Monrose

11 Mrz 07
11. März 2007

Vermutlich war es so, dass die ganzen siebzehnjährigen Mädchen, von denen jeder annahm, dass sie Monrose zum Grand Prix telefonieren würden, sich an die Gruppe einfach schon nicht mehr erinnert haben. Monrose? Die sind doch total 2006! Mann, damals war ich sechzehn!

Über vier Monate ist es her, dass aus Mandy, Senna und Bahar in der Pro-Sieben-Show „Popstars“ Monrose wurde, und Popstarsjahre sind Hundejahre, und „Popstars“-Jahre Goldhamsterjahre. Die Produzenten wussten, warum sie die größten Verrenkungen anstellten, damit die Single bereits eine Woche nach dem Finale und das Album eine weitere Woche danach auf dem Markt sein konnten. Dank kollektiver Aufmerksamkeitsdefizitstörung bedeutet jeder Tag Verzögerung, dass viele Millionen Fanzellen in den Gehirnen der Zielgruppe längst wieder unwiderruflich umprogrammiert sind.

Aber die Monrose-Produzenten waren schnell, und so haben junge Menschen im Dezember massenhaft Monrose-Platten gekauft. Dann war aber auch gut. Seit den Premieren-Siegern No Angels und Alexander Klaws hat es kein deutscher Castingshow-Gewinner geschafft, mit mehr als einer Single an die Spitze der Charts zu kommen. Man müsste all den Kandidaten sagen, dass sie den Moment genießen sollen, in dem sie das Casting gewinnen, weil es der Höhepunkt ihrer Karriere sein wird. Aber anstatt zu singen „Von nun an ging’s bergab“, grölt das ganze Umfeld natürlich „jetzt geht’s lohos“, und beim Grand-Prix-Vorentscheid wurde wieder offenbar, wie schlimm das ist. Wie sehr die frischgebackenen „Popstars“ und „Superstars“ den Versprechungen glauben. Dass diese jungen, auf Star geschminkten und geföhnten Frauen das wirklich meinen, wenn sie sagen: „Du kannst alles in deinem Leben erreichen, du musst nur dran glauben.“ Sie hatten, das sah man, ganz fest daran geglaubt, sie hatten überhaupt nicht die Möglichkeit eingeplant, diesen Vorentscheid nicht gewinnen zu können, und es ist trotzdem passiert. Natürlich haben diese Mädchen, wie sie dann heulend auf der Bühne standen, Mitleid verdient und keine Häme. Aber vielleicht tun sich all die, die auf Detlef D. Soost und Dieter Bohlen und ihre Versprechungen hereingefallen sind, irgendwann zusammen, und brüllen ihnen ins Gesicht, dass es in dieser Welt eben nicht reicht, ganz fest an sich zu glauben, nicht einmal, wenn man dazu noch ganz hart an sich arbeitet.

Und über diesen komischen Grand-Prix-Wettbewerb kann man ja sagen, was man will: Als öffentliche Entzauberungsmaschine funktioniert er gut.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

21 Gedanken
  1. 1
    Tacke says:

    ..ich habe mich sowieso gewundert, wieso Monrose nicht schon längst die zweite Single nachgeworfen haben. Dieses „Even heaven cries“ klang eigentlich chartverdächtig. Oder haben sie sie rausgebracht und ich habe es nicht mitbekommen? It´s such a shame..

  2. 2
    Batz says:

    Das erinnert mich sehr an ein Gespräch mit einem Freund jüngst, der irgendwas zu Monrose sagte und ich tatsächlich einen Moment nachdenken musste, wer das waren. Ich sagte schließlich: „Na ja Zeit wirds, das sie zum Grand Prix ein Comeback starten…“

  3. 3
    martha dear says:

    ich hätte zwar nie gedacht, dass ich diese lanze für herrn bohlen brechen muss, aber da ich kürzlich vorm fernseher einschlief und beim dsds-magazin wieder erwachte (zu viele blaue lichter stören den schlaf!), wurde ich zeuge eines kleinen backstage-interviews mit uns dieter. und er sagte genau das (nur in seiner so unvergleichlichen art) über die halbwertzeit und starchancen aus, wie es hier im text formuliert wird. ich war bass erstaunt und musste dem leider respekt zollen. vielleicht sollte dieter jetzt nur noch den verstrahlten teenies diese meinung erzählen, wenn sie vor seinem (extrem blauen) schreibtisch stehen.

