{"id":9228,"date":"2002-05-19T16:24:43","date_gmt":"2002-05-19T14:24:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=9228"},"modified":"2010-05-16T16:27:06","modified_gmt":"2010-05-16T14:27:06","slug":"wie-bild-corinna-may-vor-maennern-schuetzt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/9228\/wie-bild-corinna-may-vor-maennern-schuetzt\/","title":{"rendered":"Wie &#8222;Bild&#8220; Corinna May vor M\u00e4nnern sch\u00fctzt"},"content":{"rendered":"<p><b>Sex, Macht, Politik &#8211; und Estland als Testland: Was uns der Grand Prix in der kommenden Woche bescheren wird.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align:center;\">&#183;  &#183;  &#183;<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte es l\u00e4ngst getan haben k\u00f6nnen, zum ersten Mal seit drei Jahren. Sie h\u00e4tte l\u00e4ngst einen gefunden haben k\u00f6nnen, vielleicht einen estnischen Recken, wie ihre S\u00e4ngerinnen sich w\u00fcnschen, vielleicht einen sechzigj\u00e4hrigen t\u00fcrkischen T\u00e4nzer, wie ihn die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung gefunden hat, jedenfalls jemanden, der sich &#8222;gut anf\u00fchlt&#8220;, wie sie selber sagt.<\/p>\n<p>Und wir k\u00f6nnten l\u00e4ngst weiter sein in dem Liebesdrama um Corinna May, vielleicht schon in der Phase, wo sie erz\u00e4hlt, wie z\u00e4rtlich er im Bett war, oder in der, wo er erz\u00e4hlt, wie sie beim Sex leise singt, oder auch nur in der, wo &#8222;Bild&#8220; beschreibt, wie liebevoll er ihr \u00fcber die vielen Klippen hilft, die in dem wundersch\u00f6nen alten, aber hoffnungslos verwinkelten Hotel Schl\u00f6\u00dfle in Tallinn zwischen dem Eingang und ihrem Zimmer im Erdgescho\u00df liegen. Denn eigentlich wollte die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung die gro\u00dfe Corinna-May-sucht-einen-Mann-Serie schon im M\u00e4rz bringen, aber dann kam Uschi Glas dazwischen.<\/p>\n<p>Seit die sch\u00f6nsten Geschichten nicht mehr das Leben, sondern Mark Pittelkau in der &#8222;Bild&#8220;-Zeitung schreibt, mu\u00df man mit solchen Unbillen rechnen. Wenigstens besteht bei Corinna May nicht die Gefahr, da\u00df sie, wie Michelle im vergangenen Jahr, im Beisein von Journalisten &#8222;ihr&#8220; Grand-Prix-Tagebuch in &#8222;Bild&#8220; liest und erschrickt und widerspricht.<\/p>\n<p>Die anf\u00e4nglichen Sorgen des NDR-Unterhaltungschefs und deutschen Grand-Prix-Beauftragten J\u00fcrgen Meier-Beer sind also verflogen, da\u00df er nach den Jahren mit Stefan Raab und seiner eigenen PR-Maschine und Michelle und ihrem Riesenpack Kindheits- und Trennungsdramen sich diesmal gewaltig anstrengen m\u00fc\u00dfte, um aus einer steifen, sperrigen, blinden S\u00e4ngerin genug Medienstoff f\u00fcr eine Woche zu generieren. Und wenn Corinna May wieder solo bleiben sollte, kann sich die Rekordzahl von rund 120 anreisenden deutschen Journalisten (mehr als bei Raab!) immer noch auf schmutzige Details aus der Suite von Ralph Siegel verlassen.<\/p>\n<p>Der Song-Contest ist nicht nur nicht totzukriegen, er lebt mehr denn je. Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird sich in der kommenden Woche sogar das amerikanische Nachrichtenmagazin &#8222;Time&#8220; mit ihm besch\u00e4ftigen. Das freut vor allem das Gastgeberland, das sich so viel verspricht von diesem Ereignis.