Tag Archive for: Stefan Raab

Sterne, die nicht gleich verglühen

31 Jan 10
31. Januar 2010
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ab Dienstag sucht Stefan Raab den deutschen Vertreter beim Eurovision Song Contest. Aber will überhaupt noch jemand eine Castingshow sehen, der es ernsthaft darum geht, Talente zu entdecken?

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So standen sie im Nobelrestaurant oben im Berliner Reichstag, die Chefs von Pro Sieben und der ARD und der eigentliche Gastgeber, Stefan Raab, und sprachen relativ unironisch davon, dass es eine „nationale Aufgabe“ sei, den richtigen Vertreter Deutschlands beim Eurovision Song Contest zu finden. Raab hatte darauf bestanden, dass die Pressekonferenz hier stattfindet, selbst als sich herausstellte, dass der früheste freie Termin eigentlich viel zu knapp vor dem Sendestart lag und die Programmzeitschriften darüber gar nicht mehr berichten könnten. Aber auf dieses Symbol wollte er nicht verzichten.

Natürlich hätte Raab solche Pressekonferenzen auch vor zehn Jahren schon vor ähnlich historischer Kulisse veranstalten können. Damals hätte der Reiz im Kontrast zwischen der Bedeutung des Ortes und der Albernheit des Moderators bestanden. Heute liegt der Witz darin, dass Raab tatsächlich zu einem unwahrscheinlichen Symbol für Ernsthaftigkeit, Seriosität und Nachhaltigkeit geworden ist — jedenfalls was Musik angeht.

„Nachhaltigkeit“ ist das Wort, das Thomas Schreiber, der Unterhaltungskoordinator der ARD und deutsche Grand-Prix-Chef, benutzt, um den zentralen Wert des diesjährigen Vorentscheids und einen Grund für die Zusammenarbeit mit Raab zu beschreiben. Natürlich hofft die ARD darauf, dank Raab und Pro Sieben auch ein paar junge Zuschauer zu gewinnen, aber die hat der Song Contest aus nicht immer leicht zu erklärenden Gründen meist eh. Raab hat sich Vertrauen erarbeitet. Aus seinem eher als Quatsch entstandenen „Bundesvision Song Contest“ ist etwas geworden, das Raab ganz unbescheiden die „Leistungsschau der deutschen Musikbranche“ nennt. Es ist eine Plattform, auf der sich Stars, Newcomer und Möchtegern-Newcomer präsentieren, und die Teilnahme ist attraktiv auch für die, die nicht gewinnen.

Bereits zweimal hat er in seiner Sendung „TV Total“ Sänger gecastet. Es war der programmatische Gegenentwurf zu „Deutschland sucht den Superstar“: Es ging darum, dass junge Musiker zeigen, was sie können. Nicht darum, zuzusehen, wie sie zu dem gemacht werden, was von einem Superstar vermeintlich erwartet wird. Max Mutzke, der 2004 gewann, musste sich nicht die Brauen rasieren und konnte die Augen beim Singen zulassen. Und Stefanie Heinzmann, die Siegerin von 2008, sieht auch heute noch nicht aus wie ein Popstar, sondern wie sie selbst (und schon das Piercing im Gesicht hätte ihr Dieter Bohlen sicher nicht durchgehen lassen).

Wenn am Dienstag der Show-Marathon beginnt, in dem in sechs Wochen und nicht weniger als acht Shows aus zwanzig Kandidaten der deutsche Vertreter beim Grand-Prix in Oslo herausgemendelt wird, soll es in einem erstaunlichen Maße um Musik gehen. Die lustigen oder „lustigen“ Ausschnitte, in denen sich erfolglose Bewerber für die Show blamiert haben, wurden vollständig nach „TV Total“ ausgelagert. Es gibt keine Homestorys über tragische Kindheitserlebnisse oder verarmte Familienangehörige, nur Kandidaten, die vorgestellt werden, live auftreten und von einer prominenten Jury aus Raab und wechselnden Musik- und Show-Kollegen halbwegs seriös bewertet werden.

