Immerhin: Totstellen war diesmal für den „Spiegel“ offenbar keine Lösung mehr. Zu groß waren die Proteste gegen seine aktuelle, der „Bild“-Zeitung zum Verwechseln ähnlich sehende Titelgeschichte. Doch die Reaktion im SPIEGELblog ist nur ein weiteres eindrucksvolles Dokument der Unfähigkeit des Nachrichtenmagazins, mit seinen Lesern in einen Dialog einzutreten und auf Kritik einzugehen.

Auf dem Cover benutzt der „Spiegel“ die Toten des über der Ukraine abgestürzten Air-Malaysia-Flugzeuges, deren Fotos er sich irgendwo zusammengeklaubt hat, um die Forderung zu schreien: „STOPPT PUTIN JETZT!“ Die Kritik daran ist vielstimmig und wird offenbar auch von „Spiegel“-Redakteuren vorgebracht. Der „Spiegel“ aber entscheidet sich, die Kritiker als erstes zu diskreditieren.

Das Titelbild des aktuellen SPIEGEL mit der Zeile „Stoppt Putin jetzt!“ hat einige heftige Reaktionen ausgelöst — insbesondere in sozialen Netzwerken. Darunter waren auch organisiert auftretende, anonyme User, die schon seit Monaten jegliche Kritik an Russland mit einer Flut an Wortmeldungen in den Foren vieler Online-Medien kontern.

Ich will gar nicht ausschließen, dass auch ein organisierter pro-russischer Mob online Sturm lief gegen das Cover. Aber wenn das die Masse der Kritik ausmachen würde, hätte der „Spiegel“ nicht mit einem eigenen Blog-Eintrag „in eigener Sache“ reagieren müssen, denn die wird er eh nicht überzeugen.

Diejenigen, die er aber überzeugen wollen müsste, die Leser und Kritiker, die nicht namenlos und nicht organisiert sind, die steckt der „Spiegel“ gleich im zweiten Satz in eine Schublade mit Putins angeblichen Online-Trollen. Bevor er sich mit ihrer Kritik auseinandersetzt, diskreditiert er die Kritiker. Schlau ist das nicht.

Weiter im Text:

Während manche Nutzer die russische Politik in der Ukraine verteidigten, warfen einige besonders erregte Nutzer dem SPIEGEL vor, das Titelbild sei „kriegstreiberisch“. Das ist eine absurde Behauptung, die weder durch das Titelbild gedeckt wird noch durch die Artikel im Heft.

Oho, manche Nutzer sind „besonders erregt“. Sind sie sicher, aber können wir kurz einmal festhalten, wer auch besonders erregt ist? Dieses „Spiegel“-Cover.

Der SPIEGEL spricht sich in seiner Titelgeschichte dafür aus, Putin und den prorussischen Separatisten in der Ukraine Einhalt zu gebieten — und zwar ausschließlich mit harten wirtschaftlichen Sanktionen und ausdrücklich nur mit nichtmilitärischen Mitteln.

„Ausdrücklich“? Ich habe die Stelle nicht gefunden, an der die „Spiegel“-Titelgeschichte militärische Mittel ausdrücklich ausschließt, will aber nicht ausschließen, dass ich da einen Halbsatz übersehen habe.

Der „Spiegel“ schreibt in seinem Leitartikel:

Eine Garantie, dass Sanktionen schnell zum gewünschten Ergebnis führen, gibt es dennoch nicht. In einer ersten Reaktion könnte Putin um sich schlagen, einen überraschenden Gegenzug versuchen — aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass er mittelfristig nachgeben müsste.

Mit anderen Worten: Der „Spiegel“ selbst räumt ein, dass Sanktionen vermutlich kein schneller Weg sind, Putin zu stoppen. Auf der Titelseite aber steht in der größten Lautstärke, die man sich für das Blatt überhaupt vorstellen kann, die Forderung, Putin „JETZT!“ zu stoppen. „JETZT!“ mit Sanktionen, die wahrscheinlich mittelfristig wirken könnten?

Das Cover illustriert nicht die Forderung nach Wirtschaftssanktionen. Das Cover suggeriert, dass jetzt etwas getan werden, das Putin unmittelbar zum Ändern seiner Politik zwingt. Tja, was könnte das sein? Krieg nicht, sagt der „Spiegel“, denn das da hinein zu lesen, wäre „absurd“.

Der „Spiegel“ verteidigt das Cover weiterhin so:

Diese Forderung [des „Spiegels“ nach Sanktionen] ähnelt der veränderten Haltung der Bundesregierung, die solche Sanktionen an diesem Dienstag im Rahmen der EU mitbeschlossen hat — und auch der von 52 Prozent der Deutschen, die laut einer repräsentativen SPIEGEL-Umfrage Sanktionen auch dann unterstützen würden, wenn sie Arbeitsplätze kosten sollten.

Ah, das Cover, in dem der „Spiegel“ in lautesten Tönen danach ruft, Putin jetzt zu stoppen, illustriert also nur die Haltung der Bundesregierung. Der „Spiegel“ hat die Haltung der Bundesregierung und einer angeblichen knappen Mehrheit der Bevölkerung einfach mal in ein Cover gegossen. Es ist kein schriller Appell, wie man als unbefangener Leser denken könnte, sondern die Titelbildwerdung der Position der Bundesregierung, die die Position des „Spiegels“ ist.

