Geht sterben! (4)

06 Jun 08
6. Juni 2008

Und woran erkennt man inmitten dieses Elends ein Qualitätsmedium?

Richtig: Es druckt die Falschmeldung nicht einfach nach, sondern investiert die Zeit, die es durch den Verzicht auf Recherche spart, in ihre aufwändige Verfilmung — komplett mit Straßenumfrage, „Experten“-Gespräch und „lustiger“ Anmoderation.

Willkommen bei stern​.de:

(…) Diese Neuigkeit sitzt: Jede zweite Frau in einer festen Beziehung tut es und springt, statt Eis essen mit der Freundin, lieber knutschend mit dem Lover in die Kiste — zumindest angeblich. (…) 55 Prozent der Frauen geben zu, in einer festen Beziehung schon einmal fremdgegangen zu sein. Und überholen damit lässig ihre nicht unbedingt treueren Männer mit 49 Prozent. (…)

(Dem Mikrofon nach zu urteilen, beruht der stern.de-Film auf einem Beitrag von RTL, wo der Unsinn also mutmaßlich auch in den verschiedenen „Informations“-Programmen gelaufen ist.)

[mit Dank an BILDblog-Leser Thomas G.!]

25 Gedanken
  1. 1
    patrick says:

    Ich behaupte einfach mal ins Blaue: 98% der Qualitätsmedienmitarbeiter, die diese Geschichte veröffentlicht haben sind männlich.

    Nur so ne Ahnung.

  2. 2
    AgentOrange says:

    @Patrick

    Qualitätsmedienmitarbeiter -> Google = 0 Treffer.
    Mensch, wieder einen Begriff für die Spieleredaktion von
    moneyexpress geschaffen.
    Ich sehe die Fragestellung schon vor meinem geistigen Auge „Welche -Arbeiter suchen WIR?“

    @Stefan
    Das artet hier bei Dir langsam in Stress aus =)

  3. 3
    nina e. says:

    Interessant finde ich diese Geschichte ja v.a. in Bezug auf den aktuellen Streit um das Online-Angebot der Öffentlich-Rechtlichen…
    Oder können die Printmedien sowas nicht richtig recherchieren, weil sie ja nicht „staatlich subventioniert“ werden…?

  4. 4
    Tobias M. says:

    Verrückt. Vor allem weil es zum Hinterfragen dieser Meldung noch nicht mal journalistische Berufsehre braucht. Ein bisschen Verstand und Lebensnähe reicht ja schon, um auf den Gedanken zu kommen, dass das alles nicht so wahnsinnig wahrscheinlich ist.

    Ich habe den Eindruck, dass es unter Journalisten bei bestimmten Reizthemen — Islamismus, E.U.-Verordnungsirrsinn oder eben Sex — es eine spezielle Bereitschaft gibt, jeden Quatsch zu glauben, weil sich daraus eben eine so schön effektvolle Geschichte stricken lässt. (War es nicht Oscar Wilde, der gesagt hat: „Für eine gute Pointe töte ich meine Schwester“?)

  5. 5
    Nobilitatis says:

    Viele Medienmitarbeiter sind in Wirklichkeit Mitarbeiterinnen.

  6. 6
    Neuhier says:

    Da hat stern​.de im verlinkten Video aber auch wirklich den passenden Protagonisten zur Story ausgesucht.

  7. 7
    Fareus says:

    Medien-Lemminge

  8. 8
    Alexander says:

    RTL Punkt 12 vom Donnerstag. Mit neuen Einblendungen versehen landen solche RTL-Videos nicht nur bei stern​.de, sondern z.B. auch bei RP Online.

  9. 9
    Sebastian says:

    @Fareus: Ja, die Assoziation drängt sich manchmal auf. ;-)

  10. 10
    Twipsy says:

    Erstaunlich finde ja, dass Stern zufällig HMB auf der Straße getroffen hat — hättet ihr ihn erkannt, privat??
    Generell: Immernoch besser als Hitlertagebücher.

