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In der SZ nichts Neues

Betreff: Fragen zu Ihrem SZ-Artikel

Sehr geehrter Herr Boie,

es ermüdet mich ein wenig, die immer gleichen Zeitungstexte über die angeblich fehlende Relevanz von Blogs in Deutschland zu lesen. Ich weiß nicht, ob Zeitungen sich ihrer eigenen Relevanz dadurch versichern können, dass sie immer wieder ausführlich über etwas berichten, das nach ihrer eigenen Aussage so irrelevant ist. Und ganz bestimmt hilft es der Relevanz von Blogs nicht, sich immer wieder mit irrelevanten Zeitungsartikeln über Blogs zu beschäftigen.

Und doch: Ich kann es nicht lassen. Denn ich verstehe es nicht. Ich verstehe grundsätzlich nicht, warum viele Zeitungen sich Blogs einerseits mit einer solchen Hingabe widmen und ihnen andererseits nicht einmal ein Mindestmaß an Interesse entgegen bringen. Und ich verstehe konkret viele Aussagen in Ihrem Artikel nicht.

Sie kommen zu Ihrem ernüchternden Fazit über die deutsche Blog-Landschaft dadurch, dass Sie sie an extrem hohen Ansprüchen messen. Sie geben aber an keiner Stelle einen Hinweis darauf, wer diese Ansprüche aufstellt. Wer schon in der Überschrift »denkt«, deutsche Weblogs würden mehr bewegen. Und wessen »Erwartungen nicht erfüllt« werden.

Sie schreiben: »Vergrößerung [ist] das erklärte Ziel der deutschen Blog-Szene«. Wer hat dieses Ziel erklärt?

Sie schreiben: »Man will eine Alternative zu den etablierten Medien werden.« Wer will das?

Sie schreiben: »Großes Vorbild sind dabei die USA (…).« Wessen Vorbild?

Sie schreiben, man spreche bei dem »Teil der deutschen Bloggerszene, der überhaupt wahrgenommen wird«, »intern stolz von ›Blogosphäre‹«. Das passt natürlich gut zu dem Eindruck von dem Größenwahn und der Selbstüberschätzung, den Sie erwecken wollen. Ich glaube, dass weder die Worte »intern« und »stolz« noch die Behauptung überhaupt zutreffen.

Sie schreiben, Weblogs hätten großes Potential, denn: »Zahlreiche Nischen warten auf hochwertige Inhalte.« Sagen Sie mir ein paar dieser wartenden Nischen?

Sie nennen als gelungenes Beispiel für ein relevantes Blog »das Promi-Blog Viply«. Sie wissen sicher, dass es sich dabei um das Zweitverwertungs– und Eigenmarketing-Produkt einer Paparazzi-Agentur handelt, deren Fotos auch die etablierten Boulevardmedien füllen. Erklären Sie mir, worin die spezielle »gesellschaftliche Relevanz« dieses Angebotes besteht — und was die Mehrzahl der Blogger daraus lernen kann?

Sie schreiben: »Deutsche Leser wollen spezialisierte Angebote zu ihren Lieblingsthemen anstatt eines weiteren Versuches, klassische Zeitungen zu imitieren.« Woher wissen Sie das? Woraus schließen Sie das? Was sind die Lieblingsthemen der Deutschen? Und welche Blogs versuchen Ihrer Meinung nach, klassische Zeitungen zu imitieren?

Am Ende berufen Sie sich auf den Kommunikationswissenschaftler und Blogger Jan Schmidt und schreiben: »Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.« Was heißt das: Die Öffentlichkeit von Weblogs besteht nicht in ihrer gesellschaftlichen Relevanz? Ich vermute, Sie wollen einfach sagen: Blogs sind da, aber unwichtig, aber das würde womöglich nicht relevant genug klingen für die »Süddeutsche Zeitung«.

