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Die ARD hat komi­sche Ideen. Sie ver­an­stal­tet heute Abend einen Vor­ent­scheid zum Euro­vi­sion Song Con­test und hat viele Zuta­ten, die einen unter­hal­tungs­wil­li­gen und nicht zwin­gend auf guter Musik beste­hen­den Zuschauer gefal­len kön­nen: eine strenge blonde Frau in Glitzer­stein­bluse, die sich in eine lebende Dis­ko­ku­gel ver­wan­delt; drei Pries­ter, die gemein­sam mit einer klas­si­schen Sän­ge­rin einen Vor­ge­schmack auf die Knö­del­vor­hölle geben; bar­fü­ßige Bay­ern­buam in Leder­hose, die den Saal wegblasen.

Aber bis die­ses Spek­ta­kel anfängt, lässt sie erst ein­mal Loreen auf­tre­ten mit ihrem letzt­jäh­ri­gen Sie­ger­ti­tel »Eupho­ria« — okay, kann man machen, ist auch ganz hilf­reich, um dann den spä­te­ren plum­pen Ver­such von Cascada, unter dem Namen »Glo­rious« den erfolg­rei­chen Song ein­fach noch­mal in platt­ge­stampf­ter Form in den Wett­be­werb zu schmug­geln, bes­ser wür­di­gen zu können.

Dann folgt ein Auf­tritt von Lena Meyer-Landrut, die den Wett­be­werb, um den es hier geht, offen­bar mal gewon­nen hat. Sie singt ein­fach noch ein­mal ihren inzwi­schen drei Jahre alten Hit »Satel­lite«, was man ja nicht oft genug machen… naja, obwohl.

Und dann kommt, um auch die letz­ten Zuschauer dazu zu brin­gen, mal zur Fern­be­die­nung zu grei­fen und nach­zu­schauen, was auf den ande­ren Kanä­len läuft, noch eine län­gere Erklä­rung, was das eigent­lich ist, die­ser »Euro­vi­sion Song Con­test«, was Udo Jür­gens damit zu tun hat, wie die­ser Song »Satel­lite« noch­mal klingt, wo Malmö liegt und wie die Halle aus­sieht, in der der Wett­be­werb in drei Mona­ten statt­fin­den wird.

Aber dann, schät­zungs­weise um kurz nach halb neun, gefühlt eher gegen 22:40 Uhr, geht es los, und was folgt, ist eine abwechs­lungs­rei­che Show, bunt und bekloppt, aber auch erstaun­lich erwach­sen, musi­ka­lisch zeit­ge­mäß und mit vie­len Kan­di­da­ten, für die man sich als deut­sche Ver­tre­ter beim Euro­vi­sion Song Con­test nicht schä­men müsste.

Einen Hype oder eine hef­tige Auf­merk­sam­keits­welle des Bou­le­vards gibt es in die­sem Jahr nicht, aber das spricht para­do­xer­weise gar nicht gegen die Ver­an­stal­tung. Es ist eher Folge davon, dass die ARD dar­auf ver­zich­tet hat, sich von der Musik­in­dus­trie einen Rudolf Mos­ham­mer oder Zlatko Trpkov­ski in die Show schi­cken zu las­sen, son­dern eher tat­säch­lich inter­es­sante Nach­wuchs­ta­lente. Die Frage ist natür­lich, wie­viele Leute eine Show ein­schal­ten, die sich so ver­gleichs­weise unauf­fäl­lig ankündigt.

Für die meis­ten Künst­ler ist es eine sehr ernst gemeinte Chance, sich ein­mal zur Prime-Time einem grö­ße­ren Publi­kum mit ihrer Musik bekannt machen zu kön­nen. Aus den Vor­stel­lungs­fil­men vor ihren Auf­trit­ten kann man manch­mal die Ver­spannt­heit erah­nen, die aus dem Bemü­hen ent­steht, diese Chance bloß zu nutzen.

Die öster­rei­chi­sche Soul-Sängerin Saint Lu schafft es, sich in den ein­ein­halb Minu­ten um sämt­li­che noch nicht gehab­ten Sym­pa­thien zu reden, was aber nicht sehr scha­det, weil ihr affek­tier­ter Auf­tritt mit über­aus durch­drin­gen­dem Gesang kurz dar­auf zumin­dest bei mir einen ähn­li­chen Effekt hatte.

Die Söhne Mann­heims haben einen Film gedreht, der so breit­wan­dig und breit­bei­nig daher kommt, dass mein Iro­nie­de­tek­tor im Gehirn die ganze Zeit auf­ge­regt fla­ckerte, bis zuletzt aber zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis kam, was zu einem leicht hys­te­ri­schen Kichern führte.

Der Elek­tro­pop­per Ben Ivory immer­hin lässt in sei­nem Selbst­por­trait keine Frage, dass er For­mu­lie­run­gen wie »Selbst ein ein­zi­ges Lied kann Mau­ern ein­rei­ßen« bier­ernst meint. Offen­bar ist auch die Bot­schaft sei­nes Songs »We are the righ­teous ones« exakt so gemeint: Wir sind die Recht­schaf­fe­nen. Puh. Aber tolle Laser­show dann.

