{"id":8316,"date":"2010-02-12T14:54:35","date_gmt":"2010-02-12T13:54:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=8316"},"modified":"2010-02-12T18:25:33","modified_gmt":"2010-02-12T17:25:33","slug":"ich-notorischer-urheberrechtsverletzer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/8316\/ich-notorischer-urheberrechtsverletzer\/","title":{"rendered":"Ich notorischer Urheberrechtsverletzer"},"content":{"rendered":"<p>YouTube hat meinen Account gel\u00f6scht. Damit sind all die sch\u00f6nen Videos, die ich f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.fernsehlexikon.de\">Fernsehlexikon<\/a> hochgeladen habe, verschwunden. Das kam nicht ganz \u00fcberraschend: Kurz zuvor hatte das Portal zum zweiten Mal ein von mir hochgeladenes Video gel\u00f6scht, weil ich damit angeblich m\u00f6glicherweise gegen das Urheberrecht eines Fernsehunternehmens versto\u00dfen h\u00e4tte. Wenn das passiert, schickt YouTube eine Mail, in der es unmissverst\u00e4ndlich hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Dies ist die <b>zweite<\/b> Urheberrechtsbeschwerde zulasten deines Kontos. <b>Eine einzige weitere Beschwerde f\u00fchrt zur K\u00fcndigung deines Kontos.<\/b> Wenn du dies vermeiden m\u00f6chtest, l\u00f6sche s\u00e4mtliche Videos, an denen du keine Rechte besitzt, und lade in Zukunft keine Videos mehr hoch, die die Urheberrechte anderer verletzen. Weitere Informationen zu den Urheberrechtsrichtlinien von YouTube findest du in den <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/t\/howto_copyright\">Tipps zum Urheberrecht<\/a><\/em>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich war also gewarnt. Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass der Sender ProSieben (oder genauer: sein Vermarkter Seven One) kurz darauf nach \u00fcber einem Jahr daran Ansto\u00df nehmen w\u00fcrde, dass ich Ende 2008 einen 24-sek\u00fcndigen Ausschnitt aus dem damaligen Jahresr\u00fcckblick von &#8222;Switch Reloaded&#8220; <a href=\"http:\/\/www.fernsehlexikon.de\/3984\/elke-heidenreich-schlaegt-marcel-reich-ranicki\/\">bei YouTube hochgeladen hatte<\/a>. Es handelte sich um eine kurze Szene mit der Parodie, <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/mein-fernsehmoment-des-jahres\/\">in der Elke Heidenreich Marcel Reich-Ranicki von der B\u00fchne schl\u00e4gt<\/a> &#8212; mit einem leicht ver\u00e4nderten Exemplar des &#8222;Fernsehlexikon&#8220;, das ich mit Michael Reufsteck geschrieben habe.<\/p>\n<p>Das ist ein interessanter Fall. Nat\u00fcrlich besitze ich keine Rechte an dieser Szene und darf sie deshalb eigentlich nicht bei irgendwelchen Videoportalen hochladen. Andererseits hatte ich das Video in einen Blogeintrag eingebettet, der sich mit dem Gezeigten besch\u00e4ftigt, wodurch der Gebrauch durch das Zitatrecht gedeckt w\u00e4re. Wiederum andererseits sieht man das aber dem Video selbst nicht an, das ja ausschlie\u00dflich aus dem Inhalt von ProSieben besteht. (Ob es den Sendern wirklich hilft, wenn sie jeden vermeintlich illegalen 24-Sekunden-Mitschnitt ihrer Programme auf YouTube sperren lassen, ist eine andere Frage, aber die Sender sind gerade so sensationell unentspannt, was ihr Leben in der ver\u00e4nderten digitalen Welt angeht, dass Prinzip im Zweifel immer vor Pragmatismus geht.)