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Milliarden-Dollar-Chance f\u00fcr Estland&#8220; hat der Generaldi-rektor des estnischen Fernsehens die Ausrichtung des Grand Prix genannt. \u00dcber die Zahl kann man streiten, \u00fcber den Kern der Aussage nicht. &#8222;Jetzt sind wir auf der Landkarte pr\u00e4sent&#8220;, beschreibt J\u00f6rg-Dietrich Nackmayr, Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tallinn die Stimmung im Land, &#8222;jetzt sehen die anderen L\u00e4nder, wie toll wir sind.&#8220; Zun\u00e4chst einmal lernen sie: &#8222;Estland liegt nicht in der Tundra&#8220;, nennt der deutsche Botschafter in Tallinn, Gerhard Enver Schr\u00f6mbgens, das Minimalziel. Er l\u00e4dt am Dienstag zu einem Empfang in seine Residenz auf dem Domh\u00fcgel in Tallinn. Dort wird Ralph Siegel sich an den Fl\u00fcgel setzen und mit Corinna May und estnischen Kindern singen und m\u00f6glicherweise, so Schr\u00f6mbgens&#8216; Hoffnung, einen kleinen Beitrag dazu leisten, da\u00df die Deutschen sich an ein Land erinnern, das ihnen eigentlich nahe sein m\u00fc\u00dfte. Im Grunde teilt er die Meinung der stolzen Esten, da\u00df sich ihr Land sehen lassen kann: &#8222;Estland nutzt seine Kleinheit f\u00fcr Flexibilit\u00e4t und Agilit\u00e4t&#8220;, sagt er, und da\u00df es in den \u00fcblichen Nationenvergleichen nicht ganz vorne auftauche, liege nur daran, da\u00df es zu klein sei, um \u00fcberhaupt aufzutauchen. Beispiel Olympia: W\u00fcrden die Medaillenspiegel pro Kopf der Bev\u00f6lkerung erstellt, l\u00e4ge Estland mit seinen drei Medaillen der letzten Winterspiele bei seinen 1,4 Millionen Einwohnern ganz vorne.<\/p>\n<p>Auch nach innen ist die Bedeutung des Grand Prix erstaunlich &#8211; zumindest die Erwartungen, die an ihn gekn\u00fcpft werden, sind es. Viel publiziert ist, da\u00df die Zustimmung zu einem EU-Beitritt unter den Esten, die nach ihrer gerade erst erlangten Unabh\u00e4ngigkeit z\u00f6gern, sich nun schon wieder einem B\u00fcndnis eingliedern zu sollen, nach dem Grand-Prix-Sieg im vergangenen Jahr um zehn Prozent anstieg. &#8222;Through EBU into EU&#8220; soll die Regierung als Slogan ausgegeben haben &#8211; EBU ist die Eurovision, der Veranstalter des Wettbewerbs. Seitdem sind die Umfragewerte zwar wieder zur\u00fcckgegangen, aber allgemein wird erwartet, da\u00df sie in diesen Wochen, rund um die Veranstaltung, wieder ansteigen werden. &#8222;Die Esten freuen sich, da\u00df Europa sie zur Kenntnis nimmt, sich um sie k\u00fcmmert&#8220;, sagt Nackmayr. Er glaubt, da\u00df der Grand Prix ein wichtiger emotionaler Bestandteil auf dem Weg nach Europa ist: &#8222;Dadurch werden auch Teile der Bev\u00f6lkerung nach Europa mitgezogen, denen der schnelle Wandel eher angst macht und die vom Wirtschaftswunder nicht profitiert haben.&#8220;<\/p>\n<p>Kein Wunder, da\u00df sich die Regierung \u00fcberreden lie\u00df, die Ausrichtung zu finanzieren &#8211; jedenfalls, nachdem das kleine \u00f6ffentlich-rechtliche ETV mit der Einstellung seines Sendebetriebes gedroht hatte. Alles, was nicht durch Sponsoren oder den Verkauf von Eintrittskarten hereinkommt, zahlt der Staat. Obwohl die Karten regul\u00e4r 300 bis 450 Euro kosten (mehr als das durchschnittliche Monatseinkommen eines Esten), bleibt wohl ein Loch von mehreren Millionen Euro. Das weckt Begehrlichkeiten: So wollte die Regierung eine eigene Agentur beauftragen, die kleinen Filme zu drehen, die vor den einzelnen Beitr\u00e4gen laufen, um Estland im richtigen PR-Licht zu pr\u00e4sentieren. Zum Gl\u00fcck war der estnische Grand-Prix-Chef Juhan Paadam vorher jahrelang so etwas wie der Au\u00dfenminister seines Senders und entsprechend erfahren in Diplomatie. Mit sanftem Druck \u00fcberzeugte er die Regierung, da\u00df die beste Werbung f\u00fcr Estland nicht durch Agit-Prop erreicht werde, sondern durch eine gelungene Show ohne politische Einflu\u00dfnahme.