{"id":53,"date":"2001-02-05T20:37:24","date_gmt":"2001-02-05T18:37:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/wp\/artikel\/michael-bully-herbig\/"},"modified":"2001-02-05T20:37:24","modified_gmt":"2001-02-05T18:37:24","slug":"michael-bully-herbig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/53\/michael-bully-herbig\/","title":{"rendered":"Michael Bully Herbig"},"content":{"rendered":"<p><b>Tschuldigung, verbeamt!<\/b> Die au\u00dferordentlich irre \u201eBullyparade\u201c hat den Durchbruch geschafft \u2013 ihren Erfinder Michael Herbig erf\u00fcllt das mit Sorge.<\/p>\n<p>Und wieder einmal, wie so oft in der Filmgeschichte, ist eine Maschine au\u00dfer Kontrolle geraten und kein Pilot mehr einsatzbereit. Alle Hoffnung ruht auf einem Amateur, der, instruiert durch alte Hasen im Tower, das Ding heil runterbringen muss. Was f\u00fcr ein ungl\u00fcckliches Gef\u00e4hrt ist es diesmal? Ein Hubschrauber? Eine Boeing? Ein Raumschiff?<\/p>\n<p>Ein Rasenm\u00e4her. &#8222;Hallo, ich hab&#8216; a Problem&#8220;, ruft die Frau am Steuer in ein Handy, w\u00e4hrend sie unkontrolliert auf einer Gr\u00fcnfl\u00e4che im Kreis f\u00e4hrt, &#8222;Sie m\u00fcssen mir helfen, ich kann meinen Rasenm\u00e4hertraktor nicht mehr anhalten!&#8220; Zwei M\u00e4nner im Kontrollturm wissen, was sie in solchen Situationen zu tragen (Sonnenbrille), zu tun (schwitzen) und zu sagen haben: &#8222;Lady, haben Sie so ein Ding schon mal gesteuert?&#8220; &#8211; &#8222;Naa, normalerweise m\u00e4ht mein Mann den Rasen, aber der ist heut&#8216; zur Kur!&#8220; Panik. Nur Stryker kann die Frau noch retten. Todesverachtend hat er einen anderen Traktor gesattelt, holt Meter um Meter auf, greift nach ihrer Hand &#8211; und verpasst sie. &#8222;Wenn sie ins hohe Gras kommt, verlieren wir sie!&#8220; Schlie\u00dflich schafft er es, die v\u00f6llig ver\u00e4ngstigte Hausfrau zu sich her\u00fcberzuziehen. &#8222;Stryker&#8220;, sagt sein Kollege im Tower, &#8222;ich bin kein Freund gro\u00dfer Worte, aber hier sitzen ein paar M\u00e4nner, die sind m\u00e4chtig stolz auf Sie. &#8220; Stryker f\u00e4hrt, die Gerettete quietschend auf dem Scho\u00df, in Richtung Horizont, wo goldgelb die Sonne untergeht.<\/p>\n<p>Das muss man gesehen haben. Gesehen, nicht gelesen. Aufgeschrieben sind die Sketche aus der Bullyparade vor allem eines: gaga. &#8222;Prall&#8220;, sagt Bully, Chefautor, Produzent, Regisseur, Frau auf Traktor und Mann in Tower. &#8222;Das Gef\u00e4hrlichste, was du machen kannst, ist, einen Sketch irgendwohin zu faxen&#8220;, sagt er. &#8222;Das funktioniert nie, nie, nie. Wenn es gar nicht anders geht, schreiben wir wenigstens dazu: Wir sind gleich bei Euch und tanzen Euch das vor. &#8220; Das ist n\u00f6tig, hilft aber auch nur ein bisschen. Bullys Sketche erreichen regelm\u00e4\u00dfig ein Ma\u00df von Sinnfreiheit, dass selbst nach dem Vorspielen mit Dialekt, Grimassen und dem ganzen parodistischen Talent der durchschnittliche Vorgesetzte gerne sagt: &#8222;H\u00e4?&#8220;, oder &#8222;Und die Pointe?