Die Baye­ri­sche Staats­kanz­lei hat im Herbst mit einem Pilot­pro­jekt begon­nen, das Grund­schü­lern Medi­en­kom­pe­tenz bei­brin­gen soll: Sie machen einen »Medi­en­füh­rer­schein«, den sie in Form einer Urkunde aus­ge­hän­digt bekom­men.

In der Unter­richts­ein­heit »Schau genau hin!« für die dritte und vierte Klasse sol­len die Kin­der ler­nen, Nach­rich­ten­wege zu erken­nen und zu bewer­ten. Sie tun das anhand eines Über­falls, bei dem ein Junge auf Roll­schu­hen einer Frau die Hand­ta­sche ent­reißt. Leon, der kleine Löwe, erforscht mit den Schü­lern dann, auf wel­chen Wegen es die Nach­richt in die Zei­tung und ins Inter­net schafft. Und mit wel­chem Ergebnis:

Bernd, der blöde Blog­ger, hat unge­fähr alle Fak­ten falsch ver­stan­den. Das ist kein Wun­der, denn im Inter­net wer­den ja, anders als bei der Zei­tung, die Infor­ma­tio­nen vor der Ver­öf­fent­li­chung nicht über­prüft. Oder wie es im Begleit­ma­te­rial für die Leh­rer heißt:

Die Kin­der sor­tie­ren die ein­zel­nen Schritte der vor­ge­schla­ge­nen Nach­rich­ten­wege. Danach ver­glei­chen sie: Ein­mal sind es drei, ein­mal vier Schritte. Wel­cher Schritt fehlt bei dem Nach­rich­ten­weg ins Inter­net im Ver­gleich zum Weg in die Zei­tung? Ant­wort: Es ist die Über­prü­fung der Infor­ma­tion. Der Jour­na­list hat bei der Poli­zei nach­ge­fragt, die Fak­ten gesam­melt und erst dann veröffentlicht.

(…)

Beim Blog-Text wer­den die Infor­ma­tio­nen unge­prüft ins Netz gestellt. Viel­leicht hat Bernd eini­ges miss­ver­stan­den oder erin­nert sich nicht mehr genau. Fakt aber ist, dass seine Infor­ma­tio­nen nicht geprüft sind. An die­ser Stelle bie­tet sich auch der Ver­gleich zu dem Spiel »Stille Post« an. Auch da gehen Infor­ma­tio­nen auf dem Weg der Über­mitt­lung ver­lo­ren. Natür­lich kön­nen auch Jour­na­lis­ten etwas falsch ver­ste­hen. Des­halb kön­nen in einer Zei­tung eben­falls feh­ler­hafte Infor­ma­tio­nen ste­hen. Sollte dies vor­kom­men, wer­den dort in der Regel aber Falsch­mel­dun­gen korrigiert.

Am Ende der Unter­richts­ein­heit kön­nen die Kin­der bei einem »Quiz für Medi­en­pro­fis« zei­gen, was sie gelernt haben:

Unter dem Vor­wand einer guten Sache, näm­lich Kin­der dafür zu sen­si­bi­li­sie­ren, dass nicht jeder Infor­ma­tion zu trauen ist und dass Quel­len unter­schied­lich ver­trau­ens­wür­dig sind, erzählt der baye­ri­sche »Medi­en­füh­rer­schein« ihnen das Mär­chen von der Über­le­gen­heit gedruck­ter Nach­richt. Es geht nicht nur um den Kon­trast pro­fes­sio­nell erstel­ler jour­na­lis­ti­scher Infor­ma­tio­nen zu pri­va­ten Blogs — eine zumin­dest theo­re­tisch sinn­volle Gegen­über­stel­lung (auch wenn mit spon­tan gleich meh­rere ver­meint­lich pro­fes­sio­nelle Medien ein­fal­len, denen ich im Zwei­fel weni­ger Glau­ben schen­ken würde als einem unbe­kann­ten Blog). Die Unter­richts­ma­te­ria­len mischen das kon­se­quent mit dem behaup­te­ten qua­li­ta­ti­ven Unter­schied zwi­schen Print und Online.

