Egal, scheißegal, sueddeutsche.de

Thomas Knüwer hat ein weiteres schönes Beispiel für den Qualitätsjournalismus von sueddeutsche.de — und das systematische Ignorieren der von der „SZ“ verhassten öffentlichen Wortmeldungen von Menschen, die dazu eigentlich nicht befugt sind (vulgo: Leser).

(…) Vor allem aber strotzt der Text vor Fehlern. Der neue 3-Sterne-Koch Sven Elverfeld vom „Aqua“ in Wolfsburg darf sich Elberfeld, Elversfeld und Elverfeldt nennen lassen und der Vorspann ist eine Text gewordene Drag-Queen:

Die Gourmet-Bibel „Michelin“ hat in seiner neuen Ausgabe für Überraschungen gesorgt – es hat den dienstältesten Drei-Sterne-Koch abgestuft.“

Nun können Fehler bekanntermaßen passieren. Auch viele Fehler. Und schlechte Texte. Interessant aber ist, was darunter abläuft. Gestern um 14.31 Uhr macht der erste Leser auf den Vorspann aufmerksam. Um 15.16 Uhr weist jemand auf die Namensproblematik hin. Um 15.37 folgt eine kleine Lästerei über das Angebot. Um 15.58 eine weitere. Heute morgen: noch eine.

Nun ist es 23 Uhr am Donnerstag. Der Artikel ist rund 36 Stunden online. Seit 34 Stunden weisen Leser die Redaktion auf Fehler hin, die man wahlweise als „echt blöd“ oder „peinlich“ bezeichnen darf.

Sueddeutsche.de macht nichts. (…)

Nachtrag, 12:55 Uhr. Über 48 Stunden nach Veröffentlichung des Artikels hat sueddeutsche.de die Fehler jetzt korrigiert. Was natürlich nicht bedeutet, dass jemand inzwischen aus der Redaktion in die Niederungen der eigenen Leserkommentare gestiegen sein muss.

29 Replies to “Egal, scheißegal, sueddeutsche.de”

  1. Vielleicht ist die Aussage eines Medienkollegen von Herrn Jakobs hilfreich:

    Frage: „Ist das vielleicht ein generelles Problem des Onlinejournalismus? Alles muss sehr schnell gehen, eine letzte Qualitätskontrolle, Textkontrolle bleibt da manchmal auf der Strecke.“

    Antwort Oliver Eckert: „Eine Tageszeitung hat wegen des Andruckprinzips mehr Möglichkeiten, Texte noch einmal auf Fehler zu prüfen. Das ist bei einem Newsflow-Prinzip, bei dem die Seite ständig im Wandel ist, viel schwerer umzusetzen.“
    http://meedia.de/nc/details/article/rp-online-ist-ein-premium-angebot_100013029.html

  2. @3/Roland
    Herr Knüwer ist nicht identisch mit „Handelsblatt“. Es käme ja auch keiner auf die Idee, Herrn Prantl für den Onlineauftritt der SZ verantwortlich zu machen (zugegeben, der Vergleich hinkt ein bisschen).

    Und Leser könnten sehr wohl das HB darauf aufmerksam machen – schon mal was von E-Mail gehört?

  3. Die Auslassungen Alexander Herrmanns auf faz.net sind auch nicht fehlerfrei… Hat da wieder ein Praktikant das Interview abgetippt?

  4. Das mit dem Link „systematisches Ignorieren“ ist wirklich witzig. Weil das „Beispiel“ für den Untergang des Qualitätsjournalismus, das der gut recherchierenden Herrn Niggemeier hier anführt, nämlich schon lange korrigiert ist. Hab ich gerade gesehen, als ich drauf geklickt habe. War nur ein Klick, Herr Niggemeier.
    Sogar mit Hinweis und Dank an den Leser.

  5. @ Georg Keuschnig:
    Es geht in meinem Kommentar nicht um die Geschichte hier, sondern die, die sich unter dem Link „systematisches Ignorieren” verbirgt.
    Vielleicht war mein Kommentar etwas missverständlich. Dann tuts mir leid.

  6. Interessant, dass nur die in diesem Blog-Beitrag genannten Fehler korrigiert wurden, die Fehler in der Bildergalerie, auf die in den Kommentaren (und bei Herrn Knüwer) eingegangen wurde, dagegen noch immer da sind. Aber vielleicht ist ja auch der Bildergalerien-Beauftragte einfach noch in der schicken, neuen SZ-Kantine.

