Es ist heiß, der Abend zieht sich, aber es gibt einen Grund durch­zu­hal­ten: Zur Halb­zeit soll es kos­ten­los Was­ser für alle geben.

Es spricht eher nicht für eine Ver­an­stal­tung, wenn der Höhe­punkt, mit dem der Anhei­zer das Publi­kum in den Umbau­pau­sen bei Laune zu hal­ten ver­sucht, die Ankün­di­gung ist, dass es nur noch fünf, vier, drei, zwei Auf­tritte sind, bis es end­lich etwas zu trin­ken gibt. Ich frage mich, ob es den Etat der Pro­duk­tion wirk­lich gesprengt hätte, den Durst der Zuschauer frü­her und mehr­mals zu stil­len. Ob es etwas ande­res als das Was­ser geben könnte, auf das es sich zu freuen lohnte, ein spek­ta­ku­lä­rer Akt auf der Bühne etwa, frage ich mich irgend­wann nicht mehr.

Es ist Frei­tag­abend, die zweite Auf­zeich­nung der RTL-Show »Das Super­ta­lent« im Ber­li­ner Tem­po­drom. Ein­ein­halb Stun­den hat es gedau­ert, bis wir auf unse­ren Plät­zen saßen. Dann beginnt das Warm-Up. Der dafür enga­gierte Mann lässt die Zuschauer auf Kom­mando für die Kame­ras applau­die­ren und vor Begeis­te­rung beim Jubeln auf­sprin­gen. Keine Sorge, sagt er, RTL werde das spä­ter natür­lich nur an die Stel­len in die Sen­dung schnei­den, wo es tat­säch­lich eine sol­che Reak­tion gab. Geläch­ter im Publikum.

Trotz der lan­gen War­te­zeit sind die Leute unbe­dingt amü­sier­be­reit. Die Macher der Sen­dung tes­ten jetzt mal, wie lange das hält. Die Fern­seh­ka­me­ras fan­gen immer wie­der ein­zelne Gesich­ter von Zuschau­ern ein und zei­gen sie in Groß­auf­nahme auf einer Lein­wand, die eigens auf die Bühne gestellt wurde. Der Anhei­zer macht lus­tige Kom­men­tare oder Geräu­sche dazu. Das geht sehr lange so.

Es ist nicht klar, ob das ein hei­te­res Vor­pro­gramm sein soll, ob die Auf­nah­men für den Schnitt gebraucht wer­den oder ob bloß Zeit geschun­den wer­den muss, weil Die­ter Boh­lens Haare noch nicht fer­tig sind. Was klar ist: Der Stim­mung tut es Abbruch.

Wider­wille wird hör­bar. In einer Gruppe jun­ger Frauen fasst sich eine ein Herz. »Wir sehen nichts!«, ruft sie. Und: »Es ist unlus­tig!« Es stellt sich her­aus, dass sie bei die­sem Pro­gramm­punkt, der so auf­re­gend ist, als würde man Wand­farbe beim Trock­nen zuse­hen, nicht ein­mal die Wand sehen kön­nen: Von ihren Plät­zen aus haben sie kei­nen Blick auf die Lein­wand. Moni­tore fürs Publi­kum gibt es nicht. Die Gruppe stimmt aus Pro­test und Lan­ge­weile »Kum­baya My Lord« an.

Irgend­wann, als kaum noch jemand damit rech­net, tritt Mode­ra­tor Daniel Hart­wich auf und begrüßt das Publi­kum. Die drei Juro­ren — Michelle Hun­zi­ker, Tho­mas Gott­schalk und Die­ter Boh­len — wer­den nach­ein­an­der auf die Bühne geru­fen und mar­schie­ren ein wie beim Kar­ne­val. Boh­len wirft im Über­mut seine offene halb­leere Was­ser­fla­sche im hohen Bogen auf die Bühne. Die muss nun wie­der tro­cken geschrubbt wer­den, was den Beginn der Auf­zeich­nung wei­ter ver­zö­gert. Ein Profi.

»Die­ter for pre­si­dent«, ruft jemand aus dem Publi­kum. »Wenigs­tens einer, der Ahnung hat«, ant­wor­tet Bohlen.

Der erste Kan­di­dat, der auf­tritt, heißt Jack Hill. Er wird ange­kün­digt als »jüngs­ter DJ der Welt« — ein Titel, den er, was nicht gesagt wird, vor fünf Jah­ren bekam. Jetzt ist er zwölf und bewirbt sich um den Titel »Das Supertalent«.

Seit min­des­tens zwei Stun­den haben die Zuschauer vor Ort gewar­tet, dass es los­geht. Ihre Geduld wird dadurch belohnt, dass sie aus der Ferne einen Jun­gen mit Kopf­hö­rern auf der Bühne sehen, der hin­ter zwei Turn­ta­bles steht und womög­lich Reg­ler hin– und herschiebt.

