Clau­dia Pech­stein ver­mu­tet, dass Jens Wein­reich gedopt war, als er über sie schrieb, dass vie­les dafür spricht, dass sie gedopt hat, aber das hier wird kein Text über Leute, die Dinge sport­lich neh­men. Im Gegenteil.

Jens Wein­reich (die Älte­ren wer­den sich noch an seine Aus­ein­an­der­set­zung mit DFB-Präsident Theo Zwan­zi­ger erin­nern) ist einer von den Kol­le­gen, nach denen auf irgend­wel­chen Podien über Qua­li­tät im Jour­na­lis­mus dau­ernd geru­fen wird. Er ist einer der weni­gen inves­ti­ga­ti­ven Sport­jour­na­lis­ten, kri­tisch und unab­hän­gig, er recher­chiert statt abzu­schrei­ben, er ver­beißt sich in The­men, auch wenn sie gerade keine Kon­junk­tur haben. In sei­nem Blog zapft er das Wis­sen sei­ner Leser an und ver­öf­fent­licht Original-Dokumente, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann. Und wenn er etwas nicht weiß, schreibt er das ebenso auf, wie wenn er etwas falsch gemacht hat.

Er ist, mit ande­ren Wor­ten, eine unfass­bare jour­na­lis­ti­sche Ner­ven­säge, und es gibt sicher eine erheb­li­che Zahl von Leu­ten, die nur dar­auf war­ten, dass sie ihm an den Kar­ren fah­ren können.

Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag berich­tete er über die Blutdoping-Fernsehshow der Eis­schnell­läu­fe­rin Clau­dia Pech­stein und machte einen Feh­ler. Er schrieb zum Bei­spiel in der Online-Ausgabe der »Frank­fur­ter Rundschau«:

Inhalt­li­che Schwer– und Reiz­punkte setz­ten die bei­den von der Ver­tei­di­gung beauf­trag­ten und bezahl­ten Gut­ach­ter: Hol­ger Kie­se­wet­ter aus Ber­lin und Rolf Kruse vom Referenz-Institut für Bio-Analytik in Bonn.

Wein­reich selbst hatte in der Pres­se­kon­fe­renz nach der Bezah­lung gefragt, aber die Ant­wort teil­weise falsch ver­stan­den. Kie­se­wet­ter bekam Geld für sein Gut­ach­ten, Kruse nicht.

Nun hätte es ver­mut­lich aus­ge­reicht, Wein­reich eine kurze Mail mit der Bitte um Kor­rek­tur zu schrei­ben, und alles spricht dafür, dass er die­ser Bitte auch dann sofort nach­ge­kom­men wäre. Aber Wein­reich erhielt keine Bitte um Kor­rek­tur, son­dern noch am sel­ben Abend per Fax eine Abmah­nung von Simon Berg­mann, dem Anwalt von Clau­dia Pech­stein. Er wurde auf­ge­for­dert, eine Unter­las­sungs­er­klä­rung abzugeben.

So eine rich­tige Abmah­nung hat gegen­über einer blo­ßen Auf­for­de­rung zur Rich­tig­stel­lung einen schö­nen Neben­ef­fekt: Sie kos­tet den Abge­mahn­ten Geld, sogar dann, wenn er der For­de­rung sofort nach­kommt. Im kon­kre­ten Fall sind es Abmahn­ge­büh­ren in Höhe von 775,64 Euro inklu­sive Mehr­wert­steuer für die Arbeits­zeit des Anwalts.

Das kann man natür­lich machen. Womög­lich ist es im bes­ten Inter­esse von Clau­dia Pech­stein, wenn ihr Anwalt gleich mit gro­ßer Wucht gegen fal­sche Dar­stel­lun­gen ihrer Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie vor­geht, viel­leicht war das auch ein Anlie­gen von Frau Pech­stein selbst, die »Wein­rich« für den »naivs­ten Sport­jour­na­lis­ten« hält, von dem sie »bis­lang je etwas lesen durfte«. Und natür­lich muss ein Jour­na­list für seine Feh­ler gera­de­ste­hen — auch wenn er in die­sem Fall einen unver­hält­nis­mä­ßig hohen Preis für ein offen­kun­di­ges Miss­ver­ständ­nis zahlt.

So weit, so alltäglich.

Am nächs­ten Tag bekam Jens Wein­reich eine wei­tere Abmah­nung. Er sollte sich noch ein­mal ver­pflich­ten, den bereits ein­mal abge­mahn­ten Satz nicht mehr zu wie­der­ho­len. Dies­mal trat Simon Berg­mann aller­dings nicht als Anwalt, son­dern als Kli­ent auf. Absen­der des Schrei­bens war sein Sozius Chris­tian Schertz.

Das ist ein lus­ti­ger Trick. Man behaup­tet, dass die fal­sche Aus­sage über Rolf Kruse und die »Ver­tei­di­gung« von Pech­stein nicht nur die Rechte von Pech­stein ver­letze, son­dern auch die ihres Anwalts. Und ver­dop­pelt so die Zahl der Abmah­nun­gen. Und die Höhe der gefor­der­ten Abmahn­ge­büh­ren: auf schlappe 1551,28 Euro.

Hier ist Simon Berg­mann nicht mehr für Clau­dia Pech­stein im Ein­satz. Hier han­deln er und Chris­tian Schertz quasi auf eigene Rech­nung. Und womög­lich hat­ten sie davon noch eine offen. Denn Wein­reich und Schertz ken­nen sich per­sön­lich — von der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Jour­na­lis­ten und Theo Zwan­zi­ger. Schertz ver­trat dabei den DFB und sei­nen Prä­si­den­ten und musste eine Reihe pein­li­cher juris­ti­scher Nie­der­la­gen hinnehmen.

Die Frage, ob Schertz im Recht ist und Berg­mann einen Anspruch gegen­über Jens Wein­reich jen­seits der (längst erfolg­ten) Kor­rek­tur des Feh­lers hat, über­lasse ich gerne Juris­ten. Aber was die Moti­va­tion des Vor­ge­hens angeht, spe­ku­liere ich gerne: Es könnte ein per­sön­li­cher Akt der Revan­che sein. Oder der Ver­such, einen kri­ti­schen, läs­ti­gen Jour­na­lis­ten ein­zu­schüch­tern. Es geht nicht um Gerech­tig­keit (und um die Wahr­heit schon gar nicht); es geht um Scha­dens­ma­xi­mie­rung. Wer es wagt, kri­tisch über Pech­stein und ihre Fern­seh­show zu berich­ten, wer sich traut, kri­tisch über Simon Berg­mann und seine PR– und Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie zu berich­ten, wer hart­nä­ckig nervt, soll gewarnt sein: Schon ein blö­der Feh­ler kann rich­tig teuer werden.

Chris­tian Schertz hat uns bei BILD­blog und mich bei den juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die­ses Blog sehr unter­stützt. Aber ich habe mich (auch weil es schon frü­her Anlass für Zwei­fel gab) ent­schie­den, mich in Zukunft nicht mehr von der Kanz­lei Schertz-Bergmann ver­tre­ten zu lassen.