Das »Begleitschreiben«-Blog hat noch ein Beispiel dafür, wie nachhaltig sich falsche Agenturmeldungen verbreiten — und in welchem Maße die Vielfalt der Online-Medien eine Illusion ist.
Es geht um den Bachmann-Preis, den Lutz Seiler am vergangenen Sonntag gewann — im ersten Wahlgang, mit sechs von neun Stimmen der Juroren. Die Agentur dpa berichtete ab 11.36 Uhr in mehreren kurzen Meldungen über die Wahl. Um 13.44 Uhr lieferte die dpa-Korrespondentin einen längeren Bericht mit den Worten:
Die Spannung hielt bis zur Kür der Preisträger zum Schluss am Sonntag. Mehrere Stichwahlen waren nötig, bis mit dem Berliner Lutz Seiler der Haupt-Preisträger feststand, der 25 000 Euro Preisgeld erhält.
Um 14.35 schickte dpa noch ein Portrait des Preisträgers hinterher, das die Korrespondentin verfasst hatte und in dem es hieß:
Auch als die Spannung bei der Wahl zum Haupt-Preisträger in Klagenfurt stetig stieg, weil immer neue Stichwahlen nötig waren, blieb der gebürtige Thüringer nach außen ruhig.
Das war natürlich Unfug — Stichwahlen waren nur bei den weiteren Plätzen nötig gewesen. In einer Agenturmeldung von AP von 13.26 Uhr stand es unter Verweis auf die österreichische Agentur APA richtig: »…überzeugte die Jury so sehr, dass er gleich im ersten Wahlgang sechs von neun möglichen Stimmen erhielt und damit unangefochten den Sieg davontrug…«. Und wenn man wollte, hätte man sich die Entscheidung live auf 3sat ansehen können.
Doch selbst die Homepage von 3sat verließ sich nicht auf das Programm von 3sat, sondern lieber auf die falsche dpa-Meldung. Als Gregor Keuschnig, der »Begleitschreiben«-Blogger, bei der Redaktion nachfragte, bekam er zur Antwort, es sei »in solchen Momenten einfach unabdingbar«, sich auf die Agentur zu verlassen.
Die »taz« übernahm den Fehler sogar in ihre Druckausgabe. Und wer sich heute über den diesjährigen Bachmann-Preisträger im Internet zu informiert versucht, der wird fast zwangsläufig glauben, Seiler erst nach vielen Stichwahlen gekürt worden. Die falschen und bis heute nicht korrigierten dpa-Meldungen wurden und werden nach wie vor u.a. von »Spiegel Online«, tagesspiegel.de und orf.at und der »Netzeitung« verbreitet — auf sueddeutsche.de sogar als Überschrift:

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Am 30. Juni endete nach 16 Jahren der Vertrag von Volker Finke als Trainer beim SC Freiburg, und die letzten Wochen waren einigermaßen turbulent.
Aber das ist hier keine Sport-Geschichte, sondern eine Medien-Geschichte. Sie beginnt, wie so viele, in der »Bild«-Zeitung. Sie berichtet am Dienstag, Finke habe »trotz mehrfacher Aufforderung seine Schlüssel nicht abgegeben«. Der Verein habe deshalb die Schlösser ausgetauscht, schreibt »Bild« und zitiert den neuen Sportdirektor Dirk Dufner mit dem Satz: »Ja – wir wollten einfach unsere Ruhe und keinen Ärger haben!«
Schöne Geschichte. In einer Meldung des Sport-Informationsdienstes (sid) von 11.45 Uhr am Dienstag liest sie sich dann so:
Finke gibt Schlüssel nicht ab
SC Freiburg tauscht Schlösser aus
Freiburg (sid) (…) Nach SC-Angaben hat Finke (…) trotz mehrfacher Aufforderung seine Schlüssel für den Management-Raum nicht abgegeben.
Aus diesem Grund tauschten die Freiburger in der vergangenen Woche vor der Abreise der SC-Profis in das Trainingslager nach Schruns sicherheitshalber die Schlösser aus. »Wir wollten einfach unsere Ruhe und kein Ärger haben«, sagte Sportdirektor Dirk Dufner der Bild-Zeitung.