Die leicht folk­pop­pige Num­mer »Little Sis­ter« von Mobilée war im Vor­feld einer mei­ner Favo­ri­ten, aber es spricht wenig dafür, dass die Sän­ge­rin aus­ge­rech­net in der Final­sen­dung dann mal die pas­sende Ton­art fin­det und in ihr bleibt.

Mein per­sön­li­cher Favo­rit ist, auch zu mei­ner eige­nen Über­ra­schung, »Heart on the Line« von Blitz­kids mvt. gewor­den, eine Groß­raum­dis­ko­n­um­mer, die in der Halle mit ent­spre­chen­dem Wumms fan­tas­tisch kommt, sich aber ver­mut­lich über den Fern­se­her nur über­trägt, wenn man die Laut­stärke voll auf­dreht. Die Künst­ler­at­ti­tüde der Gruppe ist viel­leicht ein biss­chen ange­strengt, aber ihr Auf­tritt ist gro­ßes Kino.

Betty Dittrich singt einen Sechziger-Jahre-Schlager, der so ein­gän­gig ist, dass man ihn schon nach drei Sekun­den mit­sin­gen kann und dafür drei Tage nicht mehr aus den Ohren bekommt. Ihr »Lalala« ist von größ­ter Bana­li­tät, aber diese Schlicht­heit kommt mit soviel Charme und guter Laune daher, dass ich mir vor­stel­len kann, dass das ganz vorne landet.

Cascada und die Söhne Mann­heims müs­sen wohl schon auf­grund ihrer gro­ßen Zahl von Fans — lei­der — als Mit­fa­vo­ri­ten gel­ten. Und dann sind da noch LaBrass­Banda, nach deren Auf­tritt in der Gene­ral­probe Grand-Prix-Superexperte Lukas Hein­ser sowie Imre Grimm, der Lena-Sonderbeauftragte der »Han­no­ver­schen All­ge­mei­nen Zei­tung«, spon­tan einen Sieg vor­her­sag­ten. (Ich hab dage­gen gehal­ten, was beide lachend als Bestä­ti­gung nah­men, rich­tig zu liegen.)

Jeden­falls, LaBrass­Banda. Das wäre wun­der­bar, diese Musik-Verrückten ins inter­na­tio­nale Finale zu schi­cken, ich wäre prin­zi­pi­ell dafür, und die Arena in Han­no­ver wird ganz sicher bren­nen nach ihrem Auf­tritt. Ich werde nur lei­der mit ihrem ner­vi­gen Song über­haupt nicht warm.

Mia Die­kow singt ein Lieb­lings­lied, das von Frank Ramon geschrie­ben wor­den sein könnte (und ich meine das nicht im Posi­ti­ven). Sie trägt es in einer Cho­reo­gra­phie vor, die von Ralph Sie­gel stam­men könnte. Das will man auch nicht.

Und »Change« von Finn Mar­tin könnte ein ganz okayer Pop­song sein, würde er nicht von die­sem Grinse­pe­ter vor­ge­tra­gen, des­sen Haare allein mir eine faire Bewer­tung schon unmög­lich machen.

Über Nica & Joe möchte ich bitte nicht reden, weil ich mich dazu wie­der an den Auf­tritt erin­nern müsste, und bei den Pries­tern & Mojca Erd­mann ist meine größte Sorge, dass es irgend­wel­che Ramm­stein– oder gar Unheilig-Fans in grö­ße­rer Zahl geben könnte, die dafür stimmen.

Ich habe keine Ahnung, wer gewinnt, lege mich aber jetzt ein­fach mal fest:

1. Betty Dittrich
2. Cascada
3. Söhne Mann­heims
4. LaBrass­Banda
5. Finn Mar­tin
6. Blitz­kids mvt.
7. Mobilée
8. Saint Lu
9. Die Pries­ter & Mojca Erd­mann
10. Mia Die­kow
11. Nica & Joe
12. Ben Ivory

Der eigent­li­che Gewin­ner des Abends wird aber mal wie­der Anke Engelke sein. Der größte Teil der media­len Auf­merk­sam­keit im Vor­feld galt ihr, der Mode­ra­to­rin, und die Show wird zei­gen: völ­lig zurecht. Sie hat sich mit einer sol­chen Lust, Lei­den­schaft und Leich­tig­keit durch die Gene­ral­probe mode­riert, dass sie sich hin­ter­her hof­fent­lich vor Show-Angeboten nicht ret­ten kann, die sie nicht ableh­nen kann.

Also, wenn ich nicht in der Halle säße: Ich würd’s ein­schal­ten. Und das wirk­lich nicht nur aus Grün­den der Konträrfaszination.

  • Unser Song für Malmö, gleich, 20.15 Uhr, ARD.

(Ich werde ver­su­chen, aus der Halle zu twit­tern: @niggi)