{"id":9266,"date":"2001-01-10T23:44:07","date_gmt":"2001-01-10T21:44:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=9266"},"modified":"2010-05-16T23:46:45","modified_gmt":"2010-05-16T21:46:45","slug":"deutsche-leitmusik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/9266\/deutsche-leitmusik\/","title":{"rendered":"Deutsche Leitmusik"},"content":{"rendered":"<p><b>Beim Schlager-Grand-Prix treffen sich Nationalstolz und Popkultur, und einer der Kandidaten hei\u00dft Moshammer.<\/b><\/p>\n<p>Bumm-bomm bumm-bomm . . . Die Pauken aus Also sprach Zarathustra k\u00fcnden von einem gro\u00dfen, billigen H\u00f6hepunkt. Ein Dutzend Kamerateams dr\u00e4ngeln sich um ein Rechteck im Teppichboden, livrierte Bedienstete versuchen, sie vom eingelassenen Metallrahmen weg zu bewegen, eine Rotte von 80 Journalisten sp\u00e4ht durch ihre Beine. Es ist die Pressekonferenz, auf der die ARD bekannt gibt, wer an der deutschen Vorausscheidung zum europ\u00e4ischen Song Contest teilnehmen wird. J\u00fcrgen Meier-Beer, offiziell Unterhaltungschef des NDR, tats\u00e4chlich deutscher Schlager-Grand-Prix-Ober-Verwaltungschef, hat gerade dieNamen vorgelesen, darunter Zlatko Trpkowski, bekannt durch 39 Tage Aufenthalt im Fernsehcontainer, und Rudolf Moshammer, bekannt durch jahrelange Darstellung des Rudolf Moshammer. S\u00e4nger waren auch unter den Nominierten, und einige standen sogar hinter Meier-Beer auf der B\u00fchne. Doch dahin schaut niemand mehr, seit er noch eine &#8222;kleine \u00dcberraschung&#8220; angek\u00fcndigt hat, die aus dem Fahrstuhl in der Mitte des Raumes aufsteigen soll.<\/p>\n<p>Eine kleine \u00dcberraschung? Zlatko, das Fett verteilend, das er sichgerade \u00f6ffentlich hat absaugen lassen? Moshammer als K\u00f6nig Ludwig &#8211; oder K\u00f6nigin Elisabeth? Oder, bestimmt, Stefan Raab, der gleich, h\u00f6h\u00f6, in einer absurden Verkleidung mit der Hebeb\u00fchne mitten in die Runde platzt?<\/p>\n<p>Das letzte Taa-Daaa-Daaaa! Dann ein trauriges metallisches Klonk. Dann nichts. Stille in den Kopfh\u00f6rern, Bewegungslosigkeit auf den Monitoren. Die Medien\u00f6ffentlichkeit h\u00e4lt den Atem an. Jetzt bewegt sich was. Die B\u00fchne f\u00e4hrt hoch. Noch ein Klonk, dann ist es da. Es ist: das Buffet! Die Journalisten lassen ihre Schreibbl\u00f6cke und Kameras sinken, aber entt\u00e4uscht sieht keiner aus.Das ist das Sch\u00f6ne an Ph\u00e4nomenen wie Zlatko und Moshammer: Die pomp\u00f6se Leere und dramatischen Anti-H\u00f6hepunkte, die sie uns bescheren, kriegt man notfalls locker ohne sie hin.<\/p>\n<p>Sladdi und Mosi also. Gott ja. Nachdem der Schlager-Grand-Prix schon wegen Guildo Horn und Stefan Raab partout nicht untergehen wollte, geschweige denn das Abendland, h\u00e4lt sich die Aufregung in Grenzen. Beruhigend auch zu erfahren, dass es nicht das erste Mal ist, dass Moshammer als S\u00e4nger auftritt: In der Goldenen-Eins-Hitparade hat er es schon einmal getan, er errang den letzten Platz. Selbst Mark Pittelkau, Unterhaltungsreporter bei <em>Bild<\/em> und Erster Frontberichterstatter in Sachen Grand Prix, hat die Reise zur Endausscheidung in Kopenhagen noch nicht gebucht. Er glaubt nicht, dass sich mit den Kandidaten gen\u00fcgend Aufregung produzieren l\u00e4sst. Und dass es f\u00fcr Zlatko ein Jahr nach seinem Auszug bei Big Brother noch ein Durchmarsch werden wird, glaubt er auch nicht.