Anfang der Woche bekam ich eine Interview-Anfrage vom Medi­en­ma­ga­zin »Zapp«. Sie woll­ten sich in der Sen­dung in die­ser Woche Frau Kachel­mann wid­men und ihrer Rolle im Medi­en­spek­ta­kel um Herrn Kachel­mann: »Wie tritt sie auf, warum, woher nimmt sie ihre Selbst­si­cher­heit, warum macht sie seine Sache zu ihrer?« In den gemein­sa­men Inter­views der bei­den sei den »Zapp«-Leuten unter ande­rem auf­ge­fal­len, dass Frau Kachel­mann oft das Wort ergreife, wenn Herr Kachel­mann gefragt werde.

Das geht natür­lich gar nicht: Dass Ehe­frauen ein­fach für ihre Ehe­män­ner ant­wor­ten. Sowas hätte es frü­her nicht gege­ben, und wenn es das heute gibt, ist das natür­lich ein drin­gen­der Auf­trag für das Medi­en­ma­ga­zin des NDR, die­ser Abson­der­lich­keit auf den Grund zu gehen.

Ich habe »Zapp« geant­wor­tet, dass ich Miriam Kachel­mann nicht kenne. Dass ich über alle in der Anfrage genann­ten Fra­gen spe­ku­lie­ren müsste. Dass ich aber nicht wüsste, warum ich das tun sollte.

Es haben sich dann glück­li­cher­weise andere Leute gefun­den. Chris­to­pher Lesko, der Lei­ter der Pfer­de­aka­de­mie Ber­lin. Und ein Experte für Krisenkommunikation.

Und so konnte das Medi­en­ma­ga­zin des NDR am Mitt­woch den wirk­lich drän­gen­den Fra­gen im Zusam­men­hang mit Jörg Kachel­mann, sei­nem Buch, sei­ner Kri­tik an den Medien und an der Jus­tiz sowie sei­nem Auf­tritt bei Gün­ther Jauch nach­ge­hen: Was ist das für eine vor­laute Frau an sei­ner Seite und warum sagt sie in ihren Ant­wor­ten so gerne »Wir«?

Akri­bisch lis­ten Sinje Stadt­lich und Lida Askari die Merk­wür­dig­kei­ten auf:

Sie spricht nicht nur für ihn, sie benutzt sogar die »wir«-Form, wenn es um sei­nen Pro­zess geht: »Hinzu kommt, dass wir viele Poli­zis­ten, Staats­an­wälte und sogar Gut­ach­ter und Rich­ter erlebt haben, die schlecht aus­ge­bil­det sind.« (»Der Spie­gel« am 8.10.2012). Und: »Wir geben die­ser Sache damit auch ein biss­chen einen Sinn, dass es uns pas­siert ist.«

Bei Gün­ther Jauch am 14.10.2012 meint sie: »Wir müs­sen immer bewei­sen, dass das und das jetzt des­we­gen statt­ge­fun­den hat. (…)Viele Dinge, die jetzt auch in unse­rem Ver­fah­ren oder im Ver­fah­ren mei­nes Man­nes statt­ge­fun­den haben, kön­nen wir ursäch­lich nicht beweisen.«



Sicher­heits­hal­ber besuch­ten die »Zapp«-Leute die Redak­teu­rin, die für die »Frank­fur­ter All­ge­meine Sonn­tags­zei­tung« mit den Kachel­manns gespro­chen hat und lie­ßen sich von ihr erklä­ren, wie das war, ein Inter­view mit einem Mann und sei­ner Frau zu füh­ren, bei dem die Frau für ihn antwortet.

Nun kann es sein, dass das mein Feh­ler ist, aber ich finde es nicht wahn­sin­nig über­ra­schend, dass eine Frau, die einen der Ver­ge­wal­ti­gung ange­klag­ten Mann noch wäh­rend des Pro­zes­ses gehei­ra­tet hat, seine Sache zu ihrer Sache macht. Dass, wenn man die gan­zen damit ver­bun­de­nen Zumu­tun­gen gemein­sam durch­stan­den hat, das »Wir« viel näher liegt als ein »Er« und »Ich«.

Ins­be­son­dere, da Ekel­me­dien wie die »Bunte« sie gleich ange­grif­fen haben. Nach der Hei­rat schrieb Chef­re­dak­teu­rin Patri­cia Rie­kel über die »selt­same Anzie­hungs­kraft«, die Män­ner im Gefäng­nis »auf einen bestimm­ten Typus Frau« aus­üben. Sie sprach von der »Fas­zi­na­tion des Bösen und einem weib­li­chen Hel­fer­syn­drom«. Und sie erzählte, dass Gefäng­nis­wär­ter sol­che Frauen »Rot­käpp­chen« nennen:

»Weil sie auf den ›bösen Wolf‹ her­ein­fal­len und an seine Unschuld glau­ben. Dahin­ter steckt der Wunsch, ›gebraucht‹ zu wer­den, einen gefähr­li­chen Mann ›zäh­men‹ zu kön­nen, und der Kick der Gefahr, der von sol­chen Typen ausgeht.«

Das Medi­en­ma­ga­zin »Zapp« fin­det aber nicht den Umgang der Medien mit die­ser Frau das Phä­no­men, son­dern dass die Frau nicht eine ange­mes­sene unsicht­bare, zurück­ge­nom­mene und schwa­che Posi­tion einnimmt.

O-Ton »Zapp«:

Miriam Kachel­mann, die toughe Kämp­fe­rin. Neben ihr erscheint Jörg Kachel­mann eher klein.

Online beginnt die Ankün­di­gung des Bei­trags mit dem Satz:

Bei einem TV-Auftritt zeigte sich Miriam Kachel­mann rede­ge­wandt und mit kla­rer Botschaft.