Gut, auf den Bild­schir­men zuhause wird das natür­lich anders rüber­kom­men. Da wird man von Nahem sehen, wie ein Junge mit Kopf­hö­rern hin­ter zwei Turn­ta­bles auf der Bühne steht, und womög­lich wird man sogar erken­nen kön­nen, wel­che Reg­ler er hin– und her­schiebt. Das wird gro­ßes Fernsehen.

Jack spricht kein Deutsch, was die Kom­mu­ni­ka­tion mit den Juro­ren noch mehr erschwert als es die räum­li­che Dis­tanz ohne­hin schon täte. Tho­mas Gott­schalk infor­miert ihn dar­über, dass er selbst als DJ ange­fan­gen hätte. Er fragt: »Du bist der jüngste DJ der Welt. Was ist dein Traum? Der älteste DJ der Welt zu wer­den?« Ratlosigkeit.

Irgend­wie einigt man sich end­lich dar­auf, dass es schwer ist, in so einer Show bei einem DJ das genaue Talent zu erken­nen, aber der Junge eher kein Fall fürs »Super­ta­lent« ist.

Kan­di­dat zwei ist ein Feu­er­spu­cker. Er ist kein beson­ders guter Feu­er­spu­cker, er ist nicht ein­mal ein beson­de­rer Feu­er­spu­cker, aber ver­lo­ren hat er schon, als er, nach­dem er sich vor­ge­stellt hat, Ewig­kei­ten braucht, bis er seine Flam­men­schäl­chen ange­zün­det hat. Man weiß nicht, warum er das nicht vor dem Auf­tritt vor­be­rei­ten durfte. Die Pro­duk­tion hat kein Inter­esse daran, die Kan­di­da­ten gut aus­se­hen zu lassen.

»Warum hast du keine Assis­ten­tin?«, fragt Die­ter Boh­len, wäh­rend der Mann auf der Bühne her­um­bas­telt, »ne Geile?«

Vom Auf­tritt des Man­nes bleibt: die Brenn­flüs­sig­keit auf der Bühne. Das muss die Pro­duk­tion völ­lig über­ra­schend getrof­fen haben, jeden­falls sind nun Heer­scha­ren von Büh­nen­ar­bei­tern eine end­lose Zeit damit beschäf­tigt, mit immer neuen Mit­tel­chen, Lap­pen, Putz– und Wisch­tech­ni­ken zu ver­su­chen, das Zeug wie­der von der Bühne zu entfernen.

Wir haben ja Zeit, und irgend­wann spä­ter, viel spä­ter, soll es angeb­lich kos­ten­los Was­ser geben für alle.

Nach Ewig­kei­ten kommt die nächste Kan­di­da­tin an die Reihe: Eine Hun­de­schu­len­be­sit­ze­rin mit ihren zwei klei­nen Hun­den, die Tricks vor­ma­chen. Es sind keine beson­ders schwe­ren Tricks und sie machen sie nicht beson­ders gut.

Drei Acts bis­her, und drei­mal die Frage: Was machen die hier auf der Bühne?

Viel­leicht hat man, für Gott­schalk, tat­säch­lich kurz­fris­tig all die furcht­ba­ren Trash-, Ekel– und Men­schen­ver­nich­tungs­num­mern, die das For­mat sonst aus­ge­macht haben, her­aus­ge­schmis­sen und die freien Plätze auf die Schnelle mit irgend­wel­chen Leu­ten auf­ge­füllt, die gerade in einer Fuß­gän­ger­zone her­um­stan­den und mit­tel­schwere Dinge mit­tel­gut konn­ten. Die Frage, wer von denen, wenn schon kein Super­ta­lent, so doch wenigs­tens gute Fern­seh­un­ter­hal­tung sein könnte, spielte bei der Aus­wahl sicht­lich keine Rolle.

13 Kan­di­da­ten sol­len in unse­rer Auf­zeich­nungs­runde auf­tre­ten. In dem Tempo, in dem sich das dahin­schleppt, dürfte das mehr als drei Stun­den dau­ern. Einige Zuschauer sind auf Kom­mando immer wie­der voll dabei. Vor uns sitzt eine Gruppe Jungs, die sich nach nicht durch­schau­ba­ren Kri­te­rien jeweils in den ers­ten fünf Sekun­den ent­schei­det, ob sie für oder gegen einen Kan­di­da­ten sind, und ihn oder sie dann hem­mungs­los anfeu­ern oder von der Bühne zu brül­len versuchen.

