»Schuhe gibt’s auch nicht gra­tis«, steht über dem Arti­kel des Regis­seurs Michael Ver­hoeven über ACTA im aktu­el­len »Focus«, und genau genom­men könnte man natür­lich an die­ser Stelle auf­hö­ren zu lesen. Es ist die »Ihr seid alle Diebe«-Nummer, und selbst wenn sie nicht falsch wäre, wäre sie alt.

Tat­säch­lich lohnt es sich aber, den Text trotz­dem zu lesen, weil er die Dis­kus­sion noch viel wei­ter zurück­wirft, als die Über­schrift befürch­ten lässt.

In der Welt die­ses »Focus«-Artikels, in der Welt des Michael Ver­hoeven gibt es kei­nen lega­len Han­del mit digi­ta­len Inhal­ten im Netz.

Ver­hoevens Text beginnt so:

Ein Kunde geht in ein Musik­ge­schäft und ent­deckt dort eine tolle CD. Am Aus­gang wird er fest­ge­hal­ten. Er hat näm­lich etwas ver­ges­sen: Er hat nicht bezahlt.

Das Netz ist wie ein Super­markt. Hier ent­deckt der Kunde eben­falls tolle Musik und lädt sie her­un­ter. Und auch er hat etwas ver­ges­sen. Er hat nicht bezahlt — doch nie­mand hält ihn auf.

Die Mög­lich­keit, dass der Kunde die tolle Musik im Netz ent­deckt, her­un­ter­ge­la­den und bezahlt hat — sie kommt nicht vor.

Ver­hoeven:

Mein Sohn Simon ist Kom­po­nist. Über die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft GEMA ist er betei­ligt, wenn seine Musik (z. B. in dem Film »Män­ner­her­zen«) im Kino, im Radio oder Fern­se­hen auf­ge­führt wird.

Was aber über das Netz ver­brei­tet wird, wird nicht abge­rech­net. Da geht er leer aus, und seine Musi­ker und alle am Her­stel­lungs­pro­zess Betei­lig­ten sind eben­falls betrogen.

Das ist strunz­falsch. Was über das Netz ver­brei­tet wird, wird auch abge­rech­net. Im Dezem­ber erst hat die GEMA sich mit dem Inter­net­ver­band Bit­kom über Vergütungs-Regeln geei­nigt. Und auch im end­lo­sen Streit zwi­schen GEMA und YouTube geht es um die Frage, wie hoch die Ver­gü­tung sein soll — nicht um die Ver­gü­tung an sich.

Ver­hoeven wen­det sich dann an die Diebe direkt und ver­sucht es damit, sie als Kin­der­gar­ten­kin­der zu behandeln:

Sie ver­ste­hen doch, lie­ber User, dass ein Dreh­buch­au­tor, ein Regis­seur, ein Pro­du­zent, ein Sän­ger für die Ver­brei­tung sei­ner Arbeit ein Hono­rar bekom­men muss. Wenn Sie in einen Laden gehen, wis­sen Sie, dass Sie die Ware bezah­len müs­sen. Wieso erwar­ten Sie nicht das Glei­che, wenn Sie im Netz eine Ware beziehen?

Viele erwar­ten es. Viele tun es.

Eines der Pro­bleme ist, dass sich für viele »Waren«, die Men­schen gerne im Inter­net »bezie­hen« wür­den, gar keine Bezahl­mög­lich­kei­ten ange­bo­ten wer­den. Dass quasi die Kas­sen fehlen.

Lus­ti­ger­weise hat Ver­hoeven den­sel­ben Gedan­ken erblickt. Aber er hat lei­der die fal­sche Auf­fahrt genom­men und lan­det dort als Geisterfahrer:

Sie haben ja die Frei­heit, das Lied oder den Film herunterzuladen.

Nie­mand ver­bie­tet es Ihnen. Aber bitte nicht, ohne an der Kasse das Geld hin­zu­le­gen.
Ent­spre­chende Kas­sen gibt es, den­ken Sie an die Schuhe, die Sie im Inter­net gekauft haben. Aber im Fall von Musik oder Spiel­fil­men sind die Kas­sen nicht besetzt. Noch nicht.

Es ist merk­wür­dig, das im März 2012 noch irgend­wo­hin zu schrei­ben, aber gut: Doch, es gibt auch im Fall von Musik oder Spiel­fil­men schon Kas­sen, die besetzt sind, und in man­chen ste­cken schon gewal­tige Einnahmen.

Es kommt aber schlim­mer. Ver­hoeven hält ACTA tat­säch­lich für ein Kas­sen­auf­stellab­kom­men, nicht für ein Kaufhausdetektivabkommen.

Aber im Fall von Musik oder Spiel­fil­men sind die Kas­sen nicht besetzt. Noch nicht. Jetzt, wo das gesche­hen soll, wird geschrien: »Das ist Zen­sur!« Wie bitte? Ist es Zen­sur, dass Sie die Schuhe bezah­len müs­sen, die Sie im Inter­net gekauft haben?

Was fehlt noch? Rich­tig: Netz­sper­ren. Und Kinderpornographie.

Ich bin gegen Zen­sur. Aber im Netz bin ich zum Bei­spiel dafür, dass der Kon­su­ment von Kin­der­por­no­gra­fie nicht etwa bestraft wird, son­dern dass er sich den Dreck gar nicht erst anse­hen kann, weil eine »Zen­sur« ihn schon her­aus­ge­fil­tert hat. Wenn jemand zu bestra­fen wäre, dann der, der diese Dinge ins Netz stellt. Und mit­schul­dig ist auch der Anbie­ter, der Pro­vi­der, der Öff­ner des Por­tals, der laut Leutheusser-Schnarrenberger nicht Hilfs­she­riff spie­len soll.

Ich habe nicht die Kraft, all das, was daran falsch und schlimm ist, auf­zu­drös­eln. Ich würde mich aller­dings Ver­hoevens nächs­tem Satz anschließen:

Hier sind viele Fehl­ein­schät­zun­gen im Umlauf.

Ich fürchte, dass die­ser Arti­kel nicht nur etwas über die Ahnungs­lo­sig­keit von Michael Ver­hoeven aus­sagt, der glaubt, dass man im Inter­net Filme nur steh­len kann, bis end­lich die ACTA-Kassen auf­ge­stellt sind. Ich fürchte, dass das Stück und die Tat­sa­che, dass der »Focus« das so gedruckt hat, auch etwas dar­über aus­sagt, in wel­chem Maß die ACTA-Lobby bereit ist, mit Unred­lich­keit und Bos­haf­tig­keit für ihre Inter­es­sen zu kämp­fen. Sie scheint aus ihren Feh­lern nur exakt eine Lek­tion gelernt zu haben: Dass sie die Urhe­ber vor­schi­cken muss.