»Ich bin gebeten worden, beim Unternehmenswettbewerb ›Top Job‹ als Mentor zu fungieren. Dieser Wettbewerb schien mir geeignet, einen Impuls für zeitgemäßes Personalmanagement in mittelständischen Unternehmen zu geben. Insbesondere die wissenschaftliche Begleitung und Bewertung entsprechen meinen Vorstellungen von wettbewerblicher Qualitätsverbesserung. Mittlerweile habe ich feststellen müssen, dass mein Engagement von kritischen Beobachtern ganz anders empfunden wird. In den Mittelpunkt der Betrachtung rückte die Werbewirkung meiner Mentorenschaft, verbunden mit der Frage, ob meine journalistische Unabhängigkeit ein solches Engagement zulässt. Das wiegt schwerer als meine Überzeugung, in keiner Weise Beeinflussungen zu unterliegen oder meine Unabhängigkeit zu gefährden. Deshalb bin ich von der geplanten Mentorenschaft zurückgetreten.«
Offenbar war ich nicht der einzige, der ein Problem damit hatte, dass ein imageprägender ARD-Journalist mit branchenüblich abwegigen PR-Sprüchen für eine kommerzielle Veranstaltung wirbt.
Auf die Frage, ob Plasberg mit seinem Engagement gegen die Statuten des Senders verstoßen habe, teilte der WDR mit, die Vorschriften seien allein für fest angestellte Mitarbeiter gültig. Plasberg aber sei freier Mitarbeiter des Senders. Ob sein Engagement als fester Mitarbeiter legitim wäre, war zunächst nicht zu erfahren.
Offen ließ der Sender die Frage, ob Plasbergs Engagement dem WDR und der ARD insgesamt gut zu Gesicht stünde. Der Sender teilte dazu mit, das Engagement »inhaltlich nicht bewerten« zu wollen. Die Sprecherin betonte: »Wir sehen keinen Fall darin. Die Zusammenarbeit mit Frank Plasberg beruht auf Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung.«
Das eigentlich Erstaunliche an der ganzen Sache finde ich allerdings, dass ein erfahrener Mann wie Plasberg nicht geahnt haben will, dass sein Engagement kritische Nachfragen hervorrufen würde.
Man ahnt ja nicht, was die Leute so antreibt. Der ARD-Moderator Frank Plasberg zum Beispiel sagt, ein »entscheidender Teil seines beruflichen Antriebs« sei: »offener Wettbewerb und das sich Messenlassen an Konkurrenz«.
Frank Plasberg wird neuer »Top Job«-Mentor und präsentiert die besten Arbeitgeber des deutschen Mittelstands.
Nun ist »Mentor« eine merkwürdige Wortwahl. Plasberg wird allem Anschein nach vor allem seinen bekannten Namen und sein Gesicht zu Werbezwecken zur Verfügung stellen. Die Unternehmen, die es auf die Liste der »100 besten Arbeitgeber« schaffen, dürfen mit Plasberg für sich werben. Eigentlich nennt man das »Testimonial«. Aber bei Compamedia mag man das Wort »Mentor«. Die Agentur nennt sich selbst »Mentor der besten Mittelständler«.
Seit zehn Jahren veranstaltet sie einen Wettbewerb, bei dem die Belegschaft und die Personalabteilungen von Unternehmen befragt werden, um die attraktivsten Arbeitgeber zu küren. Vor Frank Plasberg war der ehemalige Arbeitsminister Wolfgang Clement »Mentor«, was unter anderem so aussah:
Clements Engagement fiel nicht nur positiv auf. Der »Focus« berichtete vor fünf Jahren, dass der »Mentor« die Bundestagsabgeordneten in einem Rundbrief aufgefordert hatte, ihm Kandidaten für den Wettbewerb aus ihrem Wahlkreis zu nennen. Das kam nicht bei jedem Volksvertreter gut an, insbesondere weil Clement wohl verschwieg, dass die Teilnahme Geld kostet: mehrere Tausend Euro, je nach Unternehmensgröße.
Das ist ohnehin ein wichtiges Detail. In gewisser Weise erkaufen sich die Unternehmen einen Platz auf der Liste. Eine Teilnahme garantiert zwar kein Prädikat. Aber nur wer zahlt, kann überhaupt ausgezeichnet werden. Ergebnis ist keine Liste der besten Unternehmen, sondern bestenfalls eine Liste der besten Unternehmen, die für die Teilnahme zahlen. Diese Information, die eine allgemeine Aussagekraft des Rankings eher zweifelhaft macht, fällt in der Kommunikation gerne unter den Tisch.