Die Rede ist immer wie­der vom Nach­rich­ten­weg »in die Zei­tung« im Gegen­satz zum Nach­rich­ten­weg »ins Inter­net«. Auch am Papier soll man also erken­nen kön­nen, wie ver­trau­ens­wür­dig eine Infor­ma­tion ist. Und mit der anzu­kreu­zen­den Aus­sage »Jeder kann im Inter­net schrei­ben, was er will« wird die Mär vom Inter­net als rechts­freier Raum schon Dritt­kläss­lern vermittelt.

Wobei nicht alles, was online steht, schlecht sein muss. Das Begleit­ma­te­rial behauptet:

Infor­ma­ti­ons­sei­ten von Zei­tun­gen oder Sen­de­an­stal­ten unter­lie­gen dem Pres­se­recht (Sorg­falts­pflicht der Presse) und sind daher in der Regel geprüft.

Viel­leicht könnte man die Kin­der im Rah­men des »Medi­en­füh­rer­scheins« ein­mal suchen las­sen nach den Kor­rek­tu­ren, mit denen Jour­na­lis­ten, wenn sie etwas falsch ver­stan­den haben, ihre Feh­ler »in der Regel« rich­tig­stel­len. Oder Leute fra­gen, die ver­sucht haben, eine sol­che Kor­rek­tur durch­zu­set­zen. Viel­leicht ist das aber auch erst etwas für die fünfte oder sechste Klasse.

»Schau genau hin!« heißt die Ler­nein­heit. Zu ihren ehren­wer­ten Zie­len gehört es, dass die Kin­der (jeden­falls im Inter­net) auf den Urhe­ber einer Nach­richt ach­ten sol­len, um die Glaub­wür­dig­keit von Infor­ma­tio­nen bewer­ten zu kön­nen. »Fir­men ver­fol­gen eigene Inter­es­sen«, warnt das Begleit­ma­te­rial, »und wer­den vor allem sich selbst oder ihre Pro­dukte ins rechte Licht rücken.«

In der Tat. Her­aus­ge­ber der Unter­richts­ein­heit ist übri­gens zufäl­lig der Ver­band Baye­ri­scher Zei­tungs­ver­le­ger (VBZV). Ich hoffe, Kin­der und Leh­rer schauen genau hin, ent­de­cken des­sen klei­nes Logo auf der Titel­seite und den­ken sich ihren Teil, was von die­ser Print­pro­pa­ganda zu hal­ten ist.

[via Ulrich Fries und seine Eck.Dose]

Nach­trag, 2. Februar. Gun­nar Sohn hat erfolg­los ver­sucht, eine Stel­lung­nahme der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung zu bekom­men, hörte aber nur vom Ver­le­ger­ver­band:

Um 17,30 Uhr rief mich der VBZV-Geschäftsführer Dr. Mar­kus Rick an. Die Print­las­tig­keit der Bro­schüre könne nicht über­ra­schen, da ja der VBZV der Her­aus­ge­ber sei. Das ist nach­voll­zieh­bar. Da das Pro­jekt aber modu­lar auf­ge­baut sei, wür­den auch die ande­ren Medi­en­for­mate nicht zu kurz kom­men. Die Staats­kanz­lei hatte die Initia­tive für einen Medi­en­füh­rer­schein wegen meh­re­rer Vor­komm­nisse gestar­tet. Dazu zählt auch der Amok­lauf von Win­nen­den. Hier sah die Lan­des­re­gie­rung poli­ti­schen Hand­lungs­be­darf. Mitt­ler­weile lägen Erfah­run­gen mit dem Medi­en­füh­rer­schein in 30 Pilot­schu­len vor und man werde das Pro­jekt auf frei­wil­li­ger Basis aus­wei­ten. Steu­er­gel­der wur­den dafür nach Anga­ben von Rick nicht in Anspruch genom­men. Das wird über die Zei­tungs­ver­lage finan­ziert. Das Print­mo­dul sei dem Kul­tus­mi­nis­te­rium vor­ge­legt und geprüft wor­den. Es würde den Lehr­plä­nen der drit­ten und vier­ten Klasse ent­spre­chen. Die Dar­stel­lung der Blog­ger­welt hält Rick für eine poin­tierte Ver­kür­zung. Als zen­trale Bot­schaft soll ver­mit­telt wer­den, dass es sich bei der Zei­tung um ein geprüf­tes Pro­dukt han­deln würde.