<\/p>\n<p>Wer den Grand Prix nicht als Musik-, sondern als Fernsehereignis versteht, sah schon in den vergangenen beiden Jahren TV-Shows, die zweifelsohne state of the art waren. Nachdem die Schweden sich 2000 das Ziel setzten, eine moderne Show zu veranstalten und die D\u00e4nen im vergangenen Jahr aus dem Grand Prix ein Massenereignis im Fu\u00dfballstadion machten, stellen die Esten den Grand Prix erstmals unter ein Motto: &#8222;Ein modernes M\u00e4rchen&#8220; wollen sie inszenieren und sich, ihre Unabh\u00e4ngigkeit und all die Kontraste aus Mittelalter und 21. Jahrhundert feiern, die das Land ausmachen. Es wird, nach allem was man h\u00f6rt, ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Grand Prix, mit innovativem B\u00fchnenkonzept, schr\u00e4gem Design, modernster Umsetzung. Staunen soll die Welt, und zwar nicht zu knapp, \u00fcber die Kreativit\u00e4t eines Landes, dem viele die erfolgreiche Ausrichtung eines solchen Gro\u00dfereignisses gar nicht zugetraut h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ach ja, bleibt noch die Musik. In diesem Jahr liegen die Griechen beim paneurop\u00e4ischen Wettbewerb um den absurdesten Beitrag weit vorn. Sie schicken f\u00fcnf M\u00e4nner in Leder, die ein elektronisches Lied \u00fcber Cyber-Sex singen: &#8222;Every time you need my love \/ Before you enter in my world \/ Give the password.&#8220; Gleich eine Handvoll L\u00e4nder hat sich entschieden, mit mehr oder (meistens) weniger gelungenen Revivals des Disco-Sounds der siebziger und achtziger Jahre ins Rennen zu gehen, es gibt langweilige Balladen, kalkulierten Pop, mi\u00dfgl\u00fcckte Anleihen bei modernen Musikeinfl\u00fcssen und viele Exoten, die sich alle M\u00fche geben, da\u00df der Trash-Faktor des Ereignisses erhalten bleibt oder, positiv formuliert, die einen beruhigt staunen lassen \u00fcber die Vielfalt Europas trotz Globalisierung und MTV und allem.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck geht es ja nicht um Musik. Der Gewinnertitel des vergangenen Jahres, das Funk-St\u00fcck &#8222;Everybody&#8220; von Tanel Padar und Dave Benton, war vermutlich der am wenigsten geh\u00f6rte, gekaufte und gespielte Siegertitel in der Geschichte des Grand Prix, das Duo hat sich l\u00e4ngst im Streit getrennt, einer startete seine Solo-Karriere mit einem Live-Konzert vor 41 Zuschauern, beide werden das St\u00fcck wohl nie wieder gemeinsam auff\u00fchren. Doch das Lied war so erfolglos wie folgenreich und beschert Estland nun die gr\u00f6\u00dfte Aufmerksamkeit der europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit seit dem Mittelalter.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Estland gilt, gilt auch f\u00fcr Corinna May. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ein Sieg ihres &#8222;I can&#8217;t live without music&#8220; den Grand Prix auf seinem z\u00f6gernden Kurs zu Modernit\u00e4t und musikalischer Relevanz um Jahre zur\u00fcckwerfen. Aber was k\u00fcmmert sie das, was k\u00fcmmern sie die kaum nennenswerten Plattenverk\u00e4ufe, wenn sie es dank des Grand Prix schafft, nach drei Jahren endlich wieder Sex zu haben?<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sex, Macht, Politik &#8211; und Estland als Testland: Was uns der Grand Prix in der kommenden Woche bescheren wird. &#183; &#183; &#183; Sie h\u00e4tte es l\u00e4ngst getan haben k\u00f6nnen, zum ersten Mal seit drei Jahren. 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