Auf Twit­ter klingt es so:

Miriam #Kachel­mann — Domi­nant und rede­ge­wandt gibt sie sich als Löwen­mut­ter von ihrem Mann.

Es sickert eine merk­wür­dig ver­schwie­melte Frau­en­feind­lich­keit aus all­dem, die umso erstaun­li­cher ist, als das Medi­en­ma­ga­zin ein Mäd­chen­ma­ga­zin ist. Ver­mut­lich gibt es kaum eine andere Redak­tion, in der so viele junge Frauen mit­ar­bei­ten. (Der Lei­ter ist aber natür­lich ein Mann.)

Bemer­kens­wert ist dann noch, dass die »Zapp«-Leute zwar Frau Kachel­mann vor­wer­fen, nicht zwi­schen sich und ihrem Mann unter­schei­den zu kön­nen, ihnen selbst aber der­selbe Feh­ler unter­läuft. Der Bei­trag erweckt den Ein­druck, sie habe das gefähr­li­che Schlag­wort vom »Opfer-Abo« benutzt, dabei war das sowohl im »Spie­gel«-, als auch im FAS-Interview er.

Ande­rer­seits hat sie ihm bestimmt gesagt, dass er das sagen soll — einer sol­chen Frau, die ein­fach redet, ohne gefragt wor­den zu sein, ist doch alles zuzu­trauen. Und einem Mann, der sie reden lässt, auch.

Die Fas­sungs­lo­sig­keit dar­über, dass es soweit gekom­men ist, dass eine junge Frau im Fern­se­hen alte Män­ner alt aus­se­hen lässt, hatte Anfang der Woche eine ganze Reihe von Medien erfasst. Bei Bild.de misch­ten sich har­mo­nisch der übli­che Chau­vi­nis­mus mit der kon­kre­ten Feind­schaft zu Kachelmann:

Sie ist zwar 28 Jahre jün­ger als ihr Mann, doch das hin­derte Frau Kachel­mann nicht daran, es stell­ver­tre­tend für ihren Gat­ten mit sämt­li­chen Gäs­ten der Talk-Runde aufzunehmen.

Die »Welt« staunte:

Sie, die junge, uner­fah­rene Frau, muss sich schüt­zend vor ihn, den gro­ßen Fern­seh­star wer­fen – ob Jörg Kachel­mann diese Pein­lich­keit wohl selbst als sol­che empfand?

Der Köl­ner »Express« fragte die Sex-Expertin Vanessa del Rae, die zu Pro­to­koll gab:

»Ich finde es immer schön, wenn ich sehe, dass sich ein Part­ner schüt­zend vor den ande­ren stellt. Und ich finde es auch nicht ver­werf­lich oder ein Zei­chen von Schwä­che, wenn sich ein Mann auch von sei­ner Frau schüt­zen lässt.«

Von der Boulevard-Psychotherapeutin Elke Eyck­manns ließ sich der »Express« die fun­dierte Fern­dia­gnose geben, dass Kachel­mann als nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keit nicht in der Lage sei, eine eben­bür­tige Bezie­hung zu führen:

»Wenn sich ein 54-Jähriger von einer 26-Jährigen ver­tei­di­gen lässt, kann man zumin­dest seine emo­tio­nale Reife hinterfragen.«

Der »Köl­ner Stadt-Anzeiger« fand, dass Frau Kachel­mann für Herrn Kachel­mann in die Bre­sche gesprun­gen sei, »wie eine Mut­ter ihr klei­nes Kind ver­tei­digt«, was für die Über­schrift aber offen­bar noch nicht spek­ta­ku­lär genug war:

Der sich mut­maß­lich für seriös hal­tende »Tages­spie­gel« maß das Inter­esse an der Per­son von Miriam Kachel­mann daran, dass der Name »Miriam« bei Google Sug­gest auto­ma­tisch an ers­ter Stelle mit »Kachel­mann« ver­bun­den werde. Die Auto­rin fragte bei Miriam Kachel­mann an, ob sie nicht mit ihr dar­über spre­chen möge, »ob und wie sie sich ›als Frau an sei­ner Seite‹ definiert«.

Sie mochte offen­bar nicht, und so ana­ly­sierte der »Tages­spie­gel« unter der Über­schrift »Kachel­manns Ama­zone« frei, aber gründlich:

26 Jahre ist Miriam Kachel­mann alt, 28 Jahre jün­ger als ihr Mann. Ken­nen­ge­lernt haben sie sich im Inter­net. Sie ist »aus­ge­bil­dete Büh­nen­dar­stel­le­rin«, dürfte wis­sen, wie sie sich in der Öffent­lich­keit und vor der Kamera insze­nie­ren kann. Bei Jauch trägt sie eine unauf­fäl­lige Bluse zur schwar­zen Jacke, spricht mit tie­fer, bestimm­ter Stimme (…).

Unbe­ant­wor­tet ließ Miriam Kachel­mann lei­der auch die Frage des »Tages­spie­gel«, wel­che Bedeu­tung die Arm­bän­der haben, die sie und ihr Mann am rech­ten Hand­ge­lenk tragen.

Kein Pro­blem für das Blatt, son­dern eine wun­der­bare Chance für ein gro­ßes bedeu­tungs­lee­res bedeu­tungs­schwan­ge­res Ende:

Er trägt am rech­ten Hand­ge­lenk das glei­che Arm­band wie seine Frau. Offen­sicht­lich sind dar­auf Hei­li­gen­fi­gu­ren zu sehen. Was für ein Zeichen.

Was für ein Zei­chen? Was für ein Zeichen!

Frauen, die unge­fragt reden, und Män­ner, die Arm­bän­der tra­gen. Die Welt ist aus den Fugen.