222;Amok-T\u00e4ter&#8220; Tim K. Der Junge auf dem gro\u00dfen Foto, den der unbefangene &#8222;Welt am Sonntag&#8220;-Leser f\u00fcr den Amokl\u00e4ufer halten muss, ist ein namenloser trauernder Junge bei einem Gottesdienst f\u00fcr die Opfer in Winnenden.<\/p>\n<p>Diese Medien haben allen Grund, von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken. <\/p>\n<p><small>[via <a href=\"http:\/\/twitter.com\/mediummagazin\/status\/1337162009\">&#8222;Medium Magazin&#8220;<\/a>]<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Amoklauf in Erfurt mussten sich die Medien noch fragen lassen, was denn ihre Verantwortung f\u00fcr solche Ereignisse sein k\u00f6nnte. Die Fernsehsender sollten sich sogar auf Wunsch von Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der um einen Runden Tisch zum Thema Gewalt in den Medien setzen. Diese Zeiten sind vorbei. Denn es gibt ja jetzt das Internet, in<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[829,840,841,554,830],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4520"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4520"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4520\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}