Nun ist angesichts der Protagonisten nicht damit zu rechnen, dass „Unser Star für Oslo“ ein Hochamt gediegener Hochkultur wird. Aber der Purismus ist dennoch erstaunlich — und mutig: Denn es ist keineswegs sicher, dass es überhaupt eine große Zahl von Fernsehzuschauern gibt, die gerade das sehen will: eine Musiksendung, in der es um Musik geht. Einen Wettbewerb, in dem sich die Teilnehmer nur in der Disziplin beweisen müssen, in der sie bei einem Erfolg auch glänzen sollen.

Der Erfolg der Castingshows beruht zu einem Großteil auf dem gegenteiligen Effekt. Die erfolgreichsten Sendungen von „Deutschland sucht den Superstar“ sind die Pannenshows mit den unfähigen Kandidaten als Kanonenfutter und Witzvorlage. Auch die späteren Sendungen hat RTL immer mehr zu einer Art Soap mit Reality-Elementen ausgebaut; im vergangenen Jahr mussten die Mädchen im sogenannten „Recall“ mit einer Schlange um den Hals singen, die Jungs kopfüber an einem Seil hängend.

Um Talent und gute Musik geht es auch beim Pro-Sieben-Produkt „Popstars“ nur noch am Rande: Es ist eher eine „Big Brother“-Variante mit verschärfter Psychofolter in Form von Detlef D. Soost.

Diese Uneigentlichkeit der Castingshows ist nicht verwerflich: Das wichtigste Ziel der Sender ist es nicht, echte Superstars, Popstars oder Topmodels zu kreieren, sondern möglichst hohe Einschaltquoten zu generieren. Und wenn das Zweite nur auf Kosten des Ersten geht, fällt die Entscheidung leicht. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch das Publikum offenbar längst nicht mehr auf die Illusion, die diesen Shows eigentlich zugrunde liegt, hereinfällt. Sie gucken diese Sendungen offenkundig allein für den flüchtigen Unterhaltungswert, nicht aus einem Glauben, dass hier echte, gar dauerhafte Stars gemacht werden.

Das zeigt sich schon daran, wie erfolglos die jeweiligen Gewinner inzwischen sind. Daniel Schuhmacher, dessen Sieg bei „DSDS“ gerade einmal acht Monate zurückliegt, muss heute um jedes bisschen Aufmerksamkeit kämpfen; der Terminkalender auf seiner Homepage ist wochenlang leer. Vanessa Meisinger und Leo Ritzmann, die vor wenigen Wochen das Finale von „Popstars“ gewannen und nun unter dem unfreiwillig treffenden Namen „Some & Any“ auftreten müssen, hatten sogar nicht einmal einen kurzen gleißenden Moment an der Spitze, bevor ihr Stern verglühte. Schon ihre erste Single kam nicht in die Top Ten; ihr Album erreichte einen miserablen 47. Platz.

Vielleicht ist es auch bezeichnend, dass das Publikum bei RTL zuletzt einen sympathischen jungen Mann zum „Supertalent“ wählte, der mit seinem Hund lustige Tricks vormachte. Das war nettes Entertainment für einen Abend oder zwei, ohne die Aussicht, dass der Mann nun gleich seinen Tagesjob aufgeben musste. Auf das Versprechen einer großen Karriere konnten die Leute offenbar verzichten. Sie wollten ein „Supertalent“ für einen Tag.

