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Die schwierigen Stellen Mindestlohn und Elektroautos: Wählwerbung ohne Politik

10 Aug 13
10. August 2013

— Ein Beitrag von Jan Böhmermann* —

Ich bin bekanntermaßen kein engagierter Power-Blogger, nicht im entferntesten ein ernstzunehmender, spitzfedriger Sonntagszeitungs-Journalist, bin weder akribisch, noch pedantisch und mein polizistensohnmäßig stark ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein tobt sich für gewöhnlich lieber im Privaten aus. Kurz: Ich neige nicht zum Niggemeiern. Da sich der verbgewordene Powermeinungsmacher und Fernsehkritiker Stefan „Flauschi“ Niggemeier seit kurzem jedoch in einem sympathischen Anflug von, vermutlich, eitelkeitsbedingter Selbstkorrumpierung in meinem Metier, dem unseriösen Fernsehquatschfach (Klick: Küppis Tagesschaum, WDR) ausprobiert, sei mir der temporäre Seitenwechsel auch mal verziehen.

Ich möchte Dir, liebes Internet, mal eine kleine Person-des-öffentlichen-Lebens-Geschichte zur Kenntnis geben, Du kannst damit machen, was Du möchtest, ich brauche sie (die Geschichte) nicht mehr. Vielleicht ist sie ja bei Dir gut aufgehoben, liebes Internet. Hier kommt sie:

Als Digitalspartensuperpromi (z.B. „NEO MAGAZIN“ ab Ende Oktober auf ZDFneo) hat mich die staatliche, aber nach meiner bisherigen Einschätzung dennoch recht freundliche Bundeszentrale für politische Bildung (BZpB) gebeten, zur Bundestagswahl (nicht vergessen: am 22. September!) ein die politikverdrossene Teenie-Community zu den Wahlkabinen peitschendes, 30-sekündiges Werbesprüchlein zur Sendung in deutschen Radiostationen aufzunehmen.

Die Grundregeln: Lustig, motivierend, politische, wenn möglich clever, aber bitte keine parteipolitische Werbung und Geld gibt es natürlich nicht — ist ja für die gute Sache: die politische Meinungsbildung der jugendlichen Hörer und der Motivation notorischer Nicht-Wähler. Diese „Promis-rufen-zur-Wahl-auf“-Spots im Hörfunk gibt es schon seit einigen Bundestagswahlen, ich habe mich — niggi-niggi-niggi, can’t you see? — vermutlich in einem Anflug eitelkeitsbedingter Selbstkorrumpierung, dazu entschlossen, bei diesem kleinen Aktiönchen mal mitzumachen. Ist ja für die gute Sache. Folgenden Mini-Hörfunkspot habe ich aufgenommen und dem für die Wahlwerbeinitiative zuständigen „Projektbüro W-On-Air“ der BZpB zugeschickt:

Ein leicht bekömmliches, lau witziges und im Abschluss nicht ganz so unoriginelles Minisprüchlein, geeignet zur Politisierung von Millionen Nichtwählern, die Wahlkabinen werden schon um 17 Uhr dichtmachen müssen am 22. September, freute ich mich: Alle Urnen voll, nix geht mehr rein. Meinem Wahlmotivationsspot sei Dank! Als auf totale Unparteilichkeit vereidigter Bezieher öffentlich-rechtlicher Gebührengelder habe ich natürlich sicherheitshalber weder CDU, noch SPD, FDP, LINKE, GRÜNE, NPD, AfD, PIRATENPARTEI, FREIE WÄHLER oder GRAUE PANTHER gesagt. Ich habe einfach nur mal halbherzig pointiert auf 30 Sekunden zusammengefasst, was bei mir als aktivem, familienorientierten Mittdreißiger so auf der persönlichen Politagenda steht und mich ins Wahllokal treibt. Am 22. September 2013, dem Tag der Bundestagswahl. Ich bin von keiner Partei vereinnahmt, betrachte mich als Westeuropas wildesten Wechselwähler und hielt darum, mein Werbesprüchlein für voll promimäßig BZpB-konform und parteipolitisch neutral bis an die Grenze zur Selbstverleugnung. So weit, so charity.

Doch nach einigen Tagen kam eine etwas überraschende Antwort von der BZpB auf meinen Werbespot, nämlich eine freundliche Ablehnung, mit der Bitte, meinen Spot in Bezug auf die „schwierigen Stellen Mindestlohn und Elektroautos“ zu entschärfen. Die nämlich seien nicht parteipolitisch neutral. Ein Vorschlag zur „Verallgemeinerung“ lag der E-Mail auch bei. Nämlich dieser hier:

„Es geht um den Verkehr — also den auf der Straße, um Ihr leckeres und gesundes Essen, um die gute Luft, die Sie zum Atmen brauchen, um die Steuern, die sie brav zahlen müssen … ja, darum geht’s. Also eigentlich um ALLES!!!“

Dass ich als „subversiver Moderator“ (Markus Lanz über Jan Böhmermann) mit meinem Charity-Spot mal ausloten wollte, wie die BZpB die Grenzen von „parteipolitischer Neutralität“ definiert, wäre eine üble Unterstellung. Aber welche Partei ich jetzt mit meinem Werbespot unterstütze, weiß ich wirklich nicht. CSU, CDU und FDP wegen meiner BMW-i3-freundlichen Unterstützung von Serienelektroautos? Grüne, Linkspartei und SPD wegen des Mindestlohnes? Oder keine der im Bundestag vertretenen Parteien wegen der geforderten aber von niemandem betriebenen, ernsthaften und durch Kompetenz fundierten Ablehnung und Bekämpfung von totaler Internetüberwachung durch ausländische Geheimdienste? Beziehungsweise alle Parteien, weil es unsere öffentlichen Kindergärten wirklich nötig haben?

Ich bin verwirrt. Auch, weil ich niemals gedacht hätte, dass wir Promis (sogar wir Promis aus der Digitalsparte!!), ginge es nach der BZpB, nicht mehr leisten müssten, um das lethargische, politikverdrossene Wahlvolk an die Urnen zu bekommen, als allgemeinen Nonsens à la „Es geht um den Verkehr — auf der Straße“ ins Mikro zu tröten. Parteipolitisch neutral? Wohl eher: unpolitisch.

Und damit genauso geeignet zur Wahlmotivation wie der Twitter-Account von Peer Steinbrück, das Gesicht von Christian Ströbele, die Frisur von Hannelore Kraft, Angela Merkel im Allgemeinen und Ronald Pofalla im Speziellen, ein witzig gemeinter Wahlsong der CDU, Rainer Brüderle, Reiswaffeln und Kölner Grüngürtelkaninchen.

Ich habe mich letztlich dagegen entschieden, einen neuen Wahlmotivationsspot einsenden, allein aus Angst davor, einen weiteren Verallgemeinerungsvorschlag der Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten. Mein kurzzeitig aufgeflammtes, öffentliches Gutmenschenengagement hat sich auch wieder gelegt. Für jugendaffine Hörfunkmotivationsspots „für die gute Sache“ oder ähnlichem also bitte demnächst dann wieder Ross Anthony, Hundecoach Martin Rütter oder das Taff-Team anfragen. Oder mir ganz, ganz viel Geld bezahlen, als Schmerzensgeld, für jeden Verallgemeinerungsvorschlag. Und auch nur, wenn mir die Bundeszentrale für politische Bildung vorher in einem mehrseitigen, handschriftlichen Besinnungsaufsatz darlegt, warum ihrer Meinung nach so wenige Bürger zur Wahl gehen und was wohl der Grund für deren angenommene Politikverdrossenheit sein könnte.

Bis in vier Jahren dann, Dein

Jan Niggemann

*) ursprünglich auf seiner Facebook-Seite erschienen; hier mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht, auch aus Gründen selbstkorrumpierender Eitelkeit. Foto: RBB.