stern.de lässt von Amazon rezensieren

25 Jul 07
25. Juli 2007

stern–shortlist, das Entertainmentportal für Fortgeschrittene: Das Wort „Fortgeschrittene“ bezeichnet Entertainment-Profis, aber auch die Web 2.0-Generation sowie User wie die stern.de-Nutzer.
(Aus der Selbstdarstellung.)

Auf merkwürdige Ideen kommen die großen Verlage, wenn sie versuchen, irgendwas zu den Zauberworten „Web 2.0″ und „Community“ auf den Markt zu bringen. Bei stern.de entsteht unter dem Namen „Shortlist“ seit Montag ein „Listen-Universum“: Mitarbeiter und Leser sortieren Musik, Filme, Bücher und andere Produkte in Listen wie „Filme, in denen Jack Nicholson noch keinen Bauchansatz hatte“ oder „Songs, mit denen man garantiert jede Party beendet“.

Das wirkt auf den ersten Blick charmant und unterhaltsam, entpuppt sich aber auf den zweiten als unbrauchbare Mogelpackung.

Im Pressematerial heißt es: „stern–shortlist ist ein redaktionelles Angebot“ und: „stern–shortlist macht sich die Entertainment-Kompetenz des stern zu eigen“. Nun ja, so groß scheint diese Kompetenz nicht zu sein. Denn hinter den Listeneinträgen findet man keine redaktionellen Besprechungen aus der „Stern“-Redaktion, sondern Kritiken von Amazon, dem „Shortlist“-Partner, bei dem man die Produkte aus den Listen auch gleich bestellen kann. Die Besprechungen haben Autorenzeilen, aber den Hinweis, dass die Autoren nicht für den „Stern“ oder stern.de schreiben, sondern einen Buchhändler, hat man, äh: vergessen.

Das ist nicht nur wegen der mangelnden Transparenz und der offensichtlichen Fixierung auf möglichst große Verkaufszahlen unerfreulich. Wenn Amazon ein Produkt nicht besprochen hat, gibt es auch in den „Shortlists“ keine weiterführenden Informationen. Und selbst wenn es eine Amazon-Besprechung gibt, lässt sie häufig die entscheidende Frage, die eine Liste aufwirft, unbeantwortet.

Es ist ja eine nette Idee, eine Liste über Fernsehserien anzulegen, in denen ein „Star geboren wurde“, und dort auf Platz 6 die „Lindenstraße“ einzutragen. Aber wer nicht weiß, dass die Karriere von Til Schweiger da begann, erfährt es hier nicht. In den Listen selbst kann man keine Zusatzinformationen angeben, und in der „Shortlist“- bzw. Amazon-Besprechung taucht sein Name nicht auf, was allerdings kein Zufall ist, weil Schweiger in den ersten 52 Folgen, auf deren DVD-Box die Liste verlinkt, noch gar nicht dabei war.

Überhaupt, was ist das für ein Unsinn: Ich kann der Welt meine zehn Lieblingsserien mitteilen, aber nicht einmal zu jeder Serie einen kurzen Kommentar hinzufügen, um zu erklären, warum ich „Malcolm mittendrin“ verehre und was genau ich an „Arrested Development“ so großartig finde? Und daraus soll eine angeregt diskutierende Community entstehen?

Zum Tod von Ulrich Mühe bietet die Redaktion eine Liste „Filme, die das Lebenswerk von Ulrich Mühe dokumentieren“. Sie ist exakt so informativ, als hätte ich seinen Namen bei der Internet Movie Database oder bei Amazon eingegeben hätte. Kein Wort darüber, welches Werk ein Geheimtipp ist, warum man einen Film vielleicht einem anderen vorziehen sollte, nichts. Welchen Grund gibt es, sich diese Liste ansehen, außer um die Klickzahlen und Provisionen von stern.de in die Höhe zu treiben? (Lustigerweise findet die ohnehin kaum brauchbare Suchfunktion die Liste nicht einmal, wenn man nach Ulrich Mühe sucht.)

Eigentlich sind die Listen so angelegt, dass man nur käuflich zu erwerbende Produkte eingeben kann. Zum Glück werden sie von den Usern längst fleißig missbraucht — für Listen wie „Alles, was zeigt, dass die Jugend von heute für’n Arsch ist“ und „Alles, was an stern-shortlist.de äußerst ekelhaft ist“:

Ich weiß nicht. Auf mich wirkt „Stern-Shortlist“ wie ein Angebot, das ungefähr alle Wünsche von stern.de erfüllt (mehr Klicks, mehr Provisionen, ultra-kommerzielles Umfeld für Werbekunden, mehr Schein-Content bei minimalem redaktionellen Aufwand) und ungefähr keinen der Nutzer. Ist das dieses Web 2.0, von dem man so viel hört?

