Sie wird uns ent­täu­schen. Auch Anke Engel­kes Late-Night-Show wird Deutsch­land nicht ret­ten. Aber viel­leicht ein paar Fernsehabende.

»Was dür­fen wir erwar­ten von der Show, Frau Engelke?«

»Ich werde Sie unterhalten.«

»Mehr nicht?«

»Ich finde das eine ganze Menge!«

Wie süß. Ja, nein, Frau Engelke, das reicht natür­lich nicht. Es ist ein biß­chen schwie­rig, in all den Ver­öf­fent­li­chun­gen vor dem Start von »Anke Late Night«, den Kom­men­ta­ren und Essays, War­nun­gen und Rat­schlä­gen den Über­blick zu behal­ten, aber eines erwar­ten sie alle: Bedeu­tung. »Sie soll so wit­zig sein wie Harald Schmidt und zugleich so bedeut­sam wer­den«, hat die Zeit­schrift »Cicero«, jener neue selbst­er­klärte Hort der eli­tä­ren Debatte, for­mu­liert. (Und natür­lich hin­zu­ge­fügt, daß ihr das nicht gelin­gen wird, denn für Schmidts Stra­te­gie sei sie weder gebil­det noch geist­reich genug.) Das »Amt des Hof­nar­ren« sei seit Schmidts Abschied ver­waist, jenes »uner­setz­li­che Regu­la­tiv zum tau­ben Ernst der poli­ti­schen Klasse«. Grund­gü­ti­ger: Mit Deutsch­land geht es bergab, und nun ist auch noch ein uner­setz­li­ches Regulativ-Amt ver­waist, und die ein­zige Kan­di­da­tin für die Nach­folge ist offen­sicht­lich ungeeignet.

Der Köl­ner Medi­en­profi Lutz Hach­meis­ter hat gesagt, »Engelke ist keine Leit­fi­gur für Halb-Intellektuelle«, was zwei­fel­los stimmt, von der Nach­rich­ten­agen­tur dpa aber als Kri­tik an der Wahl der Enter­tai­ne­rin inter­pre­tiert und von Kol­le­gen gleich abge­schrie­ben wurde. Wenn es etwas gibt, das wir wirk­lich ganz beson­ders drin­gend brau­chen in die­sem Land, ist es ja eine Leit­fi­gur für Halb-Intellektuelle.

Sat.1 darf sich über die ver­quaste Debatte nicht bekla­gen: Der Sen­der betei­ligt sich mun­ter am Spiel und belas­tet die Show mit Gewicht. »Anke Late Night« werde das Forum, in dem Angela Mer­kel ihre Kanz­ler­kan­di­da­tur bekannt­ge­ben könnte, träumte der frisch gekürte Geschäfts­füh­rer Roger Scha­win­ski. Seine Spre­che­rin beharrt auf Nach­frage dar­auf: Nein, es rei­che eben nicht, vier­mal die Woche am spä­ten Abend eine Sen­dung zu machen, die so unter­halt­sam sei, wie es Engel­kes Sketch­show »Lady­kra­cher« war. »Anke Late Night« müsse — gerade in der ers­ten Zeit — Schlag­zei­len machen, bri­sant sein, Agen­tur­mel­dun­gen produzieren.

Jawohl: Bedeu­tung haben.

Da ist es kein Wun­der, daß am ver­gan­ge­nen Frei­tag zwei Stun­den lang die Jour­na­lis­ten, denen Anke Engelke im Zehn-Minuten-Takt Tele­fon­in­ter­views gibt, alle die glei­chen Fra­gen stel­len (bis auf den einen, der fragt, was sie gerade anhat): Ist sie ner­vös? Wie kommt sie mit dem Druck klar? Sind die Erwar­tun­gen nicht zu hoch, die Fuß­stap­fen zu groß? Anke Engelke wird nicht müde, falsch: sie wird müde, zu wie­der­ho­len, sie sei über­haupt nicht ner­vös, wirk­lich nicht, sie spüre die­sen Druck nicht, das sei nicht ihr Druck, sie freue sich ein­fach auf die Sen­dung. Poli­tik? Bedeu­tung? Hallo? — »Es soll eine unter­halt­same Stunde werden.«

Seit Wochen pla­nen ihre Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter täg­lich, was für eine Sen­dung sie machen wür­den, wenn sie schon eine Sen­dung machen wür­den, auf dem Papier und am Tele­fon, weil die Engelke noch in Grie­chen­land war, um mit Dietl einen Film zu dre­hen. Ver­gan­gene Woche haben sie dann drei Sen­dun­gen pro­du­ziert, zur Probe, aber mit Publi­kum und pro­mi­nen­ten Gäs­ten, wie eine rich­tige Sen­dung, in den Stu­dios der Firma Brain­pool in Köln-Mühlheim, nicht weit von dem Ort, an dem auch Sie-wissen-schon-wer jeden Tag Sie-wissen-schon-was auf­ge­nom­men hat. Und was herrscht da? Atem­lose Span­nung? Fieb­rige Ruhe? Ner­vöse Hek­tik? Nichts von alle­dem. Aus­ge­rech­net die­ser Ort, an dem diese wich­tige Sen­dung ent­steht, scheint der ein­zige zu sein in Deutsch­land, wo sich die Men­schen nachts nicht schlaf­los im Bett wäl­zen und grü­beln: Ob das was wird?

