{"id":65,"date":"2004-10-17T00:27:49","date_gmt":"2004-10-16T23:27:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/dschungelcamp\/"},"modified":"2014-01-25T02:33:18","modified_gmt":"2014-01-25T01:33:18","slug":"dschungelcamp","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/65\/dschungelcamp\/","title":{"rendered":"Ich bin ein Nichts &#8212; bringt mich gro\u00df raus!"},"content":{"rendered":"<p><b>Und wieder gehen Prominente in den Dschungel und lassen sich vorf\u00fchren, verspotten und filmen. Aber warum?<\/b><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrde man sich w\u00fcnschen, da\u00df Nadja Abd el Farrag Freunde h\u00e4tte. Da\u00df es da jemanden g\u00e4be, der sie in einer ruhigen Minute, vielleicht zwischen der Er\u00f6ffnung von zwei Schlecker-Filialen, beiseite n\u00e4hme und ihr sagte: Du, Naddel. Du hattest jetzt die Sache mit Dieter Bohlen. Du hattest die Aff\u00e4re mit Ralph Siegel,der sich \u00f6ffentlich Kinder von dir w\u00fcnschte, bevor du mit ihm per SMS Schlu\u00df gemacht hast.<\/p>\n<p>Du hast eine kostenpflichtige Naddel-SMS-Hotline gestartet. Du hast \u201epeep!\u201c moderiert. Du hast im Fernsehen deine Brust wiegen lassen. Komm, Naddel, jetzt machen wir &#8217;nen Sekt auf, gucken uns noch mal die Witze an, die \u00fcber dich gerissen wurden, und \u00fcberlegen, ob es wirklich so eine gute Idee ist, all dem jetzt noch folgende Bilder hinzuzuf\u00fcgen: Naddel schwei\u00dfna\u00df unter einem Berg Brennholz. Naddel im Schlamm. Naddel mit Kakerlaken. Naddel mit Carsten Spengemann. Naddel?<\/p>\n<p>Es gibt, andererseits, eine Denkschule, die sagt: Wer nichts zu verlieren hat, hat nichts zu verlieren. Irgendwie mu\u00df sie ja Geld verdienen, und in die RTL-Show &#8222;Ich bin ein Star &#8211; holt mich hier raus!&#8220; zu gehen, ist immer noch besser, als eine Bank zu \u00fcberfallen &#8212; na ja, wenigstens ist es legal. F\u00fcr zwei Wochen gibt es 20.000 bis 60.000 Euro, eine Business-Class-Reise f\u00fcr zwei Personen nach Australien, Unterkunft (vor und nach dem Camp) im besten Hotel. Die Frage, ob der &#8222;Trash&#8220;-Faktor ihrem Image schaden k\u00f6nnte, stellt sich nicht. Im Gegenteil: Es k\u00f6nnte der kr\u00f6nende Abschlu\u00df einer Karriere sein, die auf dem Nichts aufgebaut ist. Die Vollendung. Man k\u00f6nnte auch sagen: Der Todessto\u00df.<\/p>\n<p>Warum machen Menschen da mit? Lassen sich auf fiese Krabbeltiere und dem\u00fctigende Psychospiele ein, treten unausgeschlafen, ungeschminkt, ungewaschen vor die Kameras, w\u00e4hrend ein paar Hundert Meter weiter zwei Moderatoren im trockenen Witze auf ihre Kosten machen? Die zehn mehr oder weniger prominenten Menschen, die an diesem Dienstag nach Australien fliegen, um an der RTL-Dschungelshow teilzunehmen, k\u00f6nnen nicht sagen, sie w\u00fc\u00dften nicht, worauf sie sich einlassen.<\/p>\n<p>Beim ersten Schwung war das anders. Hochspringer Carlo Thr\u00e4nhardt zum Beispiel, der sagt, er mache gerne Dinge, &#8222;von denen man vorher nicht genau wei\u00df, worauf man sich einl\u00e4\u00dft&#8220;. Er hatte sich eher eine Art Survival-Training vorgestellt. Er bekam dann ein Video vom britischen Original, sah diverse Kakerlakenspiele und sagte: &#8222;Das ist aber nicht so sch\u00f6n.&#8220; &#8212; &#8222;Keine Sorge, es wird sportlich orientierter, weil das in Deutschland nicht so gerne gesehen wird&#8220;, lautete die Antwort.<\/p>\n<p>&#8222;Ich war entt\u00e4uscht, da\u00df es nichts mit Leistung zu tun hatte&#8220;, sagt Thr\u00e4nhardt. &#8222;Es war einfach langweilig und ging nur um \u00dcberwindung von Ekel.