»Papier ist gedul­dig.»
(frü­he­res Sprichwort)

Vor­weg sollte ich sagen, dass das neue Jahr­buch des Ver­ban­des der Zeit­schrif­ten­ver­le­ger (VDZ) auf schwe­rem, hoch­wer­ti­gem Papier gedruckt ist. An der Qua­li­tät der Texte kann also über­haupt kein Zwei­fel bestehen.

Und doch wird jemand, der ver­sucht, sich mit Hilfe die­ser Essays von Geschäfts­füh­rern füh­ren­der Ver­lage ein Bild vom Zustand die­ser Bran­che zu machen, rat­los zurück­blei­ben. Im Vor­wort blickt der Ver­bands­prä­si­dent Hubert Burda auf ein »erfolg­rei­ches Jahr 2009″ zurück und fin­det: »Wir haben allen Grund, selbst­be­wusst zu sein«.

Auch wenn wir uns von den hohen Ren­di­ten der letz­ten Jahr­zehnte ver­ab­schie­den müs­sen, bleibt Print ein höchst lukra­ti­ves Geschäfts­mo­dell, vor­aus­ge­setzt, es ist klug gemanagt.

Auf den nächs­ten gut 200 Sei­ten aber wech­seln sol­che Lob­re­den auf die Zukunfts­fä­hig­keit des Geschäf­tes mit dem Dru­cken und Ver­trei­ben von Inhal­ten auf Papier sich mit Beschwö­run­gen ab, dass sein Ende unmit­tel­bar bevor­steht, wenn nicht sofort diverse Gesetze geän­dert, Steu­ern erlas­sen, Kon­kur­ren­ten aus­ge­schal­tet und Sub­ven­tio­nen beschlos­sen werden.

Das Jahr­buch zeich­net das schi­zo­phren anmu­tende Bild einer Bran­che, die gleich­zei­tig demons­trie­ren will, dass es ihr bes­tens geht (und all die Todes­pro­gno­sen ver­früht sind) und dass sie im Ster­ben liegt (und also alle alles tun müs­sen, was sie sagt). Es ist eine Bran­che, die voll­kom­men davon über­zeugt ist, unver­zicht­bar zu sein, und fas­sungs­los fest­stel­len muss, dass nicht alle die glei­che Über­zeu­gung haben.

Pas­sen­der­weise wird der VDZ von einem Mann geführt, der Hys­te­rie und Pro­pa­ganda für ange­mes­sene Reak­tio­nen auf eine kom­plexe Gemen­ge­lage hält. Wolf­gang Fürst­ner arbei­tet sich in sei­nem Essay noch ein­mal an der geplan­ten Auf­be­rei­tung der Inhalte von tagesschau.de auch für das iPhone ab – und hat sich von Jür­gen Doetz, der als Chef­lob­by­ist der Pri­vat­sen­der jahr­zehn­te­lang gegen ARD und ZDF gekämpft hat, lei­der immer noch nicht die Grund­be­griffe für diese Aus­ein­an­der­set­zung erklä­ren lassen.

Fürst­ner schreibt:

Zur Erin­ne­rung: Die Idee der Grund­ver­sor­gung ent­stammt den fünf­zi­ger Jah­ren, als es noch Fre­quenz­man­gel gab, und sie war ein Ver­such, einen Min­dest­stan­dard zu setzen.

Das hat er fast wört­lich im Januar schon der »Welt« gesagt und ist falsch. Den Begriff der Grund­ver­sor­gung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 1986 in sei­nem Vier­ten Rund­f­un­kur­teil geprägt, und er bezeich­net gerade nicht einen Min­dest­stan­dard, son­dern die umfas­sende Funk­tion des öffentlich-rechtlichen Rund­funks, »für die Gesamt­heit der Bevöl­ke­rung« Pro­gramme zu bie­ten, und zwar Infor­ma­tion, Bil­dung und Unter­hal­tung. Dahin­ter stand, dass das Gericht pri­vat finan­zier­tem Rund­funk dies nicht zutraute. ARD und ZDF soll­ten nicht die Lücken fül­len, die die Pri­va­ten lie­ßen, son­dern ein voll­wer­ti­ges Pro­gramm machen dür­fen und müs­sen, das alle Ansprü­che erfüllt. Das meint der Begriff »Grundversorgung«.