&#8220;<\/p>\n<p>Hilft alles nichts, man muss Bully das drehen lassen. Dann zeigt er sein Gesp\u00fcr f\u00fcr Filmstandards, Details und Musik, inszeniert die unendlich bl\u00f6dsinnige Idee, Katastrophenfilme mit einer Frau auf dem Rasenm\u00e4her nachzuspielen, stilsicher mit allen Versatzst\u00fccken des Genres. Funktioniert auch nicht immer und provoziert gelegentlich die naheliegende Frage nach dem Drogenkonsum der Beteiligten. Aber dem ratlosen Zuschauer bleibt wenigstens das Gef\u00fchl, dass das gerade vielleicht unglaublicher Schrott war, aber ganz sicher h\u00f6chst origineller Schrott.<\/p>\n<p>Es ist eines der kleinen Wunder des Privatfernsehens, dass es so weit kommen konnte, dass heute um 23. 15 Uhr auf Pro Sieben schon eine f\u00fcnfte Staffel der Bullyparade auf Sendung geht &#8211; \u00fcberhaupt, dass sie jemals jemand auf den Bildschirm gelassen hat. Es war Oliver Mielke, damals Unterhaltungschef bei Pro Sieben und heute noch Bullys Co-Produzent. Vorher hatte Bully, der eigentlich Michael Herbig hei\u00dft, mit seinen Freunden Christian Tramitz und Rick Kavanian schr\u00e4ge Kleinsth\u00f6rspiele f\u00fcrs Radio gemacht, eine legend\u00e4re Morningshow und eine Endlos-Mini-Comedy-Serie f\u00fcr TV M\u00fcnchen namens Die Bayern-Cops. Mielke bot ihm eine eigene Sketch-Sendung an. Und weil Bully einer ist, der Sachen gerne selbst macht, sagte er unter der Bedingung zu, auch Regie f\u00fchren zu d\u00fcrfen. Schon als Teenager beschloss er nach ausf\u00fchrlichem Spielberg- und Hitchcock-Filmstudium, dass es besser ist, Regisseur zu sein, weil er nur so &#8222;authentisch erz\u00e4hlen kann, was in meinem Kopf passiert&#8220;. Um den Umgang mit Bildern zu lernen, ist er erst einmal Fotograf geworden. Danach war ein Studium an der Filmhochschule vorgesehen, aber die haben ihn nicht genommen. Darunter leidet er heute noch.<\/p>\n<p>Die ersten Folgen der Bullyparade waren nicht gerade das, was man einen Erfolg nennen w\u00fcrde oder einen verhei\u00dfungsvollen Anfang. Aber Pro Sieben hatte den seltenen Mut, abzuwarten. Knapp tausend Sketche hat das kleine Team inzwischen aufgenommen. Die kann man lieben oder hassen; nur Konfektionsware sind sie nicht. Nicht, dass die Ideen durch Komplexit\u00e4t beeindrucken w\u00fcrden. Die beiden Freunde Pavel und Bronko beenden einfach jedes zweite Wort auf die pseudoslawische Endung &#8222;-tsch&#8220;, der Grieche Dimitri l\u00e4dt zum &#8222;Klatschkaffee&#8220;, weil ihm die Reihenfolge zusammengesetzter W\u00f6rter ein Mysterium geblieben ist. Die neue Soap Die Latrine spielt auf dem Klo: Diesmal hat sich Ulf aus seiner Kabine ausgesperrt, und bei Nachbar Willy ist kein Platz, weil die Eltern zu Besuch sind. Freundlich l\u00e4cheln sie auf der Brille.<\/p>\n<p>So doof die Figuren sind, so liebevoll und genau sind sie gezeichnet. In der Raumschiff-Enterprise-Variante sind ausschlie\u00dflich Tunten an Bord &#8211; ein Schwulenwitz, den selbst Schwule originell finden. Die Besatzung um &#8222;K\u00e4pt&#8217;n Kork&#8220; k\u00e4mpft wie fast alle Bully-Figuren mit Alltagsproblemen: Sprit ist alle, W\u00e4schetrockner kaputt, die Klingonen schicken b\u00f6se Faxe und, schlimmstes Missgeschick: &#8222;Tschuldigung, verbeamt!