Umso erstaunlicher ist es, dass die ARD und Pro Sieben sich anscheinend trauen, die Sendung als Talentsuche ernst zu nehmen. Raab hat in seinen beiden größeren Casting-Aktionen bei „TV Total“ gezeigt, dass er einen Rahmen bietet, in dem das gelingen kann: Stefanie Heinzmann schaffte mit ihren Soul-Pop-Stücken zwar keinen bohlesken Nummer-Eins-Hit. Aber ihre erste Platte erreichte Platin, sie gewann Preise, sang live Duette mit Lionel Richie und ihrem Idol Joss Stone — und es spricht viel dafür, dass ihr Erfolg vielleicht unspektakulär, aber nachhaltig ist. Es ist ein Erfolg als Sängerin, nicht als Fernsehstar. Der Wettbewerb bei Raab, den sie gewann, war ein seltenes Beispiel dafür, dass sich das Fernsehen auch für etwas anderes interessieren kann als sich selbst. Aber das Finale begann um 23.20 Uhr und endete gegen kurz vor zwei — und hatte am Schluss keine halbe Million Zuschauer mehr.

Um 20.15 Uhr wird ein Vielfaches davon einschalten müssen. Thomas Schreiber hofft, dass sich die Quote über die Wochen aufbaut, und setzt darauf, dass „die Ernsthaftigkeit als Ernsthaftigkeit erkannt wird“. Das wäre als Erfolgsrezept im Fernsehen ganz was Neues.

Schlag den Raab: Wie man eine halbe Million er- und alle Sympathien verspielt

13 Sep 09
13. September 2009

Selten hat das Publikum einem Kandidaten seinen Gewinn so sehr missgönnt wie diesem. Hans-Martin Schulze, ein 24-jähriger Pharmazie-Praktikant aus Oldenburg, ist seit dieser Nacht um eine halbe Million Euro reicher. Er musste dafür nicht nur den Raab, sondern auch das Publikum schlagen. Am Ende, als er mit verzerrtem Gesicht und einem Triumphschrei den Geldkoffer in die Höhe streckte, buhten sie ihn hemmungslos aus.

Das ist nicht die übliche Rollenverteilung bei „Schlag den Raab“, und es war nicht so, dass dieser Hans-Martin in irgendeiner Weise gefoult hätte. Er hat nur alles getan, um die Sympathien zu verspielen.

Es begann schon, als er und eine Kandidatin auf das Ergebnis warteten, wer von ihnen beiden die meisten Zuschauerstimmen erhalten hatten und überhaupt gegen Raab um die 500.000 Euro spielen durfte. Das ist so ein Moment, in dem man schon einmal angespannt sein darf, aber die Art, wie Hans-Martin sich verkrampfte und wirkte, als wollte er mit seinem ganzen Körper seine Teilnahme erpressen, wirkte merkwürdig abstoßend und brachte den Moderator Matthias Opdenhövel zum ersten höhnischen Witz, fürs Beten sei es nun zu spät.

Der psychologisch vermutlich entscheidende Moment war aber ein anderer: Als er beim Diskuswerfen gegen einen sich ziemlich ungeschickt anstellenden Raab weit vorne lag, bot er gönnerhaft-ironisch an, die letzten Würfe gar nicht mehr zu machen. Das ist schon grundsätzlich keine so gute Idee, aber bei einem Gegner wie Raab erst recht nicht, bei dem genau eine solche Situation die Ausschüttung irgendeines Ehrgeiz-Hormones auslöst, das ihn dann im letzten Wurf das Spiel doch noch unerwartet gewinnen lässt. Und der, noch wichtiger, damit sofort alle Sympathien des Publikums auf seiner Seite hat (das es ihm in anderen Fällen, bei anderen Gegnern, auch gerne gönnt, wenn seine Verbissenheit keine Früchte trägt). Aber spätestens von diesem Moment beim Diskuswurf im Stadion an war das Saalpublikum fast geschlossen auf Seiten Raabs und machte keinen Hehl daraus.