Wolf­gang Fürst­ner kennt nicht ein­mal die Grund­la­gen des Dua­len Sys­tems, will aber der Poli­tik und der Öffent­lich­keit erklä­ren, wie es aus­zu­se­hen habe.

Nun hätte ich aber ver­mut­lich kein Wort über das VDZ-Jahrbuch ver­lo­ren, wenn ich darin nicht auf das Gedicht den Bei­trag »Das gedruckte Wort ist wie ein Kuss« gesto­ßen wäre, ver­fasst von Wolf­ram Wei­mer, dem ehe­ma­li­gen Chef­re­dak­teur von »Cicero« und neuen Chef­re­dak­teur von »Focus«.

Sein Text beginnt wie folgt:

Rie­chen Sie lie­ber an einer Blume oder am Bild einer Blume? Erle­ben Sie lie­ber einen Son­nen­un­ter­gang mit Gril­lenzir­pen aus den Dünen und Sand zwi­schen den Zehen oder reicht Ihnen der Film eines Son­nen­un­ter­gangs? Lie­ben Sie lie­ber ohne zu küssen?

Man kann lie­ben ohne zu küs­sen, aber warum sollte man? Die Blume und der Kuss sind wie das gedruckte Wort. Sie sind, sie wer­den nicht, sie sind, das macht sie so faszinierend.

Jawohl, das ist allen Erns­tes der Beginn eines Plä­do­yers, warum gedruckte Inhalte elek­tro­ni­schen Inhal­ten über­le­gen sind. (Fai­rer­weise muss ich sagen, dass Sie die ganze Pracht sei­ner Argu­men­ta­tion hier im Blog natür­lich nicht erken­nen kön­nen. Sie müss­ten den Text bitte ausdrucken.)

Das »Pic« von der Blume, das down­ge­loa­dete Online­vi­deo vom schöns­ten Son­nen­un­ter­gang auf Tonga, der elek­tro­ni­sche »Hug« auf dem Flirt­por­tal haben tau­send Vor­teile, aber einen ent­schei­den­den Nach­teil: sie sind flüch­tig. Das vir­tu­elle und das gedruckte Wort sind daher in Wahr­heit keine Kon­kur­ren­ten, weil sie sich auf unter­schied­li­che Kate­go­rien des Lebens und Lesens bezie­hen. Das gedruckte Wort wird vom Inter­net so wenig ver­drängt wie der Apfel von der Vitamintablette.

Das ist auf so vie­len Ebe­nen falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfan­gen soll. Ande­rer­seits ist es so offen­sicht­lich falsch, dass ich gar nicht weiß, ob ich über­haupt irgendwo anfan­gen soll.

Zunächst beschreibt Wei­mer den Unter­schied zwi­schen einem rea­len Gegen­stand oder Erleb­nis und sei­ner Abbil­dung oder Beschrei­bung. Dann tut er so, als sei das gedruckte Wort mit dem eige­nen Erle­ben iden­tisch und das digi­tal ver­öf­fent­lichte Wort mit sei­ner Beschrei­bung. Ich bin mir nicht sicher, ob das der Ver­such einer Gehirn­wä­sche ist oder ihr Ergebnis.

