{"id":5628,"date":"2009-06-15T01:06:18","date_gmt":"2009-06-14T23:06:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=5628"},"modified":"2009-06-17T20:45:06","modified_gmt":"2009-06-17T18:45:06","slug":"die-rum-mein-medien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/5628\/die-rum-mein-medien\/","title":{"rendered":"Die Rum-mein-medien"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal kann man an Werbebotschaften dann eben doch einen Paradigmenwechsel ablesen.<\/p>\n<p>Als 1993, und das ist heute tats\u00e4chlich eine kleine und in Mediendimensionen fast drei Ewigkeiten her, der \u201eFocus\u201c erstmals ver\u00f6ffentlicht wurde, da war das gro\u00dfe Versprechen von Helmut Markwort und Hubert Burda: Fakten, Fakten, Fakten.<br \/>\nDieses Credo, und speziell die Art mit der es Helmut Markwort in den Werbespots f\u00fcr das Magazin wenig eitel in den Raum stellte, entsprach zwar nicht wirklich dem Leistungsumfang des Focus, der, w\u00e4re Werbung ehrlich, wohl eher mit \u201eGrafiken, Diagramme, Tabellen\u201c h\u00e4tte werben m\u00fcssen. Aber dieses \u201eFakten, Fakten, Fakten\u201c war sehrwohl Ausdruck eines Bed\u00fcrfnisses der Leserschaft, mit Tatsachen, Informationen, Wissen beliefert zu werden.<br \/>\nWenn nun also Jakob Augsteins \u201eFreitag\u201c sich selbstbewusst den Untertitel \u201eDas Meinungsmedium\u201c auf die Fahnen schreibt, dann ist die These, der Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4tte \u2013 wieder einmal \u2013 eine neue Richtung eingeschlagen, nicht so ganz abwegig.<\/p>\n<p>Ein anderes Beispiel: W\u00e4hrend in Journalistikseminaren noch immer fein s\u00e4uberlich zwischen \u201einformierenden Darstellungsformen\u201c und \u201emeinungs\u00e4u\u00dfernden Darstellungsformen\u201c unterschieden wird, k\u00fcmmert sich das vermutlich einzige wirkliche Leitmedium des deutschsprachigen Internets um solche Petitessen nicht: Auf Spiegel Online werden Hintergrund und Urteil beinahe grunds\u00e4tzlich gemeinsam serviert. Das hat durchaus Vorteile: Der m\u00fchsame Prozess, sich selbst eine Meinung zu bilden wird ebenso abgek\u00fcrzt wie das oft ein wenig trockene Recherchieren und Referieren von Fakten und Inhalten. Gef\u00e4llt das Ergebnis dem Leser nicht, kann der ja im Forum zur Gegenrede ansetzen \u2013 auch das ist durchaus erw\u00fcnscht. Vielleicht findet sich ja auch noch ein Blogger, der sich aufregt \u2013 umso besser. Und ganz nebenbei kann ein Autor in einem Kommentar stets das gesamte Arsenal seiner Rhetorik auffahren und sprachlich brillieren \u2013 statt blo\u00df aufzuschreiben, was eben der Fall ist.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen betrifft selbstverst\u00e4ndlich nicht Spiegel Online allein: Quer durch die Presse zum anstehenden \u201eSuperwahljahr\u201c zieht sich etwa eine Berichterstattung an der sprichw\u00f6rtlichen Oberfl\u00e4che. Anstatt tats\u00e4chlich politische Analysen, so schwierig diese gerade aktuell auch sein m\u00f6gen, zu versuchen, begn\u00fcgen sich immer mehr Beobachter mit einer Art <em>Stilkritik<\/em> der Politik \u2013 man betrachtet die Inszenierung und mutma\u00dft \u00fcber die Auswirkungen (<a href=\"http:\/\/carta.info\/8211\/frank-walter-steinmeier-der-offline-kandidat\/\">hier<\/a> beispielsweise auf Carta). Ja, das mag eben dabei herauskommen, wenn an den Journalistenschulen der Anteil an Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftsabsolventen h\u00f6her ist als jener der VWLer \u2013 f\u00fchrt aber zwangsl\u00e4ufig dazu, dass Politik tats\u00e4chlich nur noch als das betrieben wird, was kritische Journalisten dem Politischen ohnehin seit Jahren vorwerfen zu sein: ein Kasperletheater. Substanzielle Kritik, umfassende Recherche und Erl\u00e4uterungen komplexer Sachverhalte? Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Einen strukturell artverwandten, vielleicht sogar prototypischen Fall aus England <a href=\"http:\/\/www.mercedes-bunz.de\/archives\/879\">beschrieb Mercedes Bunz vor Kurzem in ihrem Blog<\/a>: Da hatte Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, unl\u00e4ngst angesichts der extremen finanziellen Engp\u00e4sse, denen sich Kalifornien ausgesetzt sieht, den Vorschlag unterbreitet, die Schulen m\u00f6gen doch bitte pr\u00fcfen, inwieweit sie Schulb\u00fccher durch digitale Quellen ersetzen k\u00f6nnen, um freiwerdenden Finanzmittel in Lehrkr\u00e4fte zu investieren. Nun mag man von der Idee halten was man will, viel interessanter sind hier die Reaktionen der englischen Presse:<br \/>\n\u2022\u00a0\u00a0 \u00a0Daily Mail : \u201eRise of the machines: Arnold Schwarzenegger terminates school book and tells pupils to go digital\u201c<br \/>\n\u2022\u00a0\u00a0 \u00a0Financial Times: \u201eSchool textbooks near digital doomsday\u201c<br \/>\n\u2022\u00a0\u00a0 \u00a0Telegraph: \u201eCalifornia\u2019s ban on printed textbook\u201c<\/p>\n<p>Die Boshaftigkeit mit der da vermeintlich seri\u00f6se Berichterstattung die Realit\u00e4t so lange dreht bis \u201eto terminate\u201c und \u201eSchwarzenegger\u201c in der \u00dcberschrift nebeneinander stehen k\u00f6nnen, grenzt an Vors\u00e4tzlichkeit. Ganz \u00e4hnlich aufgebaut war das, was der Tagesspiegel-Autor Joachim Huber nach den Europawahlen \u00fcber die Piratenpartei <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/meinung\/kommentare\/Netz-Piraten-Internet-Europawahl-Urheberrecht;art141,2819090\">schrieb<\/a>. In beiden F\u00e4llen schienen die Autoren keinen Deut informiert oder auch nur im Ansatz an Tatsachen interessiert zu sein. Man mag den Fall Schwarzenegger .\/. englische Presse als Tiefpunkt einer anhaltenden Tendenz betrachten oder den Fall Huber .\/. Piratenpartei als Fortschreibung eines Generationskonfliktes \u2013 Ausrutscher in einem sonst einwandfreien Systems sind diese F\u00e4lle allerdings eher nicht.<\/p>\n<p>Woher kommt nun und wozu dient dieses Rumgemeine? Woher die Hinwendung zum Eindruck und woher das Zur\u00fccklassen der Faktenlage? Gerade wo gemeinhin konstatiert wird, dass die Zusammenh\u00e4nge der Welt durch die Globalisierung von Wirtschaft, Politik und Lebensformen einerseits und durch die Individualisierung von Lebensl\u00e4ufen und Werten andererseits, zunehmen komplex geworden sei, scheint es so, als w\u00fcrde die Berichterstattung \u00fcber diese immer komplexere Welt anstatt Schritt zu halten, bevorzugt meinungsstarke, einfache, schnelle Antworten geben wollen. Wo kurzfristige Aufmerksamkeit die einzige W\u00e4hrung ist, ist Wissen der expliziten, undifferenzierten Meinung blo\u00df l\u00e4stig. Dass der Lauteste nicht immer der Kl\u00fcgste ist, ist zwar altbekannt \u2013 \u00e4ndert aber leider nichts daran, dass auch dem D\u00fcmmsten die volle Aufmerksamkeit zuteil wird, so er nur laut genug ist.<\/p>\n<p>Wenn nun aber die Berichterstattung, egal ob nun in Blogs oder Zeitungen, die l\u00e4stige Chronistenpflicht und das Handwerk des Verstehens und Erkl\u00e4rens zunehmend aufgeben und sich nur noch der Gegenrede widmen \u2013 auf welcher Grundlage soll dann geurteilt werden? Auf welcher Grundlage soll und kann ich als Leser mir tats\u00e4chlich: <em>meine <\/em>Meinung <em>bilden<\/em>? Oder anders gefragt: Wenn alle nur noch Meinungen anbieten \u2013 wo kann ich mich dann bitte informieren?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal kann man an Werbebotschaften dann eben doch einen Paradigmenwechsel ablesen. Als 1993, und das ist heute tats\u00e4chlich eine kleine und in Mediendimensionen fast drei Ewigkeiten her, der \u201eFocus\u201c erstmals ver\u00f6ffentlicht wurde, da war das gro\u00dfe Versprechen von Helmut Markwort und Hubert Burda: Fakten, Fakten, Fakten. Dieses Credo, und speziell die Art mit der es<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5628"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5628"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5628\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}