Man weiß ja nicht, was man selbst für eine Figur abgeben würde unter den Bedingungen einer solchen Show, aber man kann zukünftigen Kandidaten den Auftritt von Hans-Martin als reichhaltiges Anschauungsmaterial geben für all das, was sie vermeiden sollten. Er freute sich immer viel zu sehr und oft zu früh über die Fehler seines Gegners, duschte sich in Schadenfreude. Als läppisch verlachte er die Frage, ob es stimmt, dass die Insel Lummerland drei Berge hat. „Klar, das Lied: ‚Eine Insel mit drei Bergen‘“, eine Kindergartenaufgabe. Blöd nur, dass das Lied geht: „Eine Insel mit zwei Bergen…“ Seine aggressiven Siegesgesten kamen so wenig an wie sein beunruhigender Hang, sich im Selbstgespräch anzufeuern: „Komm schon“ / „Du schaffst das“ / „Geht doch“. 

Er hatte sie bald alle gegen sich: das Publikum, die Moderatoren, den Kommentator. Auch Raab selbst sagte einmal bösartig (und für Hans-Martin vermutlich unerklärlich), er verliere ja immer ungern, in diesem Fall aber besonders. Es tat der Spannung der Sendung keinen Abbruch, gegen den Kandidaten zu fiebern statt mit ihm, aber je deutlicher und einmütiger die Ablehung wurde, desto grausamer wurde die Situation. Opdenhövel sagte zu einer Begleiterin Hans-Martins, dass es ja besser sei, viel Geld zu gewinnen als viele Freunde, und als sie freundlich in die Falle tappte und widersprach, viele Freunde seien ja auch ganz schön, forderte er das Publikum auf, per Applaus zu demonstrieren, für wen sie sind. Sie waren für Raab.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter formierte sich unterdessen eine wachsende Horde von Leuten, die sich in immer gröberem Spott über den jungen Mann überboten, für den sie früh und konsequent den Spitz- und Erkennungsnamen #hassmartin erfunden hatten. (Unklar blieb dabei allerdings, welchen Grund nun ausgerechnet diese Leute haben sollten, sich mit ihrer begeistert zur Schau gestellten Asozialität dem sozial ungeschickten Kandidaten überlegen zu fühlen.)

Doch dem Urteil, dass hier jemand sensationell unsymphatisch auftrat, kann man nur schwer widersprechen. Der Abend war eine faszinierende und etwas beunruhigende Lektion, wie schnell und vollständig man sich ins Aus katapultieren kann. Dabei wird die Pose des übertrieben selbstbewussten Herausforderers eigentlich schon vom Format und dem Casting vorgegeben. Und viele der Eigenschaften, die bei Hans-Martin so abstoßend wirkten, gehören auch zum Repertoire Raabs, der aber als langjähriger Profi natürlich viel geschickter darin ist, sie in den Spitzen auf ein Maß herunterzuregeln, das im Fernsehen nicht zu peinlich aussieht.

Das war der Hauptfehler des Kandidaten an diesem Abend: Dass er nicht erkannt hat, was seine Rolle ist in diesem Spiel. Relativ früh, bevor sie beim 2000-Meter-Bahnradfahren gegeneinander antraten und nicht nur die Kondition gegen Raab sprach, sagte er, da würde er sich aber sehr schämen, wenn er das nicht gewinnen würde, und tätschelte dabei tatsächlich Raabs Bäuchlein. Es war einer dieser Fremdschäm-Augenblicke, die man schwer mit ansehen kann, und Raab hat danach fast instinktiv die Arme vor dieser vermeintlichen Schwachstelle verschränkt. Aber interessanterweise hätte die Szene umgekehrt funktioniert: Raab hätte sich über eine Schwäche des Gegners auf diese Weise lustig machen können, ohne dass es so peinlich gewesen wäre: Er hätte es professionell augenzwinkernd abfedern können, und wenn er durch so eine Form von Arroganz das Publikum gegen sich aufbringt, verschafft er dem Kandidaten nur zusätzliche Sympathien, was sehr in Ordnung geht.