  7. @Hans Hoff. Ja, der wurde inzwischen korrigiert. Einen Tag, nachdem ich darüber berichtet habe. Eineinhalb Tage nach dem Leserkommentar. Inwiefern widerspricht das meiner Behauptung, dass sueddeutsche.de Leserkommentare systematisch ignoriert? Ich behaupte ja nicht, dass sueddeutsche.de mein Blog systematisch ignoriert. (Was vermutlich daran liegt, dass ich aus Sicht der „SZ“ Journalist bin, und kein Idiot.)

  8. …bei Welt.de haben sie die „nette“ Angewohnheit, so vorzugehen:
    1. Leser weist in Kommentar auf Fehler hin 2. Fehler wird korrigiert 3. Dazugehöriger Kommentar wird gelöscht. Als Leser fühle ich mich da doch auch ein wenig verarscht. Einfach aus dem Grund, dass da dem Rest der Welt vorgegaukelt wird, alles in von Anfang an perfekt. Würde es nicht auch ein „Danke, wurde korrigiert“ tun. Ist doch ein bißchen wie, wenn man in der Schule die Arbeit zurückbekommt und dann die angestrichenen Fehler verbessert.
    Oder bin ich da zu pingelig?

  9. Stefan, @ 13, sag mal, wie naiv bist Du eigentlich? Du konntest schon längst wissen – und würdest als halbwegs aufmerksamer SZ-Leser auch wissen – dass das überhaupt keine „Korrekturspalte“ ist, sondern ein gelegentlich eingestreuter Krümel („Spalte“? Derzeit vielleicht einmal die Woche fünf Zeilen…).

    Der Namensdreher, auf den Dich neulich jemand aufmerksam machte, war ein einzelner, willkürlich herausgegriffener Fall. Dass Du dessen Nichtkorrektur für besonders bemerkenswert hieltst, fand ich schon damals unfassbar. Solches Nichtkorrigieren ist dort tagtäglicher Standard, wie allenthalben hierzulande, business as usual. Und Du gibst Dich über so einen Einzelfall tatsächlich überrascht? Nicht zu fassen.

    Und bei #7 oder #10 gehört schlechterdings der Name gelöscht, solches Sichausgeben für eine andere, reale Person ist das Allerletzte. Nicht jeder liest sich hier jeden Kommentar bis einschließlich #14 durch.

  10. @Dag: Dieses ganze Blog besteht aus einzelnen, willkürlich herausgegriffenen Fällen. (Und als halbwegs aufmerksamer stefan-niggemeier.de-Leser würdest Du das auch wissen oder wie naiv bist Du eigentlich, diesen Kommentar von mir jetzt schon für besonders bemerkenswert zu halten? Un-fass-bar!) Das ist das Wesen dieses Blogs, und ich vertraue darauf, dass die Mehrzahl meiner Leser versteht, dass es meistens nicht um den einzelnen Fall geht, sondern das Prinzip dahinter.

  11. Gut, okay. Für mich hörte sich nur die eine oder andere Formulierung so an, als arbeitetest Du Dich da erstmalig zu einer Fundamentaldiagnose durch, die ich zumindest unter uns längst für gesichert gehalten hatte. Als sei die Zeitungsreaktion, bei aller Unangemessenheit, nicht exakt so erwartbar gewesen und tagtägliche Routine.

  12. @Dag #21: vielleicht ein bisschen weniger dreist und auch nicht derart peinlich uninformiert drauflosschreiben beim nächsten Mal.

    Was sie unter sich für längst gesichert gehalten haben, ist vielleicht gerade durch diese Selbstverständlichkeit, mit der es weiterhin praktiziert (und mittlerweile von einigen, ihnen, offenbar auch schon als Routine akzeptiert) wird, sehr beklagenswert.

    Sollten die betreffenden Redaktionen in Zukunft weiterhin derart viele „willkürlich herausgegriffene“ Belege für diese enttäuschende Ignoranz produzieren, bin ich jedenfalls dankbar, dass es nach wie vor Journalisten geben wird, die das eben nicht einfach unter den Tisch fallen lassen.

    Sogar auf die Gefahr hin, sich in ihrem eigenen Blog dafür dann der Naivität beschimpfen lassen zu müssen…

  13. @26
    Danke für den Hinweis. Ich muss mich nach dem Lesen der Buchbeschreibung einem dort veröffentlichten Kommentar anschließen:
    Also ich finde den Artikel super und das Buch auch doof.

  14. @1: Wow. Das Ausdruckprinzip. Prima Aufhänger für eine neue Exzellenzinitiative. Im Rahmen des Programmes, „Wir machen Druck“ bekommt jede Online-Redaktion ein paar Drucker zur Verfügung gestellt. Wenn’s Korrekturlesen auf’m Bildschirm so schwer ist und das Arbeitsgedächtnis nicht von Zeile 1 bis Zeile 4 reicht.

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