<\/p>\n<p>Meier-Beer formuliert das so: &#8222;Wer glaubt, hier eine billige PR-Nummer machen zu k\u00f6nnen, wird sich wundern.&#8220; F\u00fcr ihn ist das Kandidatenfeld ein Gl\u00fccksfall. Zlatko und Moshammer sorgen f\u00fcr die n\u00f6tigen Schlagzeilen (und Quote). Wolf Maahns Teilnahme bringt alte Deutschrocker zum Weinen. Joy Fleming bildet mit zwei anderen S\u00e4ngerinnen ein Team, das sich aber nicht M\u00fctter Mannheims nennt, sondern White Chocolate. Schlagers\u00e4ngerin Michelleist nach Angaben von Menschen, die sich mit sowas auskennen, in entsprechenden Kreisen au\u00dferordentlich popul\u00e4r.<\/p>\n<p>Seit Meier-Beer daf\u00fcr gesorgt hat, dass die gro\u00dfen Plattenfirmen selbst entscheiden, wen sie ins Rennen schicken, stehen den peinlichen traditionellen Beitr\u00e4gen auch peinliche moderne gegen\u00fcber, etwa der Hamburger DJ Balloon. Wer noch? &#8222;Was w\u00e4re der Grand Prix ohne Ralph Siegel?&#8220;, fragt Meier-Beer freundlich und f\u00fcgt, etwas weniger freundlich, hinzu: &#8222;Und was w\u00e4re Ralph Siegel ohne den Grand Prix?&#8220; F\u00fcr gleich zwei Beitr\u00e4ge schrieb er die Musik.<\/p>\n<p>Nun darf man aber nicht den Fehler machen, aus Meier-Beers breitem Grinsen zu schlie\u00dfen, dass es um nichts geht: F\u00fcr Moshammer zum Beispiel geht es um viel Geld. F\u00fcr Zlatko um viel PR. F\u00fcr die Nachwuchsbands um eine Karriere. Und f\u00fcr Deutschland um alles. &#8222;Wir wollen siegen&#8220;, hat das Erste die Vorentscheidung in diesem Jahr genannt, was sich ausdr\u00fccklich nicht nur auf diese Runde bezieht, sondern auch aufs Finale. Moderator Axel Bulthaupt soll die Zuschauer ermahnen, den zu w\u00e4hlen, von dem sie glauben, dass mit ihm oder ihr &#8222;Deutschland&#8220; die gr\u00f6\u00dften Chancen hat.<\/p>\n<p>Wenn Meier-Beer die Bedeutung der Veranstaltung erkl\u00e4rt, kommt er gerade so um das Wort &#8222;Leitkultur&#8220; herum: &#8222;Das deutsche Volk entscheidet, was Ausdruck unseres Nationalstolzes ist.&#8220; Dann philosophiert er, dass der Song Contest die einzige Gelegenheit sei, bei der Nationalstolz und Popkultur aufeinander treffen; das Ergebnis sei &#8222;oft eine Skurrilit\u00e4t, aber oft auch eine ernst zu nehmende Leistung&#8220;. Soviel Pathos ist neu, liegt aber im Trend. Und genau um den geht es ja: &#8222;In den vergangenen Jahren gab es offenbar ein Bed\u00fcrfnis der Deutschen, dem Ausland zu zeigen: Wir haben Humor. Wir werden sehen, ob das Bed\u00fcrfnis auch in diesem Jahr noch so gro\u00df ist.&#8220;<\/p>\n<p>Wir lernen: Der Grand Prix ist gro\u00df, wichtig, unterhaltsam &#8211; und beruhigend noch dazu. Wer glaubt ernsthaft, dass die Deutschen diesmal der Welt zeigen wollen: Wir haben Moshammer?<\/p>\n<p style=\"font-variant:small-caps;text-align:right\">(c) S\u00fcddeutsche Zeitung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Schlager-Grand-Prix treffen sich Nationalstolz und Popkultur, und einer der Kandidaten hei\u00dft Moshammer. Bumm-bomm bumm-bomm . . . Die Pauken aus Also sprach Zarathustra k\u00fcnden von einem gro\u00dfen, billigen H\u00f6hepunkt. 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