Levi Johns­ton, der unehe­li­che Vater des Enkel­sohns der ehe­ma­li­gen Vize­prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Sarah Palin, wird sich mög­li­cher­weise für ein ame­ri­ka­ni­sches Ero­tik­por­tal aus­zie­hen und hat einen Wer­be­film für Pis­ta­zien gedreht.

Das ist die Nach­richt, und die Men­schen in den füh­ren­den deut­schen Online-Boulevardredaktionen, also bei sueddeutsche.de, »RP-Online« und »Spie­gel Online«, die diese Infor­ma­tion heute auf den Tisch bekom­men haben mit dem Auf­trag, dar­aus einen klick­träch­ti­gen Arti­kel zu machen, haben ver­mut­lich unser Mit­leid ver­dient. Sie haben sich bestimmt auch etwas ande­res unter Jour­na­lis­mus vor­ge­stellt, als das täg­li­che Auf­p­lus­tern sol­cher Nich­tig­kei­ten durch ritu­el­les Inter­pre­tie­ren und Halluzinieren.

Da geht’s ihnen wie mir.

Und die Sache mit Johns­ton ist in der Zusam­men­bal­lung von Ver­gan­gen­heits– und Mög­lich­keits­for­men nun beson­ders anspruchs­voll, schließ­lich ist er der Nicht-mehr-noch-nicht-Schwiegersohn der Nicht-mehr-Gouverneurin und Noch-nicht-Präsidentschaftskandidatin, genau genom­men sind beide im Moment also unge­fähr nichts.

»Spie­gel Online« vorspannt:

Neue Pein­lich­kei­ten aus dem angeb­lich so sit­ten­stren­gen Palin-Clan: Der frü­here Schwiegersohn-Aspirant der zurück­ge­tre­te­nen Gou­ver­neu­rin will sich unbe­dingt für das Maga­zin »Play­girl« ent­klei­den. Doch bis dahin wirbt Levi Johns­ton erst ein­mal für Nüsse.

Die dezente Andeu­tung eines Hoden­wit­zes gibt Plus­punkte in der B-Note, aber Johns­ton »Sit­ten­strenge« zu unter­stel­len, ist allein der Not­wen­dig­keit geschul­det, einen Pseudo-Kontrast zu kon­stru­ie­ren, ebenso wie der Gaga-Satz, mit dem der Arti­kel beginnt: »Beson­ders zurück­hal­tend waren die Palins ja noch nie (…).« Nicht?

Die Fall­höhe der Geschichte schrumpft auf mikro­sko­pi­sche Grö­ßen­ord­nun­gen, wenn man dann liest, dass Johns­ton sich für ein Män­ner­ma­ga­zin schon ein­mal halb aus­ge­zo­gen hatte, was dem gro­ßen deut­schen Nach­rich­ten­por­tal tat­säch­lich auch damals schon eine Mel­dung wert war. Über­schrift, jawohl: »Palins Beinah-Schwiegersohn posiert ohne Hemd«.

Es stellt sich wei­ter her­aus, dass »Spie­gel Online« das Maga­zin »Play­girl«, das Johns­ton viel­leicht nackt zei­gen wird, für ein »Heft« hält, dabei erschei­nen die nack­ten Jungs längst nur noch online.

Das konnte der dienst­ha­ben­den Kol­le­gin von sueddeutsche.de nicht pas­sie­ren, die offen­bar »Play­girl« bei Wiki­pe­dia nach­ge­schla­gen hat, dort das ein­drucks­volle Adjek­tiv »por­no­gra­phisch« fand sowie ein paar wei­tere Infor­ma­tio­nen über die ver­mu­tete Leser­schaft, was drin­gend benö­tig­tes Mate­rial zum Skan­da­li­sie­ren die­ser ganz und gar ega­len Geschichte darstellte:

Ob Johns­ton, Vater eines gemein­sa­men Kin­des mit der 18-Jährigen Bris­tol Palin, weiß, was mit dem Foto­shoo­ting auf ihn zukommt? Er selbst gab zu, er habe noch nie einen Blick in das Maga­zin gewor­fen. Mit den Inhal­ten kenne er sich trotz­dem aus: Dem Daily Tele­graph sagte er, er nähme an, es gehe um Typen, die für Frauen posie­ren. Dass das Play­girl eine große homo­se­xu­elle Fan­ge­meinde hat, ist ihm offen­bar nicht klar.

Ui. Nicht-mehr-Gouverneurinnen-nicht-mehr-noch-nicht-Schwiegersohn posiert für Schwule! Na, das wäre ja, also, das wäre ja was. Der sueddeutsche.de-Artikel beginnt übri­gens so:

Ein Glück, dass der Wahl­kampf ums ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten­amt längst vor­bei ist — noch vor einem Jahr hätte das, was sich gerade im Palin-Clan tut, für Rie­sen­wir­bel gesorgt: Levi Johns­ton, der Beinahe-Schwiegersohn der kon­ser­va­ti­ven Ex-Gouverneurin von Alaska, will blank ziehen.

Der erste Satz ist schön: Da erfährt man sogar, unter wel­chen Umstän­den die Nicht-Nachricht, die sueddeutsche.de als Nach­richt bringt, eine Nach­richt gewe­sen wäre. Aber wenn Sie mir bitte auf einen klei­nen Exkurs fol­gen würden:

Ich weiß nicht, ob es eine Alters­frage ist, aber ich kriege Pickel, wenn ich die For­mu­lie­rung »blank zie­hen« höre, jeden­falls außer­halb ihres natür­li­chen Lebens­rau­mes gel­all­ter Sätze wie: »Kuckma, die geile Schlampe zieht blank!« Wie hat es die­ser Begriff geschafft, erst seine alte Bedeu­tung vom Zücken des Schwer­tes zu ver­lie­ren und dann von der Prollspra­che aus die Welt der seriö­sen Medien wie sueddeutsche.de zu erobern?

