Manch­mal kann man an Wer­be­bot­schaf­ten dann eben doch einen Para­dig­men­wech­sel ablesen.

Als 1993, und das ist heute tat­säch­lich eine kleine und in Medi­en­di­men­sio­nen fast drei Ewig­kei­ten her, der „Focus“ erst­mals ver­öf­fent­licht wurde, da war das große Ver­spre­chen von Hel­mut Mark­wort und Hubert Burda: Fak­ten, Fak­ten, Fak­ten.
Die­ses Credo, und spe­zi­ell die Art mit der es Hel­mut Mark­wort in den Wer­be­spots für das Maga­zin wenig eitel in den Raum stellte, ent­sprach zwar nicht wirk­lich dem Leis­tungs­um­fang des Focus, der, wäre Wer­bung ehr­lich, wohl eher mit „Gra­fi­ken, Dia­gramme, Tabel­len“ hätte wer­ben müs­sen. Aber die­ses „Fak­ten, Fak­ten, Fak­ten“ war sehr­wohl Aus­druck eines Bedürf­nis­ses der Leser­schaft, mit Tat­sa­chen, Infor­ma­tio­nen, Wis­sen belie­fert zu wer­den.
Wenn nun also Jakob Augs­teins „Frei­tag“ sich selbst­be­wusst den Unter­ti­tel „Das Mei­nungs­me­dium“ auf die Fah­nen schreibt, dann ist die These, der Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit hätte – wie­der ein­mal – eine neue Rich­tung ein­ge­schla­gen, nicht so ganz abwegig.

Ein ande­res Bei­spiel: Wäh­rend in Jour­na­lis­tiks­e­mi­na­ren noch immer fein säu­ber­lich zwi­schen „infor­mie­ren­den Dar­stel­lungs­for­men“ und „mei­nungs­äu­ßern­den Dar­stel­lungs­for­men“ unter­schie­den wird, küm­mert sich das ver­mut­lich ein­zige wirk­li­che Leit­me­dium des deutsch­spra­chi­gen Inter­nets um sol­che Peti­tes­sen nicht: Auf Spie­gel Online wer­den Hin­ter­grund und Urteil bei­nahe grund­sätz­lich gemein­sam ser­viert. Das hat durch­aus Vor­teile: Der müh­same Pro­zess, sich selbst eine Mei­nung zu bil­den wird ebenso abge­kürzt wie das oft ein wenig tro­ckene Recher­chie­ren und Refe­rie­ren von Fak­ten und Inhal­ten. Gefällt das Ergeb­nis dem Leser nicht, kann der ja im Forum zur Gegen­rede anset­zen – auch das ist durch­aus erwünscht. Viel­leicht fin­det sich ja auch noch ein Blog­ger, der sich auf­regt – umso bes­ser. Und ganz neben­bei kann ein Autor in einem Kom­men­tar stets das gesamte Arse­nal sei­ner Rhe­to­rik auf­fah­ren und sprach­lich bril­lie­ren – statt bloß auf­zu­schrei­ben, was eben der Fall ist.

Das Phä­no­men betrifft selbst­ver­ständ­lich nicht Spie­gel Online allein: Quer durch die Presse zum anste­hen­den „Super­wahl­jahr“ zieht sich etwa eine Bericht­er­stat­tung an der sprich­wört­li­chen Ober­flä­che. Anstatt tat­säch­lich poli­ti­sche Ana­ly­sen, so schwie­rig diese gerade aktu­ell auch sein mögen, zu ver­su­chen, begnü­gen sich immer mehr Beob­ach­ter mit einer Art Stil­kri­tik der Poli­tik – man betrach­tet die Insze­nie­rung und mut­maßt über die Aus­wir­kun­gen (hier bei­spiels­weise auf Carta). Ja, das mag eben dabei her­aus­kom­men, wenn an den Jour­na­lis­ten­schu­len der Anteil an Theater-, Film– und Fern­seh­wis­sen­schafts­ab­sol­ven­ten höher ist als jener der VWLer – führt aber zwangs­läu­fig dazu, dass Poli­tik tat­säch­lich nur noch als das betrie­ben wird, was kri­ti­sche Jour­na­lis­ten dem Poli­ti­schen ohne­hin seit Jah­ren vor­wer­fen zu sein: ein Kas­per­le­thea­ter. Sub­stan­zi­elle Kri­tik, umfas­sende Recher­che und Erläu­te­run­gen kom­ple­xer Sach­ver­halte? Fehlanzeige.

