Auf den ers­ten Blick ist es leicht, stern.de mit dem hoch­wer­ti­gen jour­na­lis­ti­schen Ange­bot zu ver­wech­seln, als das es sich aus­gibt. Auf der Start­seite ver­bin­den Fotos aktu­elle The­men zu gro­ßen Blö­cken; im Inne­ren spru­deln rund um die Uhr die Nach­rich­ten.

Der Ver­lag Gruner+Jahr nennt stern.de »eine Art ›Ant­wort­ma­schine‹ von Men­schen für Men­schen. Alle Nach­rich­ten wer­den auf ihre Bedeu­tung für den User fokus­siert und mit wei­ter­füh­ren­den mul­ti­me­dia­len Inhal­ten ver­linkt«. Der Wer­be­ver­mark­ter ems schreibt, stern.de richte sich »an alle, die aktu­elle The­men nicht nur wis­sen, son­dern deren Bedeu­tung für ihr Leben ver­ste­hen wol­len«. Chef­re­dak­teur Frank Thom­sen zählt seine Seite zur »Spit­zen­gruppe« der »News-Websites«.

Nun.

367 Arti­kel hat stern.de ges­tern ver­öf­fent­licht. Knapp 300 davon sind Agen­tur­mel­dun­gen, die voll­au­to­ma­tisch in den »Nach­rich­ten­ti­cker« von stern.de ein­flie­ßen. Es ver­blei­ben 76 Arti­kel (Über­sicht).

Davon sind:

  • 33 Text-Meldungen von Nachrichtenagenturen
  • 23 Videos der Nach­rich­ten­agen­tur Reuters
  • 4 Promotion-Artikel für »Stern-TV«
  • 3 Über­nah­men aus ande­ren Medien (RTL, »Finanz­test«, FTD)
  • 5 Bilder-Galerien

Es ver­blei­ben:

  • 8 Eigen­be­richte

Die mehr oder weni­ger eige­nen Berichte sind:

Davon müsste man jetzt, streng genom­men, noch den Arti­kel über die neuen Gepäck­re­geln bei der Luft­hansa abzie­hen, der vor allem aus der — teils wört­li­chen — Über­nahme einer Lufthansa-Pressemitteilung besteht.

Die eigene jour­na­lis­ti­sche Leis­tung von stern.de bestand ges­tern also im Wesent­li­chen aus einem Video­in­ter­view mit den Söh­nen Mann­heims, einem Stück über die Bun­des­wehr­re­form und einem Arti­kel über Kri­tik an Vogelruf-Apps.

Nun steckt natür­lich auch in den Agen­tur­mel­dun­gen, die stern.de nicht bloß in den Nach­rich­ten­ti­cker flie­ßen lässt, Arbeit. Die Redak­tion redi­giert oder kürzt sie, baut Links zu eige­nen Sei­ten und Quel­len ein und denkt sich gele­gent­lich ori­gi­nelle Über­schrif­ten aus. Die Mel­dung, dass sich Xavier Nai­doo kei­nen Stadt­plan auf sei­nen Rücken täto­wie­ren las­sen will, beti­telt sie: »Xavier Nai­doo: Ein Stadt­plan auf dem Rücken«.

Das war an einem zufäl­li­gen Tag (ges­tern) das Inter­net­an­ge­bot des »Stern«: Knapp sie­ben eigene Arti­kel und fünf Bil­der­ga­le­rien, ange­rei­chert mit Hun­der­ten von Agen­tu­ren ein­ge­kauf­ten Mel­dun­gen, die exakt oder annä­hernd wort­gleich über­all sonst stehen.

