Blog

Anzeige

Re:Publica

Forever Wrong

Gibt es eigentlich Untersuchungen darüber, ob Falschmeldungen eine längere Lebenserwartung haben als richtige? Dafür spräche nicht irgendeine komplizierte Variante von Murphy’s Law, sondern auch die Tatsache, dass manche Fehler nicht nur zufällig gemacht und weitergetragen werden, sondern auch deshalb, weil sie bestimmte Vorurteile viel besser zu bestätigen scheinen als die Wahrheit.

So würde ich mir zum Beispiel (die Älteren außer Hobbyschaffner Siegfried Weischenberg werden sich erinnern) die außerordentliche Langlebigkeit der Mär erklären, dass man es mit 450 Lesern im Monat unter die 100 meistgelesenen deutschen Blogs schaffe.

Das träfe auch bei der irrigen Annahme zu, dass die Zahl der Fremdwörter im Deutschen so rasant zugenommen habe, dass heute 23 der 100 am häufigsten verwendeten Begriffe englisch seien — im Vergleich zu einem einzigen 1985. In Wahrheit betrifft das nur die am häufigsten verwendeten Begriffe in der Werbung [pdf].

Die Karriere dieser Falschmeldung ist eindrucksvoll: Die „New York Times” berichtete korrekt über die deutsche Studie, der „Focus” schrieb sie dort falsch ab, der „Spiegel” übernahm den Fehler (und sah sich außer Stande, ihn zu berichtigen), die „Bild” übernahm den Fehler — und nun steht der Unsinn in „Geo Wissen”, weil Walter Krämer ihn in seinem Fremdworthass für plausibel hält und aus dem „Spiegel” zitiert.

Das ist besonders blöd, weil Krämer sonst womöglich ein guter Experte wäre, um meine Eingangsfrage zu beantworten. Er ist nämlich Autor der Lexika der populären Irrtümer.

[via Wortistik, natürlich]

— 29. November 2007, 0:34 — 20 Kommentare

· · ·



Kommentare:

  1. In „Einfluss durch Täuschung” berichtet Lydia Lange (S. 47): »Den Versuchsteilnehmern wurden Werbesprüche offeriert. Ihnen wurde gleich anschließend mitgeteilt, dass bestimmte Werbesprüche falsch seien. (…) Je häufiger man den alten Leuten (nicht den jungen) gesagt hatte, dass die Information über die Medikamente falsch seien, umso eher glaubten sie nach drei Tagen, dass diese zutreffend gewesen sei.«

    Kann also sein, dass man trotz allem die Falschmeldung im Kopf hat und sich nicht erinnert, dass es da noch einen Widerspruch gab.

    Patrick Pricken — 29. November 2007, 0:55  #
  2. Oh, und natürlich spielt es auch eine Rolle, wie intuitiv richtig eine Meldung erscheint. Passt sie ins Weltbild oder den Alltagsverstand, erscheint sie glaubwürdig, ob sie stimmt oder nicht, und Kritik daran wird direkt zweifelhafter eingeschätzt.

    Patrick Pricken — 29. November 2007, 0:57  #
  3. Entschuldige bitte die abwegige Frage, Stefan, aber wo bitte ist der Button, ehem, „Knopf”, um die Werbung wieder zu aktivieren? Dieser Artiekl und insbesondere die Queerverweise sind es wert.

    — Sascha — 29. November 2007, 2:45  #
  4. Immerhin gibt es noch solch ewige Wahrheiten wie „7 Pferdebisse können eine Hornisse töten” oder „Erfrierende mit Schnee einreiben” (Reibung erzeugt Wärme – logisch!), an die ich mich in dieser verlogenen Welt klammere…

    — schläfer — 29. November 2007, 3:08  #
  5. @3: Queer-Verweise? Und die Werbebanner lassen wir doch bitte da, wo sie sind – wo auch immer das ist, ich will’s gar nicht wissen. Ist doch erfreulich, daß Stefan offenbar eingesehen hat, daß die Mär von der Hosting-Kosten-Deckung inzwischen keine Sau mehr glaubt, und daß das Blog ein Stückchen Glaubwürdigkeit zurückgewonnen hat.