Trotzdem war das Maß, in dem Raabs Erfolge von den Zuschauern im Studio gefeiert wurden, und Punkte von Hans-Martin Schulze fast schweigend quittiert wurden, fast schockierend, und bei den Buhrufen ganz am Ende musste sogar Raab selbst eingreifen. Wie geht man als Mensch eigentlich mit der Erfahrung um, dass die eigene Art auf andere anscheinend derart abstoßend wirkt? 

Insofern erinnerte der Abend ein wenig an die erste Staffel von „Big Brother“: Als die Bewohnerin Kerstin Manuela irgendwann schockiert feststellen musste, dass dass sie im Laufe der Wochen im Container für die Zuschauer zuhause zu einer Hassfigur geworden war, und viele ihr das auch zeigten. Hans-Martin verspielte die Sympathien in nur einem Abend. Das hätte er auch nicht geahnt: Dass der Preis für die 500.000 Euro so hoch sein könnte.

Wer erklärt mir den Raab?

29 Nov 08
29. November 2008

Ähm…

…nachdem mir Michael auch nicht weiterhelfen kann, muss ich jetzt doch mal in die Runde fragen: Kann mir jemand erklären, was daran beleidigend war?

Stefan Raab sagte bei der Bambi-Verleihung: „Ich möchte mich heute Abend mal bei einer Frau bedanken, ohne die ich nicht hier oben stünde. Bei Uschi Glas. Danke Mama!“

Ich verstehe, ehrlich gesagt, schon den Witz daran nicht, aber wo ist die Beleidigung? Uschi Glas ist 22 Jahre älter als Stefan Raab, sie könnte rein rechnerisch seine Mutter sein — ein Alterswitz ist es also nicht. Was sonst? Die „Bild“-Mitarbeiter Dominik Hug und Annette Pawlu sprechen von einer „Verbal-Attacke“ und nennen es „einen fiesen verbalen Seitenhieb“ — auf was?

Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint: Hä?

[Ausriss: off the record]

Vor und hinter den Kulissen von „TV Total“

26 Okt 08
26. Oktober 2008

Bevor man bei „TV Total“ auftritt, muss man sein Lebensrecht an die Produktionsfirma Brainpool übertragen. Nicht wirklich, natürlich, aber gefühlt. Neun Seiten ist der „Studio- und Eventshowgastvertrag“ lang, den man zur Unterschrift bekommt, freundlicherweise ergänzt um eine fünfseitige „Anlage A“ mit „Begriffsbestimmungen“, in denen meterlange Bandwurmsätze detailliert unterscheiden zwischen „Filmherstellungsrecht“, „Senderecht“*, „Kinorecht“, „Recht zur öffentlichen Vorführung“, „Videorecht“, „Tonträgerrecht“, „Datenbank- und Telekommunikationsrecht“, „Merchandisingrecht“, „Drucknebenrecht“, „Werberecht“, „Bewerbungs- und Werbeunterbrechungsrecht“, „Recht zur Drittwerbung“, „Klammerteilrecht“ (kein Witz), „Synchronisationsrecht“, „Bearbeitungsrecht“, „Bühnen- und Hörspielrecht“, „Festival- und Messerecht“, „Archivierungsrecht“, „Titelrecht“ und „Formatrecht“.

Ein ehemaliger Brainpool-Mitarbeiter hat mir mal erzählt, dass man die Profis daran erkennen könne, dass sie vor dem Unterschreiben des Vertrages sechs der neun Seiten einfach durchstreichen. Leider habe ich vergessen, welche.

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„Vertragspartner hat für seine Darbietung/Mitwirkung/Leistung seine persönliche Garderobe zur Verfügung zu stellen, soweit im Einzelfall nichts Anderes vereinbart ist“, steht in Punkt 7.7 des Vertrages, was natürlich eine schöne Theorie ist. Praktisch war ich so klug, für den Auftritt bei „TV Total“ am vergangenen Donnerstag mein schönes rotkariertes Hemd anzuziehen, das die Aufnahmeleiterin innerhalb von Sekunden als vermutlich ungeeignet für den Bildschirm einstufte. (Michael Reufstecks Hemd bekam von ihr das Urteil garantiert ungeeignet, aber nach dem Probesitzen vor den Kameras im Studio schied auch meins endgültig aus.) 