Bei der drit­ten Pro­be­sen­dung sit­zen Dut­zende Foto­gra­fen und die gesamte Medi­en­jour­na­lis­ten­meute im Publi­kum, der Sen­der­chef ist da und der Unter­hal­tungs­chef, aber das Gefühl, einem Event bei­zu­woh­nen, ver­liert sich, sobald man den Blick auf die eigent­li­chen Macher rich­tet. Wenn hier Geschichte geschrie­ben würde, müßte sich das anders anfüh­len. Ja, Gott, das hat es noch nie gege­ben, welt­weit nicht, daß eine Frau eine Late-Night-Show mode­riert, aber ers­tens kann »die Anke« das, und zwei­tens ist das ja nicht die erste Late-Night-Show, die wir hier auf die Beine stel­len (die Geschichte reicht zurück bis zur selig ver­ges­se­nen »RTL Nacht­show« mit Tho­mas Koschwitz vor zehn Jahren).

Das fast kusche­lige Wohl­ge­fühl hier ist der denk­bar größte Gegen­satz zu der Hys­te­rie drau­ßen, und inter­es­san­ter­weise trifft das auf den Inhalt der Show genauso zu. Zunächst ein­mal ist man über­haupt ver­blüfft, fest­zu­stel­len, daß es sich nur um eine Fern­seh­sen­dung han­delt und nicht die Welt­re­vo­lu­tion und daß es sich bei der Mode­ra­to­rin nicht um eine obskure Frau Engelke han­delt, die gerade vom Him­mel gefal­len oder aus einem Offe­nen Kanal gekrab­belt ist und des­halb den Lesern in Dut­zen­den Por­traits erst mal vor­ge­stellt wer­den mußte, son­dern tat­säch­lich um jene Frau Engelke, die einst im Kin­der­pro­gramm neben einem Hund und einem Vor­stadt­ro­cker als alt­klu­ges dick­li­ches Mäd­chen (unan­ge­nehm) auf­fiel und auch in den 25 Jah­ren dar­auf dem ein oder ande­ren Zuschauer schon begeg­net sein könnte.

Sie hat eine klas­si­sche Late-Night-Show-Dekoration mit einer Sky­line, die von Klin­kern und Stahl­trä­gern ein­ge­rahmt wird. Sie hat eine klas­si­sche Late-Night-Show-Band (mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten als Band­lea­der und per­sön­li­chem Bei­stand, der aber, wie sie sagt, wenn es erst mal gut läuft, gegen einen rich­ti­gen Musi­ker aus­ge­tauscht wird). Und sie hat einen nicht ganz so klas­si­schen Schreib­tisch, sty­lisch, »funky«, wie ihr Pro­du­zent sagt, geschwun­gen in weiß und orange, ein biß­chen, als wäre er von Apple, und dane­ben ein hell­graues Sofa, das flau­schig aus­sieht, aber nicht sehr gemütlich.

Sie tritt auf als Anke Engelke, was ganz schön ist im Ver­gleich zu Harald Schmidt, der erst als David Let­ter­man auf­trat und spä­ter als »Harald Schmidt«, sagt »Hallo zu Hause« und muß sich dann lei­der als ers­tes in ein altes Kor­sett zwän­gen, das ihr nicht paßt, das zwickt und kratzt: Die obli­ga­to­ri­sche Stand-up-Nummer, mit nahe­lie­gen­den Ein­zei­lern zu dem, was heute so pas­siert ist, auch Poli­ti­schem. Sat.1-Chef Scha­win­ski ist dar­auf beson­ders stolz, schwärmt von der wich­ti­gen »Tages­ak­tua­li­tät« und hat das Wort »Bedeu­tung« schon wie­der groß auf der Stirn ste­hen, dabei kann man die­sen Teil, zumin­dest in den ers­ten Wochen, bis sie eine eigene Hal­tung gefun­den haben wird, getrost verpassen.

Einige Ein­spiel­filme gibt es, mal mit Pup­pen, mal mit den Schwarz-Weiß-Frauen aus »Lady­kra­cher«, mal mit mit­tel­lus­ti­gen Stra­ßen­um­fra­gen, mal mit Engelke, die sich in Char­lotte Roche ver­wan­delt und dann Char­lotte Roche inter­viewt, was so gut ist, daß es nicht nur für Char­lotte Roche beun­ru­hi­gend wirkt.