Die Pressemitteilung der vergangenen Woche zitiert Plasberg:
»Bei ›Top Job‹ versammeln sich die besten Arbeitgeber des deutschen Mittelstands«, sagt Plasberg, dem der wissenschaftlich-seriöse Hintergrund des bundesweiten Unternehmensvergleichs ganz besonders wichtig ist: »Die St. Galler Wissenschaftler, die hinter dem Projekt stehen, sind auf dem aktuellen Stand der Forschung und prüfen das Personalmanagement der Bewerber auf Herz und Nieren — aber stets fair. Das gefällt mir, und deshalb habe ich eine besondere Freude daran, diese Besten unter Deutschlands Arbeitgebern zu fördern und bekannt zu machen.«
Ich habe Plasberg daraufhin (per Mail) gefragt, ob er wirklich den »aktuellen Stand der Forschung« im Personalmanagement kennt, und wenn ja: woher. Seine Antwort:
Ich habe mich über die Art der Untersuchung informiert. Die wissenschaftliche Leiterin, Prof. Heike Bruch, ist Direktorin des Instituts für Führung und Personalmanagement und Ordinaria an der Universität St. Gallen. Dass sie als Professorin einer weltweit anerkannten Elite-Universität auf dem aktuellen Stand der Forschung arbeitet, versteht sich von selbst. Nur nebenbei: Im vergangenen Sommer war Frau Prof. Bruch beim hochkarätig besetzten Zukunftsgipfel der Bundeskanzlerin in Meseberg eingeladen und hat über das Thema Personalentwicklung referiert.
Nun gut, wenn es sich von selbst versteht, bräuchte man vielleicht nicht noch Herrn Plasberg, um den Fachleuten Kompetenz zu attestieren.
Auf die Frage, ob er es nicht zweifelhaft findet, in dieser Form Werbung zu machen, antwortet Plasberg:
Für mich ist entscheidend: Da lassen sich Unternehmen in die Karten gucken, akzeptieren, dass alle Mitarbeiter befragt werden, um am Ende zu erfahren, ob ihr Personalmanagement dem bestmöglichen Stand entspricht. Das hat erstmal meine Sympathie. (…)
Wenn ich werbe, dann für das Prinzip des Wettbewerbs und eines transparenten Umgangs beim Personalmanagement. Und wenn die wirklich guten, aber oft noch unbekannten mittelständischen Unternehmen so eine Bühne bekommen, um beim Ringen um die begehrten Fachkräfte erfolgreich zu sein, ist das für mich eine gute Sache.
Ich werde von sehr vielen Institutionen um Unterstützung gebeten. Und ich schaue mir das sehr genau an. Für die eine oder andere Idee engagiere ich mich. Mal ohne, mal mit Honorar. Und nicht selten profitiert der eine Bereich vom anderen. Ich finde, das liegt im Rahmen dessen, was eine öffentliche Figur wie ich tun darf, vielleicht sogar sollte.
Hat er sich das Werbeengagement vom WDR oder der ARD genehmigen lassen?
Nein, ich habe mir das Engagement für Top-Job nicht genehmigen lassen, u.a. deswegen, weil es dafür weder eine formale noch inhaltliche Notwendigkeit gibt.
Na dann.
Vielleicht sehe ich das alles zu eng. Vielleicht wirbt Plasberg für eine Sache, die zwar durch und durch kommerziell ist, aber irgendwie dem Gemeinwohl dient.
Mir geht es auch weniger um »Top Job« und die Gestaltung dieser Arbeitgeber-PR-Veranstaltung. Ich habe nur den Wunsch, von einem Journalisten, der an hervorgehobener Stelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet, kein Werbegequatsche lesen zu müssen wie: »Bei ›Top Job‹ versammeln sich die besten Arbeitgeber des deutschen Mittelstands.«
Osnabrück. Seit über 100 Tagen setzt der Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Osnabrück auf aktuellste Speichertechnik im Linienbetrieb.
Seit über 100 Tagen setzt der Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Osnabrück auf aktuellste Speichertechnik im Linienbetrieb.
Der mit Lithium-Polymer-Batterien ausgestattete Midibus erfreut mit seinem Design und seinem emissionsarmen Betrieb Fahrgäste und Fahrer gleichermaßen.
Der mit Lithium-Polymer-Batterien ausgestattete Midibus erfreut mit seinem Design und seinem emissionsarmen Betrieb Fahrgäste und Fahrer gleichermaßen.