  11. 11
    Peter Viehrig says:

    @Stefan

    Wurde nicht unlängst der Vorschlag unterbreitet, eine Art Ticker mit einer Auflistung der derzeit wahrscheinlich seriös arbeitenden Medien unterbreitet?

    Gibst den schon? Und es stehen nur keine Medien drinnen und ist deshalb unsichtbar…?

  12. 12
    gereter says:

    Oh mann! Die Nation steht vor der EM und ihr redet hier über sowas Unwichtiges!

  13. 13
    Twipsy says:

    @12 Wusstest Du nicht, dass 70% aller Frauen, die sich zu 80% nicht für Fußball interessieren, fremd gehen, solange der Partner mit Kumpels Fußball schaut? Also gerade jetzt!

  14. 14
    Der Dude says:

    In Anlehnung an den Usenetjargon: *PLONK*

  15. 15
    Thilo says:

    Warum gibt es für Herleitungen und Dokumentationen wie diese keine größere Plattform? Was müssen wir tun, um es endlich hinzubekommen, dass Medienbeobachtung wie diese die öffentliche Wahrnehmung erfährt, die sie verdient hat und braucht?

  16. 16
    michel says:

    @11

    seriös arbeitenden Medien unterbreitet.…..

    wo?

  17. 17
    Gregor Keuschnig says:

    @11/Peter Viehrig
    Ich glaube, dass eine solche Liste nicht sinnvoll ist. Sie ginge von der Homogenität der jeweiligen „Medien“ aus. Das funktioniert schon mal nicht. Denn auch in der „SZ“ oder der „Zeit“ oder der „FAZ“ steht manchmal Unsinn drin; gelegentlich auch Falsches. Und umgekehrt ist nicht jede Schlagzeile des „Express“ falsch (naja, nicht jede…).

    Schwer zu erfassen wäre dabei auch, welche Themen nicht behandelt würden. Zum Beispiel habe ich in den Medien, die ich lese, noch so gut wie nichts über „Tokio Hotel“ bemerkt. Wäre ich ein Fan von dieser Gruppe wäre das aber relevant — für mich ist es gut so. Ist aber eine „Medium“ per se weniger seriös, wenn es von so etwas berichtet? Ähnliches kann man auch jetzt zum Fußball fragen.

    Seien wir mal ehrlich: Die von Niggemeier hier aufgezählten Medien liest doch keiner von uns, oder (vielleicht ist die „Augsburger Allgemeine“ der Ausreisser, denn die habe ich neulich im Urlaub mal gelesen, weil ich in der Nähe war)? Und dann frage ich mal, warum man sowas eigentlich nicht liest…

    Viiiiel interessanter finde ich die Frage nach den „versteckten“ Hysterisierungen, wie beispielsweise in der Tagesschau bzw. tagesschau​.de. Ob man nämlich mit der Frage, ob man mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden sei — und der Antwort 48% zufrieden/52% nicht unzufrieden auf den Schluss kommen kann, dass dies ein „Vertrauensverlust in das demokratische System“ ist. Ich glaube nämlich, man kann unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland sein (bin ich), ohne Vertrauen in die Demokratie an sich einzubüssen (für mich ist D. alternativlos).

  18. 18
    Gregor Keuschnig says:

    Sorry — Verschreiber meinerseits:

    48% sind „zufrieden“ — 52% unzufrieden

    (Das Thema müssen wir nicht ausdisktutieren. Ich mache Niggemeier auch keinen Vorwurf. Ich finde das, was er da immer wieder finde, schon schlimm und es wirft ein schlechtes Licht. Aber das Versteckte, das nicht so Sichtbare, Unterschwellige finde ich manchmal noch interessanter — und gefährlicher.)

  19. 20
    Gregor Keuschnig says:

    @19/Stefan
    Oha. Ist mir wohl durchgerutscht. (Der Anzahl der Kommentare nach wohl kein Brüller. Naja.)

  20. 21
    Stefan says:

    @Gregor Keuschnig: Naja, ich hab mich ja auch sehr von einer Meta-Ebene rangerobbt. (Und damals war das hier noch ein ganz junges, unbeachtetes Blog!)