<\/p>\n<p>Die beiden ersten Videos hatte RTL sperren lassen. Das erste war die Szene aus dem RTL-Mittagsmischmagazin &#8222;Punkt 12&#8220;, in der eine Reporterin live vom Amoklauf in Winnenden berichtete <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/fragen-stellen-ist-nun-mal-unser-beruf\/\">(&#8222;hier blinken die Lichter&#8220;, &#8222;Chaos vom Feinsten&#8220;)<\/a>. Anfang Januar lie\u00df RTL dann das auch das <a href=\"http:\/\/www.fernsehlexikon.de\/6933\/das-ende-der-daily-talk-aera\/\">ebenso typische wie unw\u00fcrdige Ende der letzten &#8222;Oliver Gei\u00dfen&#8220;-Talkshow<\/a> l\u00f6schen. Mag sein, dass der Ausschnitt mit \u00fcber dreieinhalb Minuten L\u00e4nge nicht mehr wirklich als Zitat durchgeht. Aber f\u00fcr mich war das auch ein fernsehhistorisches Dokument &#8212; und ich w\u00fcrde wetten, dass RTL auch einen Ausschnitt von dreieinhalb Sekunden L\u00e4nge nicht hingenommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Komisch, davon h\u00f6rt man gar nichts, bei all dem Gejammer der Sender \u00fcber den massenhaften &#8222;Diebstahl&#8220; ihrer Inhalte: dass sie l\u00e4ngst sehr effektiv und r\u00fccksichtslos jeden fremden Gebrauch ihres Materials auf den Videoplattformen verhindern, auch den legalen.<\/p>\n<p>F\u00fcr das <a href=\"http:\/\/faz-community.faz.net\/blogs\/fernsehblog\/default.aspx\">Fernsehblog der FAZ<\/a> habe ich vor ein paar Wochen <a href=\"http:\/\/niggi.posterous.com\/jugendschutz-bei-dsds\">ein Video angefertigt<\/a> und (auf einem anderen YouTube-Account) hochgeladen, das demonstriert, um welchen winzigen Ausschnitt RTL eine Folge von &#8222;Deutschland sucht den Superstar&#8220; f\u00fcr die Nachmittagswiederholung gek\u00fcrzt hatte. Der Sender hatte behauptet, von den Jugendsch\u00fctzern der Landesmedienanstalten f\u00fcr eine Szene kritisiert worden zu sein, die am Nachmittag gar nicht zu sehen war &#8212; <a href=\"http:\/\/faz-community.faz.net\/blogs\/fernsehblog\/archive\/2010\/01\/23\/deutschland-sucht-den-superstar-und-die-jugendschutz-luege-von-rtl.aspx\">eine L\u00fcge<\/a>. In dem einmin\u00fctigen Ausschnitt war zu sehen, dass all das, was die KJM ger\u00fcgt hatte, auch in der k\u00fcrzeren Version vorkam. <\/p>\n<p>Nun ist es gar nicht leicht, Videos, die in irgendeiner Form Inhalte von &#8222;DSDS&#8220; enthalten, \u00fcberhaupt bei YouTube hochzuladen. Durch eine <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/t\/contentid\">clevere Technik<\/a> werden sie sofort als RTL-Inhalte identifiziert. Ich musste ausdr\u00fccklich best\u00e4tigen, dass und warum ich der Meinung bin, sie trotzdem ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen, und eine &#8222;Erkl\u00e4rung in gutem Glauben&#8220; unterzeichnen. Das tat ich &#8212; und trotzdem blieb das Video nicht lange online. YouTube teilte mir nach ein paar Stunden mit, RTL habe mein Video &#8222;gepr\u00fcft&#8220; und seine &#8222;Anspr\u00fcche auf den gesamten Content oder Teile davon erneut best\u00e4tigt&#8220;. Mein Video sei &#8222;folglich weltweit gesperrt&#8220;. <\/p>\n<p>Beim deutschen YouTube-M\u00f6chtegern-Konkurrenten Sevenload ist alles noch schlimmer. Hier hatte ich das Video hochgeladen, nachdem YouTube es gel\u00f6scht hatte. Hier musste RTL nicht einmal einschreiten &#8212; Sevenload sperrte es von sich aus. Bei Sevenload bekam ich auch keinen Hinweis per Mail, sondern musste mich einloggen, um die vage klingende und offenbar hastig formulierte Nachricht zu finden: <\/p>\n<blockquote><p>Hallo fernsehblog,<br \/>\ndein Bild\/Video &#8218;Jugendschutz bei DSDS&#8216; wurde gesperrt, weil sie gegen unsere Richtlinien (Nutzungsbedingungen) verst\u00f6\u00dft. Aus diesem Grund ist diese Datei nur noch f\u00fcr dich sichtbar. Falls es sich um ein Missverst\u00e4ndnis handelt oder du fragen hast, kontaktiere bitte unseren Support.