Die Formulierung »nach SC-Angaben« ist interessant. Bedeutet sie, dass der sid beim Verein selbst nachgefragt hat? Oder nur, dass der sid die angeblichen »SC-Angaben« der »Bild«-Zeitung entnommen hat? Der sid will das auf Nachfrage nicht beantworten. Es könne beides bedeuten, sagt der diensthabende Chef vom Dienst, das gehe niemanden etwas an. Auf die Idee, in jedem Fall auch eine Stellungnahme Volker Finkes zu den Vorwürfen einzuholen, ist der sid jedenfalls nicht gekommen.
Auch nicht die Nachrichtenagentur dpa, wo die Geschichte am Dienstag um kurz nach 12 Uhr auftaucht. Hier scheint wenigstens die Quellenlage eindeutig:
Fußball-Trainer Volker Finke hat nach seinem Abschied vom SC Freiburg seine Schlüssel nicht abgegeben. (…) Der neue SC-Sportdirektor Dirk Dufner ließ daher in der vergangenen Woche die Schlösser zu den Management-Büros austauschen. »Ich habe keine andere Möglichkeit gesehen. Wir wollten ganz sicher gehen«, sagte Dufner am Dienstag und bestätigte einen Bericht der »Bild«-Zeitung.
Es scheint also keinen Grund zu geben, am Wahrheitsgehalt der Geschichte zu zweifeln — bis der Online-Auftritt der »Badischen Zeitung« am Dienstagnachmittag mit einem Dementi überrascht:
(…) Ex-Trainer Volker Finke soll (…) — und seinen Schlüssel bei Vertragsende am 30. Juni nicht abgegeben haben, trotz mehrmaliger Aufforderung. Doch das ist falsch.
Gegenüber der Badischen Zeitung erklärte SC-Sportdirektor Dirk Dufner, dass Finke seinen Schlüssel sehr wohl abgegeben habe — und das fristgerecht. Warum er von der Nachrichtenagentur dpa im gegenteiligen Sinn zitiert wurde, ist Dufner ein Rätsel. (…)
Der Tausch der Schlösser sei nur eine »präventive Maßnahme« gewesen. Am Tag darauf in der gedruckten Ausgabe der »Badischen Zeitung« macht Dufner das »Rätsel« noch konkreter: »Von denen«, sagt er auf dpa gemünzt, »hat keiner mit mir gesprochen.«
Das ist, wie so vieles in dieser Geschichte, nicht ganz falsch, aber noch lange nicht richtig. Und wir müssen kurz die Chronologie verlassen und zum Freitag vergangener Woche zurückgehen und zu einem Treffen, mit dem das ganze Drama begann. Am Rande des Trainingslagers des SC Freiburg stand Dufner offenbar mit ein paar Journalisten zusammen, ein Mann von dpa war dabei und der Kollege von der »Bild«-Zeitung, und man redete über Volker Finke. Und anscheinend erzählte Dufner bei dieser Gelegenheit auch von möglicherweise fehlenden Schlüsseln und der Schloss-Austauschaktion — vielleicht unter der Maßgabe, die Journalisten sollten darüber nicht berichten, vielleicht nur in der Annahme, sie täten es nicht.
Als »Bild« dann die vermeintliche Schlüsselaffäre publik machte, erinnerte sich der dpa-Mann, dass er ja dabei war, als Dufner davon erzählt hatte. Er verzichtete deshalb darauf, bei Dufner noch einmal nachzufragen, und lieferte stattdessen ein Zitat Dufners, das er selbst am Freitag vor Ort notiert hatte. Die Agenturmeldung datierte dieses Zitat jedoch auf den Dienstag — und erweckte den falschen Eindruck, Dufner habe den »Bild«-Bericht nach dessen Erscheinen bestätigt. Was besonders verheerend war, denn ob Dufner sich tatsächlich so über Finke geäußert hat, ist die eine Frage; ob er diese Äußerung im Nachhinein »bestätigt« hätte, eine ganz andere. Gegenüber der »Badischen Zeitung« (die offenbar beim kleinen Journalistentreffen am Rande des Trainingslagers nicht dabei war), ruderte er jedenfalls heftig zurück.