Es ist ein völliger argumentativer Bankrott.

Zum Glück hört der „Spiegel“ nun aber auch schon wieder damit auf, scheinbar auf die Kritik an sich einzugehen, und veröffentlicht stattdessen online einfach den „Leitartikel“ aus dem gedruckten Heft.

Dieser Leitartikel beginnt so:

Die Absturzstelle von Flug MH17 ist ein Albtraum, der Europa heimsucht. Noch immer liegen Leichenteile zwischen Sonnenblumen. 298 Unschuldige sind hier ermordet worden, die Welt wurde Zeuge, als marodierende Banditen in Uniform die Toten bestahlen, ihnen die Würde nahmen.

Hier, in der ostukrainischen Einöde, hat sich Putins wahres Gesicht gezeigt. Der russische Präsident steht enttarnt da, nicht mehr als Staatsmann, sondern als Paria der Weltgemeinschaft. Die Toten von Flug MH17 sind auch seine Toten, er ist für den Abschuss mitverantwortlich, und es ist nun der Moment gekommen, ihn zum Einlenken zu zwingen — und zwar mit harten wirtschaftlichen Sanktionen.

Niemand im Westen zweifelt noch ernsthaft daran, dass das Flugzeug mit einem Buk-Luftabwehrsystem abgeschossen wurde, das die Separatisten höchstwahrscheinlich aus Russland erhalten haben. Einer ihrer Anführer hat selbst zugegeben, dass sie über ein solches System verfügten, und die Indizienkette ist eindeutig.

Der Abschuss von MH17 mag ein tragisches Versehen gewesen sein. Wer die Rakete abfeuerte, wollte vermutlich kein Verkehrsflugzeug treffen. Doch der Abschuss ist die direkte Folge davon, dass Russland die Separatisten in den vergangenen Wochen militärisch aufgerüstet hat. Er ist ein Symbol für die Ruchlosigkeit Putins — und für das Versagen der bisherigen westlichen Politik. Die Trümmer von MH17 sind auch die Trümmer der Diplomatie.

Ist das nicht eine erstaunliche Kombination von absoluter Sicherheit, wer der Verantwortliche für die Toten ist (Putin), mit Wörtern wie „höchstwahrscheinlich“ und „Indizien“ und „mag gewesen sein“ und „vermutlich“?

Es gibt so viele Stellen in diesem Text, an die sich Zweifel knüpfen. Zum Beispiel die Sache mit den „marodierende Banditen in Uniform“, die „die Toten bestahlen, ihnen die Würde nahmen“. Richtig ist, dass die Welt scheinbar Zeuge wurde, wie zum Beispiel einer der Separatisten stolz das Stofftier eines der Opfer in die Höhe hielt. Später stellte sich allerdings heraus, dass das einzelne Foto womöglich nicht die ganze Geschichte erzählt.

Und dann gibt es zum Beispiel diese Reuters-Meldung, wonach der Chef einer niederländischen Mannschaft, die die Toten identifizieren sollte, die Arbeit der örtlichen Rettungsmannschaften sehr lobte.

Ich weiß nicht, wie es war. Ich weiß nicht, ob da nur ein paar Geschichten über das Verhalten der Separatisten falsch oder übertrieben waren, aber die grundsätzliche Bewertung als plündernde, skrupellose „Banditen in Uniform“ richtig ist. Ich weiß es nicht. Ich bräuchte Medien, denen ich vertrauen könnte. Bei denen ich das Gefühl hätte, dass sie mir auch Dinge erzählen, die den dominierenden Gut-Böse-Vorstellungen über diesen Konflikt vielleicht widersprechen. Medien, die die Welt nicht übersichtlicher machen als sie ist. Und die auf Kritik an ihrer Berichterstattung nicht mit durchsichtigen Ablenkungsmanövern reagieren.

Also nicht diesen „Spiegel“.

Vielleicht ließe sich einiges davon in einem Diskurs klären. Vielleicht könnte der „Spiegel“ erklären, welche Szenen von marodierenden Banden er genau meint, welche „Indizien“ für den Abschuss er für überzeugend hält und welche für Propaganda. Womöglich würde das Menschen, die ihn kritisieren, überzeugen. Nicht alle, aber ein paar.

Und vielleicht wären selbst die, die am Ende nicht überzeugt wären, beeindruckt, dass der „Spiegel“ für seine Überzeugung kämpft, indem er argumentiert und mit denen, die ernst zu nehmende Kritik an seiner Haltung üben, in einen Dialog eintritt.

Aber der „Spiegel“ diskutiert und argumentiert nicht. Er lädt nicht zum Gespräch oder zum Streit ein. Er sagt: Lest unseren Leitartikel und haltet die Klappe.

[Offenlegung: Ich habe das „Spiegelblog“ vor zwei Jahren für den „Spiegel“ entwickelt. Im Frühjahr 2013 habe ich meinen Vertrag beim „Spiegel“ gekündigt.]