Nachtrag, 26. Juli. Gerd Kamp hat das gestern anscheinend noch offen in der Gegend herumstehende Redaktionssystem von „Stern-Shortlist“ entdeckt, und enthüllt nicht nur schöne Texte aus der internen Registrierungsseite („Als Mitarbeiter von Gruner + Jahr texte ich ohne Vergütung“), sondern auch Zukunftspläne: Listen, die für Klingeltöne werben, womöglich in Kooperation mit Jamba.

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Gagagalerien

24 Jul 07
24. Juli 2007

Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton hatte am Samstag einen schweren Unfall auf dem Nürburgring.

Diese Nachricht kann man den Lesern natürlich in verschiedenen Formen übermitteln. Die Kollegen von n-tv.de entschieden sich für die Form einer 32-teiligen Bildergalerie.

Das las sich dann unter anderem so:

Das funktioniert ganz gut, um es kleinen Kindern abends vorm Zubettgehen vorzulesen, die dann immer mit der Maus auf den rechten Pfeil klicken dürfen und zeigen müssen, was die Mama vorliest (Ja, daaa ist der Hamilton! Und wo ist das Podest? Sehr schön. Und siehst du den Krankenwagen? Zeig der Mama den Krankenwagen…)

Eine andere mögliche Erklärung wäre natürlich, dass es zu der kurzen Meldung einfach so viele tolle Fotos gibt, die n-tv.de seinen Lesern nicht vorenthalten wollte, dass der Text deshalb ein bisschen gestreckt wurde. Diese Erklärung wirkt aber, sagen wir, unwahrscheinlich, wenn man anfängt, einige der vielen Fotos aus der Bilderstrecke übersichtlich anzuordnen:

n-tv.de hat immer wieder dieselben oder fast identischen Fotos in die Bildstrecke gepackt, nur unterschiedlich stark vergrößert. Das funktioniert ganz gut, um mit nicht ganz so kleinen Kindern abends vorm Zubettgehen Profi-„Memory“ zu spielen. (Und wo hatten wir dasselbe Foto eben schon gesehen? Und war es beim letzten Mal näher dran oder weiter weg? Hey, super!)

Eine andere Erklärung wäre natürlich, dass es zu den paar Fotos einfach so viel tollen Text gab, den n-tv.de seinen Lesern nicht vorenthalten wollte, dass die Bilder deshalb ein bisschen gestreckt wurden. Äh, halt.

Jede Wette: Das ist die Zukunft des Onlinejournalismus.

[Mit Dank an Lukas!]

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Sat.1 ist reif für Jan Ullrich

23 Jul 07
23. Juli 2007

Montagnachmittag. Sat.1 überträgt live die Tour, da ruft Jan Ullrich an. Er hat eine Botschaft.

Timon Saatmann: Wir haben Jan Ullrich in der Leitung, Mike, du hattest heute schon mit ihm telefoniert.

Mike Kluge: Ja.

Timon Saatmann: Ich begrüße Jan Ullrich, der vor zehn Jahren die Tour de France gewonnen hat, in der Leitung. Hallo, Jan Ullrich. Wie geht’s Ihnen heute? Wir haben lange nichts von Ihnen gehört. Sie sehen mit uns zusammen die Tour de France am Fernsehen. Wie geht’s Ihnen?

Jan Ullrich: Ja, Servus, nee, ja, ist das schon so lange her? Zehn Jahre, Mensch, ach du lieber Gott. Nee, mir geht’s gut, ich hab mit meiner Frau grad ein bisschen den letzten gemeinsamen oder zweisamen Urlaub verbracht für eine woche mal in den Bergen. Sie ist ja hochschwanger – oder was heißt hochschwanger, aber zwei Monate noch bis zur Geburt, und hat schon ganz schönen Bauch dran. Wir haben uns einfach mal ein bisschen erholt, weil wir doch in letzer Zeit auch viel gearbeitet haben. Aber sonst geht’s uns eigentlich sehr gut. Außer dass ich ein bissl wenig Sport mach‘, vielleicht.

Mike Kluge: Und Sara geht’s, wie ich gerade verstehen konnte, auch gut.