Und dann wei­tet er den bekann­ten Irr­tum, Online für ein flüch­ti­ges Medium zu hal­ten, auf elek­tro­ni­sche Inhalte ins­ge­samt aus – was beson­ders absurd ist. Schon das Foto von der Blume ist im Gegen­satz zur ech­ten Begeg­nung mit ihr eben gerade nicht flüch­tig. Und zumin­dest in mei­nem Leben ist auch das elek­tro­ni­sche »Pic« (wie Wei­mer es mit spit­zen Fin­gern nennt) deut­lich weni­ger flüch­tig als der Papier­ab­zug, weil ich den gerne mal ver­liere. Und man kann, wenn man will, viel gegen den »elek­tro­ni­schen ›Hug‹« sagen – ein ent­schei­den­der Vor­teil ist, dass ich ihn mir immer wie­der anse­hen kann, im Chat­pro­to­koll oder mei­ner Facebook-Historie.

An der behaup­te­ten Flüch­tig­keit des Inter­nets hängt ein Groß­teil der Argu­men­ta­tion Wei­mers – und offen­bar der Zukunft der Print-Branche. Wei­mer schreibt:

Das Flüch­tige wird in den flüch­ti­gen Medien ein Zuhause fin­den. Das Rele­vante aber wird immer nach Gra­vi­ta­tion streben.

Sie ist wirk­lich so schlicht, die Welt der Print-Ideologen: Was schwer wiegt braucht ein schwer wie­gen­des Medium. Vir­tu­elle Inhalte haben in dop­pel­tem Sinne kein Gewicht.

Dabei ist es schon in einem ganz prak­ti­schen Sinne genau umge­kehrt mit der Flüch­tig­keit: Ver­su­chen Sie mal den Inhalt des Arti­kels einer Zei­tung von ges­tern her­aus­zu­fin­den. Wenn er online steht, kön­nen sich Men­schen mühe­los auch mor­gen und nächste Woche noch dar­auf bezie­hen und dar­über diskutieren.

Die behaup­tete unter­schied­li­che Flüch­tig­keit der Medien hat immer­hin einen wah­ren Kern: Gute Zei­tun­gen zum Bei­spiel wer­den so gemacht, dass sie ver­läss­lich sind, Auto­ri­tät und Bestand haben. Dass zukünf­tige Gene­ra­tio­nen auf sie zurück­grei­fen kön­nen als Doku­men­ta­tion von Geschichte. Im Eng­li­schen gibt es dafür den schö­nen Begriff »News­pa­per of record«. Rich­tig ist, dass viele Online-Medien nicht mit die­sem Anspruch gemacht wer­den, son­dern auf die Schnelle, für den Tag. Ich behaupte aber, dass das nicht im Medium selbst begrün­det ist, son­dern an dem, wie es nicht zuletzt die Ver­lage nut­zen. So gese­hen ist es fast eine Frech­heit, wenn Wei­mer von der »zir­ku­s­ähn­li­chen Gestalt« des Medi­en­be­triebs in elek­tro­ni­schen Medien schreibt und »Klick­ga­le­rien für Bikini-Outfits« als typi­sches Bei­spiel nennt. Was für eine geschickte Auf­tei­lung: Erst gehen die Ver­lage in einen rui­nö­sen Wett­be­werb um die dümms­ten Klick­stre­cken. Dann ver­wei­sen sie auf sie, um die Not­wen­dig­keit ihrer Print-Produkte zu legitimieren.

Aber zurück zu Wei­mers oben zitier­ten Ver­gleich: Print ist der Apfel und Online die Vit­amin­ta­blette, also nur eine künst­li­che Nach­ah­mung der natür­li­chen, ech­ten Sache? Ja, und Wei­mer hat noch mehr Beispiele:

In den sech­zi­ger Jah­ren gab es Sci­ence Fic­tions, die das Ende des her­kömm­li­chen Essens vor­her­sag­ten. Es werde gesund­heits­per­fekte Pil­len, ästhe­ti­sches Desi­gn­er­food und tech­ni­sche Bal­last­stoffe mit Geschmacks– und Aro­ma­stof­fen geben. Kei­ner werde mehr natür­li­che Früchte, fet­tes Fleisch, ver­derb­li­ches Gemüse wol­len. Weit gefehlt. Obwohl wir uns längst künst­lich ernäh­ren könn­ten, wer­den wir weder auf den Geruch von Omas Apfel­torte ver­zich­ten noch auf das Erleb­nis einer plat­zen­den Traube im Mund.