  21. 22
    Fernsehkritiker says:

    Abgesehen vom abstrusen Inhalt: Der ganze Beitrag ist ja Boulevard-Gejammer á la „Taff“ — hatte der Herr Leif am Ende doch Recht? *hihi*

  22. 23
    Peter Viehrig says:

    @16/michel

    Der Vorschlag wurde bereits hier unterbreitet, möglicherweise auch früher schon.

    @17,18,20/Gregor Keuschnig

    Ironie ist mir augenscheinlich wirklich nicht in die Wiege gelegt, die anderer begreife ich nicht oder viel zu spät, versuche ich mich selbst in ihr, werde ich nicht verstanden. Ich sollte vielleicht auch verstärkt mit Smileys arbeiten… Also, ich meinte das eher scherzhaft und wollte das als Ausdruck meiner gefühlten Hilflosigkeit verstanden wissen.

    Es ist mir schon klar, daß man mit einem solchen „Ticker“ einen endlosen Streit über Seriosität in die Welt setzte. Wobei mein Anspruch an Seriosität wahrscheinlich weniger streng wäre als der Ihre. Mir würde schon ein anderer Umgang mit objektivierbaren Tatsachen und eine andere Fehlerkultur, (bei letzterer bessert sich derzeit vermutlich sogar „Spiegel Online“, nicht zuletzt durch dieses Blog hier), genügen. Ob dieser „seriöse Umgang“ mit Tatsachen dann „Tokio Hotel“, Fußball oder weiß der Herrgott was betrifft, würde ich schon der persönlichen Ebene zuordnen, ob man etwas wichtig findet oder eben nicht. Das hätte für mich erstmal weniger mit Seriosität zu tun. Und da Sie gerade die von Niggemeier aufgelisteten Medien erwähnen, wer liest schon den „Express“? Richtig. Aber was ist mit dem gelegentlich schon behandelten Spiegel (Spiegel Online)? Es gäbe natürlich diesen Dauerstreit, den man wohl nie auflösen könnte. Denn, wie Sie schon richtig bemerken, die Übergänge sind fließend: Wann ist ein Mann ein Mann? Wann ist ein Eklat ein Eklat und wann ein Eklat-Eklat? Ist mit Unzufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland eher die Demokratie als solche gemeint, ihre spezielle Ausprägung oder nur die allgemeine Starre in Deutschland, die mit der Demokratie selbst nur noch wenig zu tun hat? Ich käme nämlich zu dem Ergebnis: Alles in allem zufrieden, wenn auch zähneknirschend. Das mag meiner ostdeutschen Abkunft und Prägung zuzuschreiben sein, die Demokratie ist mir, stärker als anderen vielleicht, noch eine Errungenschaft (Wir hatten damals in Leipzig und andernorts einiges riskiert, um sie zu erstreiten).

    Nein, wir müssen das jetzt nicht ausdiskutieren. Wobei es mir schon in den Fingern juckt! Unsere Debatte über das Wahlrecht ist meinerseits noch nicht beendet, ich arbeite gerade an einer Art „Gegenrede“, das dauert aber bestimmt noch einige Zeit, bis ich die fertig habe. Aber da wir hier gerade auf das Thema Demokratie kamen, will ich schon mal vorwarnen (und mich selbst auch etwas unter Druck setzen).

    @19,21/Stefan @20/Gregeor Keuschnig

    Das ist ja wirklich aus der Urzeit dieses Blogs. Kommentare 481,494 und 532 von jetzt über 145.000, wenn sie seither einfach nur chronologisch aufgelistet wurden. Da überrascht die dazumal recht geringe Resonanz nicht so sehr.

  23. 24
    Peter Viehrig says:

    @16/michel

    Bei dem Link habe ich mich offenbar leicht verschrieben, also nochmal: der Link, Kommentar 2.

  24. 25
    Dieter Baumann says:

    Ich verstehe auch nicht, wie diese Falschmeldung in die Medien kommen konnte. Sehr gut recherchiert!

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