Gleich zweimal hat sie Ihren Artikel online gestellt, mit unterschiedlicher Aufmachung und Überschrift. In beiden Fällen hat sie es nicht geschafft, auch nur ein einziges Blog zu verlinken. Dafür hat sueddeutsche.de eine zehnteilige Bildergalerie mit Screenshots (aber auch ohne Links) der »Top Ten« der »Deutschen Blogcharts« dazu gestellt. Erklärt wird das Zustandekommen dieser Hitparade von sueddeutsche.de so:

Analog zu den deutschen Musikscharts [sic!] gibt es auch die deutschen Blogcharts. Statt Media Control liefert die Echtzeit-Internet-Suchmaschinen [sic!] Technorati die Platzierungen über die populärsten Blogs des deutschsprachigen Raumes. Neben Auswertungen von Zugriffen auf Blogs ist die Zahl der Verlinkungen (Erwähnungen) eines Blogs innerhalb der Blogosphäre die wichtigste Messgröße.

Nein, die einzige. Die Zugriffszahlen spielen bei den Platzierungen in den Deutschen Blogcharts keine Rolle.

Vermutlich können Sie, Herr Boie, nichts für die Online-Präsentation Ihres Artikels. Aber würden Sie mir Recht geben, dass Kompetenz eine Voraussetzung für Relevanz ist?

Entschuldigen Sie die Polemik, aber es fällt mir schwer, nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der »Süddeutschen Zeitung« und der Realität ihrer Berichterstattung im und über das Internet. Ich würde mich freuen, wenn Sie trotzdem einige meiner Fragen beantworten würden.

Mit freundlichen Grüßen
etc.

(Herr Boie hat mir geschrieben, dass er gerade unterwegs ist und es mit einer Antwort deshalb ein paar Tage dauern kann.)

 
— 13. August 2007, 9:02 — 119 Kommentare

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Gagagalerien

Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton hatte am Samstag einen schweren Unfall auf dem Nürburgring.

Diese Nachricht kann man den Lesern natürlich in verschiedenen Formen übermitteln. Die Kollegen von n-tv.de entschieden sich für die Form einer 32-teiligen Bildergalerie.

Das las sich dann unter anderem so:

Das funktioniert ganz gut, um es kleinen Kindern abends vorm Zubettgehen vorzulesen, die dann immer mit der Maus auf den rechten Pfeil klicken dürfen und zeigen müssen, was die Mama vorliest (Ja, daaa ist der Hamilton! Und wo ist das Podest? Sehr schön. Und siehst du den Krankenwagen? Zeig der Mama den Krankenwagen…)

Eine andere mögliche Erklärung wäre natürlich, dass es zu der kurzen Meldung einfach so viele tolle Fotos gibt, die n-tv.de seinen Lesern nicht vorenthalten wollte, dass der Text deshalb ein bisschen gestreckt wurde. Diese Erklärung wirkt aber, sagen wir, unwahrscheinlich, wenn man anfängt, einige der vielen Fotos aus der Bilderstrecke übersichtlich anzuordnen:

n-tv.de hat immer wieder dieselben oder fast identischen Fotos in die Bildstrecke gepackt, nur unterschiedlich stark vergrößert. Das funktioniert ganz gut, um mit nicht ganz so kleinen Kindern abends vorm Zubettgehen Profi-»Memory« zu spielen. (Und wo hatten wir dasselbe Foto eben schon gesehen? Und war es beim letzten Mal näher dran oder weiter weg? Hey, super!)

Eine andere Erklärung wäre natürlich, dass es zu den paar Fotos einfach so viel tollen Text gab, den n-tv.de seinen Lesern nicht vorenthalten wollte, dass die Bilder deshalb ein bisschen gestreckt wurden. Äh, halt.

Jede Wette: Das ist die Zukunft des Onlinejournalismus.

[Mit Dank an Lukas!]

 
— 24. Juli 2007, 0:43 — 20 Kommentare

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Die Erosion des Qualitätsjournalismus

Die eindrucksvollen Abrufzahlen von großen Nachrichtenseiten im Netz sind eine Illusion. Sie suggerieren ein Interesse an Information, das in Wahrheit gar nicht besteht:

Die wenigsten Klicks der verlegerischen Sites gehen auf redaktionelle Inhalte zurück. Die meisten Portale und wohl auch Zeitungen generieren nicht einmal ein Fünftel ihrer Zugriffe aus originären redaktionellen Texten. Das Gros der Klicks ist dem Einsatz von Bildergalerien, dem Zugriff auf Wertpapierdepots, Partnerbörsen, Aktienkurs-Abfragen, Job-Datenbanken geschuldet, die allesamt in die Klickstatistik einfließen.