Für Leser, die es weni­ger anschau­lich und mehr intel­lek­tu­ell lie­ben, spricht Wei­mer spä­ter auch von der »stra­te­gi­schen Chance von Print­me­dien als Heim­statt der Eigent­lich­keit«: »Print ist (…) nicht nur der Form nach wirk­li­cher als elek­tro­ni­sche Medien, auch dem Print-Inhalt wird die Wirk­lich­keits­nähe stär­ker zugesprochen.«

Dass wir uns »in immer rasche­ren Abfol­gen mit Schein­skan­da­len beschäf­ti­gen«, liegt laut Wei­mer natür­lich auch am »has­ti­gen Über­schlag des Elek­tro­ni­schen«. Als Bei­spiele, wie wir »von einer Panik in die andere jagen«, nennt er:

Vor­ges­tern das Wald­ster­ben, die Kampf­hunde und Sars, ges­tern Fein­staub, BSE und Vogel­grippe, heute die Kli­ma­ka­ta­stro­phe und die Schwei­ne­grippe – der Alar­mis­mus prägt die Multimediademokratie.

Wenigs­tens bei der Angst vor dem Wald­ster­ben, die aus einer Zeit stammt, als es noch kein World Wide Web, ja noch nicht ein­mal nen­nens­wert pri­va­ten Rund­funk in Deutsch­land gab, hätte er doch mer­ken müs­sen, dass Print­me­dien die­sen Alar­mis­mus ganz gut alleine hin­ge­kriegt haben – und was wäre die Panik­ma­che in den Fäl­len Kampf­hunde, Sars, Vogel– und Schwei­ne­grippe ohne das Zutun der gedruck­ten »Bild«-Zeitung gewesen?

Ich würde mich nicht so lange an die­sem Essay abar­bei­ten, das ver­mut­lich ohne­hin außer mir kaum jemand gele­sen hätte, weil sol­che Jahr­bü­cher mit ihrem schö­nen, schwe­ren Papier doch eher dafür gemacht sind, dass man sie unge­le­sen ins Büro­re­gal stellt, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass es in erstaun­li­cher Deut­lich­keit zeigt, wie irreal das Welt­bild die­ser Leute gewor­den ist und wie fern ihnen immer noch die Bin­sen­weis­heit ist, dass guter Jour­na­lis­mus nicht davon abhängt, ob er in ana­lo­ger oder digi­ta­ler, gedruck­ter oder elek­tro­ni­scher Form vorliegt.

Am Ende wagt Wei­mer noch einen ande­ren Vergleich:

Ich plä­diere daher für mutige Inves­ti­tio­nen unse­rer Ver­lags­häu­ser in ihre Kern­pro­dukte. So wie die Auto­in­dus­trie seit Jahr­zehn­ten tot­ge­sagt wird, so inves­tiert sie doch immer wie­der in neue Modelle und in die Ver­bes­se­rung ihrer Autos. Sie flüch­ten nicht in den Flug­zeug­bau, den Bahn– oder Schiffs­be­trieb, noch glau­ben sie ernst­haft daran, dass Geschäfts­rei­sen ver­schwin­den, nur weil Online-Konferenzen mög­lich sind.

Mag sein, nur wären sie schlecht bera­ten, wenn sie glaub­ten, auch in Zukunft müss­ten Autos mit Ben­zin ange­trie­ben wer­den, und anstatt neue Antriebs­wege zu ent­wi­ckeln, den Men­schen Vor­träge dar­über hal­ten wür­den, dass der Otto-Motor das Maß aller Dinge ist — und ein Fahr­zeug ohne ihn wie die Liebe ohne den Kuss wäre.