Ich bekam dann als Ersatz ein hellblaues Hemd, das, glaube ich, einem der Musiker gehörte. Auf meinen Einwand, dass das vielleicht fernsehtauglich, aber langweilig sei, sagte die nette Redakteurin, sie könnte auch noch die weniger langweiligen Varianten in giftgrün und orange holen, hätte aber vermutet, dass die nichts für mich seien. Schlimm, wenn diese Leute auch noch Recht haben.

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Ich hatte vorher kurzzeitig darüber nachgedacht, mehr oder weniger live über den Auftritt bei „TV Total“ zu bloggen, aber ehrlich gesagt, war daran gar nicht zu denken. Ich war zwar viel weniger aufgeregt als vor knapp drei Jahren, als wir schon einmal in der Show waren, um unser „Fernsehlexikon“ vorzustellen. (Diesmal war der Anlass unser neues Buch „Zapp“.) Aber ich war trotzdem mehr als genug damit ausgelastet, die Situation zu erleben, ohne sie auch noch zu notieren oder gar zu reflektieren. Vor allem verfiel ich immer wieder in eine (nicht nur angesichts der Vorbereitungsphobie von Stefan Raab) völlig absurde Panik, dass ich nicht genug vorbereitet war. Dass mir kein Beispiel einfiele, wenn Raab nach einer netten Anekdote fragen würde. Dass mir ein Beispiel einfiele, aber nicht die konkreten Namen. Dass mir ein Beispiel einfiele und sogar die konkreten Namen, ich mich aber hoffnungslos in der Erzählung verheddern könnte, wenn ich das nicht eine halbe Stunde vorher nochmal testweise vor mich hin aufgesagt habe. 

Man ist ja diesem Medium Fernsehen so furchtbar ausgeliefert. Ein Moment, in dem man ins Stottern gerät, und schon landet man unter einem der Knöpfe auf Raabs Schreibtisch oder wird Hauptperson in einem Video, mit dem er dann monatelang die Charts verstopft. Okay, das ist keine sehr wahrscheinliche Aussicht, aber diese Showtreppe zum Beispiel, ist wirklich fies steil (gibt es keine DIN-Vorgaben für Showtreppen?), und man will ja auch nicht wie Johannes Heesters aussehen, wenn man die runterklettert, sondern flott und entspannt wirken, und würden die Fernsehleute, wenn man wirklich mal hässlich stolperte und mit dem Kopf fies unten auf Raabs Stuhl knallte oder gleich komplett die Dekoration mit sich riss, sagen: Kein Problem, wir drehen das einfach nochmal? Oder hätte jemand die Szene, noch bevor man wieder zuhause ist, schon bei YouTube hochgeladen? Eben.

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Über zehn Jahre ist es her, dass ich Raab zum ersten Mal getroffen habe, damals noch in der ehemaligen Metzgerei seiner Eltern in Köln-Sülz, und ich glaube, wir duzen uns, seit ich ihn 2000 beim Grand-Prix in Stockholm für die „Süddeutsche Zeitung“ eine Woche begleitet habe. In seiner Show aber siezt er mich – vermutlich weniger aus irgendeinem pseudojournalistischen Impuls heraus, sondern um den komischen Mythos zu pflegen, den er da aufbaut, von dem bösen Fernsehkritiker, vor dessen Kolumne (deren Titel ihm gerade nicht einfiel) in der Zeitung (deren Name ihm gerade nicht einfiel) alle Angst hätten. Werden sonst irgendwelche „TV Total“-Gäste gesiezt? 

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Seine fahrbare Sitzgruppe quietscht. Ganz erbärmlich sogar, wenn sie langsam fährt. Man hört das nur nicht, weil die Band spielt. 

