{"id":69,"date":"2005-07-23T00:09:41","date_gmt":"2005-07-22T22:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/wp\/?p=37"},"modified":"2005-07-23T00:09:41","modified_gmt":"2005-07-22T22:09:41","slug":"zdfreporter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/69\/zdfreporter\/","title":{"rendered":"ZDF.reporter"},"content":{"rendered":"<p><p><b>Tat\u00fctata, das ZDF ist da.<\/b> Die \u201cZDF.reporter\u201d, die n\u00e4chste Woche ihre 150. Sendung feiern, k\u00e4mpfen unerm\u00fcdlich f\u00fcr Recht und Ordnung<\/p>\n<\/p>\n<p>Zu den wirklich dr\u00e4ngenden Problemen unserer Zeit geh\u00f6rt der Mittelspurschleicher. Tag f\u00fcr Tag blockieren sie die Autobahn: junge Frauen, die Angst haben, die Spur zu wechseln; alte M\u00e4nner, die glauben, die rechte Spur sei nur f\u00fcr Laster; bl\u00f6de Mercedesfahrer, die meinen, sie h\u00e4tten es nicht n\u00f6tig. Egal, wie dicht wir auffahren oder wie knapp vor ihnen wir demonstrativ auf die rechte Spur ziehen, sie werden nicht weniger: die Mittelspurschleicher.<\/p>\n<p>Im Mai nahm sich &#8222;ZDF.reporter&#8220; des heiklen Themas an. Ein Reporter fuhr mit zwei Polizisten auf der A5 und war ersch\u00fcttert: &#8222;Schon nach kurzer Zeit haben sie einen Kleintransporter im Visier, der partout nicht wieder auf die rechte Spur einscheren will. Ein typischer Mittelspurschleicher.&#8220; Wenig sp\u00e4ter: &#8222;Ein Mercedesfahrer blockiert seit sechs Kilometern die Mittelspur.&#8220; Und dann: &#8222;Ein Golf bleibt stur in der Mitte, und das schon seit mehr als acht Kilometern. Ein notorischer Mittelspurschleicher.&#8220; Alles doppelt auf Video festgehalten: von der Polizei und vom ZDF. Junge Frauen, alte M\u00e4nner, bl\u00f6de Mercedesfahrer. Neun Minuten Mittelspurschleicher pur.<\/p>\n<p>So was sieht man ja sonst nicht im Fernsehen. Auch nicht bei &#8222;ZDF.reporter&#8220;. Sonst jagen die mit der Polizei Raser und Dr\u00e4ngler, Motorradfahrer, b\u00f6se Laster und betrunkene Jugendliche, wieder Raser und Dr\u00e4ngler, noch mal Motorradfahrer und sicherheitshalber ein weiteres Mal Raser und Dr\u00e4ngler. Kaum eine Ausgabe, in der die Reporter nicht mit der Polizei auf Streife gehen: im Videowagen oder zu Fu\u00df, in Uniform oder in Zivil. Und wenn es keine Polizisten sind, die begleitet werden, dann andere Kontrolleure.<\/p>\n<p>&#8222;ZDF.reporter&#8220; ist das mit Abstand monotonste Magazin im deutschen Fernsehen. Es nimmt die Welt fast ausschlie\u00dflich aus der Perspektive von Ordnungsh\u00fctern wahr. Andere Menschen kommen nur als reuige S\u00fcnder oder uneinsichtige Misset\u00e4ter vor, bestenfalls als Zeugen oder zu Unrecht Verd\u00e4chtige. Es sind oft Bagatelldelikte, die im Mittelpunkt stehen, aber bei &#8222;ZDF.reporter&#8220; ist klar, da\u00df es keine Bagatelldelikte gibt: Es geht um Recht und Ordnung, im Kleinen wie im Gro\u00dfen, und wenn man genug Sendungen gesehen hat, beginnt man selbst zu glauben, da\u00df der Unterschied zwischen einem Menschen, der achtlos eine Bananenschale wegwirft, und einem Terroristen m\u00f6glicherweise nur in Nuancen besteht.<\/p>\n<p>Die Reportage &#8222;Sommer, Sonne, Sittenw\u00e4chter: Ordnung mu\u00df sein &#8211; auch beim Sommerspa\u00df&#8220; beginnt am Isarufer. &#8222;Grillen ist hier nur in ausgewiesenen Bereichen erlaubt, Lagerfeuer grunds\u00e4tzlich verboten&#8220;, erkl\u00e4rt der Reporter. Er begleitet zwei Wachleute: &#8222;Ihnen entgeht nichts. Die Sicherheitsleute n\u00e4hern sich vorsichtig. Pirschen sich im Schutze der B\u00e4ume an die illegalen Griller heran.&#8220; Nat\u00fcrlich werden sie gestellt. Der Bericht endet mit den Worten: &#8222;Die Grill-Sheriffs aus M\u00fcnchen haben das Isarufer im Griff. Hier wird diesen Sommer wohl niemand ein illegales Feuer entfachen.