&#8220; Vor dem Zelt von Winnetou (nat\u00fcrlich auch ein Bayer) flattern seine frisch gewaschenen Hosen auf einem W\u00e4schest\u00e4nder, und bevor Old Shatterhand hineingeht, dr\u00fcckt er auf eine Klingel am Zelt, die ein fr\u00f6hliches Ding-Dong macht.<\/p>\n<p>Filme wollte er immer machen, selbst Radio verstand Bully als Medium, das Filme im Kopf entstehen l\u00e4sst. Seine gr\u00f6\u00dften kleinen Witze inszeniert er wie Hollywood-Kino, nicht wie die meisten Kollegen im Fernseh- oder B\u00fchnenformat. Ein Kabarettist, der durch Kleinkunsttheater zog, war Bully nie.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne sieht er aus wie ein verwirrter Clown, der nicht wirklich begreift, was er da macht und warum die Leute lachen. Ein Clown ist das nicht, der in M\u00fcnchen mit seiner Firma Herb X inzwischen stattliche B\u00fcror\u00e4ume besitzt &#8211; aber der unsichere Blick auf der B\u00fchne ist nicht nur kokett. &#8222;Das ist mir schon ein bisschen unheimlich, wie mich da 300 Menschen angr\u00f6len. &#8220; Ein Comedian habe er nie werden wollen, sagt er, ein Star schon gar nicht. Er sieht so aus, als k\u00f6nnte er das gar nicht werden.<\/p>\n<p>&#8222;Wir werden nie sechs Millionen Zuschauer haben. Dazu m\u00fcsste ich mich so verbiegen, dass ich kein gl\u00fccklicher Mensch mehr w\u00e4re. Ich will das tun, was von mir kommt &#8211; auch wenn die Leute mit einem gro\u00dfen Fragezeichen dastehen. &#8220; Dass immer mehr Leute mit leuchtenden Augen dastehen, ist durchaus ein Problem. &#8222;Ich glaube, dass die Bullyparade funktioniert, weil wir mit einer Unbefangenheit und Risikobereitschaft darangegangen sind, ohne auf die Quote zu schielen. Mit wachsendem Erfolg tendierst du dazu, doch \u00f6fter nachzusehen. Das will ich vermeiden. Ich will den kindlichen Spa\u00df nicht verlieren. &#8220; Eine Pause nach dieser Staffel w\u00e4re gut, sagt Bully.<\/p>\n<p>Ohnehin ist er erst einmal damit ausgelastet, seinen zweiten Kinofilm Der Schuh des Manitou in diesem Sommer ins Kino zu bringen, vom Herbst an dreht er eine Fortsetzung von Erkan und Stefan. Dann will er sich entscheiden, wie es weitergeht. Eigentlich ist es ein Traum: In den letzten zehn Jahren hat er sich eine eigene Firma aufgebaut, 15 Mitarbeiter, Tonstudio, Freunde und Autoren, die \u00fcber das Gleiche lachen wie er. So wie es jetzt l\u00e4uft, k\u00f6nnte er daraus ein kleines Medienimperium machen, vielleicht wie Brainpool. Aber das wird er nicht tun. Dazu sei ihm seine Freiheit zu wichtig, sagt er. Auch wenn er nur Sklave seiner selbst w\u00e4re. &#8222;In dem Moment, wo du fragst, wem das gefallen k\u00f6nnte, was du machst, hast du verloren. &#8220;<\/p>\n<p>Sagen das nicht alle? Aber Bullys Sendungen sieht man es an.<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) S\u00fcddeutsche Zeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tschuldigung, verbeamt! Die au\u00dferordentlich irre \u201eBullyparade\u201c hat den Durchbruch geschafft \u2013 ihren Erfinder Michael Herbig erf\u00fcllt das mit Sorge. Und wieder einmal, wie so oft in der Filmgeschichte, ist eine Maschine au\u00dfer Kontrolle geraten und kein Pilot mehr einsatzbereit. 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