Die beiden Wirtschaftsjournalisten Steffen Range und Roland Schweins haben für die Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht, wie das Internet den Journalismus verändert, und ihre Ergebnisse sind ernüchternd bis beunruhigend — und ein Weckruf für die, die sich von den wohlklingenden Sonntagsreden der Verantwortlichen auf irgendwelchen Tagungen einlullen lassen.

Gemessen an den strengen Kriterien an Qualitäts-Journalismus, die Verleger und Chefredakteure selber aufgestellt haben,
versagen die meisten ihrer Nachrichten-Sites. Kennzeichen des tatsächlich vorherrschenden Nachrichten-Journalismus sind
Zweitverwertung, Agenturhörigkeit, Holzschnittartigkeit, Eindimensionalität und Einfallslosigkeit. Gegen das Trennungsgebot von Werbung und redaktioneller Berichterstattung wird systematisch verstoßen. (…)

Online-Ableger traditioneller Medien, die sich unter dem Druck der Quote der Verquickung von Spaß und Unterhaltung, dem Infotainment verschreiben, verhalten sich aus kurzfristigen ökonomischen Erwägungen wohl richtig. Sie können am Markt gar nicht anders bestehen. Im liberalen Modell von Öffentlichkeit folgen die Medien bei Auswahl und Präsentation ausschließlich den Präferenzen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger. Sie müssen jedoch dafür in Kauf nehmen, auf Dauer jene Merkmale zu verlieren, die sie von Bloggern und Unterhaltungsportalen unterscheiden: Sprachgewalt und Kompetenz bei der Einordnung von Themen, Glaubwürdigkeit und Relevanz der Information.

Womöglich muss erst noch schlimmer werden, bevor es besser wird:

Das ambivalente Beispiel »Spiegel Online« zeigt, dass selbst das unangefochtene Leitmedium zu Taschenspielertricks greifen muss, um gegen die unjournalistischen Unterhaltungsportale bestehen zu können. Kleinere journalistische Sites haben die Schlacht bereits verloren, weil ihnen mit der Reichweite bald auch die finanzielle Grundlage entzogen wird. Ansprüche und Grundsätze des klassischen Qualitäts-Journalismus werden in der Folge weiter erodieren. Dieser Prozess kann noch drei, fünf oder acht Jahre dauern. Dann spätestens werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites der Unterhaltungsportale und ihrer journalistischen Klone.

Sie werden sich neue Angebote suchen, um sich fernab des Mainstreams und Massengeschmacks zu informieren und auszutauschen. Sie werden diese Inhalte finden in den Blogs einiger Kolumnisten, in hochspezialisierte Branchen-Newslettern und auf kleinen, semi-kommerziellen Websites. Qualitativ hochwertige Berichterstattung wird also weiterhin ihr Publikum finden. Allerdings werden die Erlöse nicht reichen, um große Verlagsapparate zu finanzieren.

Passend zum Thema weist Thomas Mrazek auf eine aktuelle 100-teilige Bildergalerie über die »besten Biere der Welt« auf sueddeutsche.de hin. Und bei »Spiegel Online« hat man es sich heute zum »Welttag des Buches« nicht nehmen lassen, selbst dieses Thema mit einer Bildergalerie aufzumotzen. Wer sich durchklickt, schönt nicht nur die Monatsbilanz von »Spiegel Online«, sondern weiß hinterher auch, wie die Buchfreundinnen Großherzogin von Luxemburg, Prinzessin Firyal von Jordanien und Prinzessin Maha Chakri Srindhorn aussehen. Und er kann erklären, wieso der Teaser zu dem Artikel so illustriert ist:

Besser macht das die Entscheidung allerdings nicht.

Die Studie »Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet — wie das Web den Journalismus verändert« von Range und Schweins kann man bei der Friedrich-Ebert-Stiftung kostenlos als PDF herunterladen. Beide betreiben auch ein Blog zum Thema.