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Die Aufzeichnung, die eigentlich um 18 Uhr oder 18.30 Uhr losgehen soll, begann am Donnerstag erst mit größerer Verspätung: Raab ließ in letzter Minute noch an einer Nummer über den Rauswurf von Elke Heidenreich basteln. Das hatte die einigermaßen absurde Folge, dass man das Publikum nach dem Warm-Up durch die Aufnahmeleiterin und dann durch Raab sich endlose Minuten wieder langweilen und abkühlen ließ. Hinter der Bühne gab es wenigstens Süßigkeiten und Sandwiches und eine Toilette, auf die ich alle zehn Minuten gehen konnte, und die Möglichkeit, sich noch einmal zu überlegen, was man erzählen könnte, und überhaupt die Grundsatzfrage zu wälzen: Ist es klug, als Fernsehamateur in einer Show wie „TV Total“ zu versuchen, lustig zu sein? Sich gar vorher Pointen zu überlegen? Oder ist die sichere Variante doch besser, ganz passiv den Gastgeber die Witze machen zu lassen?

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Das Gespräch selbst war dann erstaunlich entspannt (außer, dass in jeder Sekunde, in der ich in diesem blöden Sessel sitze, 80 Prozent meiner Gehirnzellen damit beschäftigt sind, sich zu fragen, wie das wohl gerade aussieht, wie ich da sitze, und ob ich nicht lieber anders…). Anders als beim letzten Mal, als ungefähr alle meine Redeanteile herausgeschnitten wurden, ist es in der ausgestrahlten Sendung (hier anzusehen). auch kaum gekürzt. Es fehlt eigentlich nur eine Gesprächssackgasse, als Raab einen Satz aus meinem Teletext über Boris Becker vor einigen Wochen zitieren wollte, der ihm aber leider nicht einfiel, und ich konnte mich kaum erinnern, den Text überhaupt geschrieben zu haben.

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Bevor wir Anfang 2006 mit unserem „Fernsehlexikon“ da waren, hatte uns jeder gesagt, dass nach dem Besuch „TV Total“ die Verkaufszahlen für das Buch durch die Decke gehen würden. Tatsächlich haben wir, wenn ich mich recht erinnere, hinterher minus 50 Bücher verkauft (fragen Sie mich nicht, wie das geht), was entweder daran lag, dass das Buch damals noch 49 Euro kostete, oder daran, dass das „TV Total“-Publikum eh nicht liest. 

Okay, das zweite kann es nicht sein: „Zapp“ schoss nach der Sendung bei Amazon zeitweise unter die Top-100.

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Hinterher durfte ich mir dann noch im Studio nebenan die Aufzeichnung von zwei der neuen Folgen von „Ladykracher“ ansehen, das übernächste Woche ins Fernsehen zurückkehrt und wieder toll ist, aber das ist eine andere Geschichte.

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*) „Die Ausstrahlung kann mittels terrestrischer Funkanlagen, Satelliten unter Einschluss von Direktsatelliten (DBS), Kabelfernsehen unter Einschluss der Kabelweitersendung, Telefonnetzen, Stromkabelnetzen (Powerline), Breitbandnetzen (z.B. SDSL (Symmetrical Digital Subscriber Line)), Richtfunk-Datenübertragungstechnologien (z.B. WLL (Wireless Local Loop), DVB-T (Digital Video Broadcasting Terrestrial)) oder ähnlicher technischer Einrichtungen oder mittels einer Kombination solcher Anlagen linear oder zur interaktiven Nutzung, verschlüsselt oder unverschlüsselt und unabhängig von der Art des Empfangsgerätes (z. B. Fernsehgerät, PC, MHP (Multimedia-Homeplatform), Mobiltelefon, PDA, Spielekonsole wie z. B. Playstation, und/oder sonstiges Gerät bzw. einer Kombination dieser Geräte) sowie unabhängig davon erfolgen, in welcher Rechtsform die jeweilige Sendeanstalt betrieben wird (öffentlich-rechtlich oder privat, kommerziell oder nichtkommerziell) und ob und ggf. wie ein Nutzungsentgelt erhoben wird und wie die Rechtsbeziehung zwischen Sendeunternehmen und Empfänger ausgestaltet ist (z.B. Anstaltsnutzung, Multichannel, interaktives Fernsehen, Gebühr, Abonnement, sog. e-commerce-Transaktionen unter Einschluss von Online-Überweisungen und Mobiltelefon-Transaktionen/M-Payment, Pay-TV und -Radio, Pay-per-view/-audio/-channel, „Video-on-demand“, „Near-video-ondemand“ etc.).“ usw.