Aber das eigent­li­che Gefühl, daß diese Show eine wer­den könnte, auf die man sich freut, ent­wi­ckelt sich, wenn man Anke Engelke im Talk sieht. Außer dem Talent, in ver­schie­dene Rol­len zu schlüp­fen, hat sie das Talent, mit Men­schen zu reden. Sie ist auf­merk­sam, ach­tet auf Stim­mun­gen, rea­giert spon­tan auf das Publi­kum, läßt Situa­tio­nen eska­lie­ren und in unge­ahnte Rich­tun­gen ent­wi­ckeln und holt sie mit einem Witz, einem The­men­wech­sel oder auch einer Pause vom Abgrund zurück. Das Geheim­nis die­ser Gesprä­che ist es, gerade nicht bedeu­tungs­voll sein zu wol­len. »Sabine Chris­ti­an­sen« ist bedeu­tungs­voll, »Beck­mann« ist ein Bedeu­tungs­vam­pir, der alles Gewich­tige aus sei­nen Gäs­ten her­aus­saugt, bei Johan­nes B. Ker­ner strot­zen sogar die Prä­po­si­tio­nen in den Sät­zen, mit denen er seine Gäste vor­stellt, vor Rele­vanz. Und was will Anke Engelke? Schein­bar fast nichts. Die Leute sol­len sich wohl füh­len, nicht ner­vös sein. »Das Unver­stellte will ich sehen. Es gibt in jeder Minute drei, vier Momente, die spon­tan sind und schön.«

Die nordrhein-westfälische Umwelt­mi­nis­te­rin Bär­bel Höhn etwa habe in der Pilot­sen­dung nichts »bekannt­ge­ge­ben«, sagt Engelke. »Die war am Anfang total ver­krampft; dann haben wir erst mal ein paar Erd­bee­ren zusam­men geges­sen.« Danach haben sie über ihre »Ex«-Männer gespro­chen, den Wolf­gang Cle­ment und den Johan­nes Rau, und die Höhn hat erzählt, daß der Cle­ment schon mal mit Akten­ord­nern gewor­fen hat.

Der Hockey­spie­ler Flo­rian Kunz ist in einer Pilot­sen­dung zu Gast, ein Mann, der nicht vor Witz sprüht, ein Thema, das kei­nen beson­de­ren aktu­el­len Anlaß hat, ein Sport, den Frau Engelke zeit­weise mit Eis­ho­ckey ver­wech­selt und auch danach noch vom »Puck« spricht. Es ist, so gese­hen, das bedeu­tungs­lo­seste Gespräch der Welt, aber zuzu­se­hen, wie sie ihn nach der »alber­nen« Lauf­po­si­tion befragt, nach Rücken­schmer­zen und daß er dann ja wohl gut staub­sau­gen könne, und er all­mäh­lich auf­taut und davon erzählt, daß er frisch gewon­nene Pokale mit ins Bett nimmt, ist ange­nehm — weil man das Gefühl hat, daß das Gespräch offen ist, ohne Fra­gen­k­ärt­chen, die abge­ar­bei­tet wer­den, ohne Zwang, nach­her was an die Agen­tu­ren geben zu kön­nen. (Roger Scha­win­ski hat den Reiz lei­der nicht ver­stan­den und hin­ter­her erklärt, unter ech­ten Bedin­gun­gen hätte man so einen Gast natür­lich nur ein­ge­la­den, wenn er gerade die Gold­me­daille gewon­nen hätte.)

Wenn alles gut­geht, könnte »Anke Late Night« diese klei­nen Momente des Fern­seh­glücks zau­bern, wie man sie gele­gent­lich bei ihren Kol­le­gin­nen Bar­bara Schö­ne­ber­ger, Chris­tine Wes­ter­mann oder Char­lotte Roche und auch bei Wigald Bon­ing erlebt. Momente, in denen es schein­bar um nichts geht, die aber auch kein sinn­lo­ses Geblub­ber sind, weil der Zuschauer für einen Augen­blick das Gefühl bekommt, nicht einem Ritual bei­zu­woh­nen, son­dern Men­schen zuzu­se­hen, zwi­schen denen etwas pas­siert. Die sich öff­nen und selbst nicht wis­sen, wohin sich das ent­wi­ckelt. Wenn dann wirk­lich die Mer­kel vor­bei­käme, wüßte man zwar hin­ter­her wahr­schein­lich immer noch nicht, ob sie Kanz­ler­kan­di­da­tin wird, hätte aber viel­leicht ein Gefühl dafür bekom­men, ob sie Humor hat und wie sie rea­giert, wenn ihr ihre eigene Par­odie gegenübersteht.

Viel­leicht seh­nen sich ja die Zuschauer nach sol­chen Augen­bli­cken: nach so was wie Ehr­lich­keit oder auch nur Unbe­re­chen­bar­keit in einem Fern­seh­pro­gramm, das so voll­stän­dig erstarrt ist, daß man selbst bei Live-Sendungen die Texte mit­spre­chen kann. Aber um die­ses Bedürf­nis befrie­di­gen zu kön­nen, muß eine Sen­dung leise sein, fast unschein­bar und kusche­lig wie »Blon­des Gift« oder »Zim­mer frei«. »Anke Late Night« könnte uns womög­lich vier­mal die Woche für eine Stunde mit dem Fern­se­hen ver­söh­nen. Aber dafür müßte die große Show klein sein dürfen.

Daß man sie läßt, ist kaum zu erwarten.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung