{"id":72,"date":"2005-10-25T23:00:48","date_gmt":"2005-10-25T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/liebesleben\/"},"modified":"2005-10-25T23:00:48","modified_gmt":"2005-10-25T22:00:48","slug":"liebesleben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/72\/liebesleben\/","title":{"rendered":"LiebesLeben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Diese Serie hat eine Seele. <\/strong>So sind sie, die jungen, modernen Gro\u00dfstadtmenschen: &#8222;LiebesLeben&#8220; bei Sat.1.<\/p>\n<p style=\"text-align:center;\">&#183;  &#183;  &#183;<\/p>\n<p>&#8222;Kannst du dir zum Beispiel vorstellen&#8220;, fragt die liierte junge Frau in Torschlu\u00dfpanik kurz vor dem drohenden Heiratsantrag ihre beste Freundin, &#8222;von jetzt an bis ans Ende deines Lebens nur noch Sex mit einem einzigen Partner zu haben?&#8220; Und die partnerlose Freundin antwortet: &#8222;Sex, ja, das w\u00e4r toll.&#8220;<\/p>\n<p>So sind sie, die jungen, modernen Gro\u00dfstadtmenschen. Jeder hat sein P\u00e4ckchen zu tragen. Und wie es ist, ist es verkehrt.<\/p>\n<p>Auf der nach oben offenen Weltproblemskala sind die Sorgen dieser jungen, modernen Gro\u00dfstadtmenschen in einem kaum me\u00dfbaren Bereich. Aber es sind ihre Sorgen, und das macht sie zu den wichtigsten der Welt. Sicher, Malte k\u00f6nnte froh sein, so wie er aussieht und die Frauen auf ihn fliegen. Und Caren und Bj\u00f6rn, als junges Paar, das gerade zusammengezogen ist. Und Edwin hat ja seine s\u00fc\u00dfe Tochter, die &#8222;Prinzessin&#8220;, die ihn bedingungslos liebt. Und Verena ist Paketfahrerin von Beruf, da klingelt sie t\u00e4glich bei so vielen fremden M\u00e4nnern an der T\u00fcr, da mu\u00df doch irgendwann der richtige dabeisein.<\/p>\n<p>Andererseits hat es Malte so satt, da\u00df diese attraktiven jungen Dinger sich ihm alle vor die F\u00fc\u00dfe werfen und nur auf sein \u00c4u\u00dferes abfahren, wo er sich doch eigentlich nur w\u00fcnscht, da\u00df ihm seine Ex-Freundin noch eine letzte Chance geben w\u00fcrde (leider wei\u00df genau die am besten, da\u00df der Sex mit ihm gut funktioniert, sonst aber auch nichts). Caren und Bj\u00f6rn merken, da\u00df das mit dem Zusammenziehen zwar theoretisch eine gute Idee war, aber die ganzen Unterschiede zwischen den beiden, die vorher so spannend schienen, sich dadurch pl\u00f6tzlich in echte Beziehungskiller verwandeln. Edwin leidet wie ein Hund, da\u00df die Frauen dauernd auf seinen Kumpel Malte abfahren und nie auf ihn, und fragt sich, ob es dem Pech nicht irgendwann langweilig wird, immer nur ihn zu verfolgen. Und Verena h\u00e4ngt sich so verkrampft an jede nur halbwegs aussichtsreich erscheinende Beziehung, da\u00df sie jeden Bewerber schon dadurch in die Flucht schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>&#8222;LiebesLeben&#8220; erz\u00e4hlt die Geschichten dieser f\u00fcnf, ihre endlose Suche nach dem kleinen bi\u00dfchen Gl\u00fcck, das dann aber bittesch\u00f6n perfekt sein soll, weil es sonst doch nur eine andere Form von Elend ist. Und da\u00df daraus so eine wunderbare leichte, aber nicht flache Serie geworden ist, liegt nicht zuletzt daran, da\u00df ihr das Kunstst\u00fcck gelingt, diese Drei\u00dfigj\u00e4hrigen in ihrem subjektiven Ungl\u00fcck ernst zu nehmen und sich gleichzeitig \u00fcber die Absurdit\u00e4t dieser Probleme lustig zu machen. Seinen Witz zieht das Buch von Tommy Jaud vor allem daraus, da\u00df die Angeh\u00f6rigen dieser Generation ja tats\u00e4chlich viele Probleme haben, die ihre Eltern und Gro\u00dfeltern nicht kannten. Da\u00df es viele Situationen gibt, die zu ihrem Alltag geh\u00f6ren, f\u00fcr die es aber keine Verhaltensknigge irgendeiner Art gibt.