Teletext: Stefan Raab

10 Feb 08
10. Februar 2008
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Man kann Stefan Raab schon dafür mögen, dass er der ungefähr letzte Prominente ist, der sich, wenn er zu „Wetten dass …?“ eingeladen wird, nicht denkt: Okay, flätz‘ ich mich halt drei Stunden auf dem Sofa, sondern: Hui, da denk‘ ich mir was aus! Neulich parodierte er, als Gottschalk seine Begrüßung abgeschlossen und die erste Frage gestellt hatte, den typischen internationalen Star, der sich den Knopf mit dem Übersetzer ins Ohr drückt, zeitverzögert antwortet, die üblichen Floskeln ablässt und ankündigt, leider gleich wieder zum Flieger zu müssen. Raab hatte sogar den Simultandolmetscher eingeweiht, der seine Worte brav übersetzte, und es war eine kleine, lustige, harmlos-bösartige Szene, mehr braucht es ja nicht. 

Später spielte er mit und für Udo Jürgens am Klavier, dafür hatte er sich extra einen weißen Bademantel hinterm Sofa bereitgelegt und ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. Aber die Nummer hatte nichts Despektierliches, sondern war eine Hommage, wie man nicht nur an der Verbeugung sehen konnte, mit der Raab Jürgens begrüßte. Dann ließ er die Leute im Rhythmus klatschen, bevor er anfing zu spielen, um sie auf die einfachste Art dazu zu bringen, auf Zwei und Vier zu klatschen, was sonst in Deutschland keiner kann. 

Wenn Raab etwas am Herzen liegt, seien es die Nachwuchssänger, die er fast mitten in der Nacht in seinem Talentwettbewerb bei „TV Total“ fördert, oder nur das eigene, von Siegeswillen getriebene Ego, wie in seiner gerade wieder preisgekrönten Show „Schlag den Raab“, ist er ein großer Entertainer. Dann entwickelt er eine Leidenschaft, mit der kaum ein anderer Fernsehmoderator mithalten kann, am wenigsten Raab selbst in seiner alltäglichen, gelangweilten, anspruchslosen, desinteressierten, vor sich hin stolpernden Form, in der er es sogar fertigbringt, den Namen einer Band, die am kommenden Donnerstag bei seinem „Bundesvision Song Contest“ antritt, mehrfach falsch zu sagen. 

Aber dann sind da diese Möchtegern-Nächste-Uri-Gellers aus der Pro-Sieben-Show, und wenn Raab sich an ihnen abarbeitet, sind das Sternstunden. Es scheint, als seien diese peinlichen Figuren mit ihrem Anspruch, Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten zu sein, für Raab nicht nur willkommenes Witzmaterial, sondern ein echtes Ärgernis. Als störe ihn nicht nur, dass sie so schlechte Entertainer sind, sondern auch dieser unnötige Flirt mit dem Okkulten. Mit großer Lust und gerechter Häme, aber auch mit einem fast aufklärerischen Ansatz des Skeptikers entlarvt er ihren faulen Zauber, und das auf demselben Sender. Auch dafür kann man ihn schon mögen.