Zugegeben: Der Start war etwas holprig. Drei Tage sorgte ein defektes Steuergerät dafür, dass der neue Elektro-Bus der Stadtwerke Osnabrück nicht unterwegs sein konnte. Doch seitdem lautet das Fazit: Er läuft und läuft und läuft. Das Resümee nach 100 Tagen Betrieb ist durchweg positiv. „Über 5000 Kilometer liegen hinter uns. Auf 100 Kilometern verbraucht das Fahrzeug 62 Kilowattstunden“, fasst Burkhard Kötter, Leiter Verkehrstechnik bei den Stadtwerken, zusammen. Damit liegen die Betriebskosten für das innovative Fahrzeug unter denen eines vergleichbaren Busses. Und der Bus bietet dabei allen Komfort, den Osnabrücker von ihren Linienbussen gewohnt sind: Klimaanlage, Fahrgastfernsehen, Niederflureinstieg und eine Mehrzweckfläche für Kinderwagen und Rollstuhl.
Zugegeben: Der Start war etwas holprig. Drei Tage sorgte ein defektes Steuergerät dafür, dass der neue ElektroBus der Stadtwerke Osnabrück nicht unterwegs sein konnte. Doch seitdem lautet das Fazit: er läuft und läuft und läuft. Das Resümee nach 100 Tagen Betrieb ist durchweg positiv. „Über 5.000 Kilometer liegen hinter uns. Auf 100 Kilometern verbraucht das Fahrzeug von BredaMenarinibus 62 Kilowattstunden“, fasst Burkhard Kötter, Leiter Verkehrstechnik bei den Stadtwerken, zusammen. Damit liegen die Betriebskosten für das innovative Fahrzeug unter denen eines vergleichbaren Busses. Und der Bus bietet dabei allen Komfort, den Osnabrücker von ihren Linienbussen gewohnt sind: Klimaanlage, Fahrgastfernsehen, Niederflureinstieg und eine Mehrzweckfläche für Kinderwagen und Rollstuhl.
Der zuverlässige Midibus bewegt sich völlig geräuschlos auf der neuen Linie zwischen Neumarkt und dem Klinikgelände des Marienhospitals und des Christlichen Kinderkrankenhauses.
Fahrer und Fahrgäste sind gleichermaßen begeistert vom zuverlässigen Midibus, der sich völlig geräuschlos auf einer neuen Linie zwischen dem Verkehrsknotenpunkt Neumarkt und dem Klinikgelände des Marienhospitals und des Christlichen Kinderkrankenhaus bewegt. (…)
Jörg Mandt hat sich etwas einfallen lassen, um für seine Zeitschrift »Das Neue« ein bisschen Aufmerksamkeit zu generieren, die die dringend gebrauchen kann.
Er hat etwas Lustiges gemacht: Am vergangenen Samstag kam eine Sonderausgabe heraus, die die Bibel im Stil einer Klatschillustrierten nacherzählt — schließlich sei das Buch auch »der erfolgreichste Yellow der Welt«.
Und er hat etwas Lustiges gesagt: »Wir recherchieren so gut wie der ›Spiegel‹. Bei uns finden Sie keine einzige erfundene Geschichte.«
Allerdings war da zum Beispiel im Heft der vergangenen Woche dieses dramatische Stück:
Ein »trauriges Geständnis« habe die dänische Kronprinzessin abgelegt:
Es ist selten, dass eine Prinzessin unverblümt über Gefühle spricht. Mary von Dänemark (39) tat jetzt genau das. Kurz bevor sie in ihre Heimat flog, öffnete sie als Rednerin auf einer Konferenz ihr Herz: »Einsamkeit tut weh. Es gibt einen Stich ins Herz, wenn man abgewiesen wird oder erleben muss, außerhalb der Gemeinschaft zu stehen. Wir haben das Bedürfnis nach einem Freund, der auf uns aufpasst.«
Ja, Mary scheint sich nach alldem zu sehnen.
Und dann zählt »Das Neue« auf, wie einsam die Welt von Mary ist, und mir fehlt jede Fachkenntnis, um beurteilen zu können, was davon erfunden ist. Nur ein klitzekleines Detail haben Mandts Wahrheitsprofis weggelassen: Die Konferenz, auf der Mary »ihr Herz öffnete« und Worte sprach, die »wie ein verzweifelter Hilferuf an die Welt klingen«, war eine zum Thema Einsamkeit.