&#8220; Es gibt keinen Hauch von Distanz oder Ironie in den Kommentaren, auch nicht am Ende einer Reportage \u00fcber Schwarze Nordsee-Sheriffs: &#8222;Die Leute vom Wachdienst \u00fcbernehmen wieder. Ihr Strand soll schlie\u00dflich sauber bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Off-Texte klingen wie S\u00e4tze aus drei\u00dfig Jahre alten &#8222;Aktenzeichen XY&#8220;-Sendungen oder fr\u00fchen &#8222;Derrick&#8220;-Folgen: In der Wohnung eines jungen Kriminellen riecht es &#8222;wie in einer Marihuana-H\u00f6hle&#8220; (was immer das sein mag). Ein &#8222;Sozialschmarotzer&#8220; schl\u00e4ft bis mittags und w\u00fcrde nie putzen, &#8222;nicht mal bei sich zu Hause&#8220;. Zwei Sechzehnj\u00e4hrige nachts um zwei weit von ihren Wohnungen, klarer Fall: Die m\u00fcssen B\u00f6ses im Schilde f\u00fchren. &#8222;Lautes Hundegebell in der Wohnung, nicht gerade ein Zeichen f\u00fcr gute Erziehung.&#8220; Immer hei\u00dft es: &#8222;F\u00fcr die Beamten ist er kein Unbekannter&#8220;, &#8222;die Dunkelziffer ist hoch&#8220; oder: &#8222;Frank ist kein Einzelfall&#8220;. Und wenn ein Ertappter sprachlos ist, reicht es den Reportern nicht, seine Sprachlosigkeit zu zeigen. Sie m\u00fcssen sagen: &#8222;Er ist sprachlos.&#8220;<\/p>\n<p>Die Reportagen \u00fcbernehmen konsequent die Perspektive der Ordnungsh\u00fcter. Wie zweifelhaft ihre Entscheidungen sein m\u00f6gen, wie problematisch die Vorschriften, daran verschwendet &#8222;ZDF.reporter&#8220; keinen Gedanken. Hintergr\u00fcnde oder Zusammenh\u00e4nge gibt es nicht, nur das Hier und Jetzt.<\/p>\n<p>Gejagt werden die Kleinen. Notfalls wird der ZDF-Reporter selbst zum Ordnungsh\u00fcter: In einem Bericht \u00fcber eine Gruppe polnischer Fliesenleger gen\u00fcgt es ihm nicht, durch eine Indizienkette zu belegen, da\u00df sie wohl illegal arbeiten, nein, er mu\u00df sie auch noch pers\u00f6nlich befragen (&#8222;Wir haben eigens eine eigene Dolmetscherin mitgebracht!&#8220;), was, wie zu erwarten, nichts bringt, au\u00dfer die Polen noch einmal gr\u00fcndlich blo\u00dfzustellen. Das pers\u00f6nliche Elend eines Mannes, der im Supermarkt vier G\u00e4nsekeulen geklaut hat, weil er seine Familie kaum zu ern\u00e4hren wei\u00df, wird von &#8222;ZDF.reporter&#8220; gnadenlos ausgestellt. Ein Familienvater und Hartz-IV-Empf\u00e4nger, an dem es ausnahmsweise nichts zu kontrollieren gibt, putzt f\u00fcr einen Euro die Stunde im Zoo, und der Reporter behauptet, er sei f\u00fcr viele Besucher damit selbst eine merkw\u00fcrdige Spezies, die man begafft, und filmt ihn in einer Art, da\u00df ihn auch die Fernsehzuschauer so erleben m\u00fcssen: als ganz armes Schwein.<\/p>\n<p>Da\u00df die Reportage einmal eine journalistische Form war, die den Menschen zeigte, was sie nicht kannten, die Neues erz\u00e4hlte, \u00dcberraschendes, Wichtiges, l\u00e4\u00dft sich bei &#8222;ZDF.reporter&#8220; nicht mehr erahnen. Hier passiert nichts, was man nicht erwartet: Motorradfahrer rasen, \u00f6sterreichische Polizisten zocken deutsche Urlauber ab, in Kreuzberg lauert an jeder Ecke die Gefahr, Haschischraucher sind Verbrecher, Verbrecher rauchen Haschisch. Jeder zweite Satz aus dem Off ist wohlfeile Emp\u00f6rung und Verurteilung.<\/p>\n<p>&#8222;ZDF.reporter&#8220; ist eine \u00f6ffentlich-rechtliche Kapitulation. Die Sendung fragt nicht mehr: &#8222;Welches Thema hatten wir noch nicht?&#8220;, sondern: &#8222;Welches Thema sollten wir noch einmal machen, weil es gute Quote brachte?&#8220; Norbert Lehmann, der Redaktionsleiter und Moderator, nennt sein Magazin eine &#8222;Nahaufnahme Deutschland&#8220; mit Reportagen &#8222;aus dem deutschen Alltag, aus der deutschen Lebenswirklichkeit&#8220;. Irgendwie hat er recht: &#8222;ZDF.reporter&#8220; ist auf eine sehr kleinkarierte Art das deutscheste Fernsehmagazin. Vielleicht stimmt auch deshalb die Quote einigerma\u00dfen: Weil sich die Zuschauer in diesen ungewissen Zeiten zur\u00fccklehnen k\u00f6nnen in dem guten Gef\u00fchl, da\u00df wenigstens noch Fahrkarten und Mittelspurschleicher kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Ein Thema der Jubil\u00e4umssendung am Mittwoch ist der angeblich massive Mi\u00dfbrauch bei Hartz IV. Es fehle vor allem an: Kontrollen.<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tat\u00fctata, das ZDF ist da. Die \u201cZDF.reporter\u201d, die n\u00e4chste Woche ihre 150. Sendung feiern, k\u00e4mpfen unerm\u00fcdlich f\u00fcr Recht und Ordnung Zu den wirklich dr\u00e4ngenden Problemen unserer Zeit geh\u00f6rt der Mittelspurschleicher. 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