    Holger Thölking — 29. November 2007, 3:21  #
  6. @ Holger Thölking #5:

    …oder den Werbepartnern 450 Leser im Monat als einfach zu wenig erscheinen.

    — SvenR — 29. November 2007, 8:26  #
  7. @3 Werbung? Wo ist hier Werbung? Ach ja: „Oh guck mal hier”: http://adblockplus.org/de/

    Alberto Green — 29. November 2007, 9:07  #
  8. Wenn man keine Schokolade mag, ist es eben einfacher nur zu verbreiten, dass ein Drittel aller Kinder Kühe lila malen anstatt dazuzusetzen, dass die anderen eben rote oder grüne Kühe malen.

    Sebastian Sachse — 29. November 2007, 11:14  #
  9. Es gibt Versuche, bei denen einer Gruppe Meldungen von renommierten Zeitungen und Meldungen von äh na ja Zeitungen mit großen Bildern vorgelegt wurden.
    Kurz nach dem Versuch wurden die Probanden beider Gruppen nach dem Wahrheitsgrad befragt, den sie den Informationen zuschreiben. Gruppe 1 glaubte eher an die Echtheit der Informationen aus den renommierten Quellen. Bei Probanden der Gruppe 2 kamen mehr Zweifel über den Wahrheitsgehalt der Meldungen aus Zeitungen mit großen Bildern auf.

    Nach einigen Monaten wurden die Probanden erneut befragt und die Werte beider Gruppen glichen sich an.

    Daraus schlussfolgerte man, dass anfangs bei der Bewertung von Informationen die Quelle noch eine Rolle spielt. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger Einfluss hat die Art der Quelle darauf, ob ein Leser den Informationen glauben schenkt oder nicht.

    Ergo: Man sollte darauf achten, wo man liest. Liest man viel Müll, so bleibt der auch hängen.

    Ich glaube im Spiegel und in der Netzzeitung stand vor kurzem was darüber, dass dies ja ganz neue Erkenntnisse seien.
    Diese Erkenntnisse sind aber schon Jahrzehnte alt und werden auch so lange schon in der Psychologie gelehrt.

    C.J. — 29. November 2007, 11:56  #
  10. @C.J.: Sie meinen den berühmten Sleeper-Effekt.

    Stefan — 29. November 2007, 11:58  #
  11. @10/Stefan:
    Ah, ja, endlich hat das Kind einen Namen. Danke.
    Habe damals wohl nicht richtig aufgepasst in Psychologie.

    C.J. — 29. November 2007, 13:45  #
  12. an C.J.:

    Gruppe 1 traut eher den renommierten Quellen, hat also Zweifel bei den nicht renommierten.
    Gruppe 2 hat Zweifel an den nicht renommierten Quellen, traut also eher den renommierten.

    Daraus soll man etwas schlußfolgern können? Und diese Schlußfolgerung hat auch noch einen Namen?

    Ich halte das für eine Falschmeldung.

    — mokirikom — 29. November 2007, 14:07  #
  13. Ich stelle amüsiert fest, daß sich das Ei #9 erstaunlich lange hält. Jedenfalls hat die Lebenserwartung der kecken Behauptung, zwei sich völlig gleich verhaltende Gruppen könnten sich nach einiger Zeit noch gleicher verhalten, zumindest meine Erwartungen weit übertroffen.

    Aber ich sehe es kommen: Am Ende war das Absicht, und ich bin der einzige Trottel, der den tieferen Sinn, den Witz im Zusammenhang mit dem Thema des Beitrags, nicht sofort begriffen hat…

    — mokirikom — 29. November 2007, 23:14  #
  14. @ mokirikom
    Folge mal bitte dem Link den Stefan in #10 gestellt hat. Dann wird es vielleicht klarer.

    — Stefan (nein, nicht DER) — 30. November 2007, 13:30  #
  15. an nicht DEN Stefan und C.J.:

    Es ist noch viel schlimmer, als ich befürchtet habe. Ich bin ja SOOOOWAS von saublöd!