<\/p>\n<p>Wie geht man mit dem neuen Mann der Ex-Freundin um, der offenbar sehr viel Geld hat und ein arrogantes Arschloch ist, mit dem sich aber ein Zusammentreffen nicht vermeiden l\u00e4\u00dft, weil die kleine Tochter in seinem Haus wohnt? Wie teilt man ihm mit, da\u00df es sch\u00f6n w\u00e4re, wenn er die Tochter nicht mit siebentausend Stofftieren in zwei Spielzimmern bestechen w\u00fcrde, wenn man sich selbst finanziell gerade mal so durchschlagen kann? Oder was ist die sozial akzeptable Art, einem One-night-Stand am n\u00e4chsten Morgen zu sagen, da\u00df eigentlich nicht nur eine Wiederholung ausgeschlossen ist, sondern auch ein gemeinsames Fr\u00fchst\u00fcck? Unter welchen Voraussetzungen darf man sich als Mensch in gl\u00fccklicher Partnerschaft mit einem fr\u00fcheren Partner treffen, einfach nur so? Und wie kriegt man raus, ob die Table-T\u00e4nzerin wirklich Interesse an einem hat oder nur ihren Job richtig gut macht? (Okay, das letzte ist eine Spezialfrage.)<\/p>\n<p>&#8222;LiebesLeben&#8220; erz\u00e4hlt die Versuche der Frauen und M\u00e4nner, diese und andere Fragen zu beantworten, teils fortlaufend, teils episodenhaft. Und auch wenn die Serie meist den k\u00fcrzesten Weg zur n\u00e4chsten trockenen Pointe ansteuert, geht sie doch auf eine ungewohnt z\u00e4rtliche Art mit ihren Protagonisten um und gibt ihnen Tiefe und Aufrichtigkeit. Ihre Beziehungsgeschichten sind nicht nur lustig und bizarr, sondern auch wahr. Sat.1 hat diese Mischung offenbar aus Verlegenheit auf der Suche nach einem passenden Genrebegriff mit &#8222;Romantic Comedy&#8220; bezeichnet, doch sie hat nichts von dem S\u00fc\u00dflichen, das man mit diesem Begriff verbinden kann, sondern eher eine abgr\u00fcndige Komponente.<\/p>\n<p>Es ist eine der innovativsten Comedyserien seit langem. Nicht nur, weil sie diese zweite, ernste Ebene hat. Sondern auch durch die Art, wie sie erz\u00e4hlt ist. Die Protagonisten sprechen mit dem Zuschauer aus dem Off und in die Kamera, in Einsch\u00fcben wird Vergangenes, Erhofftes und Bef\u00fcrchtetes visualisiert, und wenn eine fast vergessene Nebenfigur am Ende einer Folge pl\u00f6tzlich wiederauftaucht, kann es sein, da\u00df sie sagt, sie sei der Mann &#8222;vom Anfang der Folge&#8220;. Die Macher hatten offenkundig Spa\u00df an kleinen Gags und daran, mit der Erwartung des Publikums zu spielen.<\/p>\n<p>Und man mu\u00df zum Beispiel nur sehen, wie liebevoll der Stadtalbtraum K\u00f6ln in Szene gesetzt wurde, mal kalt und gro\u00dfst\u00e4dtisch, mal romantisch und attraktiv, um zu erkennen: Dieses Programm hat eine Seele. Vorspann, Musikauswahl, Schnitt, Regie (Tobi Baumann) &#8211; alles strahlt Leidenschaft aus. Und in den besten Momenten schaffen es die Schauspieler, ihre Charaktere von Comedyfiguren zu echten Menschen werden zu lassen, mit denen man f\u00fchlt. Allen voran Michael Lott als depressives Knautschgesicht Edwin, der zwischen Witzfigur und tieftraurigem Loser changiert. Julia Stinshoff als Caren darf endlich mehr als s\u00fc\u00df gucken, Florian David Fitz mehr als ein Seriensch\u00f6nling sein, und Bettina Lamprecht macht als schroffe Barfrau Sanne aus einer Nebenrolle ein Highlight.<\/p>\n<p>Und dann steht Edwin samstags morgens wieder unter der nicht eingeschalteten Dusche und fragt sich, warum er sich \u00fcberhaupt die M\u00fche macht aufzustehen, an einem Tag, von dem er doch nichts zu erwarten hat. Weil er doch wieder keine Frau treffen wird, die ihn akzeptiert, so wie er ist: ungeduscht und depressiv. Und entscheidet sich dann, sich trotzdem zu waschen, &#8222;denn wenn ein Mann schon abends allein und traurig nach Hause kommt, soll er dabei wenigstens gut riechen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Serie hat eine Seele. 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