Fehlende Reflexe

18 Mrz 07
18. März 2007

Vorgestern schreibt der ehemalige Microsoft-Blogger Robert Scoble in seinem Blog „Scobleizer“:

Microsoft’s Internet execution sucks (on whole). Its search sucks. Its advertising sucks (…).

Die britische „Sunday Times“ findet das bemerkenswert und schreibt heute einen Artikel darüber („‚Microsoft sucks‘, says top blogger“).

Ein Redakteur aus dem „Multimedia“-Ressort von „Spiegel Online“ liest den „Sunday Times“-Artikel, findet die Geschichte ebenfalls bemerkenswert, schreibt ebenfalls einen Artikel darüber („‚Microsoft sucks‘ — Top-Blogger rechnet mit Microsoft ab“) — kommt aber offenbar nicht auf die Idee, dass er durch eine schlichte Google-Suche das entsprechende Blog und den entsprechenden Eintrag finden könnte.

Stattdessen verlässt er sich ausschließlich auf die Sekundärquelle und schreibt:

„Microsofts Internet-Anwendungen, die Suche und die Werbung sind Mist“, erklärte Scoble nach Angaben der „Sunday Times“.
(Hervorhebung von mir.)

Himmel! Wenn heute noch selbst ein fürs Internet zuständiger Redakteur eines Internet-Mediums nicht reflexartig in einem solchen Fall die Originalquelle aufsucht und sich dort ein eigenes Bild macht (geschweige denn, sie für seine Leser gleich zu verlinken) und nicht einmal merkt, wie absurd es ist, eine Zeitung als Quelle für den Inhalt eines Blogs (!) anzugeben, wie viele Jahre mag es noch dauern, bis es die breite Masse der Kollegen begreift?

Nachtrag. „Spiegel Online“ hat inzwischen den Verweis auf die Zeitung entfernt und verlinkt direkt auf das Blog. Dort können sich die Leser ja dann direkt davon überzeugen, dass Scoble gar nicht meint, dass Microsoft insgesamt saugt, wie „Spiegel Online“ und „Sunday Times“ in ihren Überschriften behaupten.

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27 Gedanken
  1. 1
    paul says:

    Recht hast du.

  2. 2
    Farlion says:

    Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele „traditionelle“ Journalisten noch gar nicht wissen, was ein Blog überhaupt ist.

    Irgendwie, nimm es mir jetzt nicht übel Stefan, sind wir „Nicht-Journalisten“ ja viel besser dran. Wir wissen, dass es Zeitungen gibt und das man die Lesen kann UND wir wissen, was Blogs sind und wie man sie findet.
    Sind wir daher nicht eigentlich die besseren „Journalisten“? ;)

  3. 3
    Stefan says:

    @Farlion: Selbst wenn — die anderen sind die mit den vielen Lesern.

  4. 4
    KaiK says:

    Hi,

    finde ich jetzt nicht so schlimm, der Journalist zitiert seine Quelle. Er könnte auch so tun, als sei er selbst drauf gekommen und der Sunday Times den Credit verweigern.

    Ich finde, dies ist wie ein faires „via“

  5. 5
    Stefan says:

    @KaiK: Was hindert ihn daran, der Sunday Times den Credit zu geben und trotzdem das Original zu lesen? Dann wäre es aber unwahrscheinlich, nur die Passagen zu zitieren, die auch die Sunday Times zitiert. (Zumal sich in den Kommentaren spannende Diskussionen entwickeln.)

    Schon war, „schlimm“ ist was anderes. Schlimm ist, dass das eine Journalisten-Krankheit ist, nicht die Original-Quelle zu suchen, selbst wenn das in den Zeiten des Internet oft nur 10 Sekunden dauert. Durch diesen schlichten Reflex könnten z.B. auch all die Medien, die dauernd was aus „Bild“ abschreiben, locker eine Hälfte ihrer dadurch entstehenden Falschmeldungen vermeiden.

    DAS ist es, was mich verzweifeln lässt. Nicht dieser läppische Fall an sich.