Teile des Publi­kums sind aber inzwi­schen unun­ter­bro­chen in Bewe­gung. Sie sind ent­we­der auf dem Weg vom oder zum Klo, holen sich drau­ßen gegen Geld etwas zu trin­ken oder wer­den von Pro­duk­ti­ons­mit­ar­bei­tern gerade wie­der umge­setzt, damit die Lücken im Saal nicht so auf­fal­len. Viele Plätze blei­ben frei.

Die »B.Z.« wird spä­ter berich­ten, dass die Pro­duk­ti­ons­firma inzwi­schen Zuschauer bezahlt, um die Ränge zu fül­len. Sie bekom­men 30 Euro Gage. Wir haben 15 Euro Ein­tritt bezahlt. Das scheint ein schlech­ter Deal zu sein für uns. Ande­rer­seits möchte ich wet­ten, dass die 30-Euro-Gage-Leute bis zum Schluss der Auf­zeich­nung blei­ben müs­sen, egal was nicht pas­siert. Ich hätte nicht tau­schen wollen.

Die Büh­nen­ar­bei­ter sind nun damit beschäf­tigt, eine große Stoff­un­ter­lage auf dem glän­zen­den Büh­nen­bo­den zu befes­ti­gen. (Sowas wäre bei dem Feu­er­spu­cker vor­hin prak­tisch gewe­sen.) Sie fixie­ren sie mit Kle­be­strei­fen außen um den Rand. Es tritt auf: Eine Gruppe jun­ger Akrobaten.

Es sieht gefähr­lich aus, wie sie tan­zen und ein­an­der durch die Luft wir­beln. Es ist auch gefähr­lich, denn der Kle­be­strei­fen hält die Unter­lage nicht, auf der sie tur­nen. Nach kur­zer Zeit hat sich die Matte gewellt, ein Akro­bat, der aus einem hals­bre­che­ri­schen Sprung auf dem weg­rut­schen­den Stoff lan­det, kann sich nur knapp noch fan­gen. Bevor sich einer von ihnen das Genick bricht, wer­fen sie die Matte mit­ten in ihrer Vor­stel­lung in die Ecke und tur­nen auf der glat­ten Bühne weiter.

Die Leute, die die Gesund­heit die­ser Akro­ba­ten auf Spiel set­zen, sind keine Hand­lan­ger irgend­ei­ner Klit­sche, auch wenn alles an die­sem Abend danach aus­sieht. Es sind Mit­ar­bei­ter der füh­ren­den Show-Produktionsfirma Grundy Light Enter­tain­ment, die zum Ufa-Konzern gehört, der nicht nur rie­sig ist, son­dern sich und ande­ren auch ein­re­det, einem beson­de­ren Wer­te­ko­dex zu fol­gen. Ihnen fehlt jedes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein für die Kan­di­da­ten, die sich ihnen aus­lie­fern. Sie sind hoff­nungs­los überfordert.

Die Pro­duk­tion schleppt sich dahin. An kei­ner Stelle hat man das Gefühl, es mit Pro­fis zu tun zu haben. Nicht auf der Bühne, nicht davor, nicht dahinter.

Es ist nicht zu glau­ben: Die­ses Gestol­pere ist die Auf­zeich­nung einer der erfolg­reichs­ten Sen­dun­gen des deut­schen Markt­füh­rers RTL, her­ge­stellt von einer der größ­ten Pro­duk­ti­ons­fir­men, insze­niert vom Star-Regisseur Vol­ker Wei­cker. Ich weiß, dass sol­che Sen­dun­gen nicht für das Saal­pu­bli­kum vor Ort, son­dern für das Fern­seh­pu­bli­kum gemacht wer­den. Es ist nicht die erste Auf­zeich­nung einer Fern­seh­show, die ich mir ange­se­hen habe. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Schwer zu sagen, ob Tho­mas Gott­schalk sich fragt, wo er hier gelan­det ist. Die drei Jury­mit­glie­der sit­zen an ihrem Tisch und wir­ken schlecht gelaunt. Auch in den end­lo­sen Pau­sen suchen sie nicht den Kon­takt zum Publi­kum. Gott­schalk hat die unglück­lichste Rolle. Er ver­sucht den Kan­di­da­ten, die von RTL uner­klär­li­cher­weise aus­ge­wählt wur­den, auf die­ser Bühne zu ste­hen, mit Men­schen­freund­lich­keit zu begeg­nen und ihnen irgend­wie scho­nend bei­zu­brin­gen, dass sie ja sym­pa­thisch seien und womög­lich auch nicht ganz unta­len­tiert, aber man hier doch ein »Super­ta­lent« suche. Boh­len darf den Betrof­fe­nen dann kurz dar­auf mit gele­gent­lich sogar wohl­tu­en­der Direkt­heit sagen, dass das nix war.