  4. 4
    dussel says:

    @martha dear:

    Jahaha, der Bohlen sagt das schon. Eigentlich sagt er es ja die ganze Zeit („Untalentierte haben hier nichts zu suchen“, „Das Popstars-Geschäft ist knallhart“ etc. blabla). Nur klingt das alles in den Adds für das Casting gaaanz anders. Da ist nämlich immer die Rede von „Deiner Chance“ usw. Da kann man den Leuten natürlich nicht erzählen, dass sie a) überhaupt keine, gar keine, Chance haben, den Wettbewerb zu gewinnen (nein, 1 zu 40,000 ist keine Chance) und b) dass, wenn sie ihn gewinnen, sie auch nicht besser als vorher dastehen, eher schlechter. Denn wenn man es ihnen erzählen würde, hätte man ja keine Bekloppten mehr, die sich vor alle den Idioten zum Deppen machen.

  5. 5
    Markus says:

    Warum immer nur den TV-Kladderradatsch kritisieren? „on the fround“ schaut’s teilweise noch schlimmer aus.

  6. 6
    Markus says:

    „ground“ soll’s heissen ;)

  7. 7
    martha dear says:

    sollte das jetzt irgendwas von meiner aussage widerlegen?? außerdem: die aussagen auf die ich mich bezog, gingen vielmehr in richtung „der ruhm dieser castingstars ist schneller wieder weg, als er gekommen ist, weil das heutzutage einfach niemanden mehr interessiert. erinnert sich jetzt noch wer an den gewinner der letzten staffel, oder gar den davor?“ ich finde das schon sehr deutlich, nur wird es eben in den (von dir so genannten) adds nicht gesagt. aber die werden sicherlich auch nicht vom bohlen produziert (oh mein gott, ich habe es schon wieder getan!). das format funktioniert vor allem um des formates willen, nicht aufgrund des endergebnisses.

    p.s.: wer nach all den zahlreichen staffeln und deren ausschlachtung immer noch denkt, mit seinen duschkabinenkünsten was zu reißen, ohne durch den kakao gezogen zu werden, ist auch selbst schuld.

  8. 8
    Tomtetummetott says:

    .. es ist deine Chance, hier weiterzulesen — wenn du Leser werden willst.

    Po-, Quatsch: PRObier’s mal… — mit Tschechows „Der Aushilfslehrer“, ganz ohne Bohlen, ohne BLOG, ohne Vorprediger, ohne mucke, ohne Sackreizungen, — eben ohne Unterschichten-Fernsehen…

  9. 9
    Lukas says:

    Der Gedanke, dass der Glaube an einen selbst einen weiterbringt, ist ja gar nicht so abwegig. Nur glauben diese Castingshowteilnehmer ja gar nicht an sich selbst, sondern an ihre Produzenten und Aufpasser, also an die ganze Maschine, die da im Hintergrund läuft. Wenn sie (mehr) an sich selbst glauben würden, kämen sie vielleicht auf die Idee, selbst eine Band zu gründen oder sich anderswo durchzuboxen. Denn Talent haben ja eigentlich schon die allermeisten, die bei solchen Shows rausfliegen.
    Das ist ja IMHO das eigentlich perfide an diesen Shows: dass motivierten, talentierten jungen Menschen „If you don’t make it here, you won’t make it anywhere“ eingetrichtert wird.

  10. 10
    Dominik says:

    Ich werd hier ja langsam zum Stammsenfer, Stefan, ich finde das irgendwie unheimlich, wie Du ständig Themen anreisst, über die ich mir auch Gedanken mache…

    So. Also ‚Bands‘ sind Leute, die, wie ich, ihre traurige Jugend in muffigen Übungsräumen verbracht haben, Ihr Taschengeld zum Gitarrenhöker geschleppt haben, sich über Gigs im Haus der Jugend zu höherem hochgeschlafen haben und mindestens einmal in ihrer Karriere nur für einen Kasten Bier gespielt haben.
    Was aus Castingshows herauskommt, sind keine Bands.
    Was Herr Bohlen & Co. produziert ist kommerziell erfolgreich, aber weit davon entfernt, Musik zu sein. Es handelt sich um rhytmisch und melodisch massenkompatibel gestaltete Klangsurrogate, begleitet von massiver Medienpräsenz und einer Heerschar von Aasgeiern, die auf den Zug aufspringen (Radio,TV,CD-Läden, Downloadshops…)
    und alle alle alle mit daran verdienen wollen.

    Man weiß nun auch, dass jeder Auftritt im Fernsehen einen Plattenverkauf von 75.000 Stück (meine Zahlen stammen allerdings aus den 90ern) am Folgetag verursachen. Also so leid tun müssen uns die kleinen Huschelmäuse gar nicht, die sind ja mit bestimmt 0,15% am Gewinn beteiligt, also so 7.500 € an einem Tag pro Nase + Gage — da verschmerzt man das doch leicht, dass einen die ARD Zuschauer nicht nach Helsinki gevoted haben.