Zu spät. Am Mittwochmorgen, als in der »Badischen Zeitung« das Dementi steht, steht die Meldung von Finkes Schlüssel-Affäre in vielen Tageszeitungen, zum Beispiel in »SZ«, »Welt«, »taz« und »Tagesspiegel«. Erst am Mittwochnachmittag schwenkt dpa, wo man sich intern inzwischen intensiv um eine Aufklärung der Vorgänge bemüht, auf eine offenbar sehr sorgfältig formulierte Version um, auf die sich alle Beteiligten inzwischen verständigt zu haben scheinen:
Freiburgs Ex-Coach Finke wehrt sich: «Habe Schlüssel abgeliefert»
Freiburg (dpa) — Die «Schlüsselaffäre» beim Fußball-Zweitligisten SC Freiburg um Ex-Trainer Volker Finke hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. «Ich habe meinen Schlüssel am 29. Juni abgeliefert», teilte der 59-Jährige, dessen Vertrag am 30. Juni ausgelaufen ist, der Deutschen Presseagentur dpa mit. Er reagierte damit auf einen Medienbericht, in dem es unter Berufung auf SC-Sportdirektor Dirk Dufner geheißen hatte, der Sportclub habe die Schlösser ausgetauscht, weil die Schlüssel nicht vollzählig seien.
Dufner hatte zuvor vor Medienvertretern erklärt, dass Schlösser an Gebäuden auf dem Freiburger Trainingsgelände ausgewechselt worden waren. «Vor der Abreise ins Trainingslager wurde vorsorglich das Schloss im Management-Büro ausgetauscht, weil bei einer Bestandsaufnahme festgestellt worden war, dass nicht alle Schlüssel da waren. Dort lagern schließlich wichtige Papiere. Volker Finke hat seinen Schlüssel aber inzwischen fristgerechtigt abgegeben», sagte Dufner am Mittwoch.
Auf Aufforderung, den Schlüssel abzugeben, sei zunächst aber keine Reaktion Finkes erfolgt, hatte unter anderem die dpa aus einem Gespräch mit Dufner berichtet.
Bei dpa hofft man, dass sich mit dieser Meldung auch eine juristische Auseinandersetzung erledigt hat: Der empörte Volker Finke fordert über seinen Anwalt nämlich von dpa Richtigstellung und Widerruf der ursprünglichen Behauptungen. Die »Bild«-Zeitung hat ihre Version bis heute nicht korrigiert; ihr Sprecher will auf Anfrage nicht sagen, ob Finke auch gegen »Bild« vorgeht, was logisch wäre.
Und beim sid verbittet der Chef vom Dienst alle Fragen nach Quellen, Wahrheitsgehalt und juristischen Folgen seiner Meldungen. Dort ringt man sich erst am Donnerstagnachmittag, 24 Stunden nach dpa, zu einer Korrektur durch — die allerdings auf jede noch so leise Andeutung verzichtet, dass es sich um eine Korrektur einer eigenen Meldung handelt:
Freiburg (sid) Ex-Trainer Volker Finke hat vor Ablauf seines Vertrages am 30. Juni seinen Schlüssel für den Managementraum des Fußball-Zweitligisten SC Freiburg zurückgegeben. Dies bestätigte SC-Manager Dirk Dufner der Badischen Zeitung: »Wir haben — übrigens in sehr angenehmer Atmosphäre — natürlich über dieses Thema gesprochen. Er hat seinen Schlüssel am 29. Juni abgegeben, also vor dem offiziellen Ende seines Vertrages.« (…)
Das ist die Geschichte von der Schlüsselaffäre des SC Freiburg. Ein Lehrstück über den Umgang mit Quellen und verschiedene Varianten des Stille-Post-Spiels im modernen »Nachrichten«-Journalismus.
Und das letzte Wort soll der »Tagesspiegel« haben, dessen Mitarbeiter Claus Vetter von der kleinen, irreführenden dpa-Meldung zu einem großen Meisterwerk der Fantasie angeregt wurde:
Mal heimlich nachts in die alte Trainerkabine schleichen und kiebitzen, was der neue Trainer taktisch so vorhat? Oder nach Geschäftsschluss in der Geschäftsstelle einen Gratiskaffee trinken? So muss sich Volker Finke das vorgestellt haben, als er die Schlüssel von seinem alten Arbeitgeber, dem SC Freiburg, eingesteckt und trotz mehrfacher Aufforderung nicht herausgerückt hat. Finke hat wohl gedacht, der Klub lasse ihn schalten und walten wie die 16 Jahre zuvor. (…)
Volker Finke, eine traurige Freiburger Schlüsselfigur? Ja, das ist der 59 Jahre alte Fußballlehrer wohl. (…) Zu Hochzeiten wollte sogar mal der FC Bayern etwas von Finke. Doch der konnte nie loslassen in Freiburg — bis heute. Nun muss er draußen bleiben. Der traurige Trainer, der seinen Klub verloren hat und darüber nicht hinwegkommt.