Jan Ullrich: Ja, Sara geht’s sehr, sehr gut. Sie ist gut durchgekommen, sechs Monate lang überhaupt keine Probleme gehabt. Außer dass sie jetzt nicht mehr ihre Schuhe zumachen kann. Aber das mach‘ ich ja jetzt, dafür hat sie mich ja geheiratet.

(…)

Mike Kluge: Ich meine, du wirst die Sache natürlich intensiv verfolgen, was alles so um das Gelbe Trikot passiert. Du hast ja mitbekommen, Michael Rasmussen steht unter Verdacht, einige Kontrollen ausgelassen zu haben, beziehungsweise sich nicht gemeldet zu haben. Michael Rasmussen fährt weiter. Du standst damals auch unter Verdacht, du wurdest direkt rausgenommen. Im Grunde wird hier doch irgendwie mit zweierlei Maß gemessen. Aber wie siehst du das mit Michael Rasmussen?

Jan Ullrich: Ah, dazu, also, zu diesen Sachen da werd‘ ich mal was sagen, das hab‘ ich auf meiner Homepage auch angekündigt, aber wenn ich denke, dass der richtige Zeitpunkt, dass Deutschland reif dafür ist, und ich das richtige Medium gefunden habe. Aber das mach‘ ich sicherlich nicht heute. Und vor allen Dingen möchte ich gern, dass die Rennfahrer nicht gestört werden in der Tour de France, die ist hart genug, und ich möchte da keine Unruhe reinbringen.

Mike Kluge: Genau.

(…)

Jan Ullrich: Du, ich wollte eigentlich sagen, eigentlich meine Botschaft war ja, dass ich’s wahnsinnig gut finde, dass jetzt euer Sender eingestiegen ist, und vor allen Dingen auch mit Mike, der macht das ja unheimlich gut, muss ich echt sagen, kommt wirklich der Sport ein bisschen rüber. Weil ich konnt‘ das bis jetzt immer sonst nur mit Bild gucken und ohne Ton halt. Und ich freu‘ mich darüber, weil: Jetzt ist auch mal ein bisschen der Fahrer, sag ich mal, wird seine Leistung einfach mal ein bisschen dargestellt. Und das finde ich einfach nur richtig. Weil das ist ein wunderschöner Sport, knallhart. Und nicht immer nur das Doping, Doping, Doping, das wird da völlig übertrieben. Und ich find‘ das gut, dass ihr da gleich eingestigen seid.

Mike: Super.

Mit großem Dank an Tim, bei dem man sich die neun Minuten im Original anhören kann.

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Wen Sat.1 mit der Tour glücklich macht

23 Jul 07
23. Juli 2007

So. Da werden die Kritiker und Miesmacher jetzt ja wohl verstummen. Sat.1 hat nämlich aus prominentem Mund, dass das völlig in Ordnung geht, dass und wie der Sender die Tour de France überträgt. Von jemandem, der wirklich Autorität hat, was den Profiradsport und Doping angeht.

Jan Ullrich.

In einem Live-Interview mit Sat.1 während der Übertragung erklärte der sympathische Sportler, dass das mit dem Doping total übertrieben werde, plauderte unbeschwert über sein Privatleben, erzählte, dass er die Tour bei ARD und ZDF immer nur „ohne Ton“ gucken konnte, und bescheinigte Sat.1, das im Gegensatz dazu „richtig, richtig gut“ zu machen.

Ich hab’s leider nicht selbst gesehen und bin nur von fassungslosen Kollegen angerufen worden. Vielleicht findet sich ja jemand, der die Szene aufgenommen hat und sie irgendwo hochlädt?

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Call-TV-Mimeusen gewinnen vor Gericht

22 Jul 07
22. Juli 2007

Miriam Wimmer scheint eine interessante Frau zu sein.

Sie hat kein Problem damit, Fernsehsendungen wie „Money Express“ zu moderieren, die die Mitspieler systematisch über Gewinnchancen und Spielregeln täuschen, gegen die Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten verstoßen und in denen sich Unregelmäßigkeiten häufen, die viele Beobachter auf den naheliegenden, aber unbewiesenen Gedanken bringen, die Zuschauer würden mit betrügerischen Methoden zum teuren Anrufen verleitet. (Mehr über die „Money Express“-Produktionsfirma Callactive und ihre Methoden hier.)