Ich glaube, was ich an der Ver­wen­dung so eklig finde, ist die merk­wür­dige Kom­bi­na­tion aus Geil­heit und Prü­de­rie, die er aus­drückt, die­ses völ­lig abwe­gige Erstau­nen dar­über, dass jemand in der Öffent­lich­keit oder sogar für die Öffent­lich­keit inti­mere Berei­che sei­nes Kör­pers ent­blößt. Jeder die­ser Akte scheint heute mit einem Stau­nen gefei­ert zu wer­den, als fände die Dis­kus­sion vor 40 Jah­ren statt und als wäre es heute mög­lich, mit­tags Pro­gramme wie RTL oder Pro Sie­ben ein­zu­schal­ten, ohne dass einem nackte Brüste ent­ge­gen­ku­gel­ten. Aber egal, wie all­ge­gen­wär­tig nackte Frauen heute sind — in der »Bild«-Redaktion kann eine pro­mi­nente Brust­warze, die für den Bruch­teil einer Sekunde vier­tel­ent­hüllt war und dabei foto­gra­fiert wurde, immer noch ganze Orgas­mus­kas­ka­den aus­lö­sen. Ich schweife ab.

Denn da sind ja noch meine Freunde von »RP-Online«. Für die ist das mit dem Nackt­aus­zie­hen nicht ganz so scho­ckie­rend wie für die Kol­le­gen, denn immer­hin hat der junge Mann ja schon für Pis­ta­zien geworben:

Damit ist es aber noch nicht genug: Johns­ton wirbt seit eini­gen Tagen in einem Wer­be­spot für Pis­ta­zien. Im ver­gan­ge­nen Jahr hatte der 19-Jährige seine sit­ten­strenge Schwie­ger­mut­ter in spe im Prä­si­dent­schafts­wahl­kampf in Bedräng­nis gebracht, als er Palins Toch­ter schwän­gerte. [Über die­sen Satz und den Gebrauch des Wor­tes »schwän­gern« könnte ich ähn­lich lange und frucht­lose Exkurse schrei­ben wie über das »blank zie­hen«, aber glau­ben Sie mir: Das wol­len Sie nicht lesen.]

In dem kur­zen Spot wird jetzt genau dar­auf ange­spielt: Wäh­rend Johns­ton genüß­lich an sei­nen Pis­ta­zien knus­pert, und hys­te­ri­sche Fans nach ihm schreien, hört man aus dem Off: »Jetzt macht es Levi Johns­ton mit Schutz.« Damit hat der junge Mann schon eine Schmerz­grenze über­schrit­ten. Die Nackt­bil­der für »Play­girl« dürf­ten ihm damit nicht mehr schwer fallen.

Ist die Logik nicht toll? Und die­ser rüh­rende Gedanke, dass die­sem ver­se­hent­lich in die Öffent­lich­keit gera­te­nen jun­gen Mann sonst das Aus­zie­hen, mut­maß­lich für Geld, »schwer fal­len« könnte?

(Falls Sie übri­gens das mit dem »Schutz« nicht ver­ste­hen, könnte das daran lie­gen, dass weder »RP-Online« noch »Spie­gel Online« erwäh­nen, dass in dem Film neben Johns­ton ein Bodybuil­derguard steht, was für das Ver­ständ­nis nicht ganz unwe­sent­lich wäre, wenn nicht alles in die­ser Geschichte unwe­sent­lich wäre.)

Aber die Doo­fen von »RP-Online« haben ja nicht ein­mal ver­stan­den, dass Johns­ton das alles nicht zuletzt tut, um Palin und ihre Fami­lie zu ärgern, weil er sich von der Mut­ter sei­nes Kin­des Ende ver­gan­ge­nen Jah­res getrennt hat. Das kön­nen sie auch nicht ver­ste­hen, weil sie von die­ser Tren­nung, die nun wirk­lich eine Art Nach­richt war, nicht wis­sen und statt­des­sen fantasieren:

Düs­sel­dorf (RPO). Poli­tisch ist von der US-Republikanerin Sarah Palin nicht mehr viel zu hören. An bun­ten Geschich­ten um die ehe­ma­lige Gou­ver­neu­rin von Alaska man­gelt aber den­noch nicht. Jetzt will sich ihr zukünf­ti­ger Schwie­ger­sohn für das Maga­zin »Play­girl« ausziehen.

Sollte sich Sarah Palin tat­säch­lich auf eine Prä­si­den­schafts­kan­di­da­tur im Jahr 2012 vor­be­rei­ten, dürf­ten ihr diese Schlag­zei­len über­haupt nicht gefal­len. Aus­ge­rech­net ihr zukünf­ti­ger Schwie­ger­sohn, Levi Johns­ton, will sich für Nackt­auf­nah­men aus­zie­hen, die dem­nächst in dem US-Magazin »Play­girl« erschei­nen könnten.

Bitte fra­gen Sie mich nicht, warum ich das alles auf­ge­schrie­ben habe. Irgend­wie hatte sich nach dem Urlaub diese Horn­haut­schicht noch nicht wie­der gebil­det, die mich sonst gele­gent­lich davor schützt, mich auf den blan­ken Wahn­sinn des deut­schen Online-Journalismus einzulassen.

Nach­trag, 9. Okto­ber, 13:30 Uhr. »RP-Online« hat den Text unauf­fäl­lig teil­kor­ri­giert, hält aber aus irgend­wel­chen Grün­den an der For­mu­lie­rung »Schwie­ger­sohn in spe« fest.