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— von Christoph Schultheis
Heute Nacht um kurz vor 2 Uhr veröffentlichte die Nachrichtenagentur dpa eine kurze Meldung, in der sie die Titelgeschichte der heutigen »Bild«-Zeitung zusammenzufassen glaubte — gleichzeitig aber auch der Onlinemedienwelt die Gelegenheit gab, sich mal wieder ein Armutszeugnis auszustellen.
Unter der Meldung stand »(Der Beitrag lag dpa in redaktioneller Fassung vor)« und in der Meldung hieß es:
Knapp vier Jahre nach dem tödlichen Fallschirmabsturz des früheren FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann am 5. Juni 2003 sorgt jetzt ein weiteres Amateur-Video für Diskussionen. Die »Bild«-Zeitung berichtet am Freitag erstmals über die Aufnahmen, von denen bisher nur bekannt war, dass sie Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft waren.
Selbst einem unbedarften Leser hätte bei der Lektüre auffallen können, dass da was nicht stimmt: Ein »weiteres« Video, das »Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft« war?!
Zum Glück aber war ja, als dpa seine Meldung veröffentlichte, der »Bild«-Artikel (der dpa in redaktioneller Fassung vorlag) bereits seit mehreren Stunden auf der Internetseite von »Bild« mühelos aufzufinden und kostenlos nachzulesen gewesen. Und dort hätte der unbedarfte Leser feststellen können, dass »Bild« gar nicht behauptet, es sei ein »weiteres« Video aufgetaucht. Im Gegenteil: »Bild« behauptet bloß, ein Video, »das auch Bestandteil der Ermittlungsakte war«, sei »jetzt bekannt geworden« und »liegt BILD vor«…
Offensichtlich sitzen in den Online-Redaktionen der großen Nachrichtenportale jedoch keine unbedarften Leser, sondern Online-Redakteure.
Und ohne mit der Wimper zu zucken, haben die sich bei »Spiegel Online«, bei sueddeutsche.de, bei »Focus Online«*, bei Netzeitung.de, bei FAZ.net und bei »Welt Online« entschieden, die dpa-Meldung über den (ohnehin völlig erkenntnisfreien) »Bild«-Aufmacher ohne weitere Recherche zu übernehmen:

Besonders peinlich ist das natürlich für »Focus Online«. Denn der gedruckte »Focus« selbst hatte vor vier Jahren erstmals und sehr ausführlich über das Video berichtet, das laut »Focus Online« nun »aufgetaucht« sei.
Aber auch in den Archiven der »Süddeutschen Zeitung«, »FAZ« und »Welt« finden sich aufschlussreiche Artikel aus dem Jahr 2003, in denen das Möllemann-Video bereits Gegenstand der Berichterstattung war — und aus denen eindeutig hervorgeht, dass »Bild« gar nicht »erstmals« über die Aufnahmen berichtet und von denen weit mehr bekannt ist, als dass sie »Teil der Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft waren«. Die Artikel sind zum Teil bis heute online — und bei FAZ.net beispielsweise sogar direkt neben dem dpa-Unsinn in einem »Zum Thema«-Kasten verlinkt. Sueddeutsche.de behauptet sogar (mit Link auf einen eigenen Archivtext) ahnungslos: »Die Existenz des Videos war (…) schon lange bekannt, die Details sind neu.«
Aber natürlich bringt es viel mehr Klicks, einfach nachzubeten, was »Bild« (mit freundlicher Unterstützung von dpa) als Neuigkeit verkauft, als selbst mit zwei drei Klicks festzustellen, dass es gar keine Neuigkeit ist.
