Senait Mehari und „Extreme Activity“

17 Mrz 08
17. März 2008

(Warnung: Selbstreferenzialität galore!)

Vor einem knappen Jahr schrieb ich hier darüber, wie das NDR-Medienmagazin „Zapp“ für einen Beitrag Leute suchte, die sich über den Grimme-Preis für „Extreme Activity“ empörten. Weil ich mit Empörung nicht dienen konnte, schied ich als Interviewpartner aus; mindestens einem Kollegen ging es ebenso. Ich fügte damals hinzu:

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich halte das nicht für einen Skandal. Ich finde es nur ein kleines, anschauliches Beispiel dafür, wie Journalisten arbeiten.

Das war nicht als Floskel gemeint, hat aber Kollegen nicht davon abgehalten, mich trotzdem misszuverstehen.

Denn die kleine Anekdote zieht gerade Kreise — in einem Zusammenhang, der nicht ferner sein könnte von der ProSieben-Kindergeburtstagsshow. Es geht um den Fall von Senait Mehari und die Frage, ob ihre Lebensgeschichte, die sie als Buch veröffentlicht hat und die gerade verfilmt wurde, glaubwürdig ist. „Zapp“ hat dazu eine klare Meinung: Sie ist nicht glaubwürdig. Anderen Medien macht das Magazin heftige Vorwürfe, weil sie Meharis Version ungeprüft kolportiert hätten.

In einem langen Artikel in der „Berliner Zeitung“ griff Abini Zöllner am 27. Februar 2008 „Zapp“ für seine Berichte in dieser Sache scharf an. Und als Schein-Beleg dafür, dass das Medienmagazin nicht nur in diesem Fall unsauber arbeite, taucht in dem Artikel plötzlich mein Anekdote auf — natürlich ohne den Satz, dass ich das Vorgehen nicht für einen Skandal halte und in merkwürdigem Zusammenhang mit dem Netzwerk Recherche, das mit „Extreme Activity“ wahrlich nichts zu tun hat.

Noch am selben Tag änderte ein anonymer Nutzer den Wikipedia-Eintrag zu „Zapp“ und fügte u.a. hinzu:

„Zapp“ wird vorgeworfen Medienkampagnen tendenziös anzufachen und Bestandteil eines undurchsichtigen Netzwerks zu sein. Der Bildblogger Stefan Niggemeier berichtet, wie „Zapp“ bei Interviews manipuliert (…)

Auch das Redaktionsblog der Medienzeitschrift „Berliner Journalisten“ griff den Artikel der „Berliner Zeitung“ auf und legte noch eine Schippe Schärfe nach: „Zapp“ sei „zumindest streckenweise — verkommen, und das ist furchtbar“ schrieb ein anonym bleibender Autor. Und offenbar als Beleg für diese These gab es einige Links zu „Fünden [sic] anderer Watchdogs“, darunter den zu meinem genannten Eintrag.

Um es deutlich zu sagen: Ich kann nicht beurteilen, wer in der eigentlichen Frage nach der Echtheit von Senait Meharis Schilderungen Recht hat. Ich möchte mir auch kein Urteil erlauben, welche Seite journalistisch fahrlässig gehandelt hat, dafür ist die Materie zu komplex, sind die Widersprüche zu groß. Ich finde es sehr positiv, dass „Zapp“ auf seiner Internetseite im Wortlaut Stellungnahmen anderer Medien dokumentiert — auch diejenigen aus dem eigenen Haus, die „Zapp“ kritisieren [pdf]. Das ist bewundernswert transparent, bedeutet aber natürlich noch nicht, dass „Zapp“ in der Sache recht hat.

All das kann ich also nicht beurteilen. Ich tauge aber nicht als Zeuge für „Manipulationen“ durch „Zapp“ und für die „Verkommenheit“ von „Zapp“ und sehe darin eine mutwillige Verdrehung meiner Aussagen.

PS: Vergangenen Freitag wiederholte das Blog des „Berliner Journalisten“-Magazins die Vorwürfe gegen „Zapp“. Die Chefredakteurin Sabine Pamperrien schrieb darin die folgenden lustigen Sätze:

Warum [die „Zapp“-Redakteurin Julia] Salden nicht einfach von der Kommentarfunktion Gebrauch gemacht hat, werden wir wohl nie erfahren.

Das finden Sie nicht lustig? Dann versuchen Sie mal, einen Kommentar im „Berliner Journalisten“-Blog abzugeben. Mir ist es nicht gelungen; seit knapp zwei Jahren offenbar auch niemandem sonst. Vielleicht ist Internet einfach nicht so die Spezialität von Frau Pamperrien.

14 Gedanken
  1. 1
    Patrik says:

    Doch, klar ist das wem gelungen.

  2. 2
    Twipsy says:

    @patrik Das ist wirklich lustig…Ein Blog, der nur Spammer akzeptiert, ist mir noch nie begegnet :-D Stefan, das wäre doch mal ein interessanter Interviewpartner zum Thema Community-Management…Würde mich mal interessieren, wie viele Mitarbeiter dort daran arbeiten!
    Glück gehabt, daß die fragliche Aussage noch nicht zum Thema „Killerspiele“ verwurstet wurde!