Ein älte­rer Mann tritt an. Er erzählt, dass er arbeits­los ist. Dass seine Frau schwer krebs­krank ist. Dass man ihm sei­nen Sohn weg­ge­nom­men und ins Heim gesteckt hat. (Vor­hin war schon eine Sän­ge­rin da, die erzählt, dass sie arbeits­los ist, weil sie unheil­bar krank sei. Super Talente für RTL.)

Der Mann will was malen. Er sagt, er kann malen.

Man hat ihm zwei leere Staf­fe­leien mit lee­ren Lein­wän­den auf die große Bühne gestellt, und nun beginnt er zu malen. »Der Schrei« von Munch. Er ist kein Schnell­zeich­ner. Er malt mit brei­ten Pin­sel­stri­chen. Es wird sich her­aus­stel­len, dass er nicht gut malen kann, aber vor­her noch stellt sich her­aus, dass ein Mann, der auf der Bühne steht und in aller Ruhe ein Bild malt, nichts ist, das ein Publi­kum, das seit Stun­den hier her­um­sitzt und Durst hat und schwitzt und sich von dem Abend irgend­eine Form von Unter­hal­tung ver­spro­chen hatte, mit Aus­dauer, Geduld, Wohl­wol­len oder Anstand verfolgt.

Die gelang­weil­ten Zuschauer feu­ern die Jury-Mitglieder an, end­lich auf die Buz­zer zu drü­cken, mit denen die Kan­di­da­ten vor­zei­tig von der Bühne ver­trie­ben wer­den. »Die­ter, hau drauf«, brüllt einer. Der Mann malt. Plötz­lich scheint irgend­je­mand in der Regie gedacht zu haben, dass man viel­leicht Musik ein­spie­len könnte, um es weni­ger lang­wei­lig zu machen. Der Mann malt. »Die­ter, Die­ter«, feu­ern die Leute Die­ter Boh­len an, von dem sie hof­fen, dass er als ers­ter ein Erbar­men haben wird. (Mit ihnen, nicht mit dem Mann auf der Bühne.) Als Boh­len end­lich gedrückt hat, wird Gott­schalk genauso ange­feu­ert: »Tho­mas, Tho­mas«. Der Mann malt.

Irgend­wann ist das grau­same Schau­spiel vor­bei. Die Jury beschließt, dem Mann, der arbeits­los ist, eine krebs­kranke Frau hat und des­sen Sohn im Heim ist, zu hel­fen: Sie set­zen ihre Unter­schrif­ten auf das miss­lun­gene, drei­vier­tel­fer­tige Bild, damit es etwas Wert wird und er es ver­stei­gern kann. Boh­len erzählt, dass neu­lich ein paar Turn­schuhe von ihm 3000 Euro bei eBay gebracht hät­ten. Er meint das als Auf­for­de­rung ans Publi­kum, auch für die­ses komi­sche Bild eine nen­nens­werte Summe zu zah­len. Aber es ver­stärkt noch die Demü­ti­gung des Trop­fes auf der Bühne.

Er geht ab, und die Mit­ar­bei­ter begin­nen, seine Uten­si­lien weg­zu­räu­men, da kom­men Rufe aus dem Publi­kum: »Wir wol­len das Bild sehen!« Ach ja: Schät­zungs­weise ein Drit­tel der angeb­lich über 2000 Zuschauer konnte wäh­rend die­ser gan­zen Pein­lich­keit nicht ein­mal sehen, was da ver­lacht, aus­ge­buht, signiert wurde, weil sie von der Seite oder von hin­ten auf die Staf­fe­lei guckten.

Die RTL-Sendung »Das Super­ta­lent«, »die erfolg­reichste Show-Reihe im deut­schen Fern­se­hen« (RTL), hat keine Moni­tore, auf der die Zuschauer sehen kön­nen, was pas­siert. Viel­leicht kann sich der Sen­der das nicht leis­ten. Viel­leicht ist es auch nur Aus­druck der all­um­fas­sen­den Gedan­ken­lo­sig­keit und Unpro­fes­sio­na­li­tät, die den Abend prägt.

Wenn man das erlebt hat, wirkt es irreal, dass fast jeden Tag neue Mel­dun­gen über »Das Super­ta­lent« ver­öf­fent­licht wer­den, die so tun, als wäre die Show ein Hoch­glanz­pro­dukt, ein Höhe­punkt des deut­schen Fernsehprogramms.

Wir haben das Was­ser abge­war­tet, das in dem erwart­ba­ren Chaos müh­sam unter das Volk gebracht wurde, und uns dann bald ver­ab­schie­det. Ich habe beim Raus­ge­hen noch geguckt, ob es irgendwo eine Mög­lich­keit gibt, Geld zu spenden.