Ihre eigene Stiftung hatte sie organisiert. Die Mary Foundation will helfen, das Tabu Einsamkeit brechen, und wies zum Beispiel darauf hin, wie viele Schüler und Studenten sich einsam fühlen. Marys Worte waren ein Hilferuf ganz anderer Art, als »Das Neue« suggeriert. Die Prinzessin berichtet zwar tatsächlich auch von der Erfahrung eigener Einsamkeit — aber bezogen auf den Tod ihrer Mutter vor 14 Jahren.
Natürlich ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass »Das Neue« trotzdem gelegentlich so gut recherchiert wie der »Spiegel«, und dass zum Beispiel all die aufregenden Fakten stimmen, die hinter der großen Titelgeschichte »Wie tragisch! MICHELLE HUNZIKER — Verliert sie jetzt ihre Tochter?« stecken: Dass also Aurora, Hunzikers 14-jährige Tochter, der Fernsehmoderatorin »seit Monaten auf der Nase herumtanzt«. Dass »immer wieder dicke Luft herrscht«. Dass die Moderatorin »ihre Tochter beim Rauchen erwischte« und sich sorgt, »weil Aurora oft stundenlang im Internet chattet«. Und dass Michelle »bei gewissen Sache keinen Spaß versteht« und nun »wie Millionen andere Frauen die große Erziehungskrise erlebt«.
»Das Neue« hat sogar ein Paparazzifoto gefunden, das Aurora beim Rauchen zeigt, und veröffentlicht ihr vorläufiges Rechercheergebnis: »Michelle war sicher sauer.«
Es ist natürlich alberner Quatsch, was Chefredakteur Mandt über sein Knallblatt gesagt hat. Noch alberner ist es womöglich nur, ihm ernsthaft nachzuweisen, dass es alberner Quatsch ist. Und deshalb machen wir uns wenigstens einen Spaß daraus und spielen das beliebteTitelseiten-Bingo. Die Frage bezieht sich diesmal auf die Titelseiten-Ankündigung zu Uschi Glas: »Hoffen und Bangen — Todesdrama!« und lautet schlicht: Was ist passiert?
(Tipp und Beruhigung für Laien: Uschi Glas lebt. Sie lag und liegt auch nicht im Sterben.)
Das Blöde am Livebloggen ist ja, dass man sich weder die Sendung vernünftig ansehen, noch ausgeruht darüber nachdenken kann. Aber mit dem Abstand von immerhin einer Stunde halte ich einen Gedanken für festhaltenswert:
Die letzte Gottschalk-Ausgabe von »Wetten dass?« war bezeichnend für das Problem, das die Sendung seit längerem hat: Es ist nichts in ihr passiert.
Günther Jauch war zu Gast. Gottschalk und Jauch sind befreundet, können wunderbar miteinander frotzeln. Aber sie haben nichts miteinander gemacht. Jauch war nach wenigen Minuten abgemeldet, saß als Dekoration auf dem Sofa herum. Als Abschiedsgeschenk für Gottschalk hat er ein paar Ausschnitte mit Sendungshighlights mitgebracht — nichts was die Zuschauer und Gottschalk nicht schon Dutzende Male gesehen haben. Er hat sich nichts einfallen lassen, nichts riskiert.
Die ganze Sendung hindurch hat Gottschalk als Running Gag versucht, Jauch dazu zu bringen, eine seiner nächsten Shows in einem alten Anzug von sich zu moderieren. Und die Show endet, ohne dass Jauch ihn wenigstens probeweise mal anzieht?
Zwischendurch hielt Jauch die unglaublich großen Hosen von Dirk Nowitzki in die Höhe und stellte sich vor, wie Gottschalk darin wohl aussähe. Und die Show endet, ohne dass der Moderator das mal vorführt?
Kann sich jemand erinnern, was Iris Berben in der Sendung gesagt oder gemacht hat? Sie war da und trug eine fleischfarbene Bluse mit sehr unglücklich drapiertem Discokugel-Lametta, aber sonst? Iris Berben ist eine der beliebtesten und etabliertesten Schauspielerinnen Deutschlands. Sie bringt Gravität mit und ist gleichzeitig eine begnadete Komikerin — und ihr oder der Redaktion ist exakt nichts eingefallen, was man aus diesem Potential machen könnte, außer ihr ein paar Handschellen für Gottschalk mitzugeben?
Thomas Gottschalk ist ein Moderator, der am besten ist, wenn unvorhergesehene Dinge passieren — und die Verantwortlichen lassen seine letzte Sendung zu Ende gehen, ohne dass irgendetwas für ihn Unvorhergesehenes passiert? Ein Gast, mit dem er nicht gerechnet hat, eine Aktion, auf die er nicht vorbereitet war, irgendetwas anderes als alte Sendungs-Ausschnitte, irgendetwas? Irgendetwas?
Wenn dies tatsächlich das Ende einer Ära war und der Abschied Gottschalks tatsächlich die Nation bewegte, wofür viel spricht — hätte sich dann nicht irgendjemand irgendetwas einfallen lassen müssen? Vielleicht mit Politikern im Bundestag, die man vor die Kamera bekommen hätte, vielleicht mit den Fernsehgrößen dieses Landes, die jeweils in den Kulissen ihrer eigenen Sendungen eine Aktion, eine Parodie, einen Gruß gemacht hätten, möglichst jedenfalls: etwas Besonderes, etwas zuvor Ungesehenes, etwas Überraschendes, für Gottschalk, für die Zuschauer?
In der vorletzten Sendung von »Wetten dass« gab es immerhin ein paar Momente, in denen etwas passierte: David Garrett brachte das Publikum zum Staunen, als er Geigen und Geigenspieler am Klang erkannte. Die Gäste brachten Gottschalk ein Ständchen. Und ich glaube, dass tatsächlich viele Millionen Menschen gleichzeitig den Atem angehalten haben, als es schien, als ob der junge Mann, der mit verbundenen Augen unter Wasser einen Zauberwürfel zurückdrehte, gar nicht mehr auftauchen würde, egal wie lange es dauern würde.
Es braucht gar nicht viel, um etwas passieren zu lassen. Bei einer Show mit den Möglichkeiten von »Wetten dass« bräuchte es eigentlich nur eines: den Willen dazu.
Stefan Raab hat ihn gelegentlich, wenn nicht wieder Fließband-Wochen bei »TV Total« sind. Als neulich Justin Bieber zu Gast war, hat er sich mit ihm ein Schlagzeug-Duell geliefert. Das war, kann man natürlich sagen, nichts Weltbewegendes. Aber es bot genau das, was gute, im besten Sinne harmlose Unterhaltung leisten kann: Vergnügen. Und Gesprächsstoff. Und man bekam sogar eine Seite von Justin Bieber zu sehen, die man noch nicht kannte; er wirkte fast befreit von der Last, immer nur in denselben Standardsituationen sich selbst zu spielen.
Als Raab vor drei Jahren bei »Wetten dass« war, dachte er sich selbstverständlich auch etwas aus. Erst parodierte er, in Absprache mit dem Synchrondolmetscher, die klassische Internationaler-Gast-mit-Knopf-im-Ohr-Situation. Und dann huldigte er Udo Jürgens, indem er sein »Aber bitte mit Sahne« am Flügel zum besten gab, stilecht mit eigens mitgebrachtem Bademantel.
Auch Anke Engelke und Bastian Pastewka haben einige Momente geschaffen, in denen etwas passierte, als sie als »Wolfgang & Anneliese« bei »Wetten dass?« auftraten und Gottschalk aus seiner Routine zwangen.
Das war einmal üblich: dass Prominente, die zu »Wetten dass« gehen, sich etwas Besonderes ausdenken. Und diese Funktion hatten auch die Wetteinlösungen für Gäste, die sich vertippt hatten: Menschen, die wir aus dem Fernsehen in einer bestimmten Rolle kennen, dazu zu bringen, aus ihr heraus zu fallen. Unerreichbare Menschen angreifbar zu machen.
Alles vorbei. Vorletzte Sendung sollte Otto Waalkes als Wetteinlösung aus einem Eisblock einen Schlüssel herausschmelzen, was nach wenigen Minuten von allen Beteiligten gnädig vergessen wurde.
»Wetten dass« ist eine Sendung geworden, die nichts mehr riskierte, und damit meine ich nicht lebensgefährliche Wetten. Es ist eine Sendung geworden, der es völlig genügte, dass Iris Berben auf dem Sofa sitzt, ohne sich Gedanken zu machen, was sie dort tut oder was man dort mit ihr tun könnte.
Manfred Teubner, der für sie verantwortliche Unterhaltungschef des ZDF, hört im nächsten Jahr auf, aber vermutlich ist er in Wahrheit schon lange im Ruhestand.
Thomas Gottschalk, der populärste Moderator des deutschen Fernsehens beendet eine von zehn Millionen Menschen gesehene Traditions-Show, die er und die ihn geprägt hat, und alles, was der Produktion einfällt zu seinem Abschied sind ein paar alte Ausschnitte und am Ende Laserstrahlen und die Worte »Danke Thomas« als Leuchtschrift.