&#8220; Er habe Brennholz geschleppt ohne Ende &#8212; was aber nat\u00fcrlich im Fernsehen nie gezeigt wurde. Nein, er bereue nicht, da mitgemacht zu haben haben. Obwohl er, der als Referent \u00fcber &#8222;Eigenmotivation zur Spitzenleistung&#8220; gebucht werden kann, anfangs weniger Anfragen f\u00fcr Seminare bekam, was schade sei, weil er doch trotz allem dort auch viele interessante Erfahrungen gemacht hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Kabarettistin Lisa Fitz hatte die Show die sichtbarsten Folgen: Der Saarl\u00e4ndische Rundfunk (SR) entzog ihr eine kleine Sendung, was unbedeutend w\u00e4re, wenn damit nicht die symbolische Aberkennung des Pr\u00e4dikats &#8222;seri\u00f6se Kabarettistin&#8220; verbunden gewesen w\u00e4re: &#8222;Das Entrei\u00dfen der Krone vom SR hat mir mehr geschadet als der Dschungel selbst&#8220;, erz\u00e4hlt Fitz. Die gesamten \u00d6ffentlich-Rechtlichen h\u00e4tten sich verb\u00fcndet und bei allen Talkshows blockiert &#8212; und statt dessen fr\u00f6hlich K\u00fcblb\u00f6ck, B\u00f6hm, Cordalis eingeladen. Pers\u00f6nlich und privat w\u00fcrde sie wieder in den Dschungel gehen, in den sie einfach die &#8222;Abenteuerlust&#8220; getrieben habe, &#8222;aber beruflich darf ich es leider nicht mehr. Kabarett- und andere Fans reagieren sehr mimosenhaft.&#8220;<\/p>\n<p>Die Teilnahme hat ihr die Titelrolle in einer RTL-Serie eingebracht, vor allem aber Erfahrungen: &#8222;Ich habe die Niedertracht von Menschen erleben d\u00fcrfen, die H\u00e4me von eitlen Kollegen und die ma\u00dflose Selbstgerechtigkeit und Schadenfreude von &#8218;Daheimgebliebenen&#8216;, den sinnlos aufgequirlten Medienhype um das geballte Nichts &#8212; und die Liebe von vielen Millionen Menschen, die mich, greislig, wie wir da drin ausgesehen haben, auf den zweiten Platz w\u00e4hlten. Das ist doch nett. Und ich wei\u00df jetzt, da\u00df ich im Wald \u00fcberleben kann. Das wollte ich wissen.&#8220; Eine Forsa-Umfrage habe ihr einen gro\u00dfen Zuwachs an Bekanntheit und Beliebtheit vor allem bei 14- bis 29j\u00e4hrigen best\u00e4tigt. Ihr entspanntes Fazit: &#8222;Die Guten werden durch den Dschungel nicht schlecht, und die Schlechten werden qualitativ nicht besser. Man verliert als Kabarettistin in zw\u00f6lf Tagen Dschungel weder Substanz noch Verstand.&#8220;<\/p>\n<p>Bei Caroline Beil waren es die Veranstalter von Events, die sich zun\u00e4chst mit Anfragen zur\u00fcckhielten, ob die Moderatorin nicht diese oder jene Gala moderieren m\u00f6ge, nachdem sie vor Millionen Zuschauern in fiese Schlammb\u00e4der gestiegen war, sich von Emus hatte zerpicken lassen und \u00fcber ihre Mitstreiterin Susan Stahnke gel\u00e4stert hatte. Inzwischen aber, sagt ihre Managerin Nicole Mattig-Fabian, h\u00e4tten sich die Vorbehalte &#8222;komplett gelegt&#8220;.<\/p>\n<p>Beil ist vermutlich diejenige Teilnehmerin, die die genaueste Vorstellung davon hatte, was die Show ihr bringen k\u00f6nnte. Mattig-Fabian bestreitet zwar, da\u00df die ganze Inszenierung als L\u00e4sterk\u00f6nigin (Lisa Fitz spricht von &#8222;strategischem Mobbing&#8220;) verabredet gewesen sei. Aber Beil wu\u00dfte zweifellos, was zu tun war, um aus der Gruppe herauszuragen. Und sie wu\u00dfte, da\u00df sie hinterher nicht mehr, wie \u00fcber vier Jahre zuvor, jeden Abend ein Boulevardmagazin moderieren wollte &#8212; immer pr\u00e4sent und unsichtbar.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn sie nicht in den Dschungel gegangen w\u00e4re&#8220;, sagt Mattig-Fabian, &#8222;w\u00e4re sie in den Augen der \u00d6ffentlichkeit eine sympathische, sch\u00f6ne Moderationspuppe geblieben. Durch ihren Auftritt in der Show polarisiert sie &#8212; sie ist eine schillernde Pers\u00f6nlichkeit geworden. Sie hat jetzt einen popul\u00e4ren Namen, und es ist nun an ihr, den mit Inhalten zu f\u00fcllen.