Das Online-Angebot des »Stern« hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von einem gro­ßen Teil sei­ner Mit­ar­bei­ter und unge­fähr jedem inhalt­li­chen Anspruch ver­ab­schie­det. Als nicht mehr genug Leute da waren, um damit die acht Tex­tres­sorts zu fül­len, löste man die Res­sorts auf. Unter den Namen »Pro­jekt Blau« wurde das zur stra­te­gi­schen Ent­schei­dung ver­brämt. Seit­dem gibt es nur noch die Res­sorts Nach­rich­ten und Wis­sen — sowie anschei­nend eine Stabs­stelle, die sich über­ra­schend For­mu­lie­run­gen über die Arbeits­weise der Redak­tion aus­denkt, die wei­test­mög­lich von der Rea­li­tät ent­fernt sind. So sagte Frank Thom­sen im ver­gan­ge­nen Jahr im Bra­an­chen­dienst »Mee­dia«:

Wir wol­len künf­tig muti­ger aus­wäh­len, ent­schie­de­ner im Umgang mit den News sein. Wir wer­den uns redak­tio­nell auf die Top­the­men kon­zen­trie­ren und dazu mehr und ver­tie­fende Inhalte anbie­ten. (…) Der Grund­ge­danke lau­tet: mehr in die Tiefe als in die Breite den­ken und lie­ber am Rand etwas weg­las­sen. Aus­tausch­bare Nach­rich­ten gibt es genug. (…) Wir set­zen auf die gro­ßen The­men, hier wol­len wir Fach­kom­pe­ten­zen bündeln.

Das wäre eigent­lich ein tref­fen­der Wer­be­slo­gan für stern.de: »Aus­tausch­bare Nach­rich­ten gibt es genug, und bei uns ste­hen sie alle!«

Dass auf stern.de prak­tisch keine wert­vol­len Inhalte ste­hen, ist kein Ver­se­hen, son­dern Absicht. Beim »Stern« ist man über­zeugt, dass das das Schlimmste wäre, das man tun könnte: Dinge mit Wert für den Nut­zer kos­ten­los abge­ben. Des­halb fin­den sich prak­tisch keine Inhalte aus der Zeit­schrift auf stern.de. Und des­halb las­sen sich die meis­ten »Stern«-Redakteure auch nicht dazu herab, für stern.de zu schreiben.

Erstaun­li­cher­weise nennt stern.de-Chefredakteur Frank Thom­sen sein Ange­bot den­noch ein »moder­nes jour­na­lis­ti­sches Ange­bot, das u.a. junge Ziel­grup­pen an die Marke stern bin­det und das Geld ver­die­nen soll«. Woher Men­schen, die Medien eher im Inter­net als auf Papier kon­su­mie­ren, ahnen sol­len, dass es sich beim »Stern« nicht um eine Illus­trierte han­delt, in der eine Agen­tur­mel­dung an die andere gereiht wird, bleibt bei die­sem Vor­ge­hen, das man nicht ein­mal euphe­mist­sich »Stra­te­gie« nen­nen möchte, natür­lich offen.

Das Online-Angebot des »Stern« ist die Ant­wort des Ver­lags Gruner+Jahr auf die Frage: Was machen wir im Inter­net, wenn wir nichts im Inter­net machen wol­len? Es ist der Ver­such, mit über­wie­gend ein­ge­kauf­tem Aller­welts­ma­te­rial durch geschickte Ver­pa­ckung ein eigen­stän­di­ges Medium zu simu­lie­ren. Rele­vanz ist dabei ver­zicht­bar, solange die Reich­weite stimmt.

Und tat­säch­lich stei­gen gerade die Besu­cher­zah­len von stern.de. Es ist der Rumpf­pro­duk­tion offen­bar gelun­gen, ihren auf­ge­motz­ten Agen­tur­ti­cker so zu prä­sen­tie­ren, dass er von Google und vie­len Lesern tat­säch­lich ver­se­hent­lich für ein eigen­stän­di­ges jour­na­lis­ti­sches Ange­bot gehal­ten wird. Man muss sie für die­sen Erfolg bemitleiden.

Nach­trag / Kor­rek­tur 18:35 Uhr. Ich hatte einen Arti­kel über­se­hen. Eine ganz exakte Zäh­lung ist aller­dings auch des­halb schwie­rig, weil stern.de das Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum teil­weise nach­träg­lich zu ändern scheint.