Einen struk­tu­rell art­ver­wand­ten, viel­leicht sogar pro­to­ty­pi­schen Fall aus Eng­land beschrieb Mer­ce­des Bunz vor Kur­zem in ihrem Blog: Da hatte Arnold Schwar­ze­negger, der Gou­ver­neur von Kali­for­nien, unlängst ange­sichts der extre­men finan­zi­el­len Eng­pässe, denen sich Kali­for­nien aus­ge­setzt sieht, den Vor­schlag unter­brei­tet, die Schu­len mögen doch bitte prü­fen, inwie­weit sie Schul­bü­cher durch digi­tale Quel­len erset­zen kön­nen, um frei­wer­den­den Finanz­mit­tel in Lehr­kräfte zu inves­tie­ren. Nun mag man von der Idee hal­ten was man will, viel inter­es­san­ter sind hier die Reak­tio­nen der eng­li­schen Presse:
•    Daily Mail : „Rise of the machi­nes: Arnold Schwar­ze­negger ter­mi­na­tes school book and tells pupils to go digi­tal“
•    Finan­cial Times: „School text­books near digi­tal dooms­day“
•    Tele­graph: „California’s ban on prin­ted textbook“

Die Bos­haf­tig­keit mit der da ver­meint­lich seriöse Bericht­er­stat­tung die Rea­li­tät so lange dreht bis „to ter­mi­nate“ und „Schwar­ze­negger“ in der Über­schrift neben­ein­an­der ste­hen kön­nen, grenzt an Vor­sätz­lich­keit. Ganz ähn­lich auf­ge­baut war das, was der Tagesspiegel-Autor Joa­chim Huber nach den Euro­pa­wah­len über die Pira­ten­par­tei schrieb. In bei­den Fäl­len schie­nen die Auto­ren kei­nen Deut infor­miert oder auch nur im Ansatz an Tat­sa­chen inter­es­siert zu sein. Man mag den Fall Schwar­ze­negger ./. eng­li­sche Presse als Tief­punkt einer anhal­ten­den Ten­denz betrach­ten oder den Fall Huber ./. Pira­ten­par­tei als Fort­schrei­bung eines Gene­ra­ti­ons­kon­flik­tes – Aus­rut­scher in einem sonst ein­wand­freien Sys­tems sind diese Fälle aller­dings eher nicht.

Woher kommt nun und wozu dient die­ses Rum­ge­meine? Woher die Hin­wen­dung zum Ein­druck und woher das Zurück­las­sen der Fak­ten­lage? Gerade wo gemein­hin kon­sta­tiert wird, dass die Zusam­men­hänge der Welt durch die Glo­ba­li­sie­rung von Wirt­schaft, Poli­tik und Lebens­for­men einer­seits und durch die Indi­vi­dua­li­sie­rung von Lebens­läu­fen und Wer­ten ande­rer­seits, zuneh­men kom­plex gewor­den sei, scheint es so, als würde die Bericht­er­stat­tung über diese immer kom­ple­xere Welt anstatt Schritt zu hal­ten, bevor­zugt mei­nungs­starke, ein­fa­che, schnelle Ant­wor­ten geben wol­len. Wo kurz­fris­tige Auf­merk­sam­keit die ein­zige Wäh­rung ist, ist Wis­sen der expli­zi­ten, undif­fe­ren­zier­ten Mei­nung bloß läs­tig. Dass der Lau­teste nicht immer der Klügste ist, ist zwar alt­be­kannt – ändert aber lei­der nichts daran, dass auch dem Dümms­ten die volle Auf­merk­sam­keit zuteil wird, so er nur laut genug ist.

Wenn nun aber die Bericht­er­stat­tung, egal ob nun in Blogs oder Zei­tun­gen, die läs­tige Chro­nis­ten­pflicht und das Hand­werk des Ver­ste­hens und Erklä­rens zuneh­mend auf­ge­ben und sich nur noch der Gegen­rede wid­men – auf wel­cher Grund­lage soll dann geur­teilt wer­den? Auf wel­cher Grund­lage soll und kann ich als Leser mir tat­säch­lich: meine Mei­nung bil­den? Oder anders gefragt: Wenn alle nur noch Mei­nun­gen anbie­ten – wo kann ich mich dann bitte informieren?