&#8220;<\/p>\n<p>Mattig-Fabian hat keine Zweifel, da\u00df sich f\u00fcr \u201eHacke-Beil\u201c (\u201eBild\u201c-Zeitung) die Teilnahme gelohnt hat: &#8222;Es ist optimal gelaufen. Hochangesehene Journalisten, die sie vorher nicht mit dem Hintern angeguckt haben, haben dann lange Interviews mit Caroline Beil gef\u00fchrt.&#8220; Sie moderiert seitdem Kabel-1-Reihen, sitzt im Panel von &#8222;Kenn ich &#8212; die witzige Serienshow&#8220;, hatte einen Auftritt beim &#8222;Red Nose Day&#8220;, war Beraterin bei &#8222;Hire or Fire&#8220; und spielte in &#8222;Beauty Queen&#8220;. Viele weitere Projekte seien in Arbeit; zehn Moderationsangebote habe Beil im Lauf des Jahres abgelehnt, weil ihr die Sendungen zu trashig waren.<\/p>\n<p>Na, da haben sich die blauen Flecken doch gelohnt. Oder? Gaby Allendorf, die K\u00fcnstler wie Stefan Raab und Wigald Boning vertritt, ist anderer Meinung. &#8222;Caroline Beil hat sich mit der Teilnahme an der Show keinen Gefallen getan&#8220;, sagt die PR-Expertin. Den Job bei &#8222;Hire or Fire&#8220;, das grandios gefloppt ist, habe Beil erst bekommen, nachdem die Barbara Eligmanns dieser Welt alle abgesagt h\u00e4tten. Allendorf glaubt nicht, da\u00df \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit der Art, wie sie die Dschungelshow schafft, auf Dauer zu gutbezahlten Jobs f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&#8222;Man kommt mit so einer Sache vielleicht ein Jahr \u00fcber die Runden&#8220;, sagt sie. F\u00fcr Schlagerstars wie Costa Cordalis zahle sich das aus: &#8222;Wenn man in dieser Branche einen Hit hat, kann man bei Auftritten die drei- oder vierfachen Gagen nehmen. Und Fernsehpr\u00e4senz ist wie ein Hit in den Charts.&#8220; Allendorf w\u00fcrde trotzdem keinem ihrer Kunden empfehlen, an der RTL-Show teilzunehmen; es sei aber auch keiner ihrer K\u00fcnstler von der Produktion angefragt worden: &#8222;Ich kenne niemanden, der ein Image zu verlieren h\u00e4tte, der gefragt worden ist. Das ist wie ein Ausverkauf: Ich mache mich als K\u00fcnstler billig und h\u00e4nge mir noch ein Schild um: &#8218;Sonderangebot&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Die Geschichte hat eine fast tragische psychologische Komponente. &#8222;Es gibt Leute, die werden nerv\u00f6s, wenn sie eine Woche lang nicht in den Medien auftauchen&#8220;, sagt Allendorf. Tats\u00e4chlich sind regelm\u00e4\u00dfige Partyberichte oder Privatgeschichten f\u00fcr viele Sternchen die einzige Chance, im Gespr\u00e4ch und im Gesch\u00e4ft zu bleiben &#8212; nur: die Hoffnung, durch diese Art von Pr\u00e4senz morgen, sp\u00e4testens n\u00e4chstes Jahr ein richtig tolles Angebot zu bekommen, tr\u00fcgt halt meist.<\/p>\n<p>Ein erfolgreicher PR-Mann erz\u00e4hlt von einer regelrechten Sucht nach dem Blitzlichtgewitter der Fotografen, das die eigene Bedeutung best\u00e4tigt &#8212; ganz egal, ob die entstandenen Fotos je eine Redaktion oder gar einen Leser erreichen. F\u00fcr manche Promis scheint &#8222;Leben&#8220; nur das zu sein, was von einem Publikum wahrgenommen wird. Wer beim Leben rund um die Uhr von Dutzenden Kameras beobachtet wird, glauben sie, mu\u00df doch prominent sein. Das Gegenteil ist eher der Fall.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und wieder gehen Prominente in den Dschungel und lassen sich vorf\u00fchren, verspotten und filmen. Aber warum? Nat\u00fcrlich w\u00fcrde man sich w\u00fcnschen, da\u00df Nadja Abd el Farrag Freunde h\u00e4tte. Da\u00df es da jemanden g\u00e4be, der sie in einer ruhigen Minute, vielleicht zwischen der Er\u00f6ffnung von zwei Schlecker-Filialen, beiseite n\u00e4hme und ihr sagte: Du, Naddel. 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