    Ich habe C.J.s Versuchsbeschreibung zigmal durchgelesen, und zigmal falsch. Ich habe nämlich jedesmal Glauben oder Zweifel auf die Quelle bezogen, nicht aber, wie es da ja groß und deutlich steht (ich Idiooooot!!!), auf die Meldungen. Da es also für mich nur darum ging, daß Gruppe 1 den renommierten Zeitung glaubte und Gruppe 2 den nicht renommierten nicht, verhielten sie sich ja völlig gleich. Es ging aber nicht um ihr Verhalten gegenüber den Quellen, sondern um dasjenige gegenüber den Mitteilungen. Und da waren beide Gruppen anfangs, wie völlig richtig beschrieben, unterschiedlicher Meinung, und dann macht der Versuch natürlich auch einen Sinn.

    Oweioweioweiowei! Kennt sich da jemand aus? Ist da noch was zu machen?

    Alle Falschmeldungen der Welt zu mir! Ich schreibe sie automatisch falsch ab und schicke sie richtig zurück!

    Ich gehe jetzt für ein paar Wochen in den Keller.

    — mokirikom — 30. November 2007, 14:14  #
  16. @15/mokirikom:
    Ich habe da auf die Schnelle in meinen losen Erinnerungen während meiner Ausbildung gekramt und das einfach so niedergeschrieben. Hätte ich mir mehr Zeit genommen, hätte ich das bestimmt klarer und verständlicher und vor allem kürzer formulieren können.

    Der Link auf Wiki von Stefan erklärt es wesentlich treffender.

    Tut mir leid für das Missverständnis.

    C.J. — 30. November 2007, 14:17  #
  17. an C.J.:

    Danke für die aufmunternde, fürsorgliche Krankensalbung! Ich vergaß, mich zu entschuldigen; das sei hiermit aufrichtig nachgeholt!

    — mokirikom — 30. November 2007, 14:37  #
  18. Das ist ja ganz unglaublich. Hier gibt es Einsichtige, die beim zweiten Blick ihren vorherigen Irrtum bemerken – und bedauern. Sensationellll !.
    Es grüßt herzlich – Polyphem
    (ein Ein-Sichtiger)

    — polyphem — 2. Dezember 2007, 16:49  #
  19. [...] Guertler von der taz und Stefan Niggemeier zeigen, wie daraus eine Falschmeldung entstanden ist und wie sie selbst von renommierten [...]

    Die deutsche Sprache stirbt: 23 der 100 am häufigsten gebrauchten Wörter sind bereits englisch - Das Literatur-Café - Der literarische Treffpunkt im Internet — 5. Dezember 2007, 0:29  #
  20. Psycholigisch betrachtet ist die Geschichte mit der Langlebigkeit von Irrtümern übrigens (aus ganz verschiedenen Gesichtspunkten) hoch interessant:

    So wurde beispielsweise in einem Experiment den Probanden eine völlig Abstruse Fähigkeit zugeschrieben. Und selbst nachdem das explizit von der Versuchsleitung als Blödsinn aufgeklärt wurde, neigten die Probanden dieser Experimentalgruppe dazu, sich diese Fähigkeit weiter zuzuschreiben. (eigentlich müsste ich jetzt die Quelle nennen, aber ich sitze ja nicht an der Diss).

    Außerdem scheint es psychologisch so zu sein, dass die Verneinung einer Tatsache als separater kognitiver Prozess abläuft. D.h. man verarbeitet und speichert erst den Fakt, und erst danach die Verneinung das Faktes. So kommt es zum Beispiel dazu, dass (vor allem bei Ablenkung) aus einer Schlagzeile wie: „Politiker XYZ hat kein Schmiergeld genommen.” gern mal nur der Zusammenhang „Politiker & Schmiergeld” übrig bleibt und das „kein” hinten runterfällt.

    Ja. Soviel dazu.
    … Amen vielleicht noch…

    — knorke — 5. Dezember 2007, 17:25  #

Eigenen Kommentar abgeben:

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre E-Mail-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder sonst weitergegeben. Mehr hierzu in den Datenschutzhinweisen.

blogoscoop