<br \/>\n%suporterName <em>[sic!]<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Der Support lie\u00df sich nicht \u00fcberzeugen, dass die Verwendung der nachbearbeiteten RTL-Inhalte durch das Zitatrecht gedeckt sein k\u00f6nnte. Sevenload hat sich auch bei den Videos, mit denen das Forum call-in-tv.net die frappierenden Merkw\u00fcrdigkeiten in den Abl\u00e4ufen von Call-TV-Sendungen dokumentiert, als daf\u00fcr untaugliche Plattform erwiesen. Ein <a href=\"http:\/\/de.sevenload.com\/sendungen\/watchblog-tv\/folgen\/4nbn4kC-watchblog-tv\">bizarrer Versuch von Sevenload vor eineinhalb Jahren<\/a>, sich unter der Marke &#8222;watchblog-tv&#8220; als unwahrscheinlicher K\u00e4mpfer f\u00fcr kritischen Medienjournalismus zu etablieren, verendete nach wenigen Tagen, sobald das PR-Geklingel vorbei war.<\/p>\n<p>Video-Portale wie YouTube haben es Unbefugten viel leichter gemacht, das Material der Sender zu verbreiten. Aber sie haben es den Sendern auch viel leichter gemacht, die Verbreitung ihres Materials zu kontrollieren und zu unterbinden. Und es reicht offenbar, dass ein Sender behauptet, dass ein Versto\u00df gegen das Urheberrecht vorliege, um ein Video sperren zu lassen.<\/p>\n<p>Ich versuche schon seit l\u00e4ngerer Zeit, eine allgemeine Aussage von RTL zu bekommen, welchen Bedingungen ein Video gen\u00fcgen m\u00fcsste, das sich mit dem RTL-Programm auseinandersetzt und den Gegenstand auch dokumentiert, um nach dem Verst\u00e4ndnis des Senders zul\u00e4ssig zu sein und nicht von den Videoplattformen gel\u00f6scht zu werden. Eine wirkliche Antwort habe ich nie bekommen. Vermutlich hat der Sender gar kein Interesse, sie zu formulieren. Da sitzen irgendwo vermutlich Studenten oder Praktikanten, die routinem\u00e4\u00dfig die Videoplattformen abgrasen und alles l\u00f6schen lassen, wo das RTL-Logo in der Ecke klebt. Dass das deutsches Urheberrecht keineswegs jede Verwendung und Weiterverarbeitung von RTL-Inhalten ausschlie\u00dft, wird dem Sender egal sein. Zum Zitatrecht hat er ohnehin ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Wer keine M\u00f6glichkeit hat, ein Video auf einem eigenen Server zu ver\u00f6ffentlichen, dem bleibt mit etwas Gl\u00fcck ein Trick: Bei ihren eigenen Plattformen &#8222;Clipfish&#8220; (RTL) und &#8222;MyVideo&#8220; (ProSieben) nehmen es die Sender nicht so genau mit ihrem Urheberrecht. Es ist nat\u00fcrlich ein bisschen gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, sich ausgerechnet in die bunte Trashh\u00f6lle eines Angebotes wie &#8222;Clipfish&#8220; zu begeben. Aber das Video von dem RTL-Debakel in Winnenden, das der Sender <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/rtl-laesst-winnenden-video-loeschen\/\">vergessen machen wollte und \u00fcberall sonst l\u00f6schen lie\u00df<\/a>, lebt dort schon seit einem Dreivierteljahr <a href=\"http:\/\/www.clipfish.de\/player.php?videoid=MTc3NDAyN3wzMDE0MjM3\">unbehelligt vor sich hin<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>YouTube hat meinen Account gel\u00f6scht. Damit sind all die sch\u00f6nen Videos, die ich f\u00fcr das Fernsehlexikon hochgeladen habe, verschwunden. Das kam nicht ganz \u00fcberraschend: Kurz zuvor hatte das Portal zum zweiten Mal ein von mir hochgeladenes Video gel\u00f6scht, weil ich damit angeblich m\u00f6glicherweise gegen das Urheberrecht eines Fernsehunternehmens versto\u00dfen h\u00e4tte. 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