  3. 3
    marc says:

    Komische Kommentare.

  4. 4
    marc says:

    Sieht irgendwie eher nach nem Hackerstreich aus.

  5. 5
    Newoncomments says:

    Sie haben eine Erfahrung mit „Zapp“ geschildert. Sie sagen,Sie fänden Sie keinen Skandal. Aber es könnte sein, dass andere Ihren Bericht als Skandal empfinden. Sie haben doch nicht die Interpretationshoheit für ein Faktum, das Sie hier im Internet erzählen. Und vermutlich sind Sie auch nicht der Medienpapst, dessen Auslegung alleine zählt.Wollen Sie ja auch nicht sein. Es geht ja bei der Sache nicht darum, dass ZAPP eine Geschichte über Sie sondern ueber jemand anders recherchierte – womit Ihre Befindlichkeiten (Skandal oder nicht) ehrlich gestanden eher egal sind. Das ist nicht agressiv gemeint.

  6. 6
    Stefan says:

    @Newoncomments: Natürlich darf jeder das interpretieren, wie er mag. Aber ich darf mich dann doch hinterher auch hinstellen und sagen, wie ich diese Interpretationen fand. Oder nicht?

  7. 7
    julie paradise says:

    Ich nehme Tigrinisch-Unterricht bei einer Zeitzeugin, einer Schulkameradin von Senait Mehari, und habe darüber hinaus mit (mir sehr glaubwürdig erscheinenden) anderen Zeugen Kontakt gehabt. Die Wahrheit werden vielleicht nur die Beteiligten kennen, aber wenn Exil-Eritreer einen Verein namens „GbR Zeitzeugen Tsebah-Schule“ (der Bildungseinrichtung, die Senait und die anderen in der Zeit des Bürerkriegs besuchten) gründen, um ihre Sicht der Dinge darzustellen, wird klar, daß über fragwürdige jounalistische Arbeitsmethoden hinaus auch viele Emotionen im Spiel sind.

    (http://www.home.tsibah.com/ — “ Diese IP-Adresse wird mehrfach genutzt“?)

  8. 8
    Sören says:

    Hallo,

    ich finde es legitim und richtig, dass die Redaktion eines TV-Magazins sich zunächst dafür entscheidet, ob sie für bzw gegen etwas ist und dann in einem Beitrag alle Argumente dafür bzw dagegen zusammensammelt. Wenn jemand in der Zeitung einen Kommentar schreibt, dann erwarte ich von dem auch, dass er sich für eine Meinung entscheidet und das dann durchargumentiert und ich wünsche mir nicht, dass da alle vorhandenen Meinungen repräsentativ dargestellt werden. Es ist doch auch schon von der Aufmachung her klar, dass ein TV-Magazin nicht die Tagesschau ist, sondern dass da alles ganz klar in eine Richtung gebürstet wird. Natürlich muss es auch andere Formate geben, in denen alle Beteiligten zu Wort kommen, etwa politische Talkshows oder Hintergrundberichte – aber die gibt es ja ebenfalls. Mir würde jedenfalls etwas fehlen, wenn es zusätzlich dazu nicht auch noch TV-Magazine mit ihren Meinungsbeiträgen geben würde.

    Beste Grüße
    Sören

  9. 9
    Ommelbommel says:

    Betrug, Herr Niggemüller! Das ist nur ein lustiger Satz, aber der feine Herr Medienpapst braucht sich wohl nicht um Arithmetik zu kümmern. Ganz ganz schwach.

  10. 10
    knorke says:

    „Ich finde es nur ein kleines, anschauliches Beispiel dafür, wie Journalisten arbeiten.“
    Dann haste ja jetzt noch eines – ist doch auch wieder ein Beispiel dafür, wie Journalisten manchmal arbeiten. Einer schreibt was, der nächste kriegt’s in den falschen Hals und später steht es überall – nur irgendwie anders als es gemeint war.
    Wobei ich das mit dem „Skandal“ von damals auch eher lapaliös fand. Weiß gar nicht, weshalb sich andere so daran hochziehen.

  11. 11
    Klaus D, Mueller says:

    „Pamperrien schrieb darin die folgenden lustigen Sätze:
    Warum [die „Zapp”-Redakteurin Julia] Salden nicht einfach von der Kommentarfunktion Gebrauch gemacht hat, werden wir wohl nie erfahren.“

    Fehlt da was? …oder isses nur ein kleiner verzeihlicher Plural/Singular-Irrtum?

  12. 12
    Stefan says:

    Letzteres, vgl. Ommelbommel unter #9.

  13. 13
    mahari Seghid says:

    [EDIT: gelöscht]

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  1. […] am 18.03.2008, 13:15 Uhr: Nach einem Artikel von Stefan Niggemeier hat man sich bei beim Blog berliner-journalisten.com offenbar erstmals bemüssigt gefühlt, sich um […]

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