Mensch trifft Mensch im Inter­net — das ist (…) das Prin­zip von »sued-café«, der neuen Leser-Lounge von sueddeutsche.de. (…) Online-Communities sind zur sozia­len Rea­li­tät vie­ler gewor­den. Hier will sueddeutsche.de neue Akzente set­zen. Das Ange­bot wird ste­tig wei­ter­ent­wi­ckelt — des­halb sind wir auf Reak­tio­nen der Nut­zer gespannt.

Chef­re­dak­teur Hans-Jürgen Jakobs, der diese Zei­len im März schrieb, benutzte sogar das Wort »Debat­tier­club« in einem posi­ti­ven Sinne. Kein Drei­viel­jahr spä­ter kommt die­ses Wort für sei­nen Stell­ver­tre­ter Bernd Graff nicht nur im Alpha­bet kurz hin­ter »Cholera«.

Anstelle eines dis­tin­gu­ier­ten Clubs eng­li­schen Stils, mit erle­se­nem Publi­kum, geist­rei­chen Gesprä­chen und Anstand und Sitte, den Jakobs und seine Kol­le­gen sich wohl erträumt hat­ten, war das Süd­café, oh Par­don: sued-cafe, anschei­nend eine ordi­näre Kneipe, in der einer große Reden schwingt, einer rülpst, eine Gruppe Betrun­ke­ner ver­saute Lie­der grölt, ein Pen­ner immer wie­der vor die Tür gesetzt wer­den muss und ein paar Gäste, die hart im Neh­men sind, sich inmit­ten des Chaos wun­der­bar ver­gnü­gen und unterhalten.

Aber bei sueddeutsche.de hatte man jetzt keine Lust mehr, immer wie­der das Erbro­chene weg­zu­wi­schen, und machte den Laden lie­ber dicht. Also, nicht ganz, nur dann, wenn die Leute gern in die Kneipe gehen: nach der Arbeit, abends, auch mal am Wochen­ende. Auf sueddeutsche.de kann seit ver­gan­ge­ner Woche nur noch mon­tags bis frei­tags von 8 bis 19 Uhr kom­men­tiert werden.

Was für eine Bank­rott­er­klä­rung. Wäre ihnen diese Com­mu­nity wirk­lich wich­tig, wür­den sie natür­lich einen ande­ren Weg fin­den. Fehlt bei sueddeutsche.de das Geld für ein, zwei unter­be­zahlte Hilfs­kräfte, die abends ein biss­chen mode­rie­ren? Oder der Mut, aus­zu­pro­bie­ren, ob sich nicht in der Com­mu­nity sel­ber Mode­ra­to­ren fin­den, die mit­hel­fen, womög­lich sogar kos­ten­los, weil ihnen an die­sem Debat­tier­club etwas liegt?

Nein: Wer ist über­haupt auf die Idee gekom­men, dass der Online-Auftritt der Zei­tung, die das Inter­net für eine der größ­ten Gei­ßeln der Mensch­heit hält und bei der aus jedem Arti­kel zum Thema die Ver­ach­tung für die wild durch­ein­an­der­plap­pernde Masse sickert, die nicht die Legi­ti­ma­tion eines Haus­aus­wei­ses des Süd­deut­schen Ver­la­ges oder wenigs­tens eines Pres­se­aus­wei­ses hat, wer ist auf die Schnaps­idee gekom­men, dass diese Zei­tung eine Online-Community haben sollte?

Jetzt spie­len sich unter den Arti­keln erschüt­ternde Sze­nen ab: Mas­sen­haft schei­nen die akti­ven Nut­zer in einen Gene­ral­streik getre­ten zu sein. Dis­ku­tiert wird nicht mehr das Thema des jewei­li­gen Arti­kels, son­dern nur noch die als »Zen­sur« emp­fun­dene Beschrän­kung der Dis­kus­sion durch sueddeutsche.de. Auf wel­chen Arti­kel man auch klickt, über­all das glei­che Bild: Nutz­er­lo­gos mit »Zensur«-Balken, reich­lich Kom­men­tare, die von sueddeutsche.de nicht ver­öf­fent­licht wur­den, immer wie­der der glei­che Pro­test­text (rechts zum Groß­kli­cken als ebenso ein­drucks­vol­les wie typi­sches Bei­spiel: sämt­li­che Kom­men­tare unter einem SZ-Artikel über die bevor­ste­hen­den Prä­si­dent­schafts­wah­len in Russ­land).

Auf den Boy­kott­auf­ruf hat einer der Mode­ra­to­ren so geantwortet:

wir haben Ihren Auf­ruf zum Boy­kott zur Kent­niss genom­men. Das ist selbst­ver­ständ­lich Ihr gutes Recht. Wir möch­ten Sie an die­ser Stelle dar­auf hin­wei­sen, dass wir unse­ren usern, die die­sen Boy­kott nicht unter­stüt­zen, auch wei­ter­hin die Mög­lich­keit erhal­ten möch­ten in Ruhe zu kom­men­tie­ren. Des­halb wur­den von uns auch die stän­di­gen cross-posts und ver­schie­dens­ten Boy­kott­auf­rufe gelöscht.

Wir bit­ten Sie um Ver­ständ­nis für diese Politik.

Wie wird es weitergehen?

Wird sueddeutsche.de das sued-cafe ent­nervt schlie­ßen? Wird es zu Ver­hand­lun­gen kom­men über ver­län­gerte Öff­nungs­zei­ten? Wird sich das Pro­blem von alleine lösen, weil das Volk (der Mob) wei­ter­zieht zu einem ande­ren Debattierclub?

Oder wird sueddeutsche.de ein Panel bil­den aus, sagen wir, einem Dut­zend hand­ver­le­se­ner Men­schen, die den Ansprü­chen der »Süd­deut­schen Zei­tung« an ihr Publi­kum genü­gen und anstelle der Idio­ten unter den Arti­keln der ver­ehr­ten Jour­na­lis­ten für eine Illu­sion von Debatte sor­gen? Weiß jemand, ob der Süd­deut­sche Ver­lag schon wie­der eine Stel­len­an­zeige beim Ver­ein der Freunde der deut­schen und tsche­chi­schen Kul­tur auf­ge­ge­ben hat, dies­mal viel­leicht etwa: »Online­dienst sucht brave Leser mit Tagesfreizeit«?

[via Sprblck]