*) Bei »Focus Online« ist das Armutszeugnis inzwischen samt Kommentaren aus dem Angebot entfernt worden bzw. »leider nicht vorhanden«. Dafür gibt es dort einen neuen Text (Überschrift: »Neuer Wirbel um altes Video«) der sich vom ursprünglichen »Bild«-Bericht deutlich distanziert, dafür aber vermutet, es handele sich um Aufnahmen »von zwei Amateurfilmern«. Das jedoch behauptet nicht nur niemand sonst, sondern nicht mal »Bild«.
Christoph Schultheis ist einer der Betreiber von BILDblog.de
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Die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung« hat versucht, ihre Behauptung richtigzustellen, ein »junger Mann« habe auf der Rostocker Kundgebung gegen den G8-Gipfel in Mikro gerufen: »Wir müssen den Krieg in diese Demo tragen«. Nicht in der Zeitung, aber online. Auf der Ressortseite Politik steht folgende »Korrektur«:

Nein. Dieses Zitat ist, wie inzwischen vielfältig dokumentiert, nicht nur in einem anderen Zusammenhang gefallen, sondern gar nicht.
Wird es der »WAZ« noch gelingen, den Fehler zu korrigieren? Kann es die Korrektur sogar noch aus dem Online-Auftritt in die gedruckte Zeitung schaffen? Überwindet sich die »WAZ« gar noch, nicht nur dpa die Verantwortung zu geben, sondern eigene Fehler einzuräumen?
Bleiben Sie dran!
(Was bisher geschah: I, II)
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Drei Tage hat die Nachrichtenagentur dpa gebraucht, ihre Falschmeldung zu korrigieren, dass ein Redner auf der Anti-G8-Kundgebung in Rostock am 2. Juni die Gewalttäter mit dem Satz angestachelt habe, man müsse den »Krieg in diese Demonstration« bringen. Aber nach drei Tagen hat sie sich umfassend korrigiert und entschuldigt.
Und die Medien, die diese Falschmeldung weitertrugen, obwohl sie es besser hätten wissen können, und teilweise mit eigenen Details noch ausschmückten?
»Frankenpost«, »Neue Presse« Coburg und »Südthüringer Zeitung« brachten am Mittwoch in ihrem gemeinsamen Mantelteil immerhin folgende Meldung:
Kein Aufruf zum »Krieg«
ROSTOCK — Einen Aufruf zum »Krieg« bei den Demonstrationen von Rostock am Samstag hat es nicht gegeben. Das hat eine Überprüfung des Redetextes gezeigt, den der Redner Walden Bello bei einer Kundgebung in Rostock vorgetragen hat. Die Deutsche Presse-Agentur dpa bedauert jetzt die fehlerhafte Berichterstattung und hat sich entschuldigt. In einem Bericht zu den Ausschreitungen während der Demonstrationen am 2. Juni hatte dpa Bello irrtümlich mit der Aufforderung zitiert, »den Krieg in die Demonstration reinzutragen«.
Und die »Stuttgarter Nachrichten« scheinen sich zwar selbst nichts vorzuwerfen zu haben, informierten ihre Leser aber:
Panne beim Zitieren
Hamburg — In einem Korrespondentenbericht zu den Krawallen während der Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel am 2. Juni hat die Deutsche Presse-Agentur (dpa) einen Redner mit den Worten zitiert: »‘Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. …« Diese Formulierung ist — wie aus einem TV-Mitschnitt von »Phoenix« ersichtlich ist — weder in der englischen Originalrede noch in der deutschen Übersetzung des Beitrags so gefallen. Die Agentur teilt mit: »Die sinnentstellte Fassung in den Meldungen der dpa ist auf einen Übermittlungsfehler zurückzuführen, für den dpa allein die Verantwortung trägt.«
Das ist bemerkenswert, weil die »Stuttgarter Nachrichten« ihren Bericht gar nicht als dpa-Bericht gekennzeichnet hatten. Wenn alles glatt geht, lassen sie ihre Leser glauben, ihre Zeitung hätte sie so gut informiert; wenn Fehler passieren, trägt dafür allein die Agentur die Verantwortung. Nun ja.
Und sonst? Sonst bleibt es ein trauriges Lehrstück darüber, wie klein das Interesse deutscher Medien ist, ihre Leser wahrheitsgetreu zu informieren.