    Es sei denn, man sucht was ganz anderes als Geld in der Musik, dann ist man in der Musikindustrie aber eh´ schon, spätestens für jeden seit Cobains Selbstmord ersichtlich, seit Bestehen des Haifischbeckens, wie es sich selbst bisweilen nicht ohne Stolz nennt, völlig falsch aufgehoben.

    So, zack, die Gitarre zurück an den Nagel, wo sie hingehört.

  11. 11
    Matthias says:

    Sehr schön gesagt — „rhythmisch und melodisch massenkompatibel gestaltete Klangsurrogate“. Dennoch kann man diesen Machwerken den „Musik“-Status nicht aberkennen, damit macht man sich’s ein wenig zu einfach.

    Musik ist das schon, aber sie erfüllt eines der wichtigsten Kriterien nicht, die Musik für mich hörbar macht: Sie weckt keinerlei Emotionen. Sie lässt kalt. Furchtbar!

  12. 12
    Stefan says:

    ich glaube ja eher es lag daran, dass auf pro7 zu gleichen zeit heidi klum magersüchtige castet und die zielgruppe einfach nicht wußte, dass grand prix war…

  13. 13
    Peda says:

    Ich finde es bemerkenswert, dass den Kandidaten scheinbar nicht auffällt, dass ihre Vorgänger allesamt *keine* Pop- und Superstars geworden sind. Zum Teil haben die es ja nicht mal mehr zum Status des B- oder C-Promis geschafft.
    Ich meine … wie verblendet kann man denn sein? Und sich von D! vor laufender Kamera anschreien und -schwitzen lassen nur um sich danach seine 15 Minuten Ruhm abzuholen … das kann’s dann doch auch nicht sein.

  14. 14
    dussel says:

    Ihr seid doch bloß alle neidisch.

  15. 15
    Marcel says:

    Ich habe nur irgendwo mal gelesen, daß die Monröschen nicht gewonnen haben. Irgendwie tun dir mir ja auch leid aber dann denk ich mir, daß man es doch bei Klaws, Küblböck, Preluders, Overground und den anderen wirklich deutlich sieht, daß dauerhafter Erfolg einfach nicht machbar ist.
    Dauerhaft läuft wohl nur, wie damals beim alten Mozart, nur über Mundpropaganda. Da wird aus nem Geheimtipp eine kommerziell erfolgreiche Band.

  16. 16
    massenpublikum says:

    Wieso sieht man das Ganze nicht als das, was es schon länger ist? Ein erfolgreiches TV-Format. Punkt.

  17. 17
    Kournikov says:

    Und wo man hier grad beim Grand-Prix-Nachbearbeiten ist ;-)
    Der Fatzke, der den Vorentscheid gewonnen hat und vermutlich den großen Hit in Deutschland damit landet (habe zufällig in die letzten 20 Sekunden seines Auftritts reingezappt), hat in Helsinki die gleiche Chance wie all die unfreiwillig komischen Interpreten, die sich in der Vergangenheit mit zeitfernem Nostalgiegedudel zur Wahl stellten ;-) nämlich keine.
    Und wie bei Texas Lightning und Mutzke und Co wird man es nicht begreifen können, wie das europäische Ausland nur so „unmusikalisch“ sein kann…
    Das sagt einer, der dieses „Super-Ereignis“ GPdE jahrzehntelang ignoriert hat und es letztes Jahr zum ersten Mal gesehen hat, weil er als alter Hardrocker auf Lordi gesetzt und gewonnen hat ;-) LOTFR

  18. 18
    Aufrechtgehn says:

    […] wie es der großartige Stefan Niggemeier in seinem sehr intelligenten Kommentar zur deutschen Vorentscheidung im Hinblick auf die dann doch nicht in Massen anrufende Zielgruppe formulierte: „Monrose? Die sind doch total 2006! Mann, damals war ich sechzehn!“ […]

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  1. […] lies konnte es erst mal über längere Zeit wirken. Heute überflog ich das Blognet und fand gleich zwei gute Artikel auch zu diesem […]

  2. […] Herr Niggemeier bringt’s mal wieder auf den Punkt. Vermutlich war es so, dass die ganzen siebzehnjährigen Mädchen, von denen jeder annahm, dass sie Monrose zum Grand Prix telefonieren würden, sich an die Gruppe einfach schon nicht mehr erinnert haben. Monrose? Die sind doch total 2006! Mann, damals war ich sechzehn! […]

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