Sie hat aber ein Problem damit, wenn Männer Messer ablecken oder ihre Tätigkeit bei „Money Express“ als „Animöse“ bezeichnet wird.

Im ersten Fall droht sie mit Liebesentzug, im zweiten mit dem Anwalt.

Das Hamburger Landgericht hat ihr am Freitag Recht gegeben (was die Animöse angeht, nicht das Messerablecken). Es bestätigte eine einstweilige Verfügung gegen den Betreiber des Forums call-in-tv.de, die auch Wimmers Kolleginnen Daniela Aschenbach und Anneke Dürkopp erwirkt hatten. (Mehr zur Vorgeschichte hier.)

Das Gericht berief sich auf die „Stolpe-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichtes: Wenn eine Äußerung über jemanden mehrdeutig ist, genügt es, wenn nur eine mögliche Interpretation dieser Äußerung seine Persönlichkeitsrechte verletzt, um eine Wiederholung dieser Äußerung verbieten zu lassen. Der Rechtsanwalt Jony Eisenberg nannte das Urteil damals in der „taz“, die er regelmäßig vertritt, einen „wahrhaft schwarzen Tag für die Presse– und Meinungsäußerungsfreiheit“.

Weil sich das Hamburger Landgericht auf dieses Urteil berief und offenbar der Meinung war, es sei nicht völlig auszuschließen, dass das Wort „Animöse“ auch als Beleidigung zu verstehen sei, beschäftigte es sich gar nicht erst mit der Frage, was die tatsächliche Intention des Gebrauchs gewesen sei. Und auch nicht mit einem Gutachten, das der renommierte Soziolinguist Norbert Dittmar für den Anwalt von call-in-tv.de-Betreiber Marc Doehler erstellt hat. Dabei ist das eine wunderbare Lektüre:

Das Wort [Animeuse] ist eine spontane Entlehnung aus dem Französischen ins Deutsche. Dabei wird der Verbstamm {anim-} des französischen Verbs animer („beleben“) mit dem das Femininum markierenden Suffix {-euse} zur Substantivderivation {Animeuse} („Beleberin“) amalgamiert. (…)

Animeuse wird analog zu (beispielsweise) Friseuse gebildet. Es handelt sich um eine spontane (sprechsprachliche) Entlehnung (Derivation), in der durch graphische Assimilation ans Deutsche daneben die Variante [Animöse] entstanden ist (so wie bureau > Büro und meuble > Möbel wurde). Die sprechsprachliche Ambiguität („Homonymie“) kann in der Schriftsprache durch eine ‚frankophone‘ oder eine ‚germanophone‘ Schreibweise ({-euse} vs.{-öse}) aufgelöst werden.

Dass das Suffix {-euse} in [Anim-euse] einerseits Entlehnungssufix in „eingedeutschter“ Schreibweise existiert ({-öse}) und andererseits als Grundmorphem ({möse} : wertnegativ belegter Begriff für ‚Vagina‘), ist dem Zufall geschuldet. Eine intentionale — pejorative — Entlehnungshandlung lässt sich nicht nur nicht nachweisen, sondern ist auf der Grundlage der Entlehnungsforschung unwahrscheinlich. Viele solche ambivalenten Entlehnungen sind kreativer Arbitrarität geschuldet.

Wie sich für Worte wie „geil“ mühelos nachweisen lässt, macht gerade diese „zufällig entstandene“ Ambivalenz die Beliebtheit der Wahl solcher Ausdrücke aus. Somit macht die Ambivalenz das grosse „Scherzpotenzial“ solcher Worte aus und steigert besonders in jugendlichen Kreisen die Beliebtheit des Wortes. (…)

Ein beleidigender negativer Wert ist der reinen Wortform denotativ nicht nachzuweisen. (…) Insbesondere bei Diskussionsforen im Internet beobachten wir ein breitgefächertes, zwischen Spass und Provokation schillerndes Bedeutungsspektrum, das in der Regel als „ungeschminkte freie Meinungsäusserung“ zu verstehen ist und gerade wegen der Situationsentbindung den illokutiven Charakter von Beleidigungen nicht aufweist. (…)

Hach. Möchte man da nicht sofort anfangen zu philosophieren, ob die Existenz von 9Live und ihren Nachahmern letztlich nicht auch kreativer Arbitrarität geschuldet sind?

Für das Hamburger Landgericht indes war das Gutachten bedeutungslos. Frank Metzing, der Anwalt von call-in-tv.de, will seinem Mandanten empfehlen, in Berufung zu gehen.

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