  6. 6
    Max says:

    Selbst wenn man die Original-Quelle angibt, wie letztens bei diesen Horrortrip Teasern
    http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,471745,00.html
    wird zitiert wie man es eben grad verbraten kann.
    Mit 20 Sekunden googelei kam man dann auch auf den Original Reisebericht von Colin Bowles für den Australian.
    http://www.theaustralian.news.com.au/story/
    Der Begriff von Ironie transportiert sich in dieser Übersetzung leider kaum. Den einzigen Horrortrip den der Originalartikel beschreibt ist die Geschichte Dresdens im letzten Jahrhundert, dagegen ist dann der Rest geradezu niedlich.

    Dann doch lieber gleich Titanic:
    http://www.titanic-magazin.de/40.html?…

  7. 7
    Lukas says:

    Ich wäre offen gestanden überrascht, wenn man bei SpOn plötzlich anfinge, irgendwas vor der Online-Stellung zu recherchieren. Oder auch nur die Rechtschreibung eines Artikels zu überprüfen.

    Ich vermute, in den Redaktionsräumen hängen Plakate, auf denen „Hauptsache schnell!“ steht. Korrigieren oder Quellen überprüfen kann man immer noch, wenn ein paar Tausend Leute auf einen Artikel draufgeklickt haben.

  8. 8
    paul says:

    Vielleicht ist das der wahre „Citizen Journalism“: Dass man den Lesern die unausgereiften Elaborate vorsetzt und darauf hofft, dass sie dann in ihrer Funktion als mündige Bürger fleißig Leserbriefe und –mails schreiben.

  9. 9
    jo says:

    Aber aber Stefan, dass ist eine Simplifizierung, die dem journalistischen Glaubwürdigkeitstheorem geschuldet ist ‚) Ob ein Blogger bloggt, oder eine Kuh in den Wald sche*sst, interessiert schließlich niemanden.

    Wird hingegen ein Medienexperte wie Scoble von einer „Times“ zitiert, wird an der Geschichte schon was dran sein. Und wenn nicht, sind immer noch die anderen schuld. Folglich verweist man auf die Zeitung, nicht auf ein Blog.

  10. 10
    Titus says:

    Eigentlich erstaunlich, dass die Passage nicht lautete „…berichtet die Nachrichtenagentur XY unter Berufung auf die „Sunday Times“. Denn berichtenswert wird’s ja oft erst, wenn’s auch über den Ticker kommt. Das bedeutet dann: Agentur meldet, was die Zeitung meldet, was irgendwo im Netz steht. Und in den kommenden Stunden und Tagen lesen wir dann — mit oder ohne Quellenangabe — lauter ähnliche Artikel, die sich von dem bei SpOn zumindest „inspirieren“ ließen… ;-)

  11. 11
    Jochen Hoff says:

    Ja der Spiegel und die Sekundärquellen. Das hat durchaus Methode.

    Zum einen ist das ja nicht mehr der Spiegel den wir mal kannten, sondern ein Blättchen das lediglich noch der Verkündung der neoliberalen politischen Interessen der Familie Mohn dient.

    Dementsprechend sind Journalisten kaum noch notwendig, ja nicht einmal mehr gewünscht, weil die ja eigene Gedanken äußern könnten.

    Von solchen Leuten auch noch Nachdenken und Recherche zu verlangen ist übertrieben. Neben den von der Bertelsmannstiftung erfundenen Texten ist der Rest doch nur Lückenfüller der möglichst schnell zusammengeschmiert werden muss.

    Außerdem hätte die Angabe von Primärquellen das Problem das die Leser gleich Bookmarks auf die wichtigen Blogs setzen und diese selber lesen.

    Das würde auf Dauer den Spiegel überflüssig machen.

  12. 12
    dot tilde dot says:

    Herr Niggemeier. Sie lesen den Spiegel ja immer noch.

  13. 13
    ix says:

    hinzu kommt, dass die sunday times das zitat „microsoft sucks“ erfunden hat. scoble hat das gar nicht gesagt. darauf weist scobles kumpel dave winer hin. wie war das mit dem qualitätsjournalismus nochmal? für qualifiziertes abschreiben braucht man eine spezielle ausbildung. sagte blumencron doch irgendwann mal?

