Journalisten sind Zicken

04 Nov 06
4. November 2006

Seit zwei Tagen dreht ja diese vermeintlich alarmierende ARD-Umfrage ihre Runden durch die Medienwelt, wonach erstmals eine Mehrheit der Deutschen unzufrieden sei mit dem Funktionieren der Demokratie. „Spiegel Online“ griff, wie viele andere, das Thema bebend vor Besorgnis auf, titelte: „Mehrheit der Deutschen zweifelt an der Demokratie“ und reichte seinen Lesern die dramatische Frage weiter: „Demokratie ein Auslaufmodell?“

Während die Medien sich in Rage interpretierten, meldete sich bei „Zeit online“ Gero von Randow zu Wort und wies darauf hin, dass in der Umfrage gar nicht danach gefragt wurde, wie zufrieden die Deutschen mit der Demokratie an sich seien, sondern damit, wie sie funktioniert:

Mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland dürfen, vielleicht sogar: sollten gerade die von dieser Regierungsform besonders Überzeugten sehr wohl unzufrieden sein.

Er schloss:

Kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Schlimm, dass Deutschland derzeit unzureichend regiert wird. Bedenklich auch, dass die Bevölkerung dazu tendiert, die Politik als Ganze negativ zu bewerten. Daraus kann Böses erwachsen.

Doch es könnte auch so kommen, dass, wer jetzt die Umfrage derart missdeutet wie ARD und Spiegel online, unwillentlich den Zweifel an der Demokratie gesellschaftsfähig macht.

Nun sind sie bei „Spiegel Online“ gegenüber Kritik nicht völlig taub. Und so erschien sieben Stunden nach Randows Kommentar ein Interview mit dem Demoskopen Dieter Roth, das exakt die Vorwürfe Randows aufnahm:

SPIEGEL ONLINE: Kann man [von der Umfrage] ableiten, dass die Deutschen die Demokratie nicht mehr wollen?

Roth: Das kann man nicht. (…)

SPIEGEL ONLINE: Wir können somit nicht von einer Demokratiemüdigkeit sprechen?

Roth: Nein (…)

Soweit so gut.

Aber die Kollegen von „Spiegel Online“ konnten das indirekte Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, anscheinend nicht machen, ohne dem Kritiker auch eins auszuwischen. Und so fragten sie Roth nebenbei noch nach der Sinnhaftigkeit von Umfragen überhaupt:

SPIEGEL ONLINE: Wie sinnvoll ist zum Beispiel eine Frage, die neulich im Magazin „Zeit Wissen“ veröffentlicht wurde. Danach wollen 58 Prozent der Deutschen intelligenter sein als sie sind. Dienen Umfragen auch als PR-Nummern, um eine Pressemitteilung abzuwerfen?

Roth: Es gibt sehr viel mehr schlechte Fragen als gute. Bei vielen veröffentlichten Umfragen kommt mir das große Grausen.

Und wer ist Herausgeber von „Zeit Wissen“? Gero von Randow.

5 Gedanken
  1. 1
    Lucomo says:

    So lange das gegenseitige „Bezicken“ der Aufklärung der Lesers dient, bin ich dafür.

  2. 2
    marcc says:

    „Journalisten sind Zicken“ – Stimmt doch gar nicht! ;-)

  3. 3
    Johannes says:

    Die gute alte Frage nach dem Sinn von Regierungsformen. Darauf fällt mir eigentlich nur immer ein: Demokratie funktioniert nicht! Genauso wenig wie jede andere Regierungsform. Am sinnigsten wäre mMn. der Kommunismus, funktioniert aber genauso wenig wie Demokratie … der Mensch ist und bleibt des Menschen Wolf, wie soll er ihn dann regieren?

    JoM

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Als Beweis wird kurz aufgezählt: der WM-Patriotismus, das NPD-Ergebnis 2006 in Mecklenburg-Vorpommern, das NPD-Ergebnis 2004 in Sachsen und die Umfrage, wonach angeblich “mehr als Hälfte der Deutschen nicht zufrieden sind mit der Demokratie in Deutschland”, ein Missverständnis, das seit einigen Monaten durch die Medien irrlichtert. […]

  2. […] Und dieses Beispiel zeigt, wie der Spiegel Belege (Umfrageergebnisse, Zitate, Statistiken) so zurechtbiegt, bis sie zur These passen. Insofern ist dieser Spiegel-Artikel typisch. Ungewöhnlich ist nur, dass diesmal das eigene Online-Magazin die Sache richtig stellt – aber auch das erst, nachdem sie zuvor den gleichen Fehler gemacht hatten und dafür in der ZEIT online von Gero von Randow kritisiert wurden. Aber das ist eine andere Geschichte – und die hat bereits Bildblogger Stefan Niggemeier lesenswert aufgeschrieben. […]

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