Der »Tagesspiegel« verbreitete die Falschmeldung prominent auf seiner Seite 3:
Von einer Bühne herab ruft ein Redner: »Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.« Dann ist der Frieden nicht mehr zu retten.
Die falschen Zitate stehen unverändert online; ich habe weder unter tagesspiegel.de noch im gedruckten »Tagesspiegel« eine Korrektur gefunden. Der Artikel beginnt übrigens mit dem schönen Satz:
Es geht bei einem solchen Spektakel auch darum, die Hoheit darüber zu gewinnen, was im Gedächtnis bleibt.
Auch die »Neue Zürcher Zeitung«, die gerne Adjektive wie »seriös« oder »renommiert« verliehen bekommt, sah sich bislang nicht veranlasst, ihren Online-Artikel mit dem falschen Zitat zu ändern. Genauso sieht es bei den »Braunschweiger Nachrichten«, der »Kölnischen Rundschau« und Bild.de aus.
Eine interessante Erfahrung machte der Blogger Pantoffelpunk, als er am Dienstagvormittag n-tv.de auf das falsche Zitat hinwies. Der zuständige Redakteur der Firma, die für n-tv den Onlineauftritt redaktionell betreut und sich (vermutlich selbstironisch) »Nachrichtenmanufaktur« nennt, antwortete kryptisch:
Im Gegensatz zu SPOn korrigieren wir keine »Korrekturen« von anderen berichterstattenden Zuhörern, die sich verhört haben. Wir bleiben einfach bei den Fakten.
Auf eine Nachfrage kam eine noch pampigere Antwort mit dem schönen Schluss:
Ich hoffe Sie haben jetzt verstanden, dass die Meldung für uns nicht diskutabel ist.
Als dpa endlich offiziell den Fehler einräumte, verschwand die zweifellos indiskutable Bildunterschrift bei n-tv.de ohne Spur und Erklärung.
(Die Unsitte, Artikel als fortlaufenden Text über vielteilige Bilderserien zu verteilen, wäre übrigens noch einmal ein eigenes Thema. Sie führt immer wieder zu frappierenden Text-Bild-Scheren, so auch in diesem Fall, denn der gezeigte maskierte Mensch hatte, anders als es n-tv.de nahelegt, natürlich schon mal gar nichts mit dem Zitat zu tun.)
Bei der Nachrichtenmanufaktur scheint man inzwischen unglücklich über die Kommunikation mit dem Blogger, arbeitet aber immer noch an einer zitierfähigen Stellungnahme. Nach wie vor unkorrigiert ist in der Bilderserie, um die es geht, übrigens die Behauptung, 60 Polizisten hätten nach den Krawallen in Krankenhäusern behandelt werden müssen. Das hat nicht einmal die Polizei behauptet, die von 30 schwerverletzten Polizisten sprach, und selbst das ist längst widerlegt.
Ein interessanter Fall ist schließlich noch die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung«, die sich die dpa-Ente in einer eigenen Reportage zu eigen machte. Eine Korrektur scheint es nicht gegeben zu haben; eine Anfrage von mir bei Ulrich Reitz, dem Chefredakteur der »WAZ«, blieb unbeantwortet.
Die WAZ hat Anfang Mai im Rahmen eines bizarren Festaktes in der Essener Philharmonie öffentlichkeitswirksam einen »Verhaltenskodex« unterzeichnet, in dessen Präambel es heißt:
Regionalzeitungen genießen im Vergleich mit anderen Medien ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Dieses Vertrauenskapital darf nicht gefährdet werden. Der Verhaltenskodex der WAZMediengruppe legt fest, welche Regeln strikt einzuhalten sind.
In dem gesamten, über fünfseitigen Schriftwerk (pdf) steht kein Wort darüber, dass zur »Glaubwürdigkeit« auch der Versuch gehören könnte, möglichst wahrheitsgetreu zu berichten, und die Verpflichtung, Fehler in irgendeiner Form richtigzustellen.
Ich fürchte, bei der »WAZ« sähe man, im Gegenteil, das eigene »Vertrauenskapital« gefährdet, wenn man offensiv und transparent mit Fehlern umginge, Verantwortung übernähme und sich zu allererst einer korrekten Information der Leser verpflichtet fühlte. Sie ist damit in Deutschlands Medienwelt in guter Gesellschaft.
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