  14. 14
    Bauer vom Dreigestirn says:

    Ich hab‘ schon von journalistischer Seite das Argument gehört, „In Blogs recherchieren ist doch Blödsinn, da kann sich der Inhalt ja jederzeit ändern.“

  15. 15
    Norbert says:

    @Bauer vom Dreigestirn: Süße Argumentation. Denn nicht nur in Blogs, auch bei Spiegel Online kann sich der Inhalt jederzeit ändern. Letztes hatten sie eine Story unter dem Titel „Jeder Zweite ist ein Raubkopierer“. Nachdem sich einige Leser beschwert haben, dass der zugehörige Artikel zur neuen Brennerstudie nicht mal ansatzweise diese Zahl hergibt, haben sie die Überschrift zickig in „Jeder Zweite brennt Privates“ geändert. Das nur als Beispiel. Und wie Stefan zeigt, wird bei Bild.de ja auch viel geändert, ohne das darzustellen.

  16. 16
    Thomas Schürmann says:

    Zeit für ein Spiegelblog.

  17. 17
    Thomas says:

    @Norbert: Ich glaube, dass ist genau der Punkt. Diese Möglichkeit der Veränderung ist vielen unheimlich. Dinge können geprüft und korrigiert werden. Der Spagat aus dem Anspruch schnell sein zu müssen und doch fast noch besser recherchieren zu müssen als zuvor. Weil jeder (im Internet) vor dem Medium sitzt, mit dem das Gelesene hinterfragt oder einfach nur beliebig weiter betrachtet werden kann. Das ist sicher ein aufregendes Spannungsfeld für Journalisten! Aber man kann sich aus Furcht oder Einfältigkeit halt auch für eins von beiden entscheiden: Schnell oder sicher. Oder schnell und auf Nummer sicher gehen so wie in diesem Fall.

  18. 18
    Katha says:

    da wird der gute Scoble wohl ne menge ärger bekommen.

  19. 19
    mkb says:

    Lesen die hier mit? Mittlerweile verlinkt SPON nämlich zum Scobleizer und beruft sich nicht mehr auf die Sunday Times.

  20. 20
    mars says:

    Vielleicht hatte Spiegel Online ja Angst verklagt zu werden, wenn ein Link zum Unruheherd gesetzt würde. Erinnert mich an die Geschichte mit Heise und dem Link zu Any DVD :-)

  21. 21
    Lukas says:

    Lesen die hier mit?

    Entweder das oder Referrer-Check. Bei einem Top-Five-Blog ist beides möglich.

  22. 22
    theObserver says:

    @Thomas Schürmann: Es gibt ein Spiegel-Blog. Auch wenn sich das (noch) nicht mit dem Bildblog messen kann. http://www.spiegelkritik.de/

  23. 23
    grey²³ says:

    @mkb
    Stimmt, der Hinweis auf die Quelle fehlt inzwischen. Jetzt liest es sich wie selbst recherchiert. Fein gemacht, Kind des Ruhrgebiets (http://www.spiegel.de/mitarbeiter/0,4069,501,00.html). Kopfschüttel.

  24. 24
    jovelblog » Medien und Politik und Internet says:

    […] man heute schon über sehr wunderliche Geschehnisse im Umgang mit dem Internet: Die Medien wissen oft nicht, was man mit dem Internet alles machen kann, und die Politiker (selbst wenn sie […]

  25. 25
    LK says:

    Was unterscheidet Spiegel, abgesehen vom Layout, noch von Bild?

  26. 26
    Lukas says:

    SpOn hat mal wieder eine Geschichte von Bild übernommen: „Kaserne statt Tokio Hotel?„
    Das Besondere diesmal: man hat sich tatsächlich noch die Mühe gemacht und selbst recherchiert. Dass das Thema jetzt nicht unbedingt soooo wichtig ist und der Artikel die ganze Meldung im letzten Satz fast komplett wieder entschärft, sollte in diesem feierlichen Moment niemanden stören.

  27. 27
    Perspektive 2010 » Blog Archive » Tschüs, SPIEGEL! says:

    […] lange war der Verfall des Magazins DER SPIEGEL zu beobachten. Qualitäts– Journalismus wurde immer seltener und so manche personelle Umstrukturierung in der Redaktion hat dem SPIEGEL eine Stoßrichtung […]

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