[via onlinejournalismus.de und mit Dank an Konstantin Lannert!]

 
— 23. April 2007, 22:48 — 32 Kommentare

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Bei RTL.de ist das Grauen jetzt blau

Seit gestern abend erstrahlt RTL.de in neuem Glanz und einheitlicher Farbe. Es gibt viel zu sehen.

Super-Symbolfotos…

…gewagtes Design…

…typographische Experimente…

…und lustige Farbverläufe…

…beherzter Einsatz von Legasthenikern…

…minimalistische Baustellen-Schilder…

…Sackgassen mit Fehlerseiten, auf denen nicht einmal steht, dass es sich um einen Fehler handelt…

…und Anzeigen, die man entweder daran erkennt, dass sie wie redaktionelle Artikel aussehen…

…oder natürlich daran, dass das Signalwort »Themen« darüber steht.

Selbst wenn RTL.de es irgendwann schaffen sollte, die unfassbare Zahl von Programmier-Fehlern zu korrigieren (Peer hat auch noch einen), bleiben die Seiten eine unfassbare Zumutung. Nach wie vor packt RTL.de Nachrichten in endlose Bildergalerien (wie diese) von unbestimmter (und nie angegebener) Größe, bei denen die Texte unter wahllos zusammengeklaubten und dazu eher nur zufällig passenden Fotos stehen.

RTL.de war und ist für jeden, der sich über das Programm oder gar etwas anderes informieren will, unbrauchbar. Die Seiten sind offenkundig optimiert für Leute, die auch auf virus.exe-Anhänge doppelklicken und auf Spam-Mails mit ihren Kontodaten antworten.

PS: Kann mir jemand das hier erklären?

 
— 24. Februar 2007, 16:48 — 36 Kommentare

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Wie RTL dsds-news.de groß macht

Für den Erfolg von dsds-news.de gibt es zwei Gründe: Den unglaublichen Erfolg der aktuellen Staffel von »Deutschland sucht den Superstar«. Und die unglaubliche Zumutung der dazugehörigen offiziellen Internetseite.

Wer gerade, eine gute Stunde nach dem Ende der letzten Top-20-Show, auf dsds.de (oder http://www.rtl.de/musik/superstar.php) herausfinden will, wer weitergekommen ist, erlebt Folgendes:

In einem Flash-Film kann man zwar die Auftritte der Kandidatinnen von heute Abend im Schnelldurchgang sehen, aber zu sehen ist weder das Ergebnis noch ein Hinweis darauf, dass es irgendwo auf der Seite stehen könnte. Wer auf »News« oder »Kandidaten« klickt, findet nur Tage alte Informationen. Der Trick ist — darauf muss man erst einmal kommen — auf »Shows« zu klicken. Dort findet sich dann tatsächlich dieser vielversprechende Teaser:

Und wer hier auf den Satz »Wer scheiterte und wer kam weiter?« klickt, ist tatsächlich nur noch 15 Klicks von der Antwort entfernt. Ja, 15 Klicks. rtl.de verrät die Ergebnisse jeder Show nicht in einer Meldung oder einer Tabelle oder ähnlichem. Sie stehen nur in den Bildtexten einer Bildergalerie, die in diesem Fall aus 15 Teilen besteht.

Und, ja, das macht sich bestimmt kurzfristig super in den Abrufzahlen von rtl.de. Aber jeder interessierte Fan wird rtl.de dafür hassen. Und, sobald er eine Alternative gefunden hat, meiden.

Die Alternative dsds-news.de sieht vielleicht nicht hübsch aus und ist sicher nicht besonders liebevoll gemacht, aber sie verrät mir jetzt auf einen Klick, was ich als DSDS-Fan wissen will: Wer ist raus? Und wer kommt in die Motto-Shows?

Tja. Wieviele der »DSDS«-Fans, die von rtl.de als Klickvieh missbraucht werden, sagen wohl (wenn sie das Ergebnis überhaupt auf der Seite gefunden haben) nach den knapp 20 Klicks liebevoll: »Mein RTL«